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Schmuck Schmuck aus Pforzheim

Ambitionierte Handwerkskunst und Magie – wie passt das zusammen?

| Lesedauer: 7 Minuten
Redakteurin ICONIST
Ein diamantbesetztes W, das Logo der Firma, macht jedes Schmuckstück als Produkt aus dem Hause Wellendorff erkennbar Ein diamantbesetztes W, das Logo der Firma, macht jedes Schmuckstück als Produkt aus dem Hause Wellendorff erkennbar
Ein diamantbesetztes W, das Logo der Firma, macht jedes Schmuckstück als Produkt aus dem Hause Wellendorff erkennbar
Quelle: Wellendorff
Es kommt nicht oft vor, dass die Traditionsfirma Wellendorff ein Schmuckstück vorstellt. An der komplexen Konstruktion eines Amuletts hat das Familienunternehmen lange getüftelt. Ein Werkstattbesuch in Pforzheim.

Jedem ?ffnen einer Schmuckschatulle wohnt ein Zauber inne. Auch dann, wenn man sich nicht im flackernden Licht der Schatzkammer Ali Babas befindet, sondern in einer hell erleuchteten Werkstatt im badischen Pforzheim. Man h?rt das H?mmern der Werkzeuge und das mechanische Summen und Brummen der Maschinen. Trotzdem herrscht eine beinahe and?chtige Stimmung, als Georg Wellendorff, der Chef des gleichnamigen Familienunternehmens, das neueste Schmuckstück des Hauses pr?sentiert.

Pforzheim gilt seit 250 Jahren als das Zentrum der deutschen Schmuckindustrie. In den vergangenen Jahrzehnten haben jedoch viele ortsans?ssige Firmen ihre Produktion nach Asien verlegt und sich auf den Vertrieb konzentriert. Neben Chopard und dem Trauringspezialisten August Gerstner z?hlt Wellendorff zu den wenigen Unternehmen, die noch vor Ort produzieren und weltweite Bedeutung haben.

Viele der Schmuckstücke werden in der Manufaktur noch in aufwendiger Handarbeit hergestellt
Viele der Schmuckstücke werden in der Manufaktur noch in aufwendiger Handarbeit hergestellt
Quelle: Wellendorff

Das Sortiment wird von Dauerbrennern wie den drehbaren Ringen oder der inzwischen über 40 Jahre alten Goldkordel gepr?gt, für die einst innovative Herstellungsverfahren ausgetüftelt wurden. Wenn eine neue Kreation auf den Markt kommt, ist das ein seltenes Ereignis. Georg Wellendorff ?ffnet eine schwere, mit dunklem Samt ausgeschlagene Kassette. Dabei wirft er einen erwartungsvollen Blick in die Runde: Neben seiner Frau Claudia, die für das Marketing zust?ndig ist, haben sich die gemeinsame Tochter und der Juwelenfasser Stephan Weiss um den wei?en Bürotisch versammelt. Weiss war ma?geblich an der filigranen Konstruktion des neuen Schmuckstücks beteiligt. Der Anh?nger besteht aus zwei beweglichen Scheiben, die übereinanderliegen. In der oberen Scheibe ist ein Diamant-Solit?r angebracht, der zu schweben scheint.

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Seit der Steinzeit tragen Menschen Amulette, weil sie ihnen das Gefühl geben, auf geheimnisvolle Weise behütet zu sein. Bei Wellendorff greift man die archaischen Wünsche nach Schutz und Zuwendung auf und gibt ihnen eine Gestalt. ?Für mich bedeutet Sch?nheit Pr?zision“, sagt Juwelenfasser Weiss. Seit fast drei Jahrzehnten arbeitet er – wie vor ihm schon sein Vater – für das Unternehmen. In den 127 Jahren ihres Bestehens ist in der Firma ein Portfolio an Preziosen entstanden, das Liebhaber auf der ganzen Welt für sich eingenommen hat. Das Unternehmen betreibt eigene Boutiquen in Metropolen wie Tokio und San Francisco, den Schmuck aus Pforzheim findet man an der Hand einer schw?bischen Dame mittleren Alters deshalb ebenso wie am Dekolleté einer jungen Managerin aus Kalifornien.

Erkennungszeichen ist dabei stets die berühmte, aus feinem Golddraht gewickelte und geflochtene Kordel. Sie ziert Ringe, Armb?nder, Colliers und Ohrringe. Meist verborgen bleiben hingegen die eingravierten Schutzengel im Inneren der drehbaren Ringe – ebenfalls ein Ergebnis der Wellendorff eigenen Kombination aus Technik und Schmuckkunst – oder Anh?nger, die man bei Wellendorff in Anspielung an ihre m?gliche magische Wirkung auch heute noch Amulette nennt.

Auch das neueste Amulett wird an einer Goldkordel getragen, und wie alle Schmuckstücke des Unternehmens hat es einen Namen: ?Du bist vollkommen“. Georg Wellendorff erz?hlt dazu, sein Bruder Christoph habe damit seine Wertsch?tzung für seine Frau Iris zum Ausdruck bringen wollen. Der Name bezieht sich auch auf das Stück selbst und spielt auf die technische Raffinesse an, die in seiner Konstruktion steckt.

Komplizierte Skizze

W?hrend man als Betrachter noch dabei ist, das Schmuckstück wortw?rtlich unter die Lupe zu nehmen und prüfend die Schwere des Goldes in der Hand zu wiegen, greift Stephan Weiss zum Bleistift. Mit flinker Hand zeichnet und schraffiert er auf Papier etwas, das aussieht wie die Konstruktionsskizze eines Ingenieurs. Neben sich hat er die winzigen Bestandteile aufgereiht, die sich im Inneren des Schmuckstücks verbergen. Es sind nicht wenige. Wer sich beim Anblick eines Schmuckstücks vor allem für die sch?nen Formen und die edlen Materialien begeistert, der wundert sich in diesem Moment schon, wie viel Technik noch darin stecken kann.

Mit der Konstruktion dieses Amuletts hat der Schmuckhersteller Neuland betreten. Die meisten Stücke der Manufaktur sind dominiert von Pavé-Diamanten, also kleinen, nebeneinander gefassten Steinen. ?Ein schwebender Diamant ist der Traum vieler Goldschmiede“, sagt Firmenchef Georg Wellendorff, der auch für die Produktion verantwortlich ist. ?Seit mehr als 2000 Jahren will man einen Stein so fassen, dass man die Fassung nicht sieht.“ Ein Vorhaben, an dem sich auch schon andere Marken abgearbeitet haben. Bei der Düsseldorfer Manufaktur Niessing entstand daraufhin schon vor 40 Jahren der sogenannte Spannring – ein Diamant wird hier an seinen ?u?ersten Kantenpunkten von der Ringschiene gehalten. Und auch beim Modell ?Calla“ der hessischen Firma Schaffrath setzt man mit einer anderen Optik auf dasselbe Prinzip.

?Wir wollten noch dazu den Eindruck vermitteln, man habe einen Diamanten in einen Orbit geworfen“, sagt Wellendorff. Tats?chlich ist von einer Fassung keine Spur erkennbar. Der Brillant schwebt in einem konkav gew?lbten Stein, der auf den ersten Blick wie Glas aussieht, und hat keine sichtbare Verbindung zum diamantbesetzten Goldrahmen, der den Edelstein umgibt. ?Die erste Herausforderung bestand darin, einen Stein zu finden, der sich gut einschleifen l?sst, der resistent genug ist, um so bearbeitet zu werden, dass er den Diamanten h?lt“, sagt der Juwelenfasser. ?Zus?tzlich sollte er farblos und transparent sein, sodass der Eindruck von Tiefe entsteht, wo eigentlich kein Platz für Tiefe ist.“ Die Wahl fiel auf den Edeltopas.

Das Amulett ?Du bist vollkommen“ in Gelbgold mit perlmuttfarbener Kaltemaille und einem Brillanten kostet ohne Kordel um 18.300 Euro
Das Amulett ?Du bist vollkommen“ in Gelbgold mit perlmuttfarbener Kaltemaille und einem Brillanten kostet ohne Kordel um 18.300 Euro
Quelle: Wellendorff

Kaum war das eine Problem gel?st, ergab sich das n?chste: Wie konnte man den Brillanten in dem Topas befestigen? Als L?sung boten sich zwei Ringe an, die den Diamanten einspannen. Als gelernter Goldschmied wei? Georg Wellendorff, welcher Pr?zision es bedarf, um auf kleinstem Raum mit empfindlichen Edelsteinen zu arbeiten: ?Die Herausforderung war, alle Teile perfekt aufeinander abzustimmen. Teilweise kam es auf Hundertstel von Millimetern an, die entscheiden, ob das Konstrukt wackelt, verkantet oder gelingt.“

Kein Kunststoff

Kurz hatte man in Betracht gezogen, bei diesen Ringen mit Kunststoff zu arbeiten, weil es besser federt als Gold. ?Schlie?lich bestand die Gefahr, dass der Stein an den Stellen bricht, an denen er den Spannring berührt“, erkl?rt Weiss. Aber man war sich bewusst, dass Kunststoff altert, und das war mit den eigenen Ansprüchen unvereinbar. Also entschied man sich doch für Gold und tüftelte weiter. Für sicheren Halt sorgen nun zwei diagonale Kanten im Innern des Edelsteins. ?Wir wollen ja, dass das Schmuckstück ein Leben lang h?lt“, sagt Claudia Wellendorff. ?Auch wenn man die komplexe Konstruktion dahinter überhaupt nicht sieht.“

Was man am Ende sieht, kommt dem Bild einer Umlaufbahn, in der ein Brillant seine Bahnen zieht, tats?chlich sehr nah. Der transparente Edelstein mit dem schwebenden Solit?r gibt den Blick auf die darunterliegende Goldscheibe frei, die mit perlmuttfarbener Kaltemaille bedeckt ist. Reflektierende Partikel erwecken den Eindruck eines Sternenhimmels, dessen Tiefe magisch schillert durch den vergr??ernden Effekt des konkav geschliffenen Steins.

Auf der Rückseite der unteren Scheibe prangt ein diamantbesetztes W, das Logo der Firma. Es wurde 1975 eingeführt, um jedes Schmuckstück als Produkt aus dem Hause Wellendorff erkennbar zu machen. Umrahmt wird das W hier von 48 eingravierten Herzen. ?Christoph hat Iris so ein Amulett zum fünfzigsten Geburtstag geschenkt“, erz?hlt Georg Wellendorff. Nun muss man kein Ingenieur sein, um zu errechnen, dass da noch zwei Herzen fehlen. Steckt Zahlenmystik dahinter oder nur der pragmatische Grund, dass die Gravur auch das Haften des Amuletts an der Haut auf zauberhafte Art und Weise verhindert? Die beiden Herzen der Verliebten seien zu den 48 Herzen gedanklich hinzuzufügen, erkl?rt Wellendorf. Der Perfektionismus macht also auch vor den sentimentalen Geschichten keinen Halt, die sich stets um die Schmuckstücke ranken. Ambitionierte Handwerkskunst mit viel Gefühl und ein bisschen Magie zu verbinden – schaden kann das nicht. Man muss nur daran glauben.

Dieser Text ist aus der WELT AM SONNTAG. Wir liefern sie Ihnen gerne regelm??ig nach Hause.

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Quelle: WELT AM SONNTAG

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