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Meinung Kinder und Corona

Deutschland droht eine bildungspolitische Katastrophe

| Lesedauer: 7 Minuten
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Alle Schüler sollen vor den Sommerferien in die Schule zurückk?nnen

Die deutschen Schulen sind schwer von der Corona-Krise betroffen. Nun haben die Kultusminister über das weitere Vorgehen bei den Schul?ffnungen beraten.

Quelle: WELT / Lena-Maria Mosel

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Eltern mussten bisher mit am meisten zur Bew?ltigung der Pandemie beitragen. Sie brauchen jetzt die volle Aufmerksamkeit der Politik. Das muss auch gelten, wenn sich herausstellen sollte, dass Kinder doch so infekti?s sind wie Erwachsene.

Eine ?bildungspolitische Katastrophe“ sei es, wenn Kinder nicht Krippe oder Kita besuchen. Darüber war sich das fortschrittliche Deutschland in der Schlacht um die Einführung eines Betreuungsgeldes einig. Wir sprachen damals über Ein- und Zweij?hrige. Und über Eltern, die sich gerne die Zeit nehmen wollten, die Betreuung ihrer Kleinkinder in den ersten Lebensjahren selbst zu organisieren.

Heute wurden fünf- und sechsj?hrige Vorschulkinder wie unsere mittlere Tochter von einem Tag auf den anderen aus ihrem geliebten Kindergarten herausgerissen. Nach derzeitigem Stand geht sie davon aus, ihn nie wieder regul?r zu besuchen.

Grundschulkinder versuchen sich derweil im E-Learning. Unsere gro?e Tochter ist acht und bekommt das schon ganz gut hin. Wie Erstkl?ssler auf diese Weise aber den korrekten Schwung des kleinen ?g“ lernen sollen, ist uns schleierhaft.

Auch unserer Drittkl?sslerin fehlt jede konkrete Perspektive, wann sie endlich wieder in die Schule darf, zumal hier in Hessen der Start der vierten Klassen gerade gerichtlich verhindert wurde.

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Und über Kinder im Krippenalter, um die es damals beim Betreuungsgeld ging, wurde bisher fast gar nicht gesprochen. Erst einmal waren Autoh?user, Baum?rkte und Bundesliga dran.

Dass unsere Zweij?hrige vor den Sommerferien noch einmal in ihre Spielgruppe darf, die sie zweimal pro Woche besucht, halten wir für praktisch ausgeschlossen.

Eine bildungspolitische Katastrophe droht bei uns sicher nicht. Ich habe meine Arbeitszeit als Selbstst?ndige um etwa 50 Prozent reduziert, da auch die Gro?eltern und unsere Kinderfrau, die mit alten Menschen zusammenlebt, zur Betreuung wegfallen. So kann ich mich tagsüber ad?quat kümmern und bin damit in einer absolut privilegierten Position.

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Substanzielle Arbeitszeit habe ich nur dann, wenn ein Babysitter kommt oder die Kleine mittags schl?ft und ich den beiden Gro?en gleichzeitig einen Film auf dem iPad erlaube.

Zu meinem Entsetzen ist unsere Jüngste allerdings gerade dabei, sich ihren Mittagsschlaf abzugew?hnen. Denn natürlich kann man nicht konzentriert am Rechner arbeiten und gleichzeitig kleine Kinder betreuen.

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Auch wenn man angesichts der bisherigen weitreichenden Ignoranz der deutschen Politik gegenüber der Betreuungsfrage das Gefühl hat, dort glaubten einige tats?chlich, es genüge, Kinder tagsüber in ihre Kinderzimmer zu schicken und mittags eine Packung Fischst?bchen reinzuwerfen.

Diese Woche tagten die Kultus- und Familienminister der L?nder zu der Frage, wie es weitergeht. Der Vorwurf, dabei sei wenig Konkretes rausgekommen, ist nicht ganz gerecht. Denn die Kultusminister machten mit ihrem Beschluss, jedes Kind solle vor den Sommerferien ?zeitweise“ die Schule wieder besuchen dürfen, eines deutlich: Sie wollen an ihrer ausgesprochen defensiven Linie festhalten.

Alle Schüler sollen vor den Sommerferien in die Schule zurück k?nnen

Die deutschen Schulen sind schwer von der Corona-Krise betroffen. Nun haben die Kultusminister über das weitere Vorgehen bei den Schul?ffnungen beraten.

Quelle: WELT / Lena-Maria Mosel

Selbst Erst- und Zweitkl?ssler, die am meisten auf den pers?nlichen Unterricht angewiesen sein dürften und die vielleicht auch am st?rksten unter der sozialen Isolation leiden, werden also bis zu den Sommerferien nicht mal ein paar Stunden jeden Tag die Schule besuchen dürfen.

Es ist bemerkenswert, dass sich die Kultusminister offenbar unabh?ngig vom künftigen epidemiologischen Geschehen und von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen etwa über die tats?chliche Infektiosit?t von Kindern auf diesen Punkt bereits verst?ndigt haben. Einige unter ihnen verweisen schon darauf, dass auch nach den Sommerferien kein regul?rer Schulbetrieb m?glich sei.

Wir sprechen also bereits über September. Damit haben wir uns inzwischen weit entfernt von der drastischen, aber kurzfristigen Intervention in der ersten Pandemiephase, als die die Schlie?ung von Kitas und Schulen im M?rz verkauft wurde.

Ein halbes Jahr ohne regul?ren Schulbetrieb – für einen wachsenden Anteil der Kinder, vor allem die, denen zu Hause niemand vernünftig helfen kann oder will, dürften wir uns damit tats?chlich in Richtung einer bildungspolitischen Katastrophe bewegen.

?Kinder und Frauen zuletzt“, so beschrieb der ?konom Justus Haucap treffend das Motto dieser Politik. Unsere europ?ischen Nachbarl?nder setzen hier hingegen überwiegend andere Priorit?ten als Deutschland.

Sieht man von Italien und Spanien ab, die die ?ffnung ihrer Schulen erst im September planen, die aber auch ungleich schwerer als Deutschland von der Covid-19-Pandemie betroffen sind, geht Deutschland eher einen Sonderweg.

Die meisten europ?ischen L?nder setzen bei ihren ?ffnungen einen ersten Schwerpunkt bei Kindern und ihren Familien. In D?nemark haben Grundschulen, Kinderg?rten und Kitas seit dem 15. April wieder auf. In Norwegen ?ffneten am vergangenen Montag die Grundschulen, die Kitas bereits eine Woche früher.

In Island und Schweden waren sie nie richtig geschlossen. Die Schweiz hat ebenfalls ihre Kitas offen gehalten, für den 11. Mai ist dort die Wiederer?ffnung der Schulen für die Klassen eins bis sechs geplant. An diesem Tag wollen auch die Niederlande wieder mit ihren Kitas und Grundschulen starten.

Selbst das stark betroffene Frankreich will mit dem Ende der strengen Ausgangsbeschr?nkungen am 11. Mai auch direkt ?lteren Kindergartenkindern wieder erlauben, ihre Einrichtung zu besuchen. ?sterreich ist eines der wenigen L?nder, das wie Deutschland mit den Abschlussjahrg?ngen der Schulen startet.

Aber auch dort ist die Perspektive für Grundschüler wesentlich konkreter: Ab dem 15. Mai ?ffnen in unserem südlichen Nachbarland die Volksschulen wieder. Zwar für jeden Schüler nur die H?lfte der Woche, dafür aber im Gegensatz zu Deutschland für alle Jahrg?nge, nicht nur für die vierten Klassen.

Andere europ?ische L?nder sind nicht nur mutiger bei den ?ffnungen von Kitas, Kinderg?rten und Schulen, sondern sie begründen sie auch anders: Auf das niedrige Infektionsrisiko bei Kindern verwies der niederl?ndische Ministerpr?sident Mark Rutte, als er die vorsichtigen Lockerungen des Landes vorstellte, die mit Kitas und Grundschulen starten.

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Auch der Schweizer Corona-Delegierte des Bundes, eine Art oberster Krisenmanager des Landes, Daniel Koch, sagte zur Begründung der Schul?ffnung, dass Kinder mit gro?er Wahrscheinlichkeit nicht die Treiber dieser Krankheit seien.

In dem Papier der Kultusminister zur Schul?ffnung hingegen kommen diese neueren wissenschaftlichen Erkenntnisse gar nicht vor. Stillschweigend wird offenbar davon ausgegangen, dass Kinder die Virenschleudern sind, für die man sie zu Beginn der Pandemie aufgrund der Erfahrungen mit der Influenza hielt.

