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  3. Woodrow Wilson 1919: Wenn sich ein US-Pr?sident infiziert

Geschichte Spanische Grippe 1919

?Nach dieser Krankheit war der US-Pr?sident nie mehr so wie vorher“

Das Staatsoberhaupt der USA ist immer einer der wichtigsten Politiker der Welt – 2020 ebenso wie 1919. Damals erkrankte US-Pr?sident Woodrow Wilson an der Spanischen Grippe. Die Infektion hatte schwerwiegende Folgen für die Weltpolitik.
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Leitender Redakteur Geschichte
Der Vertrag von Versailles und seine Hypotheken

Der Friedensvertrag, den das Deutsche Reich am 28. Juni 1919 in Versailles unterzeichnete, belastete die junge Weimarer Republik stark. So wurde er zur Keimzelle eines neuen Krieges.

Quelle: WELT/Berthold Seewald/Dominic Basselli

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Der Leibarzt des Wei?en Hauses war alarmiert. Tagelang konnte der US-Pr?sident nicht aufstehen, konnte kaum sprechen, musste von Pflegern auf die Toilette gebracht werden. Dennoch wiegelte Cary T. Grayson, Milit?rarzt und schon im Alter von nur 37 Jahren zum Konteradmiral bef?rdert, ab. Es handelt sich lediglich um eine Erk?ltung, die durch das kühle und regnerische Wetter verursacht worden sei. Es ging darum, das Vertrauen der Amerikaner in den Pr?sidenten aufrechtzuerhalten.

Intern ?u?erte Grayson sich jedoch ganz anders: Sein prominenter Patient k?nnte vergiftet worden sein, spekulierte er. Davon bekamen die Medien nichts mit; über den wahren Gesundheitszustand des Staatsoberhauptes war eine strikte Nachrichtensperre verh?ngt worden. So konnte ein Kolumnist der ?Washington Post“ schreiben: ?Das Land wird sich Sorgen um den Pr?sidenten machen, bis er wieder bei der Arbeit ist. … Die Welt hofft, dass seine Krankheit leicht und kurz sein wird.“

Portrait of Dr Cary Travers Grayson (1878 - 1938), Washington DC, 1920. Grayson was US President Woodrow Wilson's personal physician and cared for Wilson after the latter's stroke. (Photo by PhotoQuest/Getty Images) Getty ImagesGetty Images
Cary T. Grayson, Konteradrmiral und Leibarzt mehrerer US-Pr?sidenten
Quelle: Getty Images

Genau 101,5 Jahre sp?ter fühlt man sich an diese Episode erinnert. Anfang April 1919 war es Pr?sident Woodrow Wilson, der an der Spanischen Grippe erkrankte; heute ist es Pr?sident Donald Trump, der positiv auf Virusspuren getestet wurde. Bisher seien die Symptome leicht, hei?t es von den für die Gesundheit des US-Staatsoberhauptes zust?ndigen Milit?r?rzten.

Doch die ?hnlichkeiten verflüchtigen sich, wenn man genauer hinschaut. Die Spanische Grippe von 1918 bis 1920 war eine weltweite Seuche, die je nach Sch?tzung zwischen einem und fünf Prozent der damaligen Weltbev?lkerung dahinraffte, zum Gro?teil kr?ftige junge Frauen und M?nner zwischen 20 und 40 Jahren.

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Corona hat nach den zudem umstrittenen Angaben der Weltgesundheitsorganisation bisher weltweit eine Million Menschen das Leben gekostet, also ein reichliches Achtel Promille der Weltbev?lkerung. Auch sind nicht jüngere Menschen betroffen, sondern ganz überwiegend ?ltere – das Durchschnittsalter der Corona-Toten liegt überall nahe oder exakt auf dem Wert des langfristigen Sterbealters.

Doch abgesehen von solchen Unterschieden ist es spannend und aufschlussreich zu sehen, was ein von einer schweren Krankheit betroffener US-Pr?sident für die Weltpolitik bedeuten kann. Im Frühjahr 1919 n?mlich weilte Wilson mit seinem Stab in Paris, genauer: in Versailles vor den Toren der franz?sischen Hauptstadt. Hier hatte sich die au?enpolitische und diplomatische Elite des gr??eren Teils der Welt versammelt, um nach dem Ersten Weltkrieg eine neue Friedensordnung zu errichten.

Die "Gro?en Vier" der Versailler Konferenz vor dem Tagungsort, dem Hotel Crillon: David Lloyd George, Vittorio Orlando, Georges Clemenceau und Woodrow Wilson (v.li.)
Die "Gro?en Vier" der Versailler Konferenz vor dem Tagungsort, dem ?Hotel Crillon“: David Lloyd George (UK), Vittorio Orlando (I), Georges Clemenceau (F) und Woodrow Wilson (USA) (...v. li.)
Quelle: Getty Images

Just Anfang April ging es im wichtigsten Gremium, dem Rat der ?Gro?en Vier“, um die Bedingungen, die dem Kriegsverlierer Deutschland auferlegt werden sollten. Dabei standen sich vor allem Frankreichs Ministerpr?sident Georges Clemenceau und Gro?britanniens Premier David Lloyd George gegenüber. Von Wilsons Stimme hing ab, welcher der beiden sich durchsetzen k?nnte, denn der vierte der ?Gro?en Vier“, Italiens Regierungschef Vittorio Orlando, war eigentlich nur an m?glichst gro?er territorialer Beute aus den überresten des gefallenen Habsburgerreiches interessiert.

