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Kultur Neuer Roman mit 87

John le Carré und die ?deutschen Flausen“

| Lesedauer: 4 Minuten
Feuilletonredakteur
Hart gegen die Generation X, sanft mit Y und Z: John le Carré Hart gegen die Generation X, sanft mit Y und Z: John le Carré
Hart gegen die Generation X, sanft mit Y und Z: John le Carré
Quelle: picture alliance
Auf Abschiedstournee war Spionage-Legende John le Carré schon, an einem neuen Roman hat ihn das nicht gehindert. In ?Federball“ dreht sich alles um den Brexit, die Deutschen und die Moral der Millennials.

Was haben Spione mit Schriftstellern gemein? Sie gehen nicht in Rente. Dabei ist John le Carré alias David Cornwell eigentlich schon auf Abschiedstournee gewesen: Unter anderem in der Elbphilharmonie hat er bereits vor zwei Jahren einen allerletzten Roman über seinen Meisterspion George Smiley pr?sentiert, jenen ?Mann im Regenmantel, klein, ziemlich dick“, der vor sagenhaften 56 Jahren aus der K?lte kam, um fortan den Kalten Krieg zu verk?rpern.

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Jetzt jedoch ist le Carré, 87, zurück. In Ermangelung eines Hobbys, wie er sagt, hat er den n?chsten Roman, ?Federball“, geschrieben – ohne den über hundertj?hrigen Smiley, dafür mit einem weit jüngeren, viel agileren Spion: Nat alias Anatoly, eine seltene britisch-deutsch-wei?russische Mixtur, ist noch nicht ganz siebenundvierzig und in seiner Freizeit Vereinsmeister eines Badmintonklubs in Battersea.

Wie für Le-Carré-Helden typisch, hat er seine Karriere eigentlich schon hinter sich. Nach diversen Auslandseins?tzen hat man ihn in eine Londoner Besenkammer gesperrt, wo er über eher unwichtigen Akten Kulturkritisches ausbrüten kann: ?In dem England, in das ich erst kürzlich zurückgekehrt bin“, sagt er zum Beispiel, ?hat niemand mehr einen Nachnamen.“

Der Alte und die jungen Leute

Das klingt sehr nach dem sp?ten John le Carré, der mal wieder übellaunig das alte England sucht und mal wieder blo? haltlose Handytelefonierer findet. Insbesondere in ?Empfindliche Wahrheit“, seiner 2013 ver?ffentlichten Abrechnung mit dem England Tony Blairs, hat sich le Carré ja eher abf?llig über die Generation ge?u?ert, die nach der John le Carrés ans Ruder kam.

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Doch diesmal ist alles ganz anders. John le Carré hat seinen Frieden nicht mit England, aber mit der Jugend gemacht. ?Federball“ entpuppt sich als Roman gro?v?terlichen Wohlwollens für le Carrés Enkelgeneration, die die moralische Flexibilit?t ihrer Eltern abgestreift hat und mit mal frischer, mal nerviger, immer anstrengender, aber immer auch berechtigter Unbedingtheit agiert.

Das f?ngt mit dem polternden jungen Mann an, der eines Tages in Nats Badmintonklub auftaucht, um ihn zum Federballduell zu fordern, und geht dann munter so weiter.

?Sch?ndlicher Lebensstil“

Florence etwa, die junge Kollegin aus der Besenkammer, straft Nats latent patriarchale Geringsch?tzung binnen Tagen Lügen, indem sich ihr Plan, einen russischen Oligarchen anzuzapfen, als ?u?erst vielversprechend erweist.

Und Nats Tochter Steff mag zwar ein enervierend instabiles Liebesleben haben, ihr moralischer Kompass aber schl?gt verl?sslich stets in die richtige Richtung aus. Offenbar kommt sie nach ihrer Mutter, die als Pro-bono-Anw?ltin b?sen Pharmafirmen zusetzt.

Nat, zun?chst ganz alter, vom Leben schon ein bisschen glatt geschliffener Knacker, weist dagegen deutlich geringere Weltrettungsambitionen und gar keinen moralischen Furor auf: Florence’ Eintr?ge zum ?sch?ndlichen Lebensstil“ des verd?chtigen Oligarchen etwa streicht er aus der Akte, weil er sie für überflüssig h?lt.

Verschw?rung gegen Europa

John le Carré beschreibt die kleine Szene im Vorübergehen und beschreibt hier doch den gro?en Generationskonflikt im Zentrum unserer Gegenwart. Tochter Steff gibt Papa Nat ein Buch über die Erderw?rmung zu lesen, und Ed, der junge, ungestüme Mann vom Badminton-Court, platzt ungeniert entrüstet mit seinen politischen überzeugungen heraus:

?Ich bin der festen überzeugung, dass Gro?britanniens Ausscheiden aus der Europ?ischen Union zu Zeiten Donalds Trumps und die daraus folgende uneingeschr?nkte Abh?ngigkeit von den Vereinigten Staaten … für Gro?britannien, für Europa und für die liberale Demokratie auf der ganzen Welt das beschissenste Chaos ist.“

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Man kann getrost davon ausgehen, dass le Carré das genauso sieht, allerdings hat er es in eine Geschichte voller feiner Ironien und sch?ner Altersweisheiten gepackt.

Der deutsche Geheimdienst

Tats?chlich ist le Carré lange nicht so positiv gewesen: Sein Roman – es f?llt ihm selber auf – spielt an lauter Vormittagen, so als k?me noch jede Menge nachher, auf das man sich freuen kann: ein Gl?schen Whiskey, ein Federballspiel, ein Abend mit der Frau, die man glücklich geheiratet hat, oder eben ein guter Spionageroman, der mit seinen Botschaften nicht hausieren geht, sondern lieber auf das nie langweilig werdende Spiel mit Doppel- und Tripelagenten, guten alten Feinden in Russland, toten Briefk?sten und geheimen Botschaften in pr?parierten Lippenstiften setzt.

Tats?chlich ist ?Federball“, was man nicht von jedem sp?ten le Carré sagen kann, n?mlich ein makellos konstruierter, geradezu durchtrainierter Spannungsroman, der auch nach dreihundert Seiten noch für eine überraschung gut ist. Eine davon dürfte übrigens der deutsche Geheimdienst sein, der hier viel besser arbeitet, als man in Deutschland vielleicht denkt.

Wer das aber für eine der ?deutschen Flausen“ h?lt, die den jungen proeurop?ischen Helden des Romans im Kopf herumschwirren, muss sich deshalb nicht die Augen reiben. Alle Geschichten, die mit einer Hochzeit enden, geben zu, Kom?dien zu sein.

John le Carré: ?Federball“. Aus dem Englischen von Peter Torberg. Ullstein, 351 S., 24 €.

Dieser Text ist aus der WELT AM SONNTAG. Wir liefern Sie Ihnen gerne regelm??ig nach Hause.

WamS
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Quelle: WamS

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