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Geschichte Eidgenossen als Gro?macht

Als Schweizer Reisl?ufer Frankreichs Armeen überrannten

Als S?ldner waren die Eidgenossen bereits gefürchtet. Aber 1512 beschlossen sie, Krieg auf eigene Rechnung zu führen. Sie vertrieben die Franzosen aus Mailand. Aber in ihrem Hochmut übersahen sie die Fortschritte ihrer Gegner.
| Lesedauer: 6 Minuten
Leitender Redakteur Geschichte
GERMANY - CIRCA 2003: Swiss mercenaries in battle, ca 1530, drawing by Hans Holbein the Younger (1497-1543). Germany, 16th century. (Photo by DeAgostini/Getty Images) Getty ImagesGetty Images GERMANY - CIRCA 2003: Swiss mercenaries in battle, ca 1530, drawing by Hans Holbein the Younger (1497-1543). Germany, 16th century. (Photo by DeAgostini/Getty Images) Getty ImagesGetty Images
Die Schweizer Reisl?ufer galten als die besten Fu?soldaten ihrer Zeit
Quelle: De Agostini via Getty Images

Alle Wege führen bekanntlich nach Rom. Auf ihnen zogen in der Neuzeit Intellektuelle, Künstler, Bildungsreisende oder einfach nur Snobs in das Land ihrer Tr?ume. Aber es gab auch Menschen, die Italien nicht mit der Seele suchten, sondern mit Waffen in der Hand. Zum Beispiel Schweizer Reisl?ufer, so machtvoll und l?rmend, dass der gro?e politische Denker Niccolò Machiavelli in ihnen die Gründer eines neuen Imperiums sah.

Denn Anfang des 16. Jahrhunderts z?hlten die Eidgenossen zu den Gro?m?chten Europas. Denn ihren ?Gewalthaufen“ schien niemand gewachsen zu sein. Seit den Siegen über die Habsburger im 14. Jahrhundert hatten die wettergegerbten Bergbauern ihr Kriegshandwerk so weit perfektioniert, dass sie ganzen Ritterheeren den Garaus machten. Um 1510 gingen sie schlie?lich daran, mit der Lombardei das Tor nach Italien unter ihre Kontrolle zu bringen nebst zahlreicher Alpenp?sse.

Veni, Vidi, Vico, Musiksendung, Deutschland 1961, mit Vico Torriani als Hellebardier | Verwendung weltweit
?Sie dr?ngten vorw?rts und genossen ihre Wirkung auf den Feind“: So darf man sich wohl einen Schweizer K?mpfer vorstellen
Quelle: picture alliance / United Archiv

Diesen Kriegsknechten spürt der Medi?vist Arnold Esch unter anderen in seinem neuen Buch ?Von Rom bis an die R?nder der Welt“ nach. Der emeritierte Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Rom hat sich dafür durch Akten in Schweizer Archiven gequ?lt, denen Historiker bislang kaum Beachtung geschenkt haben. Es handelt sich um Zeugnisse, die weniger für die Nachwelt zusammengetragen wurden, sondern ?ganz aus dem Alltag für einen reinen Gegenwartszweck geschrieben sind und umso unmittelbarer wirken.“

Zum Beispiel die Mannschafts- und Soldlisten der eidgen?ssischen Kontingente, die 1512 den sogenannten ?Gro?en Pavierzug“ unternahmen. Mit ihm nahm die eidgen?ssische Tagsatzung als Versammlung aller Kantone den Kampf um Italien in die eigene Hand.

Bis dahin hatten Schweizer als S?ldner in verschiedenen Armeen gedient, die sich unter Umst?nden auf dem Schlachtfeld gegenüber standen. So etwa 1500 bei Novara, als die Truppen Ludwigs XII. von Frankreich und Ludovico Sforzas von Mailand aufeinandertrafen. Durch Verrat geriet Sforza in franz?sische Gefangenschaft, und Frankreich war auf bestem Wege, zur Vormacht in Norditalien aufzusteigen. Aber nachdem Ludwig den Soldvertrag mit den Eidgenossen nicht verl?ngert hatte, fand die Idee in der Schweiz eine Mehrheit, den Weg nach Rom auf eigene Rechnung einzuschlagen.

Die Zeiten für eine aktive Gro?machtpolitik waren günstig. Ludwig XII. und der r?misch-deutsche K?nig Maximilian I. lagen in best?ndiger Rivalit?t. Und seit die Eidgenossen in den Kriegen gegen Karl den Kühnen von Burgund die modernste Armee ihrer Zeit vernichtend geschlagen hatten, galten sie auch als kampfst?rkste Milit?rmacht Europas. Mit ihnen war die leichtbewaffnete Infanterie, die in dicht gedr?ngten Formationen vorrückte, zur entscheidenden Waffe geworden und hatte die Jahrhunderte w?hrende Dominanz des Panzerreiters beendet.

Kriegszüge waren h?chst lukrativ. 36 Berner Pfund oder 18 Gulden als Sold waren für den gew?hnlichen Fu?knecht eine sch?ne Summe, die er zu Hause im Oberland in barem Geld vielleicht noch nicht in der Hand gehabt hatte, schreibt Esch. Hinzu kamen wom?glich Doppelsold für Gewehrschützen, Gratifikationen wie übersold oder gar erpresste L?segelder. Und Beute.

Im Mail?nder Dom etwa kippten die Schweizer die frische Leiche des Duc de Nemours aus dem Sarg und zerschlugen den wertvollen Sarkophag dann in handliche Beutestücke. Die mussten nicht einmal mehr über die Alpen geschleppt werden, folgte der Armee doch ein Tross von Aufk?ufern, die die wertvollen Sachen gern übernahmen und auf ihre Weise dafür sorgten, dass der Erl?s klein und die Sachen im Lande blieben.

