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Die letzten Geheimnisse von Mussolinis K?rper

Benito Mussolini Benito Mussolini
Quelle: pa/maxppp
Die Geschichte des italienischen Faschismus – sie l?sst sich auch am K?rper seines Diktators ablesen. Das zeigt Sergio Luzzatto in seinem Buch über Benito Mussolini. Schon der Originaltitel ist bezeichnend: "Der K?rper des Duce. Ein Kadaver zwischen Imagination, Geschichte und Erinnerung."

Verpestete Pestplage, Kr?te, feiger Esel, Stück Schei?e, Schlappschwanz, syphilitischer Schurke, furzendes Genie, Stinktier, Judas mit Melone, arthritischer Prahlhans, gro?er Stier, verfaulter Griesgram, Verfluchter, Brüllesel, M?chtegern-Priapos, Kleinstadt-Prophet, Dreschflegel, Oberarsch: Das klingt nach saftiger Schm?hrede eines Barockautors und ein wenig auch nach den H?llengestalten und H?llenphantasien, die die Gem?lde von Hieronymus Bosch bev?lkern.

Doch diese eifernde Litanei der verbalen Beschmutzung stammt aus der Feder eines durchaus feinsinnigen Schriftstellers. Carlo Emilio Gadda, unter anderem Autor des berühmten Romans ?Die gr?ssliche Bescherung in der Via Merulana“, hat sie bald nach dem Ende des italienischen Faschismus zu Papier gebracht, immer und immer wieder, in zahllosen Variationen. Der Geschm?hte aber war damals nicht mehr m?chtig, sondern l?ngst tot: Benito Mussolini, Diktator des faschistischen Italiens.

Der italienische Faschismus und die Bilderwelt

Aller Faszination zum Trotz, die noch immer in manchem Feuilleton und bei ein paar Unbelehrbaren im Schwange ist, geht man in Deutschland bis auf den heutigen Tag mit der Person Adolf Hitlers kühl, distanziert, analysierend um. Es ist keine Emotion im Spiel, nicht einmal die Abscheu glüht. Hitler ist ein ferner Verführer.

Nicht so in Italien. Warum das so ist und warum Mussolini, warum der K?rper des ?Duce“ vom Anfang seiner politischen Karriere an fast bis heute fasziniert, bewegt, anzieht, anst??t und verwickelt: Davon handelt Sergio Luzzattos Buch ?Il Duce: Das Leben nach dem Tod“ (dessen Originaltitel trotz eines leichten Hangs zum gelehrten Geschwurbel etwas pr?ziser ist: ?Der K?rper des Duce. Ein Kadaver zwischen Imagination, Geschichte und Erinnerung“).

Dem in Turin lehrenden Historiker ist eine faszinierende, anregende Studie über den italienischen Faschismus und die Bilderwelt, die er in Gang gesetzt hat, gelungen. Nicht zuletzt zeigt sie an immer wieder neuen Beispielen, wie sehr beide Seiten dieses Geschichtsdramas, Faschisten und Antifaschisten, aufeinander bezogen, ja ineinander verwickelt waren.

Mussolinis hedonistische Inszenierung

W?hrend niemand auf die Idee k?me, die Geschichte des Nationalsozialismus entlang der – gehemmten, versteckten – K?rperlichkeit Hitlers nachzuzeichnen, dr?ngt sich dieses Vorgehen im Falle Mussolinis (1883 bis 1945) geradezu auf. Der Diktator, der als expressiver sozialistischer Politiker begonnen hatte und w?hrend des Ersten Weltkriegs erst zum Nationalisten, dann zum Faschisten wurde, hat sein ganzes politisches Leben lang sich selbst in seiner K?rperlichkeit inszeniert – und wurde vor allem deswegen von vielen begeisterten Italienern nahezu verg?ttert.

Im Ersten Weltkrieg leicht verletzt, inszenierte er sich – nicht nur mit dem theatralischen ?Marsch auf Rom“ von 1922 – als viriler Held der Tat, als einer, der im Getümmel lebt. Und der es liebte, in allen seinen Rollen abgelichtet zu werden: als Lebemann, Sportler, Automobilbegeisterter, Dandy, Agitator, Traktorfahrer und so fort.

In alle diese Rollen schien er sich mit der ganzen Fülle seines massigen K?rpers zu werfen. W?hrend die deutschen Nationalsozialisten, durchaus auch auf einen ?Führer“ hin gepolt, stets von ihrer Mission und vom angeblich entsagungsreichen historischen Auftrag gepr?gt waren, verbarg Mussolini nie die – wenn man so will: hedonistische – Seite seines Lebensentwurfs.

Wie sich der Duce-K?rper ver?nderte

Es liegt nahe, das mit dem italienischen Hang zur gro?en Geste am Rande der Operette zu erkl?ren – und Luzzatto schlie?t das auch nicht ganz aus. Schlie?lich hat das Leben Mussolinis den Bogen vom ?Duce“, der sich als metallischer Machtmensch gab, bis zum kranken und durchaus feigen Hanswurst schwungvoll durchlaufen. Und doch reicht das als Erkl?rung nicht aus.

Im italienischen Faschismus – der eine brutale Diktatur darstellte, aber kein Regime der Vernichtung war – schwang der sich radikal modern gebende Subjektivismus der Futuristen mit, etwa des Künstlers Marinetti, der sich selbst der faschistischen Bewegung angeschlossen hatte. Der italienische Faschismus war keine nibelungendüstere Angelegenheit; er hatte vor allem dank Mussolini etwas Expressives und Zielloses, er war eine Mischung aus Nietzscheanismus, Dumpfheit, Raserei und Inkonsequenz.