Dabei wissen wir schon l?nger, dass Kinder zumindest bei den anderen Corona-Viren keine Treiber des Infektionsgeschehens sind. Und neue Studien, etwa aus den Niederlanden oder in Deutschland noch weitgehend unbeachtet aus Australien, deuten darauf auch für Covid-19 hin.

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Selbst der notorisch düstere Karl Lauterbach twitterte zu der niederl?ndischen Studie: ?Wenn sich diese Studie aus Niederlanden in D best?tigen lie?e, w?ren kleine Kinder kaum ansteckend. Das muss sofort in D untersucht werden, weil davon h?ngt komplette Kita- und Grundschulpolitik ab.“

In der Tat, das sollte man mal untersuchen. Immerhin fordern das jetzt auch die Landesfamilienminister. Und Baden-Württemberg hat bereits vor einer guten Woche eine entsprechende Studie gestartet, mit allerersten Ergebnissen wird bereits in einigen Tagen gerechnet.

Dennoch dr?ngt sich die Frage auf, warum man nicht an Tag zwei der Schul- und Kitaschlie?ungen mit der Vorbereitung entsprechender Studien begann. Zumal es sich ja anbietet, vor allem die Kinder, die derzeit in Deutschland notbetreut werden, und deren Familien unter die Lupe zu nehmen.

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Allerdings ver?ffentlichte Christian Drosten von der Charité am Mittwoch auch Ergebnisse, die eher pessimistisch stimmen. Demnach sei die Viruslast bei infizierten Kindern ?hnlich hoch wie bei Erwachsenen.

Das muss nicht bedeuten, dass Kinder auch so infekti?s sind wie Erwachsene, ist aber ein Hinweis in diese Richtung. Drosten argumentiert daher gegen die ?uneingeschr?nkte“ Wiederer?ffnung von Schulen und Kinderg?rten.

Das kann, vielleicht muss man das aus rein infektiologischer Sicht so sehen. Wenn es nur darum geht, die Zahl der Erkrankten und Verstorbenen an Covid-19 so gering wie m?glich zu halten, l?sst der derzeitige Forschungsstand vielleicht wirklich keine mutige ?ffnung der Schulen und Kinderg?rten zu, jetzt nicht, wie vermutlich dann auch nicht im Herbst und Winter.

Eine Frage der Abw?gung

Eine gesamtgesellschaftliche Sicht hingegen muss nach meiner überzeugung zu einem anderen Ergebnis kommen, selbst dann, wenn Kinder genauso zum Infektionsgeschehen beitrügen wie Erwachsene. Denn dann muss abgewogen werden.

Die Kinder, die unter Vernachl?ssigung und Gewalt aufwachsen und für die Kita und Schule oft das einzige Stück Normalit?t und Geborgenheit ist, geh?ren in diese Abw?gung hinein.

Aber auch die Millionen Kinder aus behüteten Verh?ltnissen, die mit einigen Wochen ?Corona-Ferien“ meist gut klarkamen, deren Wissbegierde aber von Monat zu Monat langsam verkümmert, w?hrend ihre Wissenslücken wachsen.

Und auch die Eltern, die zunehmend am Rande ihrer Kraft sind, weil sie neben der Kinderbetreuung verzweifelt versuchen, doch irgendwie ihren beruflichen Anforderungen gerecht zu werden, auch die haben ein Anrecht darauf, in der Abw?gung gesehen zu werden.

Wir sprechen hier von rund elf Millionen Schülern und drei Millionen Kindern in Kitas und Kinderg?rten und von deren Familien. Neben einigen besonders betroffenen Berufsgruppen sind sie es, die bisher am meisten zur Bew?ltigung der Covid-19-Pandemie beitragen mussten.

Sie verdienen es, dass die Politik ihre Aufmerksamkeit, ihre Innovationsf?higkeit und ihren Mut jetzt auch an erster Stelle ihnen zugutekommen l?sst.

So k?nnten alle Schüler noch vor den Sommerferien zurück in den Unterricht

Trotz Corona-Pandemie k?nnten nach Ansicht des Pr?sidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, alle Schüler noch vor den Sommerferien wieder in die Schulen zurückkehren. Meidinger schl?gt dafür ein Schichtmodell vor.

Quelle: WELT

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