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Zweiter Weltkrieg Invasion 1944

?Hitler sehnte die alliierte Landung herbei“

W?hrend der Diktator auf Sieg setzte, hatte US-Oberbefehlshaber Eisenhower die Entschuldigung für sein Scheitern bereits formuliert. Ein Gespr?ch mit dem Milit?rhistoriker Peter Lieb über den D-Day.
| Lesedauer: 5 Minuten
Leitender Redakteur Geschichte

Im Frühsommer 1944 war überall in Europa klar, dass die Entscheidungsschlacht kurz bevorstand. Hitler und seine Gener?le wussten, dass die Alliierten mehrere Millionen Mann in Südengland zusammengezogen hatten – sie wussten nur nicht, wann und wo deren Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower zuschlagen würde. Das ?Wo“ war dagegen in London und Washington bekannt – in der Normandie. Das ?Wann“ aber lag in den H?nden der Meteorologen.

Kein deutscher Historiker hat sich ?hnlich intensiv mit der Invasion in der Normandie besch?ftigt wie Peter Lieb, der als Senior Lecturer Milit?rgeschichte an der britischen Offiziersakademie Sandhurst bis 2015 unterrichtete. Bei C. H. Beck erschien 2014 sein Buch ?Unternehmen Overlord“.

Die Welt: Wie war Hitlers Stimmung vor der alliierten Invasion – eher furchtsam oder erwartungsvoll?

Peter Lieb: Hitler sehnte diese Landung f?rmlich herbei. Als er die Nachricht davon erhielt, soll er in ?sterreichischem Dialekt freudig ?Oganga is!“ ausgerufen haben. Er hoffte, nach einer erfolgreichen Abwehr der Invasion die freigewordenen Truppen an die Ostfront werfen zu k?nnen. Es war für Hitler die Entscheidungsschlacht des Kriegs. In seiner milit?rischen Gedankenwelt dominierte 1944 folglich die Westfront und nicht die Ostfront.

Die Welt: Und wie sicher waren sich die Alliierten, dass ihre Landung in der Normandie gelingen würde?

Lieb: Bereits der preu?ische Milit?rtheoretiker Carl von Clausewitz wusste, dass der Krieg stets von Unw?gbarkeiten gekennzeichnet ist. Auch Eisenhower hatte kurz vor dem D-Day ein ungutes Gefühl wegen der schlechten Wetterprognose. Insgeheim hatte er sogar schon ein Pressestatement für den Fall eines Scheiterns der Landung verfasst. Im Nachhinein betrachtet aber war der Sieg der Alliierten vorprogrammiert – zu gro? war ihre personelle und materielle überlegenheit.

Die Welt: Waren denn ernsthafte Alternativen zu den Str?nden der Normandie erwogen worden?

Lieb: Eigentlich gab es geografisch nur zwei Optionen: Den Pas-de-Calais oder die Normandie. Zwar bot der Pas-de-Calais den kürzesten Weg über den ?rmelkanal, ein gutes Sprungbrett für einen Vorsto? ins Ruhrgebiet sowie geeignete Landungsstr?nde. Doch es fehlten gr??ere H?fen für den Nachschub. Zudem vermuteten die Deutschen genau hier am Pas-de-Calais die Landung. Das überraschungsmoment w?re also verloren gegangen. Deshalb legten sich die Alliierten bereits in ihren ersten Planungen 1941/42 auf die Normandie fest.

Die Welt: In Büchern und Filmen über die Invasion, zum Beispiel ?Der l?ngste Tag“, wird immer wieder dargestellt, wie Résistance-K?mpfer in den ersten Juni-Tagen 1944 durch verschlüsselte Radiobotschaften aus London den Befehl zu Sabotageaktionen bekamen. Fand das tats?chlich so statt?

Lieb: Ja, diese Botschaften gab es. Nach alliierten Planungen sollte die Résistance vier Auftr?ge erfüllen: die Sprengung von Eisenbahnlinien, die Sabotage von Funkstationen und Fernsprechkabeln, die Zerst?rung von Stromleitungen und direkte Angriffe auf die Besatzungstruppen. Allerdings waren diese Aktionen oft schlecht koordiniert, sowohl innerhalb der Résistance als auch mit den Alliierten.

Die Welt: Welche Rolle spielte die Résistance überhaupt im Vorfeld der Invasion? Sie haben das Standardwerk über die Partisanenbek?mpfung in Frankreich 1943/44 verfasst ...

Lieb: Vor dem 6. Juni 1944 lieferte die Résistance dem alliierten Nachrichtendienst viele Informationen über den Feind, etwa über Truppenbewegungen oder die genaue Position von Bunkeranlagen. Auch verhalf sie abgeschossenen Piloten zur Flucht. Milit?risch war die Résistance allerdings eher unbedeutend. Selbst drittklassigen deutschen Einheiten war sie nicht gewachsen. Die Alliierten lieferten zwar Waffen, vernachl?ssigten die Résistance ansonsten aber. Sie erschien politisch und milit?risch als unzuverl?ssig.

Die Welt: Durch die Landung der Alliierten in der Normandie wurde ein bis dahin kaum vom Krieg beeintr?chtigtes Gebiet zum Schlachtfeld. Wie reagierte die einheimische Bev?lkerung darauf?

Lieb: Heute wehen zahllose amerikanische, britische und kanadische Fahnen in der Normandie. 1944 sah das Bild aber anders aus. Die massiven alliierten Bombardements auf Verkehrsknotenpunkte im direkten Hinterland führten zu ?Kollateralsch?den“. Etwa 18.000 franz?sische Zivilisten starben w?hrend der K?mpfe, Tausende H?user fielen in Schutt und Asche. Das Verh?ltnis zwischen Befreiern und Befreiten war daher meist kühl, ja in einigen F?llen stand die Bev?lkerung sogar den deutschen Truppen positiv gegenüber.

Die Welt: Es ist der Wehrmacht nicht gelungen, die Alliierten gleich am ersten Tag der Invasion ?zurück ins Meer zu treiben“, wie Erwin Rommel das angestrebt hatte. War damit die Niederlage der Wehrmacht bereits besiegelt?

Lieb: Rommels interner Gegenspieler Leo Geyr von Schweppenburg wollte mit Panzerkr?ften die Schlacht im Inneren Frankreichs schlagen. Rommel wusste aber aus Nordafrika, dass dies wegen der alliierten Luftüberlegenheit nicht m?glich sein würde. Aber auch sein Verteidigungskonzept h?tte nur bei einer Kette von günstigen Umst?nden eine kleine Chance auf Erfolg gehabt. Dazu h?tten die Deutschen aber erst einmal Ort und Zeitpunkt der Landung genau vorhersehen müssen. Und in beiden F?llen lagen sie falsch, auch Rommel.

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Die Welt: In den USA gelten die amerikanischen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg gek?mpft haben, nach dem Titel eines Buches des NBC-Journalisten Tom Brokaw als ?the greatest generation“. Ist das nachvollziehbar?

Lieb: Zweifellos. Die alliierten Soldaten k?mpften für Recht und Freiheit. Sie besiegten ein zutiefst verbrecherisches Regime, und viele von ihnen gaben hierfür ihr Leben hin. Allerdings: Auch alliierte Soldaten begingen Kriegsverbrechen. Sie plünderten und ermordeten deutsche Kriegsgefangene, allen voran Soldaten der Waffen-SS. Insgesamt unterschieden sich alliierte Soldaten und Soldaten der Wehrmacht in der Normandie weniger darin, wie sie k?mpften, sondern wofür sie k?mpften.

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Dieser Artikel wurde erstmals 2014 ver?ffentlicht.

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