1. Home
  2. Geschichte
  3. Byzanz 610: Der K?rper des Kaisers wurde ausgeweidet

Geschichte Regierungswechsel in Byzanz

Der K?rper des Kaisers wurde ausgeweidet, sein Kopf durch die Stra?en getragen

Die Herrschaft des Kaisers Phokas gilt als Tiefpunkt der byzantinischen Geschichte. Im Oktober 610 machte Herakleios dessen Terrorregime ein Ende und exekutierte ein entsetzliches Strafgericht. Damit lie? er es aber nicht bewenden.
| Lesedauer: 5 Minuten
Leitender Redakteur Geschichte
Aufstieg und Fall des Byzantinischen Reiches

Nach dem Untergang Westroms verstand sich Byzanz als Erbe des Imperiums. Bis ins 12. Jahrhundert war der Kaiserstaat die führende Macht zwischen Europa und Asien.

Quelle: WELT

Autoplay

Als nur die Masten der Flotte über der Marmarameer zu sehen waren, soll in Konstantinopel bereits der Aufstand gegen Phokas losgebrochen sein. Amtstr?ger, die es noch mit dem amtierenden Kaiser hielten, wurden erschlagen, Kollegen, die die Stimmung besser einzusch?tzen wussten, stellten sich der Erhebung zur Verfügung. Als der Usurpator an Land ging, wurde er von einer begeisterten Menschenmenge begrü?t. Zwei Tage sp?ter wurde Herakleios (ca. 575–641) vom Patriarchen zum neuen Kaiser gekr?nt.

So soll sich der Herrscherwechsel zwischen dem 3. und 5. Oktober 610 n. Chr. in Ostrom zugetragen haben: Die Jahre der Anarchie unter dem verhassten Kaiser Phokas (nach 547–610) waren vorbei, und mit Herakleios gelangte einer der gr??ten Herrscher der byzantinischen Geschichte an die Regierung. So zumindest berichten es die Quellen, denen auch der gro?e Byzantinist Georg Ostrogorsky in seiner lange ma?geblichen ?Geschichte des Byzantinischen Staates“ gefolgt ist.

ACHTUNG!! ONLINE NUR MIT AKTIVER VERLINKUNG AUF: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Phocas_cons.jpgWikipedia Emperador Focas Date 1 January 2008 Source Wikipedia Author Wikipedia Permission (Reusing this file) https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Phocas_cons.jpgWikipedia
Goldsolidus des Kaisers Phokas. Seinem Beispiel, sich mit Bart darzustellen, folgten auch seine Nachfolger
Quelle: Wikipedia/CC BY-SA 3.0

Doch so eindeutig ist es wohl nicht gewesen. Gewiss, Phokas war alles andere als ein Sympathietr?ger und war in der Aristokratie zweifelsohne verhasst. Aber die Erhebung des Herakleios war dennoch kein Spaziergang gewesen. Die ?gyptische Metropole Alexandria etwa hatte sich seinem Cousin Niketas 609 erst nach langen und harten K?mpfen ergeben. Auch der Vormarsch auf Konstantinopel hatte mehr als ein Jahr in Anspruch genommen und war auf erheblichen Widerstand der Zirkuspartei der Blauen gesto?en, w?hrend die Grünen es mit dem Usurpator hielten.

So niedrig Phokas’ Herkunft und so blutig sein Weg zum Thron 602 auch gewesen sein mag, er konnte bis zuletzt auf einen gewissen Rückhalt im Reich bauen. Das mag mit den Belastungen zu tun gehabt haben, die sein Vorg?nger den Bewohnern auferlegt hat. Maurikios (539–602) hatte eine kostspielige Reform der Provinzialverwaltung angeschoben und gegen die persischen Sassaniden und die Awaren auf dem Balkan zugleich Kriege geführt. Die Mittel dafür gewann er durch Einsparungen bei den Circus-Spielen und weiteren Zuwendungen.

Als Maurikios im Herbst 602 eine neue Offensive an der Donaufront er?ffnen wollte, kam es zur Meuterei. Die Truppen proklamierten Phokas zu ihrem Anführer (noch nicht im Rang eines Kaisers) und marschierten auf Konstantinopel. Maurikios musste die Enthauptung seiner S?hne mitansehen, bevor er selbst hingerichtet wurde. Dann erst nahm Phokas den Purpur und bestieg den Thron.

Als Centurio hatte Phokas dem Unteroffizierskorps angeh?rt. Seine Wahl soll er seiner bei?enden Kritik an den Zust?nden im Lager verdankt haben. Autoren der Ober- und Bildungsschicht stellen ihn denn auch als rüpelhafte Erscheinung dar, die zudem von einer Narbe über dem Gesicht entstellt wurde. Lasterhaft, trunksüchtig und krankhaft brutal soll er gewesen sein. Der Spottvers ?schon wieder stiegst du in den Krug,/ Schon wieder bist du nicht mehr klug“ machte über ihn die Runde. Andere wussten zu berichten, dass nichts den Imperator mehr errege als der Anblick von Blut, Menschenblut.

