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Kultur Rem Koolhaas

?Viele meiner Vorbilder waren Deutsche“

| Lesedauer: 5 Minuten
Bundespr?sident Steinmeier betont Verantwortung der Medien in einer Demokratie

In Berlin wurde der Axel-Springer-Neubau feierlich er?ffnet. Geladen war unter anderem Bundespr?sident Frank-Walter Steinmeier, der in seiner Rede die Verantwortung der Medien in einer Demokratie betonte.

Quelle: WELT/Marcus Tychsen

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Ein Symbol für die Berliner Mitte: Am 6. Oktober 2020 wurde dort, wo einmal die Mauer stand, der Axel-Springer-Neubau eingeweiht. Die Er?ffnungsrede des Architekten Rem Koolhaas im Wortlaut.

Heute m?chte ich darüber sprechen, was ich pers?nlich von Deutschland und als Architekt von Berlin gelernt habe.

Im sogenannten Hungerwinter geboren, wuchs ich wie alle Kinder meiner Generation in einer antideutsch eingestellten Familie auf. Das war ein universeller Reflex, der rückblickend vielleicht mehr Heldenmut vermuten l?sst, als wir als Nation verdienen. Als Teenager, der alles und jeden hinterfragte, begann ich, deutsche Schriftsteller zu lesen, ?Wahlverwandtschaften“, Kleist, Mann und Grass. Ich wurde zum Fan von Zero: Uecker, Mack und Piene; ich kann mich noch an meinen ersten Fassbinder-Film erinnern, als ob es gestern gewesen w?re. Als ich zum ersten Mal in der Neuen Nationalgalerie war, begann meine glühende Verehrung für Mies van der Rohe. Insgeheim waren viele meiner Vorbilder Deutsche.

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Nicht von ungef?hr war der Protagonist eines Films aus dem Jahr 1969, an dem ich als Koautor mitwirkte, ein ?guter Deutscher“, der von Günther Ungeheuer gespielt wurde; für die Filmmusik verunglimpften wir Wagner. Die Ver?ffentlichung des Films wurde zum Skandal. Ich verlie? die Niederlande, um in London Architektur zu studieren, auf dem H?hepunkt von Swinging Sixties und Flower Power. An meiner Schule vertrat man die Auffassung, dass Architektur einen Beitrag zur Befreiung des Menschen leisten k?nne. Ich hatte da meine Bedenken, ich hatte das Gefühl, dass Architektur dazu zu gef?hrlich und m?chtig war. Ich ging nach Berlin, um dort die Mauer aus architektonischer Sicht zu studieren.

Hier in Berlin erlebte ich die tragische Seite von Architektur, dass sie trennen, teilen und sogar t?ten konnte. Ich ging naiverweise davon aus, dass die Mauer einfach nur Osten und Westen voneinander trennte, und erkannte nicht die Insellage, die dadurch entstand, und dass die Mauer eigentlich der Garant von West-Berlins Freiheit war.

In Berlin entdeckte ich auch Mathias Ungers, einen Architekten, der die brillante Idee hatte, die Stadt in ein Labor für Spekulationen der intellektuellen Art zu verwandeln – genau wegen ihrer isolierten Lage. Ich wurde Ungers Freund und sein Ghostwriter. 1977 entwickelten wir ein Szenario für ein ?grünes Archipel“ – Berlin als Prototyp einer vom Wachstum befreiten Stadt –, in dessen Rahmen wir vorschlugen, die wertvollste Architektur zu erhalten und den Rest abzurei?en und durch ein Meer aus Natur zu ersetzen, das trotzdem für alle Symbole des modernen Lebens Platz bot: Shopping, Logistik, Daten, all die Zentren, die das traditionelle Stadtzentrum auseinanderrei?en.

Nach dem Fall der Mauer verlie? ich unter Protest die Jury zum st?dtebaulichen Wettbewerb um die Neugestaltung des Potsdamer Platzes. Ver?rgert lie? ich verlauten, dass Berlin in dem Moment zur Hauptstadt geworden sei, in dem es am wenigsten darauf vorbereitet war. Unter Architekten und Politikern forderte man erbost ein Stadtverbot. Die ?Tageszeitung“ beschrieb mein Verh?ltnis zu Berlin als unvereinbar, wie ?Feuer und Wasser“.

