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ZU TISCH Flüssiges Gold

Warum Griechen ohne Honig nicht leben k?nnen

| Lesedauer: 8 Minuten
Die hexagonale Strenge, die sich über das Wabenr?hmchen spannt, ist für den Autor eine der regelm??igsten und sch?nsten Formen Die hexagonale Strenge, die sich über das Wabenr?hmchen spannt, ist für den Autor eine der regelm??igsten und sch?nsten Formen
Die hexagonale Strenge, die sich über das Wabenr?hmchen spannt, ist für den Autor eine der regelm??igsten und sch?nsten Formen
Quelle: Unsplash/ Wolfgang Hasselmann
Honig als k?stliche Erinnerung an den Sommer: Unser Autor Nicolas Niarchos erkl?rt, warum Griechen ganz verrückt nach der bernsteinfarbenen Flüssigkeit sind – und was wir von Bienen lernen k?nnen.

Als Paolina und Julian (Leccese und Taffel, Gründer des Labels Leorosa, Anm. d. Red.) mich dieser Tage anriefen, um über Uniformen und ihre neue Kollektion zu sprechen, dachte ich gleich an Bienen. Warum ausgerechnet Bienen? An meiner Umgebung konnte es jedenfalls nicht liegen (ich sa? in einem Londoner Taxi, monoton wogten die Atemschutzmasken wie unheilverhei?ende kleine Segel auf dem Styx die Euston Road auf und ab), auch nicht an meiner mentalen Befindlichkeit (ich hatte weder Honig gegessen, noch war ich an dem Tag oder an den Tagen zuvor von einem Insekt gestochen worden), und anscheinend lag es nicht einmal am Thema, um das es gerade ging (schlie?lich wecken Uniformen in mir die eher ungute Erinnerung an den tristen Look der Jugend in Middlesex, pausb?ckige, aus Nylonkragen ragende Teenie-Pfannkuchengesichter mit schwarzen Trauerkrawatten in memoriam eines vor langer Zeit verstorbenen Monarchen).

Besagte Bienen waren Honigbienen, und zwar die Honigbienen, die sich in den letzten Jahren in der N?he meines Elternhauses angesiedelt haben. Im Sommer ernten wir zu verschiedenen Zeiten den Honig aus den Bienenst?cken, und dabei hilft uns Anargyros, ein Imker mit stattlichem Schnurrbart. Wir füllen den Honig in Gl?ser, die wir dann in Schr?nke stapeln und die dann wohl, wenn sie Glück haben, mit Freunden um die halbe Welt reisen. Anargyros ist eigentlich ein Typ mit Stentorstimme. Spricht man ihn aber auf das Thema Bienen an, ger?t er ins Schw?rmen über seine Geliebten (also die Bienen). Einmal bin ich ihm zuf?llig morgens um vier vor einem Nachtclub begegnet. Er im Haifischkragenhemd mit Wabenmuster, hinter ihm auf dem Motorroller seine Freundin eng an ihn geschmiegt. Und da begann er spontan, sich über die relativen Vorzüge von Salbei- und Thymianhonig auszulassen.

In meinem Cottage am Meer gibt es ein Regal, das von Honig aus allen Regionen Griechenlands überquillt: gro?e Gl?ser, kleine Gl?ser, produziert aus dem Blütennektar von Pinie, Heidekraut, Salbei, Thymian, (ein lila blühendes thymian?hnliches Kraut, das auf Deutsch den ziemlich langweiligen Namen Sommer-Bohnenkraut hat und dessen Aroma die Inselbewohner angeblich ganz sexversessen macht). Wo immer ich auf Reisen hinkomme, suche ich nach Honig. In meiner Sammlung gibt es Gl?ser, die kommen von Nachfahren der Bergr?uber in Mani, von den M?nchen auf dem heiligen Berg Athos und von Anarchokommunisten auf der gebirgigen Insel Ikaria.