Seit dem 3. April 1919 lag Wilson in seinem Quartier, dem prachtvollen ?H?tel du Prince Murat“ im 8. Stadtbezirk, darnieder. Als er sich auch am Morgen des 5. April im Kreis der ?Gro?en Vier“ vom Leiter der US-Delegation, Edward Mandell House, vertreten lie? (genauer: vertreten lassen musste), sagte Clemenceau unter vier Augen zu seinem Gegenüber Lloyd George: ?Es geht ihm (gemeint: Wilson, d. Red.) heute schlechter. Kennen Sie seinen Arzt? K?nnten Sie ihn nicht aufsuchen und bestechen?“

Lloyd George, der allein diese ?u?erung überliefert hat, verstand sie so, dass Clemenceau erreichen wollte, dass Wilson m?glichst lange abwesend bleiben m?ge. Der Franzose h?tte das selbstverst?ndlich, wenn er es denn erfahren h?tte, emp?rt von sich gewiesen.

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Das ?H?tel du Prince Murat“ im Pariser 8. Bezirk war Wilsons Quartier w?hrend der Konferenz von Versailles
Quelle: Wikimedia / Public Domain

Nach drei Tagen schwerer Grippe gingen bei Wilson die Symptome zurück – typisch für die Virus-Influenza vom Typ H1N1, die im Volksmund auch ?Drei-Tage-Fieber“ genannt wurde. Offenbar hatte der Pr?sident von Clemenceaus h?sslicher Bemerkung geh?rt.

Jedenfalls wies er seinen Arzt an, sein Schiff, den zum Truppentransporter umgerüsteten Salondampfer ?George Washington“, in Brest auslaufbereit zu halten: ?Ich will nicht sagen, dass ich abreisen werde, sobald ich ein Schiff bekomme, aber ich m?chte, dass das Schiff da ist.“ Eine klare Drohung: Wenn die Franzosen nicht von ihrem Konfrontationskurs ablie?en, würde Woodrow Wilson die Friedenskonferenz platzen lassen.

Mund-Nasen-Schutz in Paris im M?rz 1919
Mund-Nasen-Schutz in Paris im M?rz 1919
Quelle: Getty Images

Clemenceau, ein Mann mit eisernen Nerven, lie? sich nicht aus der Ruhe bringen: ?Wilson verh?lt sich wie eine K?chin, die ihren Koffer fertig gepackt im Flur stehen l?sst und jeden Tag damit droht, das Haus zu verlassen“, witzelte er. Ein Sprecher des Pariser Au?enministeriums bemerkte grob, Wilson wolle ?heim zu Muttern“.

Doch abseits des harten Brockens Clemenceau, der bereits 77 Jahre alt war, machten sich franz?sische Diplomaten schon Sorgen. Sie rieten den Korrespondenten der gro?en Bl?tter, Attacken auf Wilson vorerst einzustellen und einen vers?hnlicheren Ton anzuschlagen. Da im Nachkriegsfrankreich noch Zensur galt, konnte derlei auch tats?chlich durchgesetzt werden.

Am 8. April 1919 war Woodrow Wilson wieder einigerma?en auf dem Damm. Grayson vertraute er an, sich immer noch wacklig zu fühlen, aber ?seelisch viel besser“. Die Drohung mit der ?George Washington“ erhielt er nach au?en hin aufrecht.

Nach seiner Genesung gab Pr?sident Woodrow Wilson ersch?pft den Forderungen Frankreichs nach
Nach seiner Genesung gab Pr?sident Woodrow Wilson ersch?pft den Forderungen Frankreichs nach
Quelle: Getty Images

Jedoch stellte der legend?re Chef des Hauspersonals des Wei?en Hauses, Irwin ?Ike“ Hoover, rückblickend fest: ?Eines ist sicher – nach dieser Krankheit war Wilson nie mehr so wie vorher.“ Der Historiker John M. Barry, der 2004 ein viel beachtetes Buch über ?The Great Influenza“ ver?ffentlicht hat, urteilte, die Erkrankung habe den Pr?sidenten ?k?rperlich am wichtigsten Punkt der Verhandlungen geschw?cht“.

Ursprünglich hatte der Pr?sident gewollt, dass die Alliierten Deutschland schonen sollten, um den Erfolg seines Lieblingsprojekts, eines V?lkerbundes, zu f?rdern. Clemenceau, dessen Land schwer verwüstet worden war, wollte hingegen einen harten Siegfrieden durchsetzen. Nachdem Wilson genesen war, gab er ersch?pft dieser Forderung nach. Die weltpolitisch folgenreiche Konsequenz war der unvernünftige Versailler Vertrag, zu viel hart für einen Vers?hnungsfrieden und viel zu weich für eine dauerhafte Unterdrückung.

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