Meine Rückkehr in meine Lieblingsstadt im Jahr 1997 habe ich den arglosen Niederl?ndern zu verdanken. Sie beauftragten mich mit der Planung ihrer Botschaft im ehemaligen Ost-Berlin. In Berlin habe ich gelernt, mich bei meiner Arbeit an bestimmte Regeln zu halten. Die hiesigen Beamten waren emp?rt, dass sie sich direkt nach der Befreiung von einem politischen Regime einem dogmatischen architektonischen Regime unterwerfen sollten. Sie unterstützten uns bei der Auslegung von Stimmanns Vorgaben, damit eine freistehende Botschaft entstehen konnte, die nicht in einen st?dtebaulichen Block integriert war. Ehemalige Kommunisten gaben mir die M?glichkeit, ein eigenst?ndiges Geb?ude zu schaffen, das eine Hommage an die vielf?ltigen Vergangenheiten Berlins – die guten, die schlechten und alles dazwischen – darstellte.

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2013 erhielt ich einen handgeschriebenen Brief von Mathias D?pfner. Er lud mich darin zu einem Wettbewerb um ein Gel?nde ein, dass ich als Student von beiden Seiten aus dokumentiert hatte. Ursprünglich umfasste die Ausschreibung vier weitere Mitbewerber, wurde dann aber sp?ter auf 18 Vorschl?ge erweitert, die im September 2013 eingingen. Erfolgschancen von weniger als zehn Prozent also. Aber schlie?lich war ich der einzige Ex-Journalist unter allen Bewerbern, und keiner hatte ein engeres Verh?ltnis zur Stadt als ich. Es ist ein modernes Wunder, dass die vor sieben Jahren festgelegten Grundvoraussetzungen immer noch Bestand haben, vielleicht sogar noch mehr: Sein offener Charakter erm?glicht die Nutzung des Geb?udes sogar w?hrend der derzeitigen Pandemie.

Es war zweifellos die Qualit?t, die wir als ?Paar“ hatten, und unsere F?higkeit zur unverblümten Kommunikation, die dieses langwierige Projekt erst erm?glicht und darüber hinaus zu einer wahren Freude gemacht haben. Ich war tief bewegt von Friede Springers uneingeschr?nktem und stimulierendem Vertrauen.

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Zwei Brüche haben meinen beruflichen Werdegang überschattet: Erstens, der übergang vom Wohlfahrtsstaat – in denen Architekten automatisch gute Absichten unterstellt wurden – zu einer neoliberalen Marktwirtschaft, in der der Architekt zum willf?hrigen Erfüllungsgehilfen des Markts wird. Und, zweitens, der Reiz der digitalen Revolution, die seit Mitte der Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts den Bedarf an neuen Bauprojekten zu untergraben scheint. Aber wir haben uns bemüht, die Hoffnung nicht zu verlieren. Nach dem Fall der Mauer schrieb ich, dass die letzte Aufgabe der Architektur in der Schaffung von symbolischen R?umen bestehen werde, die unserem beharrlichen Verlangen nach Kollektivit?t Rechnung tragen. Wie ich hoffe, ist dieses Bestreben auch in diesem Entwurf deutlich geworden, und ebenfalls, dass ich dabei auf der Seite der Besch?ftigten und nicht nur auf der der Eigentümer gestanden habe.

Zu guter Letzt habe ich als eingefleischter Europ?er allen Grund, mich für die – verglichen mit dem dürftigen Beitrag, den mein eigenes Land vor Kurzem geleistet hat – rückhaltlose Unterstützung Deutschlands zu bedanken. Ich kann nur hoffen, dass dieses Geb?ude einen angemessenen Beitrag zu diesem gro?herzigen Deutschland leisten und seinen angemessen Platz in dieser wunderbaren Stadt finden wird.

Aus dem Englischen von Lincoln Giles

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