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Wie Fridays for Future gegen den Bedeutungsverlust k?mpft

| Lesedauer: 6 Minuten
Wegen Corona-Krise r?t Greta Thunberg zu Aktionen im Internet

Angesichts der Coronavirus-Pandemie sagt die Klimaschutzbewegung Fridays for Future viele Demonstrationen ab. Greta Thunberg fordert die Aktivisten nun dazu auf, ihre Aktionen ins Internet zu verlagern.

Quelle: WELT / Laura Fritsch

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Fridays for Future fordert, nur klimagerechten Unternehmen in der Corona-Krise Wirtschaftshilfen zu gew?hren. Doch ohne ihre Massendemonstrationen fehlt es der Bewegung an Schlagkraft. Welche Rolle kann sie jetzt noch spielen?

Eigentlich sollte es ein gro?er Tag für die Aktivisten der Klimabewegung Fridays for Future werden. Bereits seit Januar liefen die Planungen für den fünften globalen Klimastreik. Millionen Schüler sollten weltweit auf die Stra?en gehen. Auch in Deutschland mobilisierten Ortsgruppen im ganzen Land zu Massendemonstrationen.

Doch dann kam alles anders. Aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus einigten sich Bund und L?nder, soziale Kontakte umfassend einzuschr?nken. An Demonstrationen ist seither nicht mehr zu denken.

Junge Aktivisten aus dem ganzen Land sind dafür verantwortlich, dass die Klimabewegung am Freitag vergangener Woche dennoch für ?ffentlichkeitswirksame Bilder sorgte. 70 Ortsgruppen hatten insgesamt 10.000 Schilder mit politischen Botschaften gesammelt und nach Berlin geschickt. Einige Aktivisten aus der Hauptstadt legten diese nebeneinander auf die Reichstagswiese – und brachten ihren Protest so auch trotz Corona auf die Stra?e.

Freitagsbotschaft ohne Massendemonstration: Klimaaktivistin Luisa Neubauer bei der Protestaktion auf der Reichstagswiese
Freitagsbotschaft ohne Massendemonstration: Klimaaktivistin Luisa Neubauer bei der Protestaktion auf der Reichstagswiese
Quelle: dpa
TOPSHOT - Placards are seen on the grass in front of the Reichstag building during a "Fridays for Future" action over climate emergency on April 24, 2020 in Berlin. (Photo by John MACDOUGALL / AFP)
Quelle: AFP

Doch wie ver?ndert eine Pandemie, in der es kaum ein anderes Thema gibt, eine junge Bewegung, deren Ziele in den Hintergrund zu rücken scheinen?

Eine, die es wissen muss, ist Carla Reemtsma, Studentin der Politik- und Wirtschaftswissenschaften in Münster. Sie ist von Anfang an bei Fridays for Future dabei und zu einem der bekanntesten Gesichter der Klimajugend geworden.

Carla Reemtsma, Mitgründerin von Fridays for Future in Deutschland
Carla Reemtsma, Mitgründerin von Fridays for Future in Deutschland
Quelle: PA/dpa/Gregor Fischer

?Gerade jetzt, wo extrem viele Entscheidungen in sehr kurzer Zeit gef?llt werden, darf es nicht sein, dass nur irgendwelche Lobbyisten, die einen schnellen Draht ins Regierungsviertel haben, diese Entscheidungen mit beeinflussen k?nnen“, sagt sie. Auch die Zivilgesellschaft müsse jetzt darauf hinweisen k?nnen, was trotz der Corona-Krise nicht vergessen werden dürfe.

Den globalen Streik verlegten die Aktivisten ins Netz. Bis zu 20.000 Menschen gleichzeitig verfolgten einen Livestream, insgesamt haben nach Angaben der Bewegung in allen sozialen Netzwerken zusammengez?hlt 240.000 Menschen am ?Netzstreik fürs Klima“ teilgenommen. Das ist viel, aber deutlich weniger, als Fridays for Future in der Hochphase auf die Stra?e brachte.

