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Geschichte Golfkrise 1990/91

Warum Saddam Hussein einen deutschen Manager als Boten w?hlte

Nach der Invasion irakischer Truppen in Kuweit 1990 erhielt der Chef des deutschen Strabag-Konzerns Peter Jungen eine Einladung zum Diktator Saddam Hussein. Es ging um westliche Geiseln – und eine Nachricht an Bundeskanzler Kohl.
| Lesedauer: 7 Minuten
Leitender Redakteur Geschichte
Blutiges ?l – 60.000 Tote in sieben Monaten

Es beginnt mit einem Bitzangriff. Im August 1990 fallen die Truppen von Saddam Hussein in Kuwait ein. Der Diktator hat es dort auf die riesige ?lreserven abgesehen. Das ist der Startschuss für den zweiten Golfkrieg, bei dem 60.000 Menschen starben.

Quelle: WELT

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Geraten Menschen im Ausland schuldlos in Schwierigkeiten, muss ihr Heimatstaat versuchen, ihnen zu helfen – das geh?rt zum kleinen Einmaleins des V?lkerrechts. Eine entsprechende Verpflichtung von Unternehmen für ihre Angestellten im Ausland gibt es zwar formal nicht, aber verantwortungsbewusste Arbeitgeber kümmern sich dennoch.

Seit August 1990 sa?en rund fünfhundert Mitarbeiter des K?lner Bauunternehmens Strabag AG im Irak fest. Nach dem Einmarsch irakischer Truppen im Nachbarstaat Kuwait durften sie nicht mehr ausreisen. Auch wenn das Regime von Saddam Hussein sie wie Tausende andere Ausl?nder offiziell ?G?ste“ nannte, waren sie doch nichts anderes als Geiseln.

Kein Zustand, den Strabag-Chef Peter Jungen hinzunehmen bereit war. W?hrend der Botschafter der Bundesrepublik in Bagdad Richard Ellerkmann alles tat, was ihm als Diplomaten m?glich war, um vor allem deutschen Staatsbürgern die Ausreise zu erm?glichen, setzte sich der 50-j?hrige Manager für alle Angestellten seines Unternehmens ein – egal woher sie kamen.

Nach der inoffiziellen Mission von Willy Brandt, die zur Freigabe von 245 deutschen, europ?ischen und amerikanischen Geiseln geführt hatte, kam Jungen am 22. November 1990 erneut nach Bagdad, um die letzten noch festgehaltenen Strabag-Mitarbeiter herauszuholen.

Kurz vor der gebuchten Abreise nach mehreren Gespr?chen mit irakischen Verantwortlichen erhielt Jungen am 25. November 1990 auf dem Flughafen von Bagdad einen Anruf des stellvertretenden Industrieministers Tahir al-Ani, der als zweiter Mann hinter Hussein Kamil, dem Schwiegersohn von Saddam Hussein, direkte Kontakte zur Spitze des Regimes hatte: Ob er noch Zeit für ein wichtiges Gespr?ch habe?

Peter Jungen udn Saddam Hussein am 25.11.1990
überraschend hatte Saddam Hussein Strabag-Chef Peter Jungen zum Gespr?ch eingeladen
Quelle: Peter Jungen

Jungen entschied nach Rücksprache mit dem Botschafter, den Vorschlag anzunehmen. Denn Ellerkmann best?tigte, dass es ansonsten keine Gespr?chskontakte mit der irakischen Regierung gebe. Also fuhr der Manager mit einem Wagen der Strabag vom Flughafen zurück ins Ministerium für Industrie und Rüstung.

Doch dort gab es kein Gespr?ch; vielmehr musste Peter Jungen umsteigen in einen Wagen der irakischen Regierung – nun in Begleitung al-Anis. Beim n?chsten Zwischenstopp in einem Regierungspalast stieg der stellvertretende Minister aus. An seiner Stelle nahm ein Mann im Fond Platz, den Jungen aus dem Fernsehen kannte: der Dolmetscher von Saddam Hussein. Es gab erneut einen Fahrerwechsel.

Der Manager war daher nicht mehr überrascht, als er wieder zu einem anderen Palast gebracht wurde und dort auf seinen Gespr?chspartner traf: den irakischen Diktator h?chstselbst. 2015 berichtete Peter Jungen im Gespr?ch mit WELT erstmals ausführlich über dieses Treffen, das drei Stunden dauerte und zur Freigabe aller noch im Irak verbliebenen Strabag-Mitarbeiter sowie wohl Hunderter weiterer Ausl?nder führte.

