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Literatur Literarisches Archiv

Berlins Akademie der Künste birgt riesige Sch?tze

Leitender Feuilletonredakteur
Duitsland, Deutschland, Germany, Berlin, Berlijn, 17.12.2019. Pariser Platz. Akademie der Künste. Foto: Erik-Jan Ouwerkerk Honorarfreie Nutzung im Rahmen der Berichterstattung über die Akademie der Künste. Nennung der Bildunterschriften und -credits zwingend erforderlich. Nutzung im Onlinebereich ausschlie?lich in 72 dpi. Nutzung der Pressefotos in Social-Media-Kan?len nicht gestattet. Die Abbildungen dürfen nicht modifiziert, beschnitten und überdruckt werden – etwaige Vorhaben bedürfen der schriftlichen Zustimmung. Eine Weitergabe an Dritte ist nicht erlaubt. Belegexemplar oder –link erwünscht. Duitsland, Deutschland, Germany, Berlin, Berlijn, 17.12.2019. Pariser Platz. Akademie der Künste. Foto: Erik-Jan Ouwerkerk Honorarfreie Nutzung im Rahmen der Berichterstattung über die Akademie der Künste. Nennung der Bildunterschriften und -credits zwingend erforderlich. Nutzung im Onlinebereich ausschlie?lich in 72 dpi. Nutzung der Pressefotos in Social-Media-Kan?len nicht gestattet. Die Abbildungen dürfen nicht modifiziert, beschnitten und überdruckt werden – etwaige Vorhaben bedürfen der schriftlichen Zustimmung. Eine Weitergabe an Dritte ist nicht erlaubt. Belegexemplar oder –link erwünscht.
Eine der wichtigsten kulturellen Institutionen der deutschen Hauptstadt: Die Berliner Akademie der Künste
Quelle: Erik-Jan Ouwerkerk
Das Literaturarchiv der Berliner Akademie der Künste hat eine neue Leiterin. Sie hütet das geistige Erbe von Gro?schriftstellern wie Günter Grass und Christa Wolf. Die Heiligtümer aus dem Nachlass von Heinrich Mann sollen jetzt digital einsehbar werden.

Wir wissen nicht, wieweit Archivmitarbeiter Wagnerianer sind. Aber wir empfehlen im Hinblick auf ihre T?tigkeit an den Riesen Fafner aus Richard Wagners ?Ring des Nibelungen“ zu denken. Fafner wimmelt bekanntlich Besucher mit dem Satz ab: ?Ich lieg und besitz. Lasst mich schlafen.“

Nun muss man allerdings gleich sagen: Schlafhüter mitsammen sind die Menschen vom Archiv mitnichten. Dafür haben sie viel zu viel zu tun mit Erschlie?ung und Bewahrung ihrer Best?nde. Aber ihre Sch?tze behalten sie doch ganz gern für sich und h?ngen ihren Reichtum selten an die gro?e Glocke.

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Allerdings gehen auch Archive bisweilen an die ?ffentlichkeit. Dann informieren sie, meist in sachlichem und wenig aufsehenerregendem Ton, zum Beispiel über Neuzug?nge. Oder sie lüften einen Zipfel jener Decke, unter der ihr Nibelungenhort lagert, und zeigen etwas davon – m?glichst in Form einer wenig spektakul?ren ?Kabinettsausstellung“. Denn so richtig wohl ist ihnen allen nicht dabei, wenn sich die Sorgenkinder ihres Berufslebens dem neugierigen Blick der Au?enwelt aussetzen.

Eins kostbarer als das andere

So verh?lt es sich auch mit der Berliner Akademie der Künste und ihrem Archiv, besser gesagt mit ihren Archiven. Denn es gibt derer gleich sechs, und eines ist kostbarer bestückt als das andere. Das liegt in der Natur der Sache, verfügt doch dieses Haus über das bedeutendste interdisziplin?re Archiv zur Kunst und Kultur der Moderne im deutschen Sprachraum.

Da wird gesammelt zur bildenden Kunst und Architektur, zur Musik und darstellenden Kunst, zu Film und Medien und zur eigenen Geschichte. Aber den L?wenanteil mit 370 Einzelbest?nden (darunter Namen wie Christa Wolf oder Günter Grass), der an Umfang und Wichtigkeit gleich nach Marbach am Neckar und Weimar in Thüringen kommt, stellt die Literatur.

