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Mode über Rudi Gernreich

?Kleine Gesten k?nnen alles ver?ndern“

| Lesedauer: 7 Minuten
Ressortleiter Stil
Sein Ziel war die Befreiung der Frau. Sein berühmtester Entwurf: der brustfreie Monokini Sein Ziel war die Befreiung der Frau. Sein berühmtester Entwurf: der brustfreie Monokini
Gernreichs Ziel war die Befreiung der Frau. Sein berühmtester Entwurf: der brustfreie Monokini
Quelle: Rudi Gernreich
In den 60ern stellte der Wiener Rudi Gernreich von Los Angeles aus die Mode auf den Kopf. Sein Ziel: die Befreiung der Frau. Hier erkl?rt der Designer Stefano Pilati, warum dessen Werk noch heute nachhallt.

Eine Ausstellung über die Modewelt ?sterreichs? Viel weniger absurd, als es klingt. Die Zeiten, in denen der Architekturrebell und Lifestyle-Dogmatiker Adolf Loos dem Herrenschneider Knize einen Laden baute und damit den Concept Store vorwegnahm, sind sehr lange her. Aber das Museum für angewandte Kunst Wien zeigte kürzlich, dass es immer wieder herausragende Talente gibt, etwa Helmut Lang (Neunziger), dem die aktuelle Mode die H?lfte ihrer Themen verdankt, oder Arthur Arbesser (heute), der hinrei?ende Kollektionen schneidert und bei dem es nur eine Frage der Zeit ist, bis eine gro?e Marke sein Potenzial erkennt.

Der Superstar der Ausstellung ?Show Off“ war allerdings Rudi Gernreich, dessen jüdische Familie in den 1930er- Jahren nach Amerika floh und der in den 1960ern mit futuristischen, geschlechter-vermischenden Konzeptklamotten wie ein Brandbeschleuniger des kulturellen Fortschritts wirkte.

Sein brustfreier Bikini, der Monokini, zeigte, dass das Schwert gegen die Sexualisierung des weiblichen K?rpers nicht Prüderie ist. Sondern radikale Freiheit. Vor einigen Jahren erwarb der Unternehmer Matthias Kind die Lizenz und knüpft mit wirklich originellen Kooperationen an das Erbe an.

Einer der Bewunderer Rudi Gernreichs ist Stefano Pilati, der als Designer und Kreativdirektor bei MiuMiu, Yves Saint Laurent und Ermenegildo Zegna arbeitete und zuletzt sein Label Random Identities gegründet hat. Hier erkl?rt er, was der Wiener, den es nach Kalifornien verschlug, heute noch bedeutet.

ICONIST: Um direkt ins warme Wasser zu springen: Wie sind Sie auf Rudi Gernreich gekommen?

Stefano Pilati: Das muss in den 90ern gewesen sein, als ich für Miuccia Prada bei MiuMiu gearbeitet habe. Er kam immer wieder als Referenz auf. Wir haben seine Designs nicht kopiert, das ist aus meiner Sicht sinnlos, aber sein Einsatz von geometrischen Mustern und seine Herangehensweise war spannend.

Ich habe nie Mode studiert. Alles, was ich wei? und kann, habe ich bei der Arbeit gelernt. Gernreich war Teil dieser Ausbildung. In den 80ern und 90ern war er noch nicht so weit weg. Beide Jahrzehnte waren modisch stark: das eine wegen seiner exuberance, das andere wegen seines Minimalismus. Und Gernreich war ein Minimalist.

Gernreich-Muse Peggy Moffit
Gernreich-Muse Peggy Moffit
Quelle: William Claxton/ courtesy Demont Photo Management

ICONIST: Warum ist er heute noch relevant?