Peter Jungen und Saddam Hussein am 25.11.1990
Eigenwillige Sitzordnung: Peter Jungen und Saddam Hussein am 25. November 1990
Quelle: Peter Jungen

Saddam Husseins Einladung hatte jedoch nichts mit den Geiseln zu tun: Er wollte den bevorstehenden Krieg verhindern. So gipfelte das Gespr?ch in einem Angebot, das Jungen in Bonn weitergeben sollte: ?Any proposal from Helmut Kohl would be accepted“ (?Jeder Vorschlag von Helmut Kohl wird akzeptiert“), hielt der Manager die übersetzung des Dolmetschers vom Arabischen ins Englische fest. Der irakische Diktator hatte Jungen ausgesucht, um eine Botschaft zu übermitteln. Nur: Warum ausgerechnet den Unternehmenschef aus K?ln?

Zum 30. Jahrestag hat sich Peter Jungen jetzt erneut mit den Umst?nden seines Gespr?ches auseinandergesetzt. Dafür griff er auf seine damals w?hrend des Treffens schnell hingeworfenen Notizen zurück und rekonstruierte mithilfe der jüngst erschienenen Biografie des damaligen US-Au?enministers James A. Baker von Peter Baker und Susan Glasser (?The Man Who Ran Washington“. Doubleday, New York) die Hintergründe, die ihm 1990 noch gar nicht klar werden konnten.

Der irakische Staatspr?sident Saddam Hussein bei einer Pressekonferenz am 25.8.1990 in Bagdad. Anl??lich der Visite von Kurt Waldheim bezeichnete er die "Heimholung Kuwaits" als endgültig. |
Saddam Hussein 1990 in Bagdad
Quelle: picture-alliance / dpa

Vor allem war zu kl?ren, weshalb Saddam nicht die beiden Gespr?che mit Willy Brandt am 7. und am 8. November 1990 genutzt hatte, um seine Botschaft an Bundeskanzler Kohl zu übermitteln. Denn dass der Friedensnobelpreistr?ger Brandt sich sofort nach der Rückkehr mit seinem Amtsnachfolger austauschen würde, stand au?er Frage.

Die Antwort ergibt sich aus der Abfolge der Ereignisse in jenen Wochen. Noch am 7. November hatte Baker dementiert, dass Washington ein Ultimatum anstrebe. Vier Tage sp?ter erfuhren Journalisten im Wei?en Haus, die US-Regierung sei ?vorl?ufig noch nicht entschlossen, im Sicherheitsrat einen Resolutionsentwurf einzubringen, der einen Angriff auf den Irak legitimieren würde“. Zu diesem Zeitpunkt war Brandt bereits zwei Tage wieder in Bonn.

Am 15. November 1990 jedoch zeichnete sich in den USA ein Kurswechsel ab: Baker startete zu einer neuen Reise in die Hauptst?dte der wichtigsten Verbündeten, um deren Zustimmung für eine UN-Resolution zu gewinnen, die als letztes Mittel die Anwendung milit?rischer Gewalt gegen den Irak autorisieren sollte.

United States President George H.W. Bush, Center, meets informally with Chancellor Helmut Kohl of Germany, left, and United States Secretary of State James A. Baker III, right, at Camp David, Maryland on February 24, 1990. Photo by White House/CNP/ABACAUSA.COM |
George H.W. Bush mit Helmut Kohl und James A. Baker 1990
Quelle: picture alliance / abaca

Helmut Kohl reagierte darauf am 17. November: ?Wer glaubt, das Problem milit?risch l?sen zu k?nnen, muss nicht nur den Auftrag, sondern auch das Ende des ganzen Unternehmens bedenken.“ Der Kanzler empfahl daher, ?alles auszusch?pfen, was an Verhandlungen auszusch?pfen ist“.

Eine Woche sp?ter war Peter Jungen in Bagdad – ein Deutscher, der (anders als Botschafter Ellerkmann) jenseits der offiziellen diplomatischen Kan?le Zugang zum Kanzleramt hatte. Aus Saddams Perspektive, so darf man annehmen (Dokumente über die Meinungsbildung des irakischen Regimes sind soweit bekannt nicht überliefert), muss das als ideale Gelegenheit erschienen sein, seine Botschaft an Helmut Kohl zu übermitteln – zumal er gewiss von der Haltung des Bundeskanzlers erfahren hatte.

Der Strabag-Chef erfüllte seine Zusage gegenüber Saddam und informierte Kohl umgehend nach seiner Rückkehr. Horst Teltschik, der au?enpolitische Berater des Kanzlers, schrieb daraufhin an James Baker und den Nationalen Sicherheitsberater von Bush, Brent Scowcroft, dass Kohl empfehle, die von Saddam Hussein angebotenen Gespr?che zu nutzen.