Ausgerechnet! Denn in der Vorg?ngerinstitution, der 1696 gegründeten Preu?ischen Akademie der Künste, kam es erst 1926 hinzu, das ?Schrifttum“, wie man damals gerne sagte, und in der Reichshauptstadt besonders gern, denn antimoderne, um nicht zu sagen v?lkische T?ne wurden hier besonders vollmundig angeschlagen, woran auch Schriftsteller wie D?blin oder Thomas Mann nichts ?ndern konnten. Und 1933 verhielt sich die ?Sektion Dichtkunst“ ziemlich opportunistisch, wobei kein Geringerer als der gro?artige Lyriker Gottfried Benn eine unrühmliche Rolle spielte. Aber wir wollen nicht zu sehr ins Detail gehen.

2021 wird Heinrich-Mann-Jahr

Schlie?lich hat die Akademie ihre Lektion gelernt. Sie stellte sich nach dem Krieg neu auf. 1950 im Ost- und 1954 im Westteil der Stadt. Zu Gründungsfiguren machte man nun ganz bewusst zwei Verfolgte des Naziregimes: Heinrich Mann jenseits, Georg Kaiser diesseits des Eisernen Vorhangs. Und das literarische Exil blieb in beiden Schwesterinstitutionen über die Vereinigung von 1993 hinaus ein kardinaler Schwerpunkt.

ARCHIV - Der deutsche Schriftsteller Heinrich Mann (undatiertes Archivfoto). Bei einem Symposium am Montag und Dienstag (10./11. November) in Berlin soll an die Gründung des Deutschen PEN-Clubs im Exil vor 80 Jahren erinnert werden. Erster Pr?sident war Heinrich Mann. Foto: dpa (zu dpa "Symposium zum 80-j?hrigen Bestehen des PEN-Clubs im Exil" vom 09.11.2014) +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit
Er h?tte der Gründungspr?sident der DDR-Akademie der Künste werden sollen: Heinrich Mann
Quelle: picture alliance / dpa

Und nun steht das Jubil?um einer dieser Portalfiguren an: 2021 wird Heinrich-Mann-Jahr. Und im Literaturarchiv der Akademie der Künste hofft man inst?ndig, dass der 150. Geburtstag des Verfassers von Romanen wie ?Professor Unrat“ oder ?Der Untertan“, die nach wie vor zumindest im Deutschunterricht gelesen werden, nicht weitgehend coronabedingt untergeht wie der 250. Geburtstag seines ?lteren Kollegen Friedrich H?lderlin. Nein, man erhofft sich einen ?hnlichen Auftrieb wie im Fontane-Jahr 2019.

Und damit sind wir auch schon bei der neuen Leiterin des Literaturarchivs, Gabriele Radecke – eine Fontane-Forscherin, die ihren Dichter bis ins Intimste kennt (Sie war es, die an der Universit?t G?ttingen die Digitalisierung von Fontanes Notizbüchern vorgenommen hat, womit ein grundlegend neues Licht auf den Arbeitsprozess des gro?en Romanciers und Causeurs geworfen werden konnte).

Gabriele Radecke -Leiterin des Literaturarchivs Akademie der Künste Kontakt: Dr. Gabriele Radecke Leiterin des Literaturarchivs Akademie der Künste Robert-Koch-Platz 10 10115 Berlin Tel. +49(0)30 200 57-32 00 Sekretariat +49(0)30 20057-3103
Gabriele Radecke ist die neue Leiterin des Literaturarchivs der Akademie der Künste
Quelle: Klaus-Peter M?ller, Potsdam

Nun amtiert sie hier, mitten im alten, im Fontane-Berlin, am Robert-Koch-Platz. Zwischen dem l?ngst verschwundenen Neuen Tor, der Charité, der Invaliden- und der Chausseestra?e, kurzum da, wo, wie Günter Kunert, der hier geboren wurde, einmal schrieb, Berlin am berlinischsten ist. Gabriele Radeckes Arbeitsplatz hingegen ist so, wie man sich den Arbeitsplatz einer Archivarin vorstellt: unscheinbar, 80er-Jahre-Plattenbau, sp?te DDR, wovon man sich aber gut erholen kann, wenn man schr?g gegenüber auf das elegante Neobarock der Kaiserin-Friedrich-Stiftung schaut. Jawohl, Kaiserin Friedrich, so wenig gendergerecht steht es dort noch immer unter dem Giebel. Anders als in der Friedrichswerderschen Kirche, wo kürzlich eine von der Gemahlin des 99-Tage-Kaisers selbst gefertigte Büste aufgestellt wurde, hat man sie hier noch nicht in Kaiserin Viktoria umgetauft.