Der K?rper des ?Duce“, dem die Propaganda des Regimes ein – je nachdem – erotisches oder homoerotisches Flair gab, ver?nderte sich dem Lauf der Zeit entsprechend. In den ersten Jahren der Diktatur kraftstrotzend, begann er mit der Krise des Faschismus seit sp?testens 1942 zu verfallen, die Fasson zu verlieren.

Seine Leiche reist nach Mailand

Neben die Gestalt des Priap schob sich die des kr?nkelnden, hypochondrischen Mussolini mit Magengeschwüren, von dem man mehr oder minder ?ffentlich und ohne jeden Beweis argw?hnte, die Syphilis habe den K?rper des Frauenhelden zersetzt.

Den dramatischen Schluss- und Gegenpunkt aber setzte der Tod des ?Duce“. Bei dem fast komischen Versuch, in deutschem Milit?rmantel und mit deutschem Helm, am Comer See in die Schweiz zu fliehen, das Gold der italienischen Staatsbank im Gep?ck und die Geliebte Clara Petacci (nicht die Ehefrau) im Gefolge, wird er im April 1945 von kommunistischen Partisanen erkannt, festgesetzt und wenig sp?ter ohne Prozess am Gittertor einer Villa erschossen.

Und wieder beginnt ein Spiel mit seiner K?rperlichkeit – eines, in dem Partisanen die Grausamkeit des faschistischen Regimes kopieren und damit in die befreite Gegenwart tragen. Nicht einem Plan folgend, sondern aus der Situation heraus entscheidend schaffen die Partisanen die Leichen an einen damals schon berühmten Platz im nahen Mailand: an den Piazzale Loreto.

Wie die Leiche zum Kadaver wird

Dort hatten die Milizen der faschistischen ?Republik von Salò“ im Jahr zuvor die Leichen von 15 Partisanen auf entwürdigende Weise ausgestellt: wie Vieh, wie tierische Kadaver. Nun kam die Rechnung: Die Leichname Mussolinis, seiner Geliebten und mehrerer faschistischer Funktion?re wurden erst ausgestellt und misshandelt und dann am Gitterdach einer Tankstelle an den Fü?en aufgeh?ngt. Luzzatto: So beginnt das Leben des freien Italien mit einer Feier des Todes.

Die Schilderung und Deutung dieses grausamen Geschehens geh?rt zum Eindringlichsten des Buches. Der Autor zeigt, wie sich hier hinter dem Rücken der Akteure alte kulturelle Muster durchsetzten, in diesem Falle das Muster der Kreuzigung Christi. Auf die Gei?elung und Entstellung der K?rper, an der jeder teilhaben konnte, folgte die mahnende Zurschaustellung durch die neue Macht. Nicht das geringste Detail: Im Aufh?ngen kopfüber werden die Leichen zu Kadavern, sie sind wie Viehleiber, zum Ausbluten am Fleischerhaken aufgeh?ngt. Die da h?ngen, sollen nie Menschen gewesen sein.

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Es liegt auf der Hand, dass dieses Man?ver etwas Entlastendes hat: Der Faschismus wandert gewisserma?en ins Reich des Animalischen – er hat mit der Menschenwelt nichts mehr zu tun. Da das tote Vieh – dort die unschuldigen Menschen. Das Geschehen an dem Piazzale Loreto war eine Bannung und eine gro?e Entschuldungsaktion. Mit den Mitteln der Faschisten sollte der Faschismus ausgetrieben werden.

Erst nach einem Jahrzehnt in Familiengruft

Luzzatto zeigt im zweiten Teil des Buches, dass der tote Mussolini noch lange keine Ruhe fand. Von Faschisten entwendet und von der Polizei aufgespürt, wurde der Leichnam zehn Jahre lang wie etwas Untotes an geheimem Ort versteckt, um erst 1957 – und zwar durchaus mit dem politischem Kalkül, damit die neofaschistische Partei zu Teilen ins bürgerliche Lager zu ziehen – in der Familiengruft in Predappio beigesetzt zu werden.

Musste, wie viele Antifaschisten glaubten, der Faschismus derart barbarisch verabschiedet werden? Viele Intellektuelle, Schriftsteller und Journalisten der kulturell dominierenden Linken sahen es so und sehen es zum Teil immer noch so. Umso mehr sticht ein Text des linken Schriftstellers Italo Calvino heraus.

Dort hei?t es über Mussolini: ?Nachdem er für so viele Massaker verantwortlich war, von denen es keine Bilder gibt, zeigen die letzten Bilder von ihm seinen eigenen Tod. Kein sch?ner Anblick und keine sch?ne Erinnerung. Doch ich wünsche mir, alle Diktatoren, die gegenw?rtig an der Macht sind oder danach streben, m?gen sie ?fortschrittlich' oder reaktion?r sein, würden sie gerahmt auf ihrem Nachttisch stehen haben und sie sich jeden Abend ansehen.“ Man muss nicht, wie Gadda, nachtreten.

Il Duce: Das Leben nach dem Tod. Von Sergio Luzzatto. A. d. Italien. v. Michael von Killisch-Horn. Eichborn / Die Andere Bibliothek, Frankfurt /M. 352 Seiten, 28,50 Euro.

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