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Geschichte Nach dem Ersten Weltkrieg

Mit diesen Tricks verleibte sich Italien Südtirol ein

Obwohl fast 90 Prozent der Südtiroler den Verbleib bei ?sterreich forderten, wurde die Provinz von den Siegerm?chten 1920 Italien zugesprochen. Am 10. Oktober wurde die Annexion formal vollzogen. Mit blutigen Folgen.
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Leitender Redakteur Geschichte
Brenner, Grenzuebergang / Foto 1936 Brenner, ital. Brennero (1375 m hoher Pass an der oesterr.-ital. Grenze). Grenzuebergang. - Italienische und oesterr. Grenzbeamte am Schlagbaum. - Fotopostkarte (Much Heiss, Innsbruck), Poststempel: 1936. | Brenner, Grenzuebergang / Foto 1936 Brenner, ital. Brennero (1375 m hoher Pass an der oesterr.-ital. Grenze). Grenzuebergang. - Italienische und oesterr. Grenzbeamte am Schlagbaum. - Fotopostkarte (Much Heiss, Innsbruck), Poststempel: 1936. |
Die Brennergrenze, aufgenommen zwischen 1921 und 1936
Quelle: picture-alliance / akg-images

So voll waren die Kirchen in den T?lern um Meran, Bozen und Trient wohl selten zuvor gewesen: Am 10. Oktober 1920 trat das Gesetz über die Annexion Südtirols durch Italien offiziell in Kraft. Deshalb fanden an diesem Sonntag überall im betroffenen Gebiet Trauergottesdienste statt – im Gegensatz zu politischen Kundgebungen konnten die aus Rom gelenkten Lokalbeh?rden sie schwerlich verbieten.

In Bozens Stadtpfarrkirche zum Beispiel zelebrierte Pfarrer Alois Schlechtleitner ein Pontifikalrequiem, an dem neben vielen meist schwarz gekleideten M?nnern und Frauen auch der Bürgermeister Julius Perathoner teilnahm. ?Die Schulm?dchen trugen Trauermaschen in den Haaren“, schrieb eine ?rtliche Zeitung, und die Glocken schwiegen. Denn der 10. Oktober 1920 galt fortan als ?der Karfreitag von Tirol“.

Castle Thurn in Ladinia. South Tyrol. Around 1920. Handcolored lantern slide. (Photo by Imagno/Getty Images) *** Local Caption *** Getty ImagesGetty Images
Südtiroler Idylle: Schloss Thurn um 1920
Quelle: Getty Images

Mehr als ein halbes Jahrhundert lang, n?mlich mindestens bis zum zweiten Autonomiestatut von 1972 und eher zum Ende der darin vereinbarten Umsetzungsfrist 1992, schw?rte diese Wunde; es gab regionalen Terrorismus wie sonst in Europa nur noch in Nordirland und dem Baskenland. Warum aber wurde ausgerechnet Südtirol zum Streitfall? Die Südseite der Alpen galt nationalistischen Italienern seit dem Ende der jahrzehntelangen Staatsbildungskriege 1870 zusammen mit den Gebieten um die Hafenstadt Triest als wichtigster noch ?unerl?ster“ Teil ?italienischen Bodens“.

Richtig daran war, dass die Gegend um Trient auch im Habsburgerreich deutlich mehrheitlich von italienisch sprechenden Menschen bev?lkert war, genau wie Triest an der Adria. Doch das sich n?rdlich anschlie?ende Südtirol war weit überwiegend deutschsprachig. Dennoch verlangten die Nationalisten weitere Territorien, um die Nordgrenze Italiens am Brenner zu etablieren – strategisch gewiss günstig, doch weder historisch noch ethnisch-kulturell zu rechtfertigen.

Quelle: Infografik WELT

Als das K?nigreich Italien 1915 nach dem Werben der Entente-M?chte Gro?britannien und Frankreich ?sterreich-Ungarn, mit dem es eigentlich im Dreibund verbunden war, den Krieg erkl?rte, lie? sich die Regierung in Rom als Lohn alle habsburgischen Gebiete südlich der Brennergrenze zusichern. Vor allem darum ging es in den K?mpfen an der Alpenfront, unter anderen in den zw?lf Schlachten am Fluss Isonzo, die insgesamt mehr als eine Million Mann das Leben oder die Gesundheit kosteten.

Im italienisch-?sterreichischen Waffenstillstand vom 3. November 1918 musste General Viktor Weber von Webenau diese Forderung akzeptieren. Jedoch hofften die ?sterreichischen Unterh?ndler auf US-Pr?sident Woodrow Wilson, der ein allgemeines ?Selbstbestimmungsrecht der V?lker“ proklamiert hatte. Die Südtiroler erwarteten, dass bei einer Volksabstimmung die zu fast 90 Prozent deutschsprachigen Bewohner für den Verbleib bei ?Deutsch?sterreich“ pl?dieren würden.

Funeral procession, Merano, South Tyrol, Italy' (1927), from 'Italien in Bildern,' by Eugen Poppel (August Scherl, Berlin), 1927. (Photo by Print Collector/Getty Images) Getty ImagesGetty Images
Eine Trauerprozession in Meran 1927 als stummer Protest gegen die Italienisierungspolitik
Quelle: Getty Images

Bei den Verhandlungen der Siegerm?chte in Saint-Germain bei Paris, die ohne die Verlierer Deutschland und ?sterreich stattfanden, bestand Italiens Ministerpr?sident Vittorio Orlando stets unnachgiebig auf der Zusage von 1915 – nicht zuletzt, weil seine politische Position in Rom schwach war und er für Italiens Verluste im Weltkrieg Erfolge erreichen musste, also H?rte demonstrieren wollte. Ende April 1919 verlie? Orlando sogar unter Protest den Verhandlungsort, weil Italien Südtirol doch nicht bekommen sollte. In der Heimat wurden er und sein Au?enminister Sidney Sonnino deswegen als Helden gefeiert.

Wilson knickte ein und sprach sich offiziell für den Verbleib Südtirols bei Italien aus, lehnte nun also seine eigene Idee des Selbstbestimmungsrechtes der V?lker per Volksabstimmung ab. Er war zuvor durch eine schwere Infektion mit der Spanischen Grippe geschw?cht worden und hatte nicht mehr die Kraft, sich den Forderungen der anderen L?nder zu erwehren. Die Tiroler Landesversammlung verkündete als Reaktion am 4. Mai 1919 die staatliche Selbstst?ndigkeit der gesamten deutschsprachigen Region – mangels jeder internationalen Unterstützung natürlich ohne Ergebnis.

Der Grenzstein von 1921 auf dem Brennerpass, aufgenommen am 03.05.2016. Nach dem 1. Weltkrieg kam das ehemals zur ?sterreichischen Donaumonarchie geh?rende Südtirol zu Italien. Foto: Matthias R?der/dpa (zu dpa ?Die Flüchtlingskrise erreicht den Alpenpass - Brenner als Symbol für EU? vom 11.05.2016) | Verwendung weltweit
Der ?sterreichusche Grenzstein von 1921 auf dem Brennerpass
Quelle: picture alliance / dpa

Der Vertrag von Saint-Germain, der für ?sterreich dem Vertrag von Versailles zwischen den Siegerm?chten und Deutschland entsprach, schlug schlie?lich am 10. September 1919 die südlichen Teile des ehemaligen habsburgischen Kronlandes Tirol dem K?nigreich Italien zu. Der Südtiroler Abgeordnete Eduard Reut-Nicolussi hatte darauf nur eine Antwort: ?Gegenüber diesem Vertrage haben wir mit jeder Fiber unseres Herzens, in Zorn und Schmerz nur ein Nein! Ein ewiges, unwiderrufliches Nein!“

Das scherte die italienischen Nationalisten keineswegs. Obwohl sich 89 Prozent der Südtiroler bei der Volksz?hlung 1910 als ?deutsch“ bezeichnet hatten und nur 2,9 Prozent als ?italienisch“, wurde aus Südtirol nun Alto Adige. Trotzdem schien zun?chst noch ein Hoffnungsschimmer auf Autonomie zu bestehen.

Vittorio Emmanuele III, K?nig von Italien, Pro-Faschismus, 1869 - 1947, historisches Portr?t, 1904 | Verwendung weltweit, Keine Weitergabe an Wiederverk?ufer.
K?nig Vittorio Emmanuele III. hatte den Südtirolern Autonomie versprochen – eine Lüge
Quelle: picture alliance / imageBROKER

Der italienische K?nig Vittorio Emmanuele III. hatte n?mlich versichert, der neuen Provinz stünde eine ?sorgf?ltige Wahrung der lokalen Institutionen und der Selbstverwaltung“ zu. Am 15. Mai 1921 konnten die Südtiroler zum ersten Mal an einer Wahl zum nationalen Parlament in Rom teilnehmen. Die gemeinsame Liste aus Tiroler Volkspartei und Deutschfreiheitlicher Partei erreichte neun von zehn abgegebenen Stimmen.