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Das ?Reislaufen“, wie das S?ldnertum genannt wurde, war zumal in den Bergkantonen eine wichtige Einnahmequelle. Zwar zog es auch Mittellose zu den Fahnen. Aber die meisten waren S?hne etablierter Bauern oder Familienv?ter, die die Aussicht, ihre zahlreichen Kinder über den Winter zu bringen oder Schulden zu tilgen, zu den Fahnen getrieben hatte. Manch einer, fand Esch, sah auch die Chance, sich auf diese Weise von seiner Frau zu trennen, weil ?er sinem wib nitt hold w?re“, wie es in den Akten hei?t.

Viele lie?en sich von den Worten der Werber überzeugen. Allein aus der kleinen Stadt Biel zogen etwa elf M?nner fünfmal, 25 M?nner dreimal nach Italien. Das mag zum einen an ?Geld und gro?artigen Dingen“ gelegen haben, ?die den Franzosen geh?rten und überall erbeutet worden sind“, wie ein Kommandant in einem Brief schrieb. Zum anderen überw?ltigten sie Wohlstand und überw?ltigende Sch?nheit des Landes.

ITALY - CIRCA 2002: Ludovico il Moro taken captured by French mercenaries in the Battle of Novara (1513), miniature from a Swiss Chronicle, Italy 1513. (Photo by DeAgostini/Getty Images) Getty ImagesGetty Images
Bei Novara konnten die Schweizer 1513 noch einmal die Franzosen unter Ludwig XII. besiegen
Quelle: De Agostini via Getty Images

Ein Soldat etwa beschrieb ein Amphitheater als Turnierplatz Karls des Gro?en innen so weit, ?wie ein M?her nicht einmal in einem ganzen Tag abm?hen k?nne“. Viele leerten auf den M?rkten Mailands ihre prall gefüllten Geldbeutel für nie gesehene Luxuswaren oder auch Nippes. Die Stadt, damals eine der gr??ten Europas, wurde zu einem Protektorat, in dem die Eidgenossen Massimiliano Sforza als Marionettenherrscher einsetzten und es sich mit schwerem Malvasier-Wein gut gehen lie?en.

Auch ihre Erfolge stiegen ihnen zu Kopf. ?Sie dr?ngten vorw?rts und genossen ihre Wirkung auf den Feind“, schreibt Esch. Denn sie nahmen h?chstens gefangen, wer ein gutes L?segeld versprach; schlichte Soldaten wurden niedergemacht. Anders als die Soldtruppen italienischer Condottieri achteten sie im Kampf nicht auf eigene Verluste und brachten mit ihren dreisten Soldforderungen selbst hartgesottene Diplomaten an den Rand des Nervenzusammenbruchs.

über ihre leichten Siege gegen die Franzosen bei Pavia 1512 und Novara 1513 übersahen die Eidgenossen jedoch die milit?rischen Fortschritte, die ihre Gegner machten, w?hrend sie selbst an ihrer veraltenden Taktik festhielten. So erkannten sie die Bedeutung der Artillerie nicht, sondern dokumentierten ihre Verachtung, indem sie die Bedienungen unbarmherzig niedermachten. Auch verschm?hten sie ein einheitliches Kommando, sondern jedes Kontingent folgte seinem Führer im Kampf. Auch scheuten sich einzelne Kantone nicht, eigene Vereinbarungen mit Ludwigs Nachfolger Franz I. von Frankreich zu schlie?en.

Ihr milit?rischer Konservatismus sollte 1515 bei Marignano katastrophale Folgen haben. Denn der franz?sische K?nig verst?rkte seine Linien nicht nur durch Geschütze, die in befestigten Stellungen auffuhren. Sondern er besa? mit Reiterei und Reserven auch eine Mobilit?t, die den Schweizern abging. Zudem hatte er einige eidgen?ssische Kontingente mit Geldzahlungen zuvor zum Abzug bewegen k?nnen.

Am Ende verloren die Schweizer nicht nur fast 10.000 Mann, sondern auch den Nimbus der Unbesiegbarkeit und damit die Herrschaft über Mailand. ?Zehntausende menschliche und tierische K?rper, von Spie?en durchbohrt, die Sch?del gespalten, die Schenkel weggeschossen, zerkratzt und zerbissen, aufgeknüpft an B?umen und totgetrampelt von den eigenen Leuten“, hat der Berner Dramatiker Guy Krneta die Szenerie beschrieben.

Die Tagsatzung zog die Konsequenz darauf und gab die Gro?machtambitionen auf. Das hinderte Eidgenossen jedoch nicht, weiterhin als S?ldner nach Rom zu ziehen. Dort traten sie in die Dienste der P?pste als Mitglieder der Schweizergarde.

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Arnold Esch: ?Von Rom bis an die R?nder der Welt. Geschichte in ihrer Landschaft“. (C. H. Beck, München. 399 S., 29,95 Euro)

VATICAN CITY - JANUARY 22: The Swiss guards arrive to attend Pope Benedict XVI's Sunday Angelus at St. Peter's square on January 22, 2006 in Vatican City. The Swiss guard celebrate the 500 year anniversary of the march from Switzerland to Rome. The mercenaries went to aid Pope Julius II in 1506. (Photo by Franco Origlia/Getty Images) Getty ImagesGetty Images
Noch heute beschützt die Schweizer Garde den Papst
Quelle: Getty Images

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