Aber zur Sache! Literatur! Heinrich Mann! Neue Herausforderungen. Wie geht es Gabriele Radecke damit? ?Wunderbar!“ Noch ganz umflammt vom Zauber des Neubeginns, schw?rmt die habilitierte Germanistin von ihrer jetzigen T?tigkeit. Dass ihr Autor Fontane keine überm??ig erfreulichen Erfahrungen mit der Akademie der Künste gemacht hat, ficht sie nicht an. Der 1876 kurzzeitig als Akademiesekret?r fungierende Dichter stie? sich an seinem Vorgesetzten, Preu?ens Haus- und Hofmaler Anton von Werner, und schmiss alsbald hin. Zum Kummer der Gattin, die prompt einen Nervenzusammenbruch erlitt: Das sch?ne Geld!

Gabriele Radecke ist Gott sei Dank in eine andere Zeit gestellt und empfindet ihr neues T?tigkeitsprofil eher wie eine natürliche Fortsetzung des alten. Wie das? ?Nun ja, eine meiner Aufgaben wird sein, abermals die Digitalisierung voranzutreiben, jetzt also zun?chst einmal im Hinblick auf Heinrich Mann. Trotz seiner abenteuerlichen Flucht erst aus Deutschland, dann aus Frankreich und trotz seines Exils in den Vereinigten Staaten ist ungew?hnlich viel an Werkmanuskripten, Entwürfen, Korrespondenz auf uns gekommen. Am Ende werden wir die verstreut in mehreren L?ndern liegenden Teile von Manns Nachlass in einem gro?en Internetportal zusammenführen k?nnen. Ein echtes Pilotprojekt. Und ob Sie es glauben oder nicht: Bei Heinrich Mann spielen wieder wie bei Fontane die Notizbücher eine gro?e Rolle, und sie sind auch ?hnlich heterogen geraten.“

Von Lübeck nach St. Petersburg

Schon ist sie aufgestanden und kramt aus prall gefüllten Schubladen einen Band in Oktavformat hervor, lila marmoriert gebunden. ?Das ist das Tagebuch von Heinrich Manns erster Reise, die ihn von Lübeck nach Sankt Petersburg führte“, sagt sie mit jenem Engagement in der Stimme, das Finderglück verr?t: ?Sogar von der Gr??e her wie bei Fontane. Und gezeichnet hat er auch darin! Sehen Sie, hier: die Isaakskathedrale. Oder nehmen Sie dies: eingeklebte Postkarten, auch solche Hinzufügungen gibt es bei Fontane.“

Befeuert vom Finderglück: Gabriele Radecke hütet die Sch?tze Heinrich Manns, so auch diese Zeichnung zum Roman ?Die kleine Stadt“
Skizze Heinrich Manns zum Schauplatz seines Romans "Die kleine Stadt"
Quelle: Akademie der Künste, Literaturarchiv

Natürlich müsse man bedenken, setzt Gabriele Radecke ihre Erl?uterungen fort, bei der Abfassung dieses Tagebuchs sei Heinrich Mann noch ein Kind gewesen. Die Reise, die er 13-j?hrig ganz allein per Schiff in die Residenz des Zarenreichs gemacht hat, wo eine Schwester seines Vaters mit einem begüterten Kaufmann verheiratet war, fand 1884 statt. Aber an der schwarzen Tinte, die sich hier zwischen die lila geschriebenen Zeilen dr?ngt, erkenne man die überarbeitung sp?terer Jahre: eine Fortschreibung, ja Literarisierung des ursprünglichen Materials. ?hnlich habe auch Fontane gearbeitet.

Und noch eine Verwandtschaft dr?ngt sich auf: Das Verteilen der Notate auf verschiedene Formate. Wieder der Griff in die Schublade, jetzt eine andere. Heraus kommt ein in strahlend rotem Maroquinleder gehaltener Terminkalender. Ehrfürchtig streicht der Besucher kurz darüber, bevor Gabriele Radecke das kleine Ding aufbl?ttert.