Doch die Machtübernahme der Faschisten um Benito Mussolini setzte dieser Hoffnung 1922 ein abruptes Ende. Denn nun schwenkte die Regierung um auf eine harte Italienisierungspolitik. Alle deutschen Ortsnamen verschwanden, die neuen italienischen wurden f?lschlich als ?Rückübersetzungen“ bezeichnet. Italienisch wurde alleinige Amtssprache, Deutschunterricht und deutschsprachige Zeitungen wurden nahezu vollst?ndig verboten. Massiv wurde der Zuzug vor allem von Süditalienern an die Alpen gef?rdert, in St?dten und D?rfern wurden italienische Siegesdenkm?ler errichtet. Südtiroler, die sich dagegen wehrten, wurden massiv unterdrückt.

In ?sterreich wie in der Weimarer Republik war die Emp?rung über Mussolinis brutalen Assimilationsdruck gro? – bei allen Parteien. Au?er bei den Nationalsozialisten, denn NSDAP-Chef Adolf Hitler wollte sich nicht anlegen mit dem erfolgreichen Vorbild in Rom.

Picture taken on March 8, 1940 at Brenner pass, at the Italian border, showing the meeting between German dictator Adolf Hitler and his counterpart Italian Benito Mussolini aimed at a new definition of the border between Italy and the annexated Austria. (Photo by - / INTERCONTINENTALE / AFP) (Photo by -/INTERCONTINENTALE/AFP via Getty Images) Getty ImagesGetty Images
Beim Treffen am Brennerpass am 8. M?rz 1940 akzeptierte Hitler Mussolinis Forderung, Südtirol müsse zu Italien geh?ren, endgültig
Quelle: INTERCONTINENTALE/AFP via Getty

Auch nach 1933 wich die Südtirol-Politik des Dritten Reiches deutlich ab von der sonst üblichen v?lkischen Linie des NS-Regimes. Die beiden Diktatoren einigten sich 1939 auf eine ?ethnische Entflechtung“: Südtiroler sollten sich für Deutschland entscheiden dürfen (?optieren“), dann in einem Zeitfenster ihre H?user verkaufen und mit ihrem weiteren Eigentum ungehindert ins Dritte Reich auswandern dürfen. Dafür entschieden sich etwa 213.000 Südtiroler, etwa 85 Prozent der betroffenen Menschen entsprach.

Doch von diesen zogen bis 1943 nur etwa 75.000 tats?chlich um; die übrigen blieben in Südtirol. Die Ausgewanderten kamen überwiegend zun?chst in Lager in Nordtirol unter. Mittelfristig war ihre Ansiedlung in Polen geplant, einem germanisierten Burgund oder gar auf der Krim – Pl?ne, die sich durch den Verlauf des Krieges von selbst erledigten.

Sprengstoffanschlag in Südtirol auf Hochspannungsmast. Juni 1961. Photographie. |
Anschl?ge auf Hochspannungsmasten waren die Spezialit?t der v?lkischen Terroristen in Südtirol
Quelle: picture alliance / IMAGNO/Votava

Als Italien nach Kriegsende wieder zur Demokratie wurde, akzeptierte die Regierung in Rom kulturelle Rechte der deutschsprachigen Bev?lkerung – schon 1946 im Gruber-De-Gasperi-Abkommen mit ?sterreich. Umgesetzt wurden die darin garantierten Rechte der deutschsprachigen Minderheit 1948 im ersten Autonomieabkommen.

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Doch nach fast drei Jahrzehnten Unterdrückung reichte das vielen nationalistischen Südtirolern nicht. So entstand eine radikale Bewegung, klein, aber entschlossen, die für die Vereinigung mit ?sterreich eintrat. Daraus erwuchs 1956 der ?Befreiungsausschuss Südtirol“ (BAS), eine v?lkische Terrorgruppe. Auf sein Konto gingen bis zu 300 Anschl?ge, die je nach Z?hlweise 15 bis 21 Todesopfer forderten sowie 55 Verletzte.

Prozess gegen die Bomber Edmund Eminger - Alois Purk-Karthofer - Leopold Engelke und Hermine Hütter. Oktober 1968. Photographie. |
Der Prozess gegen vier Südtiroler Terroristen 1968
Quelle: picture alliance / IMAGNO/Votava

Der BAS stellte seine Angriffe 1969 ein, weil das vor dem Abschluss stehende zweite Autonomieabkommen (in Kraft ab 1972) viele Verbesserungen vorsah. Dennoch gab es noch bis 1988 Folgeattentate von Einzelt?tern oder kleinen Gruppen. Insgesamt 157 T?ter wurden verurteilt.

Seit 1992 funktioniert die Autonomie in Südtirol weitgehend reibungslos, gilt im Zuge der europ?ischen Integration sogar als beispielhaft. Inzwischen muss man sogar flie?end Deutsch und Italienisch sprechen, um in Südtirol eine Chance auf eine Stelle im ?ffentlichen Dienst zu haben.

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