?Onlineprotestr?ume sind unzureichend, aber es sind nun mal die einzigen Protestr?ume für Menschenmassen, die wir gerade haben“, sagt Reemtsma. Auch inmitten einer Pandemie müsse es m?glich sein, unter Auflagen zu demonstrieren. ?Eine kleinere Versammlung, auf der Mindestabst?nde eingehalten werden, ist nicht gef?hrlicher als eine Abiprüfung oder ein Supermarkteinkauf.“

Dass Online-Livestreams Proteste auf der Stra?e nicht ersetzen k?nnen, wei? auch Simon Teune. Der Soziologe beobachtet die Klimabewegung seit ihrer Entstehung 2018 und steht ihr inhaltlich nahe. ?Bei einer Demonstration geht es auch um ein k?rperliches Erleben, etwa durch das Rufen von Parolen oder das gemeinsame Laufen mit anderen“, sagt der Vorsitzende des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung. Solche Momente seien für Aktivisten motivierend und erfüllend.

Dass sich die Corona-Krise negativ auf die Klimabewegung auswirken k?nnte, besorgt auch Jakob Blasel, 19-j?hriger Fridays-Aktivist: ?Natürlich ist es etwas grundlegend anderes, einen Livestream im Internet zu schauen, als den Protest mit anderen zusammen einfach mal rauszubrüllen“, sagt er. Ohne Massen auf den Stra?en sei es schwieriger, die Unzufriedenheit mit der Politik transportieren zu k?nnen. ?Wir müssen jede Krise bek?mpfen, wenn wir in Zukunft gut miteinander leben wollen. Jetzt müssen wir es m?glichst schnell schaffen, wieder einen Blick auf die Klimakrise zu bekommen.“

Die Aktivisten von Fridays for Future nutzen auch die aktuelle Situation für klimapolitische Forderungen. Alle Unternehmen, die w?hrend der Corona-Krise Kredite oder Subventionen aus Steuergeldern erhalten, müssten in Einklang mit dem Pariser Klimaabkommen stehen sowie sozialen und nachhaltigen Kriterien genügen. ?Verantwortung für die nachfolgenden Generationen“, nennt die 22-j?hrige Reemtsma das.

?Wir kennen die Impfstoffe gegen die Klimakrise“

Der Klimawandel holt uns ein. Minister aus aller Welt sind auf Einladung der Bundesregierung zum Petersberger Klimadialog zusammengekommen. Viele appellieren: In Zeiten der Corona-Krise dürfe der Umweltschutz nicht vergessen werden.

Quelle: WELT / Alina Quast

Corona sei zwar gerade das dringlichste Thema, und es sei verst?ndlich, dass sich Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nicht ausgerechnet jetzt mit der Auswirkung von Luftverschmutzung auf Lungenkrankheiten besch?ftige. ?Uns geht es um die langfristigen Ma?nahmen zur Krisenbew?ltigung, die auch der Klimakrise gerecht werden müssen.“

Wirtschaftshilfen nur für klimagerechte Unternehmen? Reinhard Houben, wirtschaftspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, weist diesen Vorschlag zurück. ?Die dringend notwendigen Hilfen für strauchelnde Unternehmen zus?tzlich mit Forderungen zu belasten, halte ich für falsch.“ Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag sieht das ?hnlich. Es brauche schnelle und unbürokratische Hilfe, die nicht an zus?tzliche Bedingungen geknüpft sei, sagt Vizehauptgesch?ftsführer Achim Dercks.

Auch Joachim Pfeiffer (CDU), wirtschaftspolitischer Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, übt scharfe Kritik: ?Deutschland und die Welt stecken wahrscheinlich in der gr??ten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. Jetzt ist nicht die Zeit für selbstverliebte Marktschreier.“ Für die wirtschaftliche Erholung brauche es vor allem Wachstum und Besch?ftigung, Klimaschutz müsse dies zwingend unterstützen.

Jakob Blasel von Fridays for Future h?lt dagegen: ?Die Konjunkturprogramme müssen der Gemeinschaft dienen und nicht nur den Konzernen.“ Es beunruhige ihn als Demokraten, dass es in der Bev?lkerung eine breite Mehrheit für mehr Klimaschutz gebe, die Regierung aber weiterhin einen ?feigen und zynischen Kurs in der Klimapolitik“ fahre.