Das schlichte Wort ?abgereist“

Es handelt sich um den Tageskalender des Schicksalsjahres 1933. Noch ist Heinrich Mann Pr?sident der Sektion Dichtkunst. Eintrag am 6.2.: ?6 h Akademie“. Es sollte die letzte Sitzung sein, die er leitete. Am 15.2. wird er abends sp?t ins Haus gerufen, um seinen Rücktritt zu erkl?ren, von dem Kultusminister Rust das Fortbestehen der Abteilung abh?ngig gemacht hatte. Dieser Termin ist nicht eingetragen, denn er kam unvorhergesehen.

Heinrich Mann Kalender 1933 50 - Main frame Kontakt: Dr. Gabriele Radecke Leiterin des Literaturarchivs Akademie der Künste Robert-Koch-Platz 10 10115 Berlin Tel. +49(0)30 200 57-32 00 Sekretariat +49(0)30 20057-3103 Radecke@adk.de www.adk.de Online-Recherche in den Best?nden des Archivs unter https://archiv.adk.de
Heinrich Manns Taschenkalender von 1933 mit dem Eintrag seiner Flucht aus Nazi-Deutschland
Quelle: Akademie der Künste, Literaturarchiv
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Dann f?llt der Blick des Besuchers auf den 21.2. Er h?lt den Atem an. Denn da steht das eine unscheinbare W?rtchen ?abgereist“. Doch dass es, ungew?hnlich für Heinrich Mann, unterstrichen ist, verr?t: Diese Eintragung markiert nicht mehr und nicht weniger als den deutschen Zivilisationsbruch. Ein verdienter, hochberühmter Schriftsteller, zeitweise für das Amt des Reichspr?sidenten gehandelt, sieht sich als über Sechzigj?hriger gezwungen, sein Vaterland zu verlassen. Für immer. Als man den fast Achtzigj?hrigen 1950 bat, als Gründungspr?sident nunmehr der gesamten DDR-Akademie zurückzukommen, hatte der dergestalt Geehrte zwar zugesagt. Jedoch sein Tod verhinderte die Heimkehr.

Hier halten wir einen Moment inne. Der Atem der Geschichte weht einen an, sodass man unwillkürlich z?gert weiterzusprechen. Was dr?ngt sich nicht alles an Gedanken auf! Zuletzt, um ehrlich zu sein, zumindest beim Besucher, auch der: Wer wei?, was Heinrich Mann erspart geblieben ist, indem er nicht auch noch die zweite deutsche Diktatur erleben musste...

?Wisst ihr, wie das wird?“

Aber verscheuchen wir die Gespenster der Vergangenheit. Blicken wir frohgemut in die Zukunft! Wie soll das Heinrich-Mann-Jahr 2021 begangen werden? ?Zun?chst einmal mit einem gro?en Festakt zum Geburtstag am 27. M?rz“, sagt Radecke, ?Der Bundespr?sident ist angefragt für die Er?ffnungsrede. Anschlie?en wird sich ein dreit?giges internationales Symposion.“ Auch eine ?Kabinettsausstellung“ soll nicht fehlen; im Mittelpunkt wird das bereits erw?hnte Sankt-Petersburg-Tagebuch stehen.

Aber die Aufgaben von Gabriele Radecke beschr?nken sich nicht auf die einer Zeremonienmeisterin in Sachen Heinrich Mann. Erfreulicherweise will sie vom Fafner-Image ihres Berufsstandes ein wenig loskommen und mit mehr Veranstaltungen dieses Hauses sowie mit wirkungsvollerer ?ffentlichkeitsarbeit auf die eigenen archivalischen Literatursch?tze aufmerksam machen. Au?erdem soll die Gegenwart gro?geschrieben werden. Vor Kurzem konnte ein Teil des Vorlasses von Uwe Timm eingetrieben werden. Nun will sie auch an andere Zeitgenossen herantreten. An wem ist sie dran? ?An mehreren“, raunt sie geheimnisvoll und l?sst sich nicht in die Karten blicken.

Zeit genug dafür dürfte sie haben. Eine Stelle wie die ihre ist auf Kontinuit?t angelegt. Ob Gabriele Radecke es so lange aushalten wird wie ihr Ur-Ur-Gro?vater, der Komponist Robert Radecke, der von 1875 bis 1910 Mitglied der Abteilung Musik und sogar des Senats gewesen ist? Wer wei?? Oder um ein letztes Mal Richard Wagners ?Ring des Nibelungen“ zu bemühen: ?Wisst ihr, wie das wird?“ Natürlich nicht. Aber dass hier die richtige Person am richtigen Platz ist, wird man wohl jetzt schon sagen dürfen.

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