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Kunst Kunsthandel in der Krise

Mit dem Virus kommt die Solidarit?t

| Lesedauer: 6 Minuten
Trotz Krise für über eine Million Pfund versteigert: George Condos ?Antipodal Reunion“ Trotz Krise für über eine Million Pfund versteigert: George Condos ?Antipodal Reunion“
Trotz Krise für über eine Million Pfund versteigert: George Condos ?Antipodal Reunion“
Der eine tr?umt vom Ende der Kunst als Anlageprodukt, andere erzielen auch bei Online-Auktionen hohe Betr?ge. In Zeiten von Corona werden Kunsth?user erfinderisch. Die Aktion ?2020 Solidarity“ etwa bietet günstige Poster.

Konkurrenz war gestern. Nun schwei?t ein Virus unsere Welt zusammen. Das erlebt nicht nur die empirische Wissenschaft. Auch der Kunstmarkt zeigt sich kooperativ. Galeristen, die eigentlich als Konkurrenten gelten, ziehen pl?tzlich an einem Strang und halten dabei ungewohnt eng zusammen. Sogar die hierarchischen Grenzen zwischen kleinen und gro?en Galerien weichen weiter auf.

Mit der Pandemie kommt nicht nur die Rezession, mit ihr stellt sich auch ein Mentalit?tswechsel ein. Zurzeit entstehen zahlreiche neue Kooperationen und Initiativen, von Galerien und Museen, von Künstlern und Künstlerinnen. Seit Corona steht die ganze Kunstwelt im Zeichen der Solidarit?t.

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Dass gute Verk?ufe auch online m?glich sind, machte Sotheby’s vor. Für knapp über eine Million Pfund wurde in der vergangenen Woche George Condos Gem?lde ?Antipodal Reunion“ (2005) versteigert. Damit war der Online-Verkaufsrekord des Auktionshauses geknackt und der Beweis geliefert, das siebenstellige Zuschl?ge auch in Krisenzeiten m?glich sind.

Aber ohne ihre hitzigen Saalveranstaltungen, bei denen sich die Bieter gegenseitig hochschaukeln, werden in diesem Jahr wohl auch die Auktionsh?user harte Umsatzeinbu?en verzeichnen müssen.

Wie lange noch?

Auch aus den Galerien h?rt man nachdenkliche Stimmen. Es hei?t, dass zuletzt das Interesse im Niedrigpreissegment gestiegen sei. Wie lange die Investitionslust in das scheinbar sicheren Luxusgut Kunst überhaupt noch bestehen bleibt, heraufbeschworen vom gewaltigen Boom der Messen seit der Finanzkrise vor mehr als zehn Jahren, das traut man sich nur hinter vorgehaltener Hand zu fragen.

George Condos ?Antipodal Reunion“
George Condos ?Antipodal Reunion“

Es mag von Vorteil sein, dass Galerien den Konjunkturschwankungen der Wirtschaft schon immer ausgesetzt waren. Sie sind daran gew?hnt, kreative Anpassungsstrategien zu entwickeln. Und vielleicht ist es genau das, was ihnen w?hrend des Lockdowns hilft. und danach.

Vertraut man dagegen Marc Glimcher, dem CEO der Megagalerie Pace (New York/London/Hongkong/Seoul/Palo Alto/Genf), dann soll eine Kunst nach Corona von ihrem Status als physisches Anlageprodukt befreit werden.

Nach dem Schock

Wir müssten uns wieder ihrer Bedeutung für das kulturelle Zusammenleben erinnern, so schrieb Glimcher in einem sehr pers?nlichen Essay, den er nach seiner Erkrankung an Covid-19 ver?ffentlichte. Er scheint geheilt, vom Virus und vom Zahlenrausch der vergangenen Jahre.

Auch sein Konkurrent David Zwirner (New York/London/Paris/Hongkong) solidarisch. Schon Anfang April rief er eine digitale ?Platform“ ins Leben und lud ausgew?hlte junge Galerien aus der Lower East Side ein, Werke ihrer Künstler in seinem Online-Viewing-Room zu pr?sentieren. Mit dabei waren Galerien wie JTT, Essex Street, Bridget Donahue oder James Fuentes.

Wie Fuentes gegenüber dem Kunstmagazin ?Artnews“ berichtete, habe er ?extrem positive“ Erfahrungen gemacht. Die Einladung sei genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen. Da hatte er noch nicht einmal den Schock der ersten Infektionswelle überwunden und konnte bereits Werke von Keegan Monaghan (40.000 Dollar) oder Reginald Sylvester II (20.000 Dollar) über die Plattform vermitteln.

