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Deutschland Grünen-Fraktionschef Hofreiter

?W?re ratsam gewesen, wenn sich Laschet st?rker eingelesen h?tte“

| Lesedauer: 7 Minuten
Grüne machen sich für ?Kauf-vor-Ort-Gutschein“ stark

Zur Unterstützung des Einzelhandels in der Corona-Krise fordern Grünen-Politiker einen ?Kauf-vor-Ort-Gutschein“. Der Gutschein soll nur im station?ren Handel, für station?re Dienstleistungen oder in der Gastronomie eingel?st werden k?nnen.

Quelle: WELT/Achim Unser

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Anton Hofreiter analysiert die Pandemie immer auch als Biologe. Der Grünen-Fraktionschef rügt Lockerungsvorschl?ge des NRW-Ministerpr?sidenten als ?teilweise unverantwortlich“. Er lehnt es ab, den Kampf gegen Corona als Muster für die Bek?mpfung der Klimakrise zu sehen.

Anton Hofreiter führt seit sieben Jahren mit Katrin G?ring-Eckardt die Grünen-Fraktion im Bundestag. Er ist nicht nur Politiker, sondern auch promovierter Biologe: In den 90er-Jahren forschte er in den südamerikanischen Tropen, schleppte sich mit einem gebrochenen Bein tagelang durch den Regenwald.

WELT: Herr Hofreiter, im Bundestag sitzen nur 29 Naturwissenschaftler – aber fünfmal so viele Juristen. Würden Sie sich in der Corona-Krise wünschen, dass das Verh?ltnis andersherum w?re?

Anton Hofreiter: Jedenfalls merkt man bei manchen Diskussionen über das Virus schon, ob jemand eine naturwissenschaftliche Ausbildung hat oder nicht. Naturwissenschaftler haben in der Regel ein st?rkeres Bewusstsein dafür, dass man mit einem Virus oder Naturgesetzen nicht verhandeln kann. Wir sind es in der Politik gewohnt, Kompromisse zu finden. In einer Demokratie gibt es keine absoluten Wahrheiten. Aber mit dem Virus gibt es eben nichts zu verhandeln. Darauf kann man nur reagieren. Das ist jedem Naturwissenschaftler klar.

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter: ?Wir wissen sehr wenig über die Covid-19-Krankheit. Wir lernen noch“
Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter: ?Wir wissen sehr wenig über die Covid-19-Krankheit. Wir lernen noch“
Quelle: Marlene Gawrisch / WELT

WELT: Also sollten sich ?konomen oder Juristen im Moment eher zurückhalten?

Hofreiter: Nein. Bei der Bek?mpfung einer Pandemie braucht es alle Perspektiven. Es gibt ja massive wirtschaftliche, soziale, juