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Ausland Konflikt um Bergkarabach

?Die S?ldner gehen in D?rfer und verlangen die Einhaltung der Scharia“

| Lesedauer: 4 Minuten
Türkei soll syrische S?ldner entsandt haben

Bei den Gefechten um die Kaukasusregion Bergkarabach soll die Türkei zur Unterstützung aserbaidschanischer Truppen rund 850 syrische K?mpfer entsandt haben. Die türkische und aserbaidschanische Regierung bestreiten die Vorwürfe.

Quelle: WELT/Sebastian Struwe

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Armeniens Staatschef Nikol Paschinjan erhebt schwere Vorwürfe gegen die Türkei: ?Tausende von Terroristen“ seien aus Syrien eingetroffen und k?mpften an der Seite der Türken für Aserbaidschan. Auch würden F-16-Kampfjets eingesetzt, um Zivilisten zu t?ten.

Der Konflikt um Bergkarabach war vor einer Woche wieder offen ausgebrochen. Die überwiegend von Armeniern bewohnte Region mit 150.000 Einwohnern hatte sich 1991 von Aserbaidschan losgesagt. Da das mehrheitlich christliche Armenien mit Russland verbündet ist und das mehrheitlich muslimische Aserbaidschan von der Türkei unterstützt wird, droht eine Ausweitung des Konflikts über die Region hinaus. Durch den Südkaukasus laufen zudem wichtige Erdgas- und ?lpipelines.

Im Interview erhebt Armeniens Staatschef Nikol Paschinjan schwere Vorwürfe gegen die Türkei.

WELT: Sie beschuldigen Aserbaidschan, Milit?rhilfen von der Türkei anzunehmen. Welche Beweise haben Sie dafür?

Nikol Paschinjan: Wir haben Beweise. Russland, Frankreich und der Iran haben bereits best?tigt, dass die türkische Armee an der am 27. September gestarteten Gro?offensive gegen Artsakh (Bergkarabach, Anm. d. Red.) teilgenommen hat. Hochrangige türkische Beamte gaben ihre Unterstützung für Aserbaidschan ?ffentlich zu, und zwar nicht nur in politischer und diplomatischer Hinsicht, sondern auch auf dem Schlachtfeld. Sie setzen Drohnen und türkische F-16 ein und bombardieren damit zivile Gebiete in Bergkarabach.

Die internationale Gemeinschaft, ganz besonders aber die amerikanische ?ffentlichkeit, sollte wissen, dass diese in den USA hergestellten F-16 in diesem Konflikt dazu verwendet werden, Armenier zu t?ten. Es gibt Beweise dafür, dass türkische Milit?rkommandeure direkt an der Leitung der Offensive beteiligt sind. Ankara hat Baku mit Milit?rfahrzeugen, Waffen und milit?rischen Ratgebern versorgt. Wir wissen, dass die Türkei Tausende S?ldner und Terroristen ausgebildet und aus den von der Türkei besetzten Gebieten im Norden Syriens hierher gebracht hat. Diese S?ldner und Terroristen k?mpfen jetzt gegen die Armenier. Viele von ihnen wissen noch nicht einmal, warum die Türkei sie nach Aserbaidschan schickt. Man hat ihnen falsche Versprechungen gemacht, was sie erst nach der Ankunft hier im Land herausfanden.

Wir wissen auch, dass diese Terroristen Drogen nehmen – in den Taschen ihrer Uniformen wurden Spritzen mit Bet?ubungsmitteln gefunden, was auch erkl?ren k?nnte, warum 30 Prozent der aserbaidschanischen Verluste ausl?ndische S?ldner sind.

WELT: Ist die Türkei Ihrer Meinung nach dafür verantwortlich, dass die Situation eskaliert ist?

