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Zweiter Weltkrieg Invasion 1944

Die übung, die in einer Katastrophe endete

In der ?Exercise Tiger“ wollten US-Truppen die Landung in der Normandie erproben. Beinahe h?tte das den Erfolg der gesamten Strategie unterminiert. 749 Soldaten und Seeleute starben.
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Leitender Redakteur Geschichte
Anfangs verlief die ?Exercise Tiger“, eine Landungsübung der US Army Ende April 1944 bei Slapton Sands in Devon, noch wie geplant Anfangs verlief die ?Exercise Tiger“, eine Landungsübung der US Army Ende April 1944 bei Slapton Sands in Devon, noch wie geplant
Anfangs verlief die ?Exercise Tiger“, eine Landungsübung der US Army Ende April 1944 bei Slapton Sands in Devon, noch wie geplant
Quelle: US Signal Corps / Public Domain

Misslingt die Generalprobe, soll das angeblich ein gutes Zeichen für die Premiere sein. Doch wenn schon der Testlauf das Leben von fast 750 Menschen kostet, dann ist das keine wirklich beruhigende Aussicht für die Erstaufführung.

Nie zuvor hatte es ein gr??eres amphibisches Unternehmen gegeben als die ?Operation Overlord“ . Dagegen verblassten alle Landungen von US-Marines beim ?Inselspringen“ durch den Pazifik ebenso wie die erfolgreichen Invasionen in Nordafrika, Sizilien und Süditalien. Denn in der Normandie mussten Anfang Juni 1944 in nur 20 Stunden so viele Soldaten, Panzer, Kanonen und anderes Kriegsger?t gelandet werden, dass der sicher zu erwartende Gegenschlag der Wehrmacht aufgehalten werden würde.

Dwight D. Eisenhower, der Oberbefehlshaber der alliierten Truppen im ?European Theatre of World War II“, wusste genau: Eine zweite Chance für eine Invasion Frankreichs würde es 1944 nicht geben. Falls also die Landung in der Normandie fehlschlug, würde sich der Krieg um mindestens ein Jahr verl?ngern – mit unabsehbaren Folgen.

Gro? angelegte übung

Deshalb wollte der US-General ganz sicher gehen. Er unterstützte den Vorschlag des britischen Strategen Frederick E. Morgan, der seit M?rz 1943 die Invasionsvorbereitungen leitete, gro? angelegte übungen stattfinden zu lassen, um die Abl?ufe zu erproben.

Mit dem sanft geschwungenen Strand nord?stlich des Dorfes Slapton in Devon war schnell ein geeigneter, der Normandie sehr ?hnlicher Küstenabschnitt gefunden. Die Bewohner des Dorfes und der n?heren Umgebung wurden umgesiedelt und Slapton Sands zum gr??ten übungsareal der Invasionstruppen gemacht.

Seit Ende 1943 hatte es immer wieder kleinere und gr??ere übungen gegeben, aber für April und Mai 1944 war die Generalprobe geplant. Teil dieser Serie von Probelandungen war die ?Exercise Tiger“ vom 22. bis 30. April, bei der die Landung auf dem US-Strandabschnitt ?Utah“ in der Normandie getestet werden sollte.

Bekannte Gefahr

Insgesamt acht Panzerlandungsschiffe sollten am frühen Morgen des 28. April ihre Ladung am Strand absetzen. Am Vortag hatte das gut geklappt, doch dann kam es zur Katastrophe. Dabei hatte der Befehlshaber der ?Exercise Tiger“, Konteradmiral Don P. Moon, eigentlich alle Vorbereitungen zur Absicherung getroffen: Um die deutsche Schnellbootflottille zu kontrollieren, die von Cherbourg aus im Kanal patrouillierte, waren mehrere Zerst?rer und Vorpostenboote im Einsatz – allerdings nur am 27. April.

In der folgenden Nacht fuhren die acht vergleichsweise langsamen, jeweils rund 120 Meter langen Landungsschiffe zusammen mit einer Korvette als Geleitschutz durch die Bucht von Lyme auf das Zielgebiet zu. Die Koordination in dieser Nacht war schlecht, was einen regen Funkverkehr zur Folge hatte. Den wiederum die deutschen Schnellboote auffingen.

Bald nach Mitternacht am 28. April n?herten sich neun S-Boote mit reduzierter Geschwindigkeit ihrem Ziel. Sie konnten die abgedunkelten Schiffe nicht identifizieren, glaubten aber, Zerst?rer vor sich zu haben – eine gef?hrliche Situation, denn diese Schiffe waren zwar langsamer, aber gut bewaffnet. Trotzdem griffen die S-Boote an.

