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Zweiter Weltkrieg Kapitulation 1945

?Nur der Sieg der Alliierten hat die Deutschen befreit“

Niederlage, Untergang oder Befreiung: über die Bedeutung des 8. Mai 1945 wird auch ein Dreivierteljahrhundert sp?ter gestritten. J?rg Hillmann, der oberste Milit?rhistoriker der Bundeswehr, kl?rt auf.
| Lesedauer: 6 Minuten
Leitender Redakteur Geschichte
1945 – Der Untergang des Dritten Reiches

Die Westalliierten erobern das Ruhrgebiet, die Rote Armee st??t auf Berlin vor. Hitler befiehlt die Vernichtung der deutschen Infrastruktur und begeht in seinem Berliner Bunker Selbstmord. Es folgt die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht.

Quelle: WELT

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Auch wenn Corona-bedingt die meisten Veranstaltungen in diesem Jahr ausfallen: Der 8. Mai 2020 ist in der Bundeshauptstadt Berlin offizieller Feiertag, als ?Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus“. Das ist eine deutliche Anleihe des rot-rot-grünen Senates an den in der DDR gefeierten ?Tag der Befreiung“. Andererseits hatte 1985 der damalige Bundespr?sident Richard von Weizs?cker im Bundestag vom ?Tag der Befreiung“ gesprochen. Allerdings hatte er hinzugesetzt: ?von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“.

Was markiert der 8. Mai 1945 nun genau? Natürlich mit der Kapitulation der Wehrmacht eine Niederlage. Aber zugleich auch den ?Untergang“ des Deutschen Reiches? Oder eben eine Befreiung? Und wenn ja – dann nur für den Westen Deutschlands? Von Berufs wegen Experte für diese Frage ist Kapit?n zur See J?rg Hillmann. Der 56-J?hrige ist seit 2017 Kommandeur des Zentrums für Milit?rgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) in Potsdam.

Kapit?n z. See J?rg Hillmann, Kommandeur des Zentrums für Milit?rgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam
Kapit?n z. See J?rg Hillmann, Kommandeur des Zentrums für Milit?rgeschichte und Sozialwissenschaft der Bundeswehr in Potsdam
Quelle: ZMSBw

WELT: Niederlage, ?Untergang“ und Befreiung – ist das mehr als ein Streit über Begriffe?

J?rg Hillmann: Zun?chst ist es eine Frage der Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg. Das Deutsche Reich ist 1945 untergegangen. Im Gegensatz zu 1918 hatten die Sieger das Reich vollst?ndig besetzt, Teile des Landes waren unwiederbringlich verloren. Die Alliierten übernahmen zugleich Regierung und Verwaltung. Sie, nicht die Deutschen sollten auf Jahre hinaus bestimmen, was m?glich war und was nicht. Viele St?dte waren im Bombenhagel auch physisch untergegangen: Sie lagen in Trümmern. Millionen Menschen lebten zudem nicht mehr: Millionen Soldaten waren an den Fronten gefallen, Millionen Zivilisten Opfer der K?mpfe geworden.

WELT: Also ein ?Untergang“ ...

?Der Untergang“

?Der Untergang“ basiert vor allem auf dem gleichnamigen Werk des Historikers Joachim Fest und den Erinnerungen von Hitlers damals 25-j?hriger Privatsekret?rin Traudl Junge. 2005 wurde der Film für einen Oscar nominiert.

Quelle: Constantin Film

Hillmann: Aus der Sicht der Milit?rs war dieser ?Untergang“, der überall sichtbar war, eher eine Niederlage. Anders als 1918 war die Wehrmacht tats?chlich auf dem Schlachtfeld besiegt worden. Das ?schmerzte“ viele, und manche der Verantwortlichen haben, alten Ehrvorstellungen folgend, aber auch, um sp?ter nicht für ihre Mitwirkung an diesem verbrecherischen Krieg zur Rechenschaft gezogen zu werden, den Selbstmord vorgezogen.

WELT: Aber auch eine Befreiung?