Offene Experimente

Zwirner versteht sein Engagement als Geste. Keine Kommission. Keine Gebühr. Er stellt der jungen Szene seine Ressourcen und insgeheim auch sein erweitertes Netzwerk kostenfrei zur Verfügung. Gleichzeitig kann er zusammen mit ihnen neue Vertriebswege erproben. Wie wirkt sich eine transparente Preispolitik auf die Verk?ufe aus? Wie l?sst sich Kunst über digitale Medien vermitteln? Welche erweiterte Kommunikation ben?tigt es?

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Erinnert man sich an die Kunstmesse Armory Show im Frühjahr 2019, dann deutete sich Zwirners neues Selbstverst?ndnis als F?rderer der New Yorker Kunstszene da bereits an. Nachdem die Satellitenmesse Volta abgesagt wurde, lud er die dort gebuchten H?ndler ein, ihre St?nde kurzerhand in seinen Galerier?umen im Stadtteil Chelsea aufzubauen.

Zwirner experimentiert offen. Er nutzt digitale Formate, setzt auf Diskurs und verbindet sich in der Krise aktiv mit dem Nachwuchs. Jetzt zahlt es sich aus, dass er schon seit 2017 in den Aufbau von Viewing-Rooms“ auf seiner Website investiert hat. Den Vorsprung nutzt er nun auch, um anderen Galeristen zu helfen.

?Die, die k?nnen, sollten“

Solidarisch zeigt sich auch der Künstler, Fotograf und politische Aktivist Wolfgang Tillmans. In dieser Woche hat er eine Initiative zur Unterstützung von Kunstr?umen, Clubs, Verlagen und Sozialprojekten ins Leben gerufen. ?2020 Solidarity“ hei?t die Poster-Kampagne, die jene Orte unterstützen m?chte, deren Existenz von der Krise am st?rksten bedroht sind.

Isa Genzken: Untitled, 2015
Isa Genzken: Untitled, 2015

Vierzig Künstler und Künstlerinnen, darunter Nicole Eisenman, Marlene Dumas, Isa Genzken oder Andreas Gursky, haben schon Plakate entworfen oder dafür Motive ?lterer Werke wieder aufgelegt. Weitere sollen folgen. Für 50 Euro kann man eines der Poster bestellen, zum Beispiel bei dem queeren Berliner Stadtmagazin ?Siegess?ule“ oder dem Club ?Renate“.

Auch ein Stillleben von Tillmans ist dabei. In der melancholischen Poesie, die so typisch für seine Bilder sind, stehen zwei bauchige Vasen in einem Regal neben einer halb abgebrannten Kerze. Zwischen ihnen klemmt ein altes Tillmans-Foto. Ein Bild im Bild. Von hinten erfasst es der Sonnenschein und wird hell erleuchtet.

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Einen Tillmans erwerben und dabei etwas Gutes tun? ?Viele k?nnen jetzt kein Geld ausgeben. Aber die, die k?nnen, sollten das unbedingt tun“, hat Tillmans im Interview mit der ?Siegess?ule“ über sein Projekt gesagt. Der vollst?ndige Erl?s kommt den Projekten zugute.

Vorteil Digitalisierung

Die Finanzierung, das hei?t der Druck und Vertrieb der Poster, wird dagegen von Tillmans‘ Berliner Projektraum ?Between Bridges“ gestemmt. Mit Poster-Kampagnen zum Brexit und zur Europawahl 2019 hatte der Künstler bereits wertvolle Erfahrungen sammeln konnte, die es ihm nun erm?glichen, auf die neuen Anforderungen dieser Krise zu reagieren.

Lange galt die Vermittlung der Kunst im Digitalen als Feindbild des Betriebs, in den ?ffentlichen Institutionen wie im Handel. Kunst musste gesehen, gespürt, erfahren werden. Man musste die frische Farbe der wei?en Ausstellungsw?nde noch riechen. Die Augen mussten vom aggressiven Neonlicht gereizt werden. Auf den Er?ffnungen wollte man sich durch Menschenmassen schieben und mit anderen über die Kunst und die Welt philosophieren.

Nun sind auch die letzten Kritiker herausgefordert, neues auszutesten. Dass diejenigen klar im Vorteil sein werden, die schon seit Jahren in die Digitalisierung investieren und versuchen, intellektuelle digitale Formate zu entwerfen, steht au?er Frage. Erwiesen hat sich aber auch, dass ein echtes Wahrnehmen von Kunst durch ein Sehen von Kunst in virtuellen R?umen nicht zu ersetzen ist.

Der Kunstmarkt jedenfalls lockert sich jetzt. Ein Kunstkauf wird nicht mehr unbedingt an ein unmittelbares Sehen des originalen Werks geknüpft. Vielmehr zeigen die Initiativen des Handels, dass gute Kunst – Kunst, an die man sich nach einem ersten oder zweiten Sehen l?nger noch erinnert – auch online verkauft und erworben werden kann.

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