Pilati: Er kam nicht aus der klassischen Mode-Ecke. Monsieur Saint Laurent, Hubert de Givenchy, all diese Leute waren gelernte Designer. Sie fingen an zu zeichnen, als sie zehn Jahre alt waren. Rudi Gernreich dagegen wollte ursprünglich Choreograph werden und fing als T?nzer an. Das war kein Nachteil, sondern ein Plus: Er verstand Kleider in Bewegung und die Funktionalit?t von Mode.

Aber was meinen Sie überhaupt mit Relevanz? Er ist Modegeschichte, und deshalb sollte ihn jeder kennen. Seine Techniken waren innovativ, die pr?zisen Schnitte, der Einsatz von Jacquard und Jersey. Was wir von ihm lernen k?nnen: Um eine Geschichte zu erz?hlen mit einem Stück Stoff, muss man genau wissen, was man sagen will. Natürlich hat er auch die Geschlechtergrenzen verwischt und den Unterschied zwischen Tag- und Abendgarderobe. Er hat die Kunst sich aufzubrezeln vereinfacht.

ICONIST: Sein allererster Job war Leichenw?scher. So wie Leonardo da Vinci bei seinen berühmten Besuchen in den Leichenschauh?usern von Florenz studiert er also die menschliche Anatomie sehr genau. Wie wichtig ist das für einen Designer?

Pilati: Das war seine Entscheidung, das w?re nicht unbedingt meine Strategie. Ich habe Anatomie bei den Anproben meiner Entwürfe gelernt. Und, ehrlich gesagt, beim Shopping. Du ziehst etwas an und schaust, was es mit dir macht, was der Unterschied ist zwischen einem hohen und einem niedrigen Hosenbund. Wenn man das zu seinem Beruf macht wie ich, merkt man, dass Mode ein umfangreiches Regelwerk ist. Warum muss ein Rock, der übers Knie geht, vier Finger übers Knie gehen? Und so weiter. Nur wenn Sie den K?rper kennen, k?nnen Sie Spannung erzeugen.

ICONIST: Wie wichtig war das Model Peggy Moffit für ihn?

Pilati: Eins ist klar: Sie verk?rpert das Bild, was wir von Rudi Gernreich als Designer haben. Sie war ein gutes Model, sie war eine Freundin, sie interpretierte sein Werk von Anfang an. Sie war nicht sehr kurvig, eher androgyn, gleichzeitig waren ihre Bewegungen und ihre K?rpersprache anmutig und feminin. Um seine Idee des Unisex zu zeigen, zog man seine Kleider Frauen und M?nnern an. Das lag damals in der Luft.

?Als Künstler musst du auf deine Zeit reagieren“, hat schon Nina Simone gesagt. Heute, 50 Jahre sp?ter, sehe ich Geschlechter gar nicht mehr.

Wiederauflage des ?Thong“
Wiederauflage des ?Thong“
Quelle: Oliver Hadlee Pearch/Courtesy of Rudi Gernreich LLC, New York und Rudi Gernreich GmbH, Luzern*

ICONIST: Er wolle den weiblichen K?rper desexualisieren, hat er gesagt. Wie passt das zu seinen Entwürfen, die die Frauen quasi nackt lie?en?

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Pilati: Das ist irgendwie das Gegenteil von dem, was ich bei Saint Laurent gemacht habe. Er wollte, dass Frauen keine Objekte mehr sind. Die Korsetts, die schweren BHs waren Sinnbilder der traditionellen Weiblichkeit. Er wollte die Frauen befreien. Ich habe sie bei Saint Laurent natürlich nicht wieder in Korsetts gesteckt, aber weil damals die M?nner in einer Sinnkrise waren, wollte ich Frauen das zurückgeben, was ihnen die Natur gegeben hat: die Kurven, die Taille. M?nner sind einfach nur gerade.

ICONIST: Sehen Sie in seiner Arbeit Spuren von Wien zwischen den Weltkriegen: das untergegangene Kaiserreich, die Psychoanalyse, die dunkle Sexualit?t von Schnitzler oder Schiele?