Wie Honig das legend?re Sommerlicht einf?ngt

Griechen sind ganz verrückt nach Honig. Er ist in fast allen griechischen Nachspeisen, wir l?ffeln ihn gern zum Frühstück ins Joghurt, aber er hat auch etwas geradezu Mythisches. Ein Freund hat kürzlich für seine Mutter 14 Kilo von dem Zeug auf der Insel Sikinos bei einem Priester gekauft, der sich im Winter t?glich von Bienen stechen l?sst, um seine Immunit?t gegen den Stichschmerz bis zur Sommerernte aufrechtzuerhalten. Dieser Freund erz?hlte mir, der Taxifahrer habe bei seiner Abreise von der Insel seine Sachen in den Kofferraum des Wagens gewuchtet und ihn gefragt, was denn in der schweren Kiste sei. Auf die Erkl?rung habe der Fahrer gel?chelt: ?Ah, dann ist also Ihr ganzes Gold da drin.“

Gold, wie wahr. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, wie Honig das Licht einf?ngt, dieses legend?re Sommerlicht, das die Griechen mindestens seit Homer preisen und weshalb Jahr für Jahr die Menschen ins Land str?men, um darin zu baden. Licht, gefangen in bernsteinfarbener Flüssigkeit, deren Sü?e die Energie der Sonne ist, verwandelt mittels Pflanze und Insekt und dem endlosen Summen und Schwirren zwischen beiden.

Aber ich bin von meinem ursprünglichen Thema ?Uniform“ abgedriftet. Also wo findet sich jetzt die Gleichf?rmigkeit in dieser ausufernden Betrachtung über Honig? Und was haben die ganzen Bienen damit zu tun? ?Das Uniforme der Bienenj?ckchen?“, kam Julians Frage, als wir an dem Tag telefonierten. Ja, doch. Da gibt es einen gewissen imaginativen Raum, in dem ich die Bienen sehe, artig in einer Reihe nebeneinander, vielleicht in einer Fabrik, pr?zise an ihrem Produkt arbeitend.

Die Uniformit?t von Bienenj?ckchen ist eher eine Illusion

Cartoonbienen, die ich in Gedanken zeichne, wie aus Angela Banners ?Ant and Bee“, einer popul?ren Kinderbuchreihe (zumindest in Gro?britannien zwischen den 50ern und 70ern), in der zwei Figuren, eine Ameise namens Ant und eine Biene namens – Sie haben es erraten – Bee, alle m?glichen Abenteuer bestehen. Bee, mit Schirm und so einem kleinen roten Pilgerhut, ist die vernünftige Gegenfigur zur etwas albernen Ant. Bee fliegt auch oft mit Ant auf dem Rücken von Ort zu Ort, von wo aus sie ihre verschiedenen Unternehmungen starten. Wenn meine Mutter mir als Kind aus diesen Büchern vorlas, konnte ich meine Aufregung kaum verbergen bei der Vorstellung, auf dem Rücken einer Biene zu fliegen, mich an ihr schwarz-gelb gestreiftes J?ckchen zu klammern.

Aber so geht das wirklich nicht. Ich bin schon wieder in die Fantasiewelt abgedriftet und rede tats?chlich darüber, wie ich auf dem Rücken einer Biene herumfliege. Ich denke, es geht mir darum, dass die Uniformit?t von Bienenj?ckchen eher eine Illusion ist. Als ich Mitte Juli dieses Jahres mit Anargyros in den Bienenstock sp?hte, war der Kontrast zwischen den akkuraten gelb-schwarzen Streifen der Cartoonbienen meiner Phantasie und den wuselnden wogenden Massen von braunen und tiefbraunen Wesen sehr deutlich zu sehen.

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A honeycomb in a pool of honey Getty ImagesGetty Images
Bienenstock oder Stahltank?

Immer wieder drehte Anargyros ein wimmelndes Wabenr?hmchen in der Sonne um, und dann fanden wir die K?nigin, gr??er und abgesetzt von den anderen durch eine gl?nzendere dunklere Uniform. Aha! Ein Punkt für mich! Denn hier haben wir die Uniform und eine ihrer Funktionen. Der Unterschied in der Kleidung (vielleicht ist Zeichnung hier das bessere Wort) markiert – und ich sage das erst, nachdem ich in der Enzyklop?die nachgeschlagen habe – das polyandrische dominante Weibchen. Mit anderen Worten, das ist die eine, die alle Drohnen haben wollen, obwohl das Schicksal der Drohne letztlich ein trauriges ist: Wenn das M?nnchen sein Sperma erfolgreich bei der K?nigin abgeliefert hat, f?llt es, das so kurz zuvor noch von der ganzen Vitalit?t des Schwarms erfüllt war, erstarrt zu Boden und stirbt.

Beekeeper holding bees and honeycomb
Ein Imker bei der Arbeit
Quelle: Getty Images/Anthony Lee

Wir werden oft mit Informationen über den unmittelbar bevorstehenden Niedergang der Bienen bombardiert, der allerdings nichts mit dem postkoitalen Tod zu tun hat. In der U-Bahn begegnen wir urbanen Imkern, die sich mit Ellenbogen Platz verschaffen für ihre Wabenr?hmchen, aus denen bald der Honig tropfen wird, und in den Abendnachrichten h?ren wir manchmal von Bienen, die von Funkstrahlung in die Irre geführt oder von Pestiziden vergiftet werden. Ich selbst habe mal ein paar besonders glückliche Stunden als angehender Journalist im botanischen Garten Kew Gardens im Süden Londons verbracht und einen kurzen Film über ein Wiedereinführungsprogramm für Bienen gedreht. Die Wissenschaftler, die ich interviewte, schüttelten die grauen H?upter und verkündeten sorgenvoll den Untergang dieser seltenen Spezies. Auf einer Onlineliste der besten Bücher über Bienen geh?ren die ersten fünf Pl?tze Büchern über das Verschwinden der pelzigen Honigmacher.

Es w?re eine traurige Welt, wenn alle Bienen stürben

Wie Sie vielleicht schon wissen, hei?t es da, würde sich das Leben, wie wir es kennen, unwiderruflich ver?ndern, wenn die Bienen verschw?nden. Ein Artikel auf der Webseite der Encyclopaedia Britannica drückt es so aus: ?Verfügbarkeit und Diversit?t frischer Produkte würden betr?chtlich abnehmen“, und zahlreiche Arten h?tten Probleme, Futter zu finden, wenn die etwa 20.000 Bienenarten aussterben würden. Bemerkenswert ist, dass der Autor des Artikels (mit dem Titel: ?What Would Happen If All The Bees Died?“, falls es Sie interessiert) beteuert, es werde im Fall eines Bienenarmageddons keine Massenhungersnot geben. Andere, mit denen ich sprach, prophezeiten eine bevorstehende Apokalypse.

Was auch immer passiert, es w?re eine traurige Welt, wenn alle Bienen stürben. Darüber dachte ich nach, als Anargyros an jenem Julimorgen die Wabenr?hmchen aus den Bienenst?cken zog. Das war ganz gewiss keine uniforme Menge – um zu unserem Thema zurückzukehren –, doch als Anargyros sie mit Rauch benebelte, (und mit ?sie“, ich wiederhole es, meine ich eine wimmelnde undefinierbare Masse von braunem Leben), beobachtete ich durch den Schleier meiner Imkerschutzkleidung die unglaubliche Uniformit?t, die die brodelnde Insektenmasse verborgen hatte: über das R?hmchen spannte sich ein w?chsernes Netz hexagonaler Strenge.

Diese Form ist für mich eine der regelm??igsten und sch?nsten Objekte auf diesem Planeten, deren schiere Schlichtheit wir nur in den Werken der f?higsten menschlichen Künstler und Architekten in Andeutungen erkennen. Anargyros lie? einen Finger über eine Reihe dick und braun überkrusteter Sechsecke gleiten. Dann bedeutete er mir, ich solle es ihm nachtun. Das tat ich. Die Kruste zersprang sü? und feucht, und ich leckte den frischen Honig von meinem Finger.

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Als ich Paolina und Julian vorschlug, über Bienen zu schreiben, dachte ich wohl ursprünglich daran, dass diese uniforme Struktur, dieses Netz, dieser stets k?stliche Honig aus einer Masse hervorgeht, die vielf?ltig und ver?nderlich ist. Form aus Chaos. Dieses Oszillieren zwischen den beiden Polen – Uniformit?t und Kakophonie, Farbe, Licht – ist der Sch?pfungszusammenhang, die Wandlung, in der sich der kreative Genius ereignen kann. Bei den Bienen ist es der Honig, der von ihren R?hmchen tropft. Und bei Leorosa – ja, genau! – da sind es Explosionen von Farbe und Freude, die ihre klassisch inspirierten Designs schmücken. Dabei f?llt mir ein: Damals in Middlesex trug ich in der Schule eine schwarze Krawatte aus Waffelstoff, nur um ein Zeichen der Abweichung zu setzen. Uniform, hier und da unterlaufen von Abstechern, ab und zu durchflutet von Eruptionen des Andersseins. Was ich sagen will: Ich glaube, das ist die beste Art von Uniform.

Niarchos ist Journalist beim US-Magazin ?New Yorker“. Dieser Text erschien in der Zeitschrift ?Leorosaworld“ des Modelabels Leorosa, das Paolina Leccese und Julian Taffel gegründet haben.

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