Treffer um zwei Uhr morgens

Der erste Torpedo schlug, genau um 2.02 Uhr morgens, im Panzerlandungsschiff LST-507 ein, das in Brand geriet und liegen blieb. Eine Viertelstunde sp?ter traf ein weiterer Torpedo das LST-531, das in die Luft flog. Einen dritten Treffer erzielten die Schnellboote auf LST-289.

Auf den drei gro?en Landungsschiffen spielten sich verheerende Szenen ab. Weil die Soldaten an Bord nicht mit Rettungswesten und Notfl??en vertraut waren, ertranken mehr als 500 M?nner im noch eiskalten Wasser. Aber auch fast 200 Seeleute, vor allem der US Navy und der Küstenwache, kamen ums Leben. Am Ende registrierte Admiral Moon 749 Tote oder Vermisste.

Nach ihren schnellen Angriffen zogen sich die S-Boote zurück. Die britische Korvette funkte auf einer anderen Frequenz als die US-Schiffe, so dass die Abwehr nicht effizient gesteuert werden konnte. Die fünf übrigen Schiffe brachen die übung ab und versuchten, die Schnellboote zu zerst?ren, was aber nicht gelang.

Sorgen um Geheimhaltung

Vergeltung für den Angriff war dabei nur ein Grund. Auf den drei getroffenen Landungsschiffen hatten sich insgesamt zehn alliierte Offiziere befunden, die mit Details der geplanten Landungen in der Normandie vertraut gewesen waren. Alle wurden nach dem deutschen Angriff vermisst. Moon fürchtete wie bald auch Eisenhower und Morgan, einige von ihnen k?nnten von den Deutschen gefangen genommen worden sein und eventuell die Pl?ne für die Invasion verraten.

In den folgenden Wochen wurde deshalb die franz?sische Küste beiderseits von Bayeux besonders aufmerksam von britischen Kampfschwimmern beobachtet. Würden die Abwehrstellungen verst?rkt? Und um nicht abermals einen Fehler zu machen, schickte der Special Boat Service weitere überwachungstrupps zum Pas de Calais, um die Deutschen glauben zu machen, hier würde die eigentliche Invasion stattfinden.

Aus demselben Grund ver?ffentlichte das alliierte Oberkommando zun?chst kein Wort über die Schlacht in der Bucht von Lyme. Mindestens fünf Wochen lang musste das Geheimnis gewahrt bleiben, dass bei den K?mpfen in der Bucht eine Landungsübung schwer getroffen worden war. Auch die Angeh?rigen der Toten erfuhren nicht, was mit ihren Lieben geschehen war; die Kreuze auf dem ersten, provisorischen Soldatenfriedhof trugen zun?chst nur Nummern, erst sp?ter Namen der Beigesetzten.

Selbstmord des Befehlshabers

Erst im Juli 1944, als die Invasion geglückt und ein Teil Nordfrankreichs bereits befreit war, berichtete die US-Truppenzeitung ?Stars and Stripes“ von dem Desaster in der Bucht von Lyme. Allerdings waren die Verluste bei den K?mpfen in der Normandie so hoch, dass der Tod von 749 M?nnern bei der übung in Vergessenheit geriet.

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Geheim gehalten wurde das Desaster dennoch fortan nicht, auch wenn ein britischer Privatforscher das immer wieder behauptet hat. In den Memoiren von beteiligten Offizieren kam es ebenso vor wie in den offiziellen Kriegsgeschichten der US-Armee. Ein offizielles Denkmal aber gibt es nicht, weil die amerikanische Kriegsgr?berkommission nur Friedh?fe betreut und keine sonstigen Gedenkst?tten. Inzwischen erinnern eine private Initiative und mehrere Websites an die tragisch misslungene Generalprobe.

Auch der Selbstmord von Admiral Moon am 5. August 1944 hatte wohl nichts mit dem Fehlschlag der ?Exercise Tiger“ zu tun. Der Seeoffizier, gerade 50 Jahre alt geworden, leitete nach dem Fehlschlag Ende April erfolgreich die Landung am Strand ?Utah“ und wurde danach als Fachmann ins Mittelmeer versetzt, um dort die Invasion an der C?te d’Azur zu befehligen. Vermutlich wegen akuter Ersch?pfung erschoss er sich zehn Tage zuvor mit seiner Dienstwaffe. Da war aber die entscheidende Premiere, die Invasion in der Normandie, l?ngst nahezu perfekt gelungen.

Dieser Artikel wurde erstmals 2014 ver?ffentlicht.

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