Paschinjan: Absolut. Die gemeinsame Milit?rübung von Türken und Aserbaidschanern, die schon im August stattfand, ist im Grunde immer noch nicht beendet. Tats?chlich ist dieser Angriff auf Bergkarabach nur die n?chste Phase dieser Operation. Nach der Vorbereitung im August entschlossen sie sich, diese Offensive zu starten und müssen somit für die Eskalation zur Verantwortung gezogen werden. Nach einem ersten Angriff und einer darauffolgenden Niederlage an der armenischen Grenze im Juli wandte sich Aserbaidschan an die Türkei, und es ist offensichtlich, dass Ankara in vielen entscheidenden Aspekten der gegenw?rtigen Situation die Entscheidungen trifft. Ihr Ziel ist es, das Gleichgewicht der Kr?fte in dieser Region zu ihren Gunsten zu verschieben.

WELT: Was meinen Sie damit?

Paschinjan: Die Türkei will ihre Rolle und ihren Einfluss im Südkaukasus verst?rken und so den bereits seit einem Jahrhundert geltenden Status quo ver?ndern. Ihr Traum ist es, ein Imperium im Stil eines Sultanats aufzubauen, und sie schl?gt dabei einen Weg ein, der die gesamte Region in Brand setzen k?nnte.

WELT: W?ren Sie zu einem Waffenstillstand bereit?

Paschinjan: Die Türkei und Aserbaidschan müssen die Feindseligkeiten beenden, denn sie haben mit dieser Offensive begonnen und t?ten auch jetzt, in diesem Moment, weitere Armenier. Bergkarabach darf nicht entwaffnet werden, denn das würde zu einem V?lkermord führen. Die Menschen, die dort leben, werden in ihrer Existenz bedroht. Und im Moment zeigt die gegnerische Partei nicht das geringste Interesse daran, die K?mpfe zu stoppen.

Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob Aserbaidschan die an ihrer Seite k?mpfenden Terroristen irgendwie kontrolliert. Laut unseren Geheimdienstinformationen gehen die S?ldner in einigen D?rfern Aserbaidschans einfach in die L?den, verbieten den Verkauf von Alkohol und verlangen, dass die Scharia eingehalten wird.

WELT: Sollten die Verhandlungen über die OSZE-Minsk-Gruppe laufen?

Paschinjan: Es ist das einzig m?gliche Format. Die Pr?sidenten aus Russland und Frankreich haben einen starken Appell an die Angreifer gerichtet. Wir erwarten, dass sich die internationale Gemeinschaft aktiv für ein Ende der Feindseligkeiten¨engagiert. Die Mitgliedschaft der Türkei in der OSZE-Minsk-Gruppe sollte übrigens suspendiert werden, da sich das Land parteiisch und kriegerisch verh?lt. Aus diesem Grund kann es nicht mehr als Vermittler auftreten.

WELT: Ist diese Krise schlimmer als die im Jahr 2016?

Paschinjan: Sie ist viel schlimmer. Man kann sie h?chstens mit dem vergleichen, was 1915 passiert ist, als mehr als 1,5 Millionen Armenier w?hrend des ersten V?lkermords des 20. Jahrhunderts massakriert wurden. Der türkische Staat, der die Vergangenheit nach wie vor leugnet, ist hier erneut auf dem Weg Richtung V?lkermord. Die Welt muss erfahren, was hier passiert. Die internationale Gemeinschaft muss schnell eingreifen und so verhindern, dass sich die Gewalt weiter ausbreitet, denn tut sie dies nicht, wird der ganze Südkaukasus die Folgen dieses Konflikts zu spüren bekommen.

Dieser Text stammt aus der Zeitungskooperation Leading European Newspaper Alliance (LENA). Ihr geh?ren neben WELT die italienische Zeitung ?La Repubblica“, ?El País“ aus Spanien, ?Le Figaro“ aus Frankreich, ?Gazeta Wyborcza“ aus Polen, ?Le Soir“ aus Belgien sowie aus der Schweiz ?La Tribune de Genève“ und ?Tages-Anzeiger“ an.

In Kooperation mit ?Le Figaro“. übersetzt aus dem Franz?sischen von Bettina Schneider
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