Hillmann: Für viele andere war es eine Befreiung. Das galt zun?chst für die Millionen Menschen in den bis zum Schluss besetzten Gebieten, dann für die vielen Tausenden in den Konzentrationslagern, in denen bis zum Schluss weiter gemordet wurde. Es galt für die Millionen Kriegsgefangenen, die unter unmenschlichen Bedingungen in Lagern lebten, und die unz?hligen Menschen, die zur Zwangsarbeit ins Reich verschleppt und brutal ausgebeutet worden waren.

ARCHIV - 09.05.1945, Frankfurt-Archiv: Feldmarschall Wilhelm Keitel, Oberkommandierender der Wehrmacht (1938-45), unterschreibt in Berlin-Karlshorst die Kapitulations-Urkunde der deutschen Wehrmacht. In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 unterzeichnete Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel mit anderen Wehrmachtsoffizieren die Kapitulation im Zweiten Weltkrieg. Foto: picture alliance / dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Die Wiederholung: Am 9. Mai 1945 gegen 0.15 Uhr unterschreibt in Berlin-Karlshorst Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel die Kapitulation der Wehrmacht
Quelle: dpa

WELT: Und wie war es mit den Deutschen?

Hillmann: Auch viele Deutsche haben das Ende des Krieges als Befreiung empfunden – selbst wenn die Ausgebombten und die Flüchtlinge sicherlich eine andere ?Befreiungsstimmung“ hatten als jene, die relativ glimpflich davongekommen waren. Hinzu kommen aber auch regionale Unterschiede. Denken wir an westdeutsche Kleinst?dte und vergleichen diese mit denen, die von der Roten Armee ?befreit“ wurden. Von der v?llig zerst?rten Stadt Berlin will ich hier gar nicht sprechen.

WELT: Welche Rolle spielte der 8. Mai 1945 bei all dem?

Hillmann: Zweifellos markiert für uns ?Nachgeborene“ die Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 7. Mai in Reims und dann am 8./9. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst die ?Tage der Befreiung“. Aber ich füge hinzu: Regional müssen wir differenzieren – befreit, und zwar real befreit wurde auch schon zeitlich früher, oder sogar sp?ter.

ARCHIV - 07.05.1945, Frankreich, Reims: Am 7. Mai 1945 um 02.41 Uhr unterzeichnet Generaloberst Alfred Jodl (M) in einem Schulhaus in Reims die Urkunde über die bedingungslose Kapitulation Deutschlands. Links sein Adjudant Oberst Wilhelm Oxenius, rechts Admiral Hans Georg von Friedeburg. Alle Kampfhandlungen sollten am 8. Mai 24.00 Uhr eingestellt werden. (zu dpa Eine Woche im Mai - vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg) Foto: dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Die eigentliche Kapitulation: Am 7. Mai 1945 um 02.41 Uhr unterzeichnet Generaloberst Alfred Jodl (M) in Reims die Urkunde über die bedingungslose Kapitulation
Quelle: dpa

WELT: Kommen wir zurück auf die Ausgangsfrage – mehr als ein Streit über Begriffe?

Hillmann: Wer ?Untergang“, Niederlage und Befreiung vor diesem Hintergrund absichtlich gegeneinander ausspielt, das Leid der Deutschen mit dem Leid anderer ?verrechnet“, der übersieht ein wichtiges Ergebnis der Niederlage: Nur der Sieg der Alliierten hat die Deutschen von der Herrschaft eines Regimes befreit, das ganz allein für einen brutalen Raub-, Eroberungs- und Vernichtungskrieg, millionenfachen Mord und die Zerst?rung Europas verantwortlich war. Viele Deutsche waren bei der Vorbereitung und Führung des Krieges beteiligt gewesen; nur wenige hatten den Mut zu aktivem Widerstand.

WELT: Am 8. Mai 1945 trat um 23 Uhr die Gesamtkapitulation der Wehrmacht in Kraft. Was bedeutet so ein Akt aus milit?rischer Sicht?