Jaguar fighter aircraft, painted in pink camouflage, prepare to depart their base at RAF Coltishall for deployment in the first Gulf War (1990-1991). The specially painted Jaguar GR1 fighters were among the first British forces deployed to the Gulf after Iraq's leader Saddam Hussein ordered the invasion and occupation of Kuwait. Royal Air Force Coltishall, Norfolk, UK, on Saturday, August 11, 1990. (Photo by Bryn Colton/Getty Images) Getty ImagesGetty Images
Jaguar-Jagdbomber der Royal Air Force 1990 auf ihren Stützpunkt, schon in Wüstentarnfarbe lackiert
Quelle: Getty Images
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Doch dafür war es zu sp?t: Am 29. November verabschiedete der UN-Sicherheitsrat in New York die Resolution 678, das Ultimatum an den Irak. Genau damit hatte Peter Jungen auch gerechnet und deshalb Saddam gegenüber vorsichtig angedeutet: ?Ohne den bedingungslosen Abzug der irakischen Truppen aus Kuwait wird es keine Gespr?che geben.“

Neben dieser Rekonstruktion der Abl?ufe auf der obersten politischen Ebene besch?ftigt Peter Jungen im Rückblick noch ein weiteres Thema. Am 11. Februar 1991, mitten in der Luftoffensive der UN-Koalition gegen Saddams Regime, ver?ffentlichte das Hamburger Magazin ?Der Spiegel“ einen Artikel mit dem Titel ?Umweg über Amman“.

73584 01: Secretary of State James Baker at a May 23, 1990 White House press conference. (Photo by Dirck Halstead/Liaison) Getty ImagesGetty Images
US-Au?enminister James A. Baker 1990
Quelle: Getty Images

In diesem Artikel hie? es: ?Peter Jungen wurde in Bagdad wie ein Staatsmann empfangen. Mehrere Stunden lang konferierte der Vorstandschef des Baukonzerns Strabag Ende November mit Iraks Diktator Saddam Hussein. Der Besuch hat sich gelohnt.“ Die Strabag stehe im Verdacht, in gr??erem Umfang als jedes andere Unternehmen das UN-Embargo verletzt zu haben.

Noch drei Jahrzehnte sp?ter erregt sich Jungen, wenn die Sprache auf diesen Artikel kommt: ?Wir haben vor allem Lebensmittel, Medikamente, Hygienemittel und ?hnliches geliefert. Aber auch Autoersatzteile und Schmiermittel, um die von der Baustellenleitung geplante Flucht im Falle eines Angriffs organisieren zu k?nnen.“ Selbstverst?ndlich erfolgten diese Lieferungen mit Wissen des deutschen Zolls und der politisch Verantwortlichen.

Trotzdem er?ffnete die Staatsanwaltschaft K?ln, am Firmensitz der Strabag, aufgrund dieses ?Spiegel“-Artikels ein Ermittlungsverfahren und forderte eine Stellungnahme des Ausw?rtigen Amtes an. Der schon 67-j?hrige Strabag-Lieferant Johannes Schützeichel war bereits in Untersuchungshaft genommen worden, weil seine Firma angeblich Bohrk?pfe für Atomreaktoren in den Irak geschickt haben sollte. Eine freie Erfindung, denn es handelte sich erstens um Ersatzteile, wie sie in jedem besseren Baumarkt zu erwerben waren, die Schützeichel zweitens innerhalb von Deutschland an die Strabag geliefert hatte.

Soldaten der pro-irakischen arabischen Truppen bei einer Parade in der irakischen Hauptstadt Bagdad am 15. Oktober 1990. Nach dem Einmarsch irakischer Truppen in Kuwait (am 2. August 1990) haben die USA und andere Nato-Staaten Milit?rverb?nde in die Golf-Region entsandt. |
Soldaten der pro-irakischen arabischen Truppen bei einer Parade in Bagdad am 15. Oktober 1990
Quelle: picture-alliance / dpa

Das Ausw?rtige Amt teilte der Staatsanwaltschaft K?ln am 17. Juni 1991 mit, keine Embargo-Verletzung feststellen zu k?nnen; vielmehr habe ein Notstand der deutschen und ausl?ndischen Strabag-Mitarbeiter im Irak vorgelegen, der durch die Lieferungen entscheidend gemildert worden seien. W?re hingegen das Unternehmen unt?tig geblieben, dann h?tten die Verantwortlichen die Beziehungen zu mehr als zehn L?ndern besch?digt. Das Ermittlungsverfahren gegen die Strabag wurde unverzüglich eingestellt.

Anders als das Strafverfahren gegen Schützeichel. Die Rufsch?digung durch die Untersuchungshaft und den Prozess im folgenden Jahr, der angesichts der Faktenlage und mit juristischer Unterstützung durch die Strabag mit einem Freispruch endete, war nicht wiedergutzumachen; er berichtete darüber in einer in Privatdruck erschienenen Broschüre mit dem Titel ?Die ?Beinahe-Vernichtung‘ des Johannes S.“ (2. Aufl. 2001).

Soweit bekannt, hat der ?Spiegel“ seine unzutreffende Berichterstattung nie ?ffentlich korrigiert. Es sieht so aus, als müsste die ?Wahrheitskommission“ des Hamburger Magazins nach dem Relotius-Skandal und der Demontage des einstigen Starreporters Hans Leyendecker wegen der Fehler im Fall Bad Kleinen in Sachen Strabag erneut t?tig werden.

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