Die Verbindung zwischen der Bek?mpfung der Corona-Pandemie und des Klimawandels wird in Kreisen der Klimabewegung h?ufig gezogen. ?Fight every crisis“ (?Bek?mpft jede Krise“) war etwa das Motto des Netzstreiks in der vergangenen Woche. Im Livestream dazu meinte etwa der Journalist Tilo Jung im Gespr?ch mit Luisa Neubauer, der bekanntesten Aktivistin von Fridays for Future: In der Corona-Krise zeige sich, dass es ?doch geht, in einem real existierenden Kapitalismus die Wirtschaft anzuhalten für eine gr??ere Sache“.

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Bereits Mitte M?rz postete Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, auf Twitter: ?Wegen Corona werden wir vermutlich doch die Klimaschutzziele für 2020 erreichen. Warum brauchen wir erst einen Virus, der vor allem Alte bedroht, um den Schutz der Lebensgrundlagen der Jungen zu erreichen?“ Quaschning initiierte die Bewegung Scientists for Future, die Fridays for Future unterstützt.

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Mit solchen Ansichten über Corona steht Quaschning nicht alleine da, auch wenn sich prominente Klimaaktivisten davon distanzierten. Birgit Raab, Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Verkehr der bayerischen Grünen und Kandidatin bei der Europawahl im vergangenen Jahr, postete Anfang April in mittlerweile gel?schten Tweets: ?Was Corona uns sagen will … H?rt zu! Stopp! Diese überschall-Autobahn ist aus den Schienen geraten. Corona ist kein Feind. Er ist ein Bote. Wir haben jetzt die Chance etwas zu ?ndern.“

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Und fragt man den bewegungsnahen Protestforscher Simon Teune, sagt er, dass nicht nur w?hrend der Corona-Pandemie, sondern auch gegen den Klimawandel konsequentere Ma?nahmen ergriffen werden müssten, um ein Massensterben zu verhindern. ?Im Vergleich zur Corona-Krise fehlt aber der politische Wille, auch weitreichende Ma?nahmen umzusetzen.“

Davon h?lt FDP-Politiker Houben wenig. Der Klimawandel sei ein Problem, dem man nur sehr langfristig und mit internationalen Ma?nahmen effektiv begegnen k?nne. ?Wenn die Bek?mpfung der Pandemie ein Marathon ist, wie die Kanzlerin sagt, so ist die Bek?mpfung des Klimawandels eine Weltumsegelung.“ Auch CDU-Mann Pfeiffer h?lt einen Vergleich angesichts der verheerenden Bilder aus den Krankenh?usern europ?ischer Nachbarstaaten für zynisch und anma?end. ?Die Corona-Krise jetzt gegen den Klimaschutz auszuspielen, verbietet sich.“

Diesen Vorwurf weisen die Aktivisten zurück. ?Wir müssen sehr vorsichtig sein, diese beiden Krisen zu vergleichen, da es sich um v?llig unterschiedliche Notlagen handelt“, sagt Jakob Blasel. Aus der Corona-Krise k?nne man allerdings lernen, verantwortungsvoller zu handeln, wenn auf den Erkenntnissen von Wissenschaftlern aufgebaut werde. Die jeweiligen Anstrengungen zur Bek?mpfung der Krise seien jedoch in keiner Weise vergleichbar. ?Wir brauchen eine Transformation unserer Wirtschaft und nicht ihren Stillstand.“ Auch Carla Reemtsma stellt klar: ?Massivste Grundrechts- und Freiheitseinschr?nkungen dürfen niemals die Antwort auf die Klima-Krise sein.“

Beide Fridays-for-Future-K?pfe wollen weitere kreative Protestformen entwickeln, mit denen sich wenige Aktivisten ?ffentliche Orte aneignen k?nnten. Reemtsma spricht von der ?Versch?nerung von ?ffentlichen Geb?uden, Statuen und Skulpturen“ und ?Mundschutzmasken mit politischen Botschaften“.

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