Hillmann: Die Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation in Berlin-Karlshorst am 8. Mai zog sich bis weit nach Mitternacht hin und wiederholte ja nur die bereits erfolgte Unterzeichnung vom 7. Mai in Reims. All das zeigt die Problematik und Komplexit?t eines solchen Aktes. Erst danach konnten die entsprechenden Befehle an die Truppe erlassen werden. Das dauerte Zeit, und es dauerte auch Zeit, bis die Truppe diese Befehle erreichten. Wir müssen uns vergegenw?rtigen, dass ja gr??tenteils die Fernmeldem?glichkeiten nicht mehr funktionierten. All das erkl?rt, warum an entlegenen Orten noch weitergek?mpft wurde: Weil man dort schlicht nicht wusste, dass der Krieg vorbei war.

ARCHIV - Bundespr?sident Richard von Weizs?cker h?lt seine vielbeachtete Rede im Bonner Bundestag am 8.5.1985 w?hrend der Feierstunde zum Ende des 2. Weltkrieges vor 40 Jahren. Von Weizs?cker ist am 31.01.2015 im Alter von 94 Jahren gestorben. In Berlin gibt es am 11.02.2015 einen Staatsakt für Richard von Weizs?cker. Foto: Egon Steiner/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Bundespr?sident Richard von Weizs?cker im Bonner Bundestag am 8. Mai 1985
Quelle: picture alliance / dpa
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WELT: Als Richard von Weizs?cker 1985 vom ?Tag der Befreiung“ sprach, erntete er dafür viel Kritik. Haben Sie das seinerzeit nachvollziehen k?nnen?

Hillmann: Ja, er erntete dafür viel Kritik, und ich konnte diese damals auch ein Stück weit nachvollziehen. Da waren viele Emotionen im Spiel, die aus regional unterschiedlichen Wahrnehmungen resultierten. Die Themen Zerst?rung der St?dte, Vertreibung und Kriegsgefangenschaft waren noch immer in den K?pfen der Menschen. Sicher spielte es auch eine Rolle, dass damit eine gewisse N?he zu der Feiertagskultur in der DDR erkennbar wurde. Wir sprechen von 1985. Das waren g?nzlich andere Zeiten. Zudem wussten wir damals bei Weitem noch nicht so viel über das Ausma? des NS-Terrors oder die Rolle der Wehrmacht wie heute.

WELT: Also eine verst?ndliche Reaktion ...

ARCHIV - 05.04.2020, Berlin: Das Deutsch-Russische Museum in der Waldowallee in Berlin-Karlshorst. Generalfeldmarschall Keitel, Oberkommandierender der Wehrmacht (1938-45), unterzeichnete hier am 9. Mai 1945 die Kapitulation der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Zahlreiche Ausstellungsobjekte und Dokumente erinnern in dem Geb?ude an das historische Ereignis. (zu dpa Eine Woche im Mai - vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg) Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Das Deutsch-Russische Museum in Berlin-Karlshorst
Quelle: dpa

Hillmann: Ich m?chte aber auch unterstreichen, dass er für seine Rede viel Anerkennung und Lob erhalten hat. Von Weizs?cker ist meines Erachtens dem nachgekommen, was wir als Bürgerinnen und Bürger von unserem Bundespr?sidenten erhoffen: Dass er sich in einer gesellschaftspolitisch relevanten Frage deutlich positioniert und auf diese Weise an der politischen Willensbildung prominent teilnimmt. Immerhin gilt die Rede heute allgemein als eine der bedeutendsten politischen Reden in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

WELT: Heute, gut eine Generation sp?ter, würde es wohl au?er von Rechtsextremisten keine Kritik mehr an dieser Rede geben, oder?

Hillmann: Ich glaube, dass der Gro?teil der Bev?lkerung an dieser Rede heutzutage keine Kritik mehr üben würde. Es gibt allerdings leider Kreise, die die NS-Zeit verharmlosen und die Wehrmacht wieder in ein besseres Licht stellen wollen. Umso wichtiger erscheint mir weiterhin die Aufkl?rung über die Verbrechen des Regimes. Als Zentrum für Milit?rgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr leisten wir dazu unseren Beitrag, wo immer m?glich.

In diesem Podcast des ZMSBw diskutieren Oberstleutnant John Zimmermann und Peter Lieb über das Kriegsende 1945, seine Wahrnehmungen und historischen Deutungen. Moderiert wird das Gespr?ch von J?rg Hillmann.

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