Die Kombo zeigt die beiden Seiten einer byzantinischen Goldmünze aus dem Jahr 610, die am 14.06.2017 in Mainz (Rheinland-Pfalz) von der Leiterin der Landesarch?ologie, Marion Witteyer, vorgestellt wurden. Arch?ologen haben die Münze mit einer Abbildung des byzantinischen Kaisers Herakleios bei Bauarbeiten am Landtagsgeb?ude in Mainz entdeckt. (zu dpa ?Byzantinische Goldmünze bei Grabung am Landtag entdeckt? vom 14.06.2017) Foto: Peter Zschunke/dpa | Verwendung weltweit
Goldsolidus des Herakleios mit Sohn
Quelle: picture alliance / Peter Zschunk

Das lie? Phokas aber weniger auf Feldzügen gegen ausw?rtige Feinde sprudeln, sondern unter innenpolitischen Gegnern oder solchen, die er dafür hielt. Er soll Galgen und Folterbank, Blendungen und Verstümmelungen intensiv zur Anwendung gebracht haben, Hinrichtungen waren ebenso an der Tagesordnung wie ausschweifende Gelage und brutale Polizeiaktionen gegen unruhige Untertanen zumal in Konstantinopel.

Daneben bewiesen au?enpolitische Katastrophen die Inkompetenz des Kaisers. Der Sassanide Chosrau II., der seinen Thron der Unterstützung durch Maurikios verdankte, hatte dessen Ermordung zum Anlass genommen, die ?stlichen Provinzen des Reiches mit Krieg zu überziehen. Schlie?lich stie?en die sassanidischen Truppen sogar bis in den Westen Kleinasiens vor. An der Donau durchbrachen die Awaren endgültig die byzantinische Verteidigung. In ihrem Gefolge gingen die Slawen zur festen Landnahme auf dem Balkan über.

Das sah der Exarch (Statthalter) von Karthago, Herakleios, als Aufgabe oder Chance. Er schickte seinen gleichnamigen Sohn mit einem Geschwader in die Hauptstadt, die er am 3. Oktober 610 erreichte. Der exekutierte erneut ein blutiges Strafgericht. Zwei Tage sp?ter wurde Phokas enthauptet. Auch sein rechter Arm wurde abgeschlagen, seine Leiche ausgeweidet und verbrannt. Der Kopf wurde auf einen Stock gesteckt und durch die Stra?en Konstantinopels getragen.

Herakleios (Eraclius) besiegt Chosrau II (Cosdroe), frz. Darstellung des 12. Jahrhunderts.
Herakleios besiegt des sassanidischen Gro?k?nig Chosrau II. – franz?sische Darstellung aus dem 12. Jahrhundert
Quelle: Wikipedia/Public Domain

In jüngerer Zeit wurde mit guten Argumenten die These vorgetragen, dass es Herakleios nicht dabei belie?. Um seinen Griff nach der Macht zu legitimieren und zugleich die schweren milit?rischen Rückschl?ge an allen Fronten zu kaschieren, wurde Phokas der ?damnatio memoriae“ unterworfen. Die Erinnerung an ihn wurde allerdings weniger getilgt, sondern umgeschrieben.

Phokas wurde als illegitimer Gewaltherrscher dargestellt, als Inbegriff des B?sen, dessen Terrorregime das Reich ausgeh?hlt und damit zum Opfer seiner Feinde gemacht habe, schreibt der Tübinger Historiker Mischa Meier: ?Demgegenüber pr?sentierte Herakleios sich selbst nunmehr als Vork?mpfer der alten Ordnung und Bewahrer des Imperiums.“

Dass Herakleios damit Erfolg hatte, erkl?rt sich zum einen aus seiner 31 Jahre w?hrenden Regierung, zum anderen aus den gro?en Erfolgen. Unter ihm begann der Umbau der Provinzen in die sogenannten Themen, in denen, von einem Strategen geführt, kampfkr?ftige Bauernsoldaten angesiedelt wurden. Vor allem aber gelangen dem Kaiser triumphale Siege über Awaren und Perser, die zur Restauration des Imperiums und Erosion des Sassanidenreiches führten.

Dass Herakleios der andauernde Erfolg am Ende verwehrt blieb, lag an einem überw?ltigenden welthistorischen Vorgang. Gegen den Siegeszug der muslimischen Heere hatten die ersch?pften Gro?reiche in der Levante keine Chance.

Immerhin konnte Byzanz anders als das Sassanidenreich seine Existenz behaupten und, wenngleich um Afrika und Syrien-Pal?stina reduziert, als Gro?macht die Seeherrschaft im Mittelmeer sichern. Dieses sogenannte Mittelbyzantinische Reich verstand sich zwar noch als Nachfolger Roms, war aber durch und durch Griechisch gepr?gt. Seit Herakleios trugen seine Kaiser nicht mehr den Titel eines Imperators, sondern wurden Basileus (eigentlich K?nig) genannt.

Sie finden ?Weltgeschichte“ auch auf Facebook. Wir freuen uns über ein Like.

Themen

KOMMENTARE WERDEN GELADEN
汤姆叔叔-官网