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Meinung Das Virus und Europa

Corona zerlegt die EU in ihre Einzelstaaten

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Türen zu! Mitarbeiter schlie?en das Portal des Palazzo Montecitorio in Rom, in dem die italienische Abgeordnetenkammer tagt Türen zu! Mitarbeiter schlie?en das Portal des Palazzo Montecitorio in Rom, in dem die italienische Abgeordnetenkammer tagt
Türen zu! Mitarbeiter schlie?en das Portal des Palazzo Montecitorio in Rom, in dem die italienische Abgeordnetenkammer tagt
Quelle: dpa
Die Corona-Krise hat nicht nur die Spannungen zwischen Italienern und Deutschen versch?rft, sondern zwischen den L?ndern der EU insgesamt. Ausgerechnet jetzt, wo wir uns an das Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren erinnern.

Im Kampf gegen das Coronavirus ist sich jeder selbst der N?chste. Für Staaten jedenfalls scheint das zu gelten. überall in Europa sind die Ma?nahmenkataloge national zugeschnitten. Europ?ische Einheit, europ?ische Gemeinsamkeit: Die Probe aufs Exempel fiel bisher negativ aus. Das Virus hat – mehr noch als die Finanzkrise von 2008 – eine gemeinsame Bedrohung geschaffen, die alle gleicherma?en trifft.

Auch wenn es sinnvoll war und ist, dass die einzelnen Staaten je eigene Wege gehen – ein m?glichst enger und regelm??iger Erfahrungsaustausch sowie ein Feuerwerk wechselseitiger Hilfen h?tten nahegelegen. Zu Hilfen ist es zwar hie und da gekommen – es mussten aber erst die grausigen Bilder aus Bergamo die Alpen überqueren, bis die ersten italienischen Patienten nach Deutschland und in andere europ?ische Staaten ausgeflogen wurden. Mit dem Erfahrungsaustausch aber hapert es noch immer.

Warum gibt es kein supranationales europ?isches Expertengremium, das die unterschiedlichen Wege und Erfahrungen auswertet und vergleicht? Selbst dem Coronavirus ist es nicht oder kaum gelungen, eine gemeinsame europ?ische Befindlichkeit herzustellen. Europa bleibt fragmentiert.

Das gilt leider auch für das weite Feld des Gedenkens. Es dauert nur noch ein paar Tage, dann ist es ein Dreivierteljahrhundert her, dass der Zweite Weltkrieg in (fast) ganz Europa ein Ende fand. Die gro?e Veranstaltung, die vor dem Reichstagsgeb?ude geplant wurde, muss ausfallen. Und auch alle anderen Gedenkakte wurden abgesagt oder ins Internet verlegt. Doch auch wenn dies alles stattgefunden h?tte, es w?ren nationale Momente geworden, aller v?lkerverbindenden Rhetorik zum Trotz.

Am 8. Mai 1985, vor 35 Jahren, gelang es dem damaligen Bundespr?sidenten Richard von Weizs?cker, dank seiner Autorit?t mit einer Rede im Deutschen Bundestag den Tag, an dem die deutsche Wehrmacht in Berlin-Karlshorst kapitulierte, auch als einen Tag der Befreiung zu deuten. Das war eine deutsche Selbstkl?rung. Sehr viel weiter sind wir auch heute nicht.

Das sieht man zum Beispiel daran, dass wir zwar ?unseren“ 8. Mai als Gedenktag begehen. Andere Gedenktage sind in Deutschland kaum bekannt und der Erw?hnung wert. Etwa der 25. April. In Italien wird er allj?hrlich als Tag der Befreiung gefeiert. Gerne recht prunkvoll, mit einigem nationalen Pathos. Dieses Jahr war es anders. Alles fand im Netz, im Fernsehen, in den Zeitungen und am Telefon statt. Dass ausgerechnet der 75. Jahrestag der Vertreibung der Wehrmacht aus Mailand ganz ohne gro?e ?ffentliche Auftritte stattfand, war für viele Italiener schmerzhaft. Schon deswegen, weil der 25. April zum Gründungsmythos des demokratischen Italiens geh?rt – zu einem Gründungsmythos, der in Zeiten des Lega-Populismus der lebendigen Bekr?ftigung schon bedarf.

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Italien befreite sich nicht aus eigener Kraft. Die Befreiung war vor allem das Werk der Alliierten, allen voran der Amerikaner (aber auch polnischer Einheiten, die an der Seite der Amerikaner k?mpften). Doch w?hrend Deutschland allein von den Alliierten niedergerungen wurde, waren an der Befreiung Italiens auch Italiener beteiligt: Sp?testens seit 1944 k?mpfte die Resistenza mit der Waffe gegen die Wehrmacht.

Der Beitrag des italienischen Widerstands, der von Kommunisten, Sozialisten, Liberalen und christlichen Demokraten getragen wurde, war zwar nicht kriegsentscheidend. Aber er war und ist von hoher symbolischer Bedeutung. Er dokumentierte: Der italienische Faschismus ist auch von innen heraus bek?mpft worden, es war auch das Werk von Italienern selbst.

Am 25. April 1945 rief Sandro Pertini, sp?ter italienischer Staatspr?sident, im Radiosender zum Generalstreik und zum Aufstand gegen die Wehrmacht auf. Viele Betriebe traten in den Streik, und noch am gleichen Tag brach der Aufstand los – und zwar noch bevor die amerikanischen Truppen die lombardische Metropole erreicht hatten. Fluchtartig verlie?en die deutschen Soldaten nach heftigen K?mpfen die Stadt und setzten sich nach Norden ab.

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Was bisher undenkbar schien, war Wirklichkeit geworden, Mailand war frei, es gab kein Zurück mehr. Eine Welle ungeheurer Begeisterung erfasste die Stadt. Noch war die Angst nicht vollkommen besiegt, aber die Zuversicht begann Oberhand zu gewinnen. Der Journalist und Schriftsteller Dino Buzzati hat die Ereignisse des 25. April tags darauf in einem Artikel im ?Corriere della Sera“ auf eine Weise beschrieben, die noch heute die Dramatik der Situation vergegenw?rtigen kann.

Von Haus zu Haus pflanzte sich das Gerücht fort, die Arbeiter der st?dtischen Trambetriebe seien in den Streik getreten. Allen Mail?ndern war das Kreischen der Tramr?der in den Stahlschienen ein vertrautes Ger?usch, eine immerw?hrende Stadtmelodie. Jetzt lauschten alle, ob das Ger?usch ausbleibe, ob Stille einkehre. Tats?chlich, es wurde still, die Spannung nahm weiter zu.

Dann aber rollte doch wieder eine Tram von Ferne heran, das gewohnte Kreischen kam zurück. War alles verloren? Würden die Deutschen sich doch halten k?nnen? Es dauerte eine Weile, bis klar wurde: Die Tram fuhr wieder, weil die Wehrmacht die Stadt aufgegeben hatte, weil Mailand wieder den Mail?ndern geh?rte.

Stiller Tag der Befreiung

Am vergangenen Samstag gedachten die Italiener still des Tages der Befreiung. Und sie blieben allein damit. Wenn das Italien des Jahres 1945 in Deutschland dieser Tage überhaupt der Erw?hnung wert ist, dann nur in Gestalt seines Diktators Benito Mussolini.

Dieser wurde vor 75 Jahren, am 27. April 1945, zusammen mit seiner Geliebten Clara Petacci und einigen faschistischen Funktion?ren in Dongo am Comer See von Partisanen verhaftet. Am folgenden Tag erschossen sie die Festgenommenen ohne Gerichtsverfahren, die genaueren Umst?nde sind bis heute nicht klar. Partisanen schafften die Leichen in das befreite Mailand. Dort wurden sie, nachdem sie geschlagen und gesch?ndet worden waren, an einer Tankstelle an der Piazzale Loreto kopfüber aufgeh?ngt.

Die Leichen waren so entstellt, dass sie für das Mail?nder Publikum, das stundenlang vorbeidefilierte, nur dank der Schilder zu identifizieren waren, die man an ihnen befestigt hatte. Eine bürgerlich aussehende Dame sagte: ?Was für sch?ne Beinchen die Petacci hatte.“ Der Historiker Sergio Luzzatto schrieb: ?So beginnt das Leben des freien Italien mit einer Feier des Todes.“

Das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien waren mehr als ein Jahrzehnt lang Verbündete. Beide L?nder teilen, in unterschiedlichen Ausformungen, eine totalit?re Geschichte. Doch trotz des gro?en Interesses vieler Italiener an Deutschland und trotz der noch immer lebendigen Italien-Sehnsucht vieler Deutscher: Es fehlt bis heute eine breite ?ffentliche Besch?ftigung mit dieser Erfahrung. Wenn es diese deutsch-italienische ?ffentlichkeit nicht gibt, wie soll es dann die oft beschworene europ?ische ?ffentlichkeit geben k?nnen?

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Die Ausbreitung des Coronavirus hat erneut die Diskussion darüber befeuert, ob es Hilfen für Italien und andere Staaten des sogenannten Olivengürtels geben soll. Gegner und Befürworter haben sich in dieser Frage gegenseitig auf die gleiche Weise beharkt, wie sie es schon w?hrend und nach der Finanzkrise 2008 getan hatten. Es war kein sch?nes Schauspiel, wie da alte politisch-ideologische K?mpfe an einem neuen Objekt ungerührt weitergeführt wurden.

Es muss doch klar sein: Wenn die Rede von der europ?ischen Einigung in Zukunft noch irgendeinen Sinn haben soll, dann stehen Staaten, denen es ?konomisch besser geht, ganz einfach in der Pflicht, schlechter dastehenden Staaten zu helfen. Nicht im Sinne von ?Vergemeinschaftung der Schulden“, sondern im Sinne von Hilfe zur Selbsthilfe. Das ist eine Aufgabe, an der sich die EU-Kommission stellvertretend für die Gemeinschaft messen lassen muss.

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Die europ?ische Einigung hat als wirtschaftliche begonnen. Das war richtig. Wirtschaft ist ein belastbareres Fundament als hochfliegende, den ganzen Kontinent umspannende Ideen. Heute muss die EU schon etwas mehr sein. Es br?uchte so etwas wie eine Empathie, die die Grenzen der Nationalstaaten überschreitet. Das ist keine fantastische und keine unbillige Forderung. Wenn es keine selbstverst?ndliche Regung ist, dem bedr?ngten Italien beizustehen, zu helfen; wenn es jetzt nicht zwingend erscheint, die Probleme der anderen schlicht zu den eigenen zu machen: Dann sollten wir uns fortan die Rede vom historischen Auftrag und Sinn der EU sparen.

Das Virus trifft alle, stellt also Gemeinsamkeit in Unterschieden her. Umso absurder ist es, dass es in seiner je verschiedenen Ausbreitung die Europ?ische Union in ihre Einzelheiten, in ihre Einzelstaaten zu zerlegen vermag. Unnachsichtig. Das Virus hat gravierende Defizite der EU ans Tageslicht gebracht. Sie sollten ebenso bek?mpft werden wie die Ausbreitung des Virus selbst.

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