Pilati: Ehrlich gesagt: nein. Aber ich habe mich gefragt: Warum ?sterreich? Vielleicht h?ngt es mit der traditionell starken Modeindustrie in Zentraleuropa zusammen.

ICONIST: Sie haben die Regeln der Mode beschrieben. Gernreich gilt in vieler Hinsicht als Regelbrecher. Welcher Aspekt seiner Arbeit beeinflusst Sie?

Pilati: Sie meinen, ob ich ihn kopiere?

ICONIST: Nicht unbedingt. Eher, welche seiner Ideen beeinflusst Ihre Arbeit?

Pilati: Vielleicht der Glaube, dass kleine Gesten alles ver?ndern k?nnen.

Modelegende Rudi Gernreich, in Wien geboren, in Kalifornien aufgewachsen.
Modelegende Rudi Gernreich, in Wien geboren, in Kalifornien aufgewachsen.
Quelle: picture alliance

ICONIST: Gernreich war einer der Gründer der Mattachine Society, eine der ersten Schwulenrechtsorganisationen. Hat das was mit seinem Job als Designer zu tun?

Pilati: Mein Zentrum ist die Mode. Alles, was ich bin, glaube, suche, übersetze ich in Mode. Sein Impetus, sich von Tanz zu Mode zu bewegen, ist Ausdruck einer kreativen Dringlichkeit. Für mich ist klar: Weil er schwul war, war er fortschrittlicher, das war damals halt so. (lacht)

Womit er sich in seiner Mode besch?ftigt hat, besch?ftigte ihn auch privat: unterschiedliche Formen der Selbstdarstellung, die nicht akzeptiert waren. Wenn man berühmt wird und also eine Stimme hat, sollte man sie nutzen. Nicht jeder muss ein Aktivist sein, aber wer Erfolg hat, sollte dankbar sein und sich revanchieren.

Durchsichtige Bluse aus PVC
Durchsichtige Bluse aus PVC
Quelle: imago stock&people

ICONIST: ?Ich glaube, man kann mit Kleidern Dinge sagen“, lautet ein Zitat von Gernreich. Stimmen Sie zu?

Pilati: Oh, 100 Prozent. Sonst würde ich diesen Job nicht machen. Stoffe sprechen mit mir. Ich bewege sie, prüfe die Lichtbrechung, lasse sie fallen, falte sie, nehme sie zwischen die Lippen. Wenn ein Stoff mich langweilt, schmei?e ich ihn weg. Kleider sollten nicht über dich sprechen, sie sollten du sein. Sie k?nnen allerdings auch sehr schlecht über dich sprechen. Und das hat nichts damit zu tun, dass sie h?sslich sind. Aber bei manchen Menschen fragt man sich: ?Wie kann es sein, dass du keinen Blick für dich selbst hast?“.

ICONIST: Wie haben Sie gelernt, sich selbst zu sehen, zu wissen, was Ihnen steht?

Pilati: Ich war schon immer eine Nervens?ge. Ich mochte nie, was meine Mutter mir kaufen wollte. Früher habe ich die Trends aufgenommen und experimentiert, zwischen Punk und New Romantic. In Mailand gab es auch die Americana-Bewegung. Eigentlich mochte ich alles davon. Irgendwann merkt man, dass man ein bisschen anders ist. Das verunsichert einen, wenn man jung ist. Und es macht dich stark.

Mit seinen futuristischen Designs brach er mit Konventionen
Mit seinen futuristischen Designs brach er mit Konventionen
Quelle: Rudi Gernreich

ICONIST: Besitzen Sie Teile von Gernreich?

Pilati: Nur von den neuen. Aber ich kenne das Archiv gut. Manches ist furchtbar, der Gro?teil fantastisch. Unisex funktioniert für Frauen, bei M?nnern wird es schwierig. Die Jerseyhosen von Gernreich würde ich tragen. In dem Monokini würde ich schlimm aussehen. Wenn ich ein bisschen jünger w?re, würde ich die gesamte Frauenkollektion tragen!

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