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Meinung Demographie

Amerika ist zu alt für einen Bürgerkrieg

| Lesedauer: 3 Minuten
Sturm der Massen: Am 6. Januar drangen hunderte Trump-Unterstützer in das US-Kapitol ein Sturm der Massen: Am 6. Januar drangen hunderte Trump-Unterstützer in das US-Kapitol ein
Sturm der Massen: Am 6. Januar drangen hunderte Trump-Unterstützer in das US-Kapitol ein
Quelle: REUTERS
Die Geschichte lehrt, dass gesellschaftliche Konflikte besonders dann eskalieren, wenn es zu viele junge M?nner gibt, die ohne Perspektive sind. Sie bestimmen den sogenannten ?Kriegsindex“ eines Landes. Der ist in Amerika aber seit langem sehr niedrig.

In den Vereinigten Staaten wird vor einem neuen Bürgerkrieg gewarnt. Wenn man ?another US civil war“ googelt, wird man fast 90.000 mal fündig. Ob es in einem Land ein Potenzial für Bürgerkriege oder bürgerkriegs?hnliche Auseinandersetzungen gibt, darüber kann unter anderem der Kriegsindex Auskunft geben, der die Zahl der jungen M?nner im Lande mit denen der alten M?nner vergleicht.

Der Jemen etwa steckt schon im sechzehnten Bürgerkrieg seit 1960, und es wird nicht der letzte sein. Denn der Kriegsindex des Landes liegt aktuell bei 5,4 und wird im Jahr 2030 immer noch 4,4 erreichen. Folgen heute auf 1000 ?ltere M?nner (55 bis 59 Jahre) rund 5400 Jünglinge (15 bis 19 Jahre) am Beginn des Lebenskampfes, so werden es 2030 immer noch 4400 sein. Weil stetig mehr nachwachsen als umkommen, sprang Jemens Bev?lkerung ungeachtet aller Verluste seit 1950 von gut fünf auf knapp 30 Millionen Einwohner.

Der deutschsprachige Raum hat gegenw?rtig einen Kriegsindex von 0,65 bis 0,77, was sich bis ins Jahr 2030 kaum ?ndern wird. Auf 1000 Alte folgen durchweg weniger als 800 Jünglinge.

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Setzte man die Toten des amerikanischen Bürgerkriegs der 1860er-Jahre ins Verh?ltnis zur heutigen Einwohnerzahl der USA, dann würde man in der Gegenwart sechs Millionen Tote beklagen. Man sollte deshalb erwarten, dass solche Prognosen nur z?gerlich in die Welt gesetzt werden.

Doch selbst Thomas Friedman, der gerühmte Kolumnist der ?New York Times“, hielt im August 2020 das ?Ende unserer Demokratie“ und einen anschlie?endem ?civil war“ für m?glich. Kurz darauf schrieb er: ?Ich habe Angst davor, als Journalist zu enden, der über einen m?glichen zweiten Bürgerkrieg in der amerikanischen Geschichte berichtet.“

Gegen Friedmans Sorge steht Amerikas Kriegsindex, der zwischen 1970 und 2020 von 2 auf 1 abgesunken ist und auch bis 2030 nicht zunehmen wird. Seine H?he in den 1860er-Jahren kennen wir zwar nicht. Durch einen Vergleich mit dem Irak k?nnen wir ihn aber indirekt bestimmen. Dort wuchs die Bev?lkerung von 1950 bis 2015 von rund fünf auf 35 Millionen. Eine fast identische Entwicklung durchliefen die USA zwischen 1800 und 1865. Iraks Kriegsindex stieg von 3,5 auf knapp 5,8.

Bei einer groben Eins-zu-eins-übertragung h?tte Amerika 1861 bis 1865 unter einem Kriegsindex nahe 6 gelitten. Die Familien auf beiden Seiten der Front konnten damals zwei S?hne verlieren, ohne ihre Linie auszul?schen. Entsprechend hatten Nachgeborene nur geringe Chancen auf das Familienerbe. Anfeuerungen in Richtung Sieg oder Tod für eine gerechte Sache fielen deshalb auf fruchtbaren Boden.

China im Vorteil

Bei einem Kriegsindex von 1 steht entsprechendes Personal kaum noch zur Verfügung. Die beim Sturm auf Washingtons Kapitol erschossene Trump-Anh?ngerin und Luftwaffen-Veteranin Ashli Babbitt hatte ihren 35. Geburtstag hinter sich. Bei seinem ?leicht trennt nur die Jugend sich vom Leben“ dachte der preu?ische Infanterie-Instrukteur Colmar von der Goltz an Siebzehnj?hrige (?Das Volk in Waffen“, 1883).

Einen solchen tollkühnen Nachwuchs für echte Gefechte gibt es in den USA immer weniger. Im Jahre 2019 brauchte es 2000 Frauenleben, um 1705 Kinder in die Welt zu setzen. Niemals wurde dort eine geringere Fruchtbarkeit gemessen. ?Non-Hispanic whites“ als Hauptverlierer der Wahlen ?chzen unter einem Durchschnittsalter von 44 Jahren – dagegen wirken die 38 Jahre ihrer chinesischen Konkurrenten ausgesprochen frisch. überdies sind in den USA von 1000 jungen Leuten zwischen 17 und 24 Jahren ganze 710 untauglich für das Milit?r.

Diese demographische Fragilit?t wird nicht nur dem inneren Frieden zugutekommen, sondern auch ein Wiederhochfahren der von Trump beendeten Kriege erschweren.

Gunnar Heinsohn (Jg. 1943) lehrte bis 2020 Kriegsdemographie am Nato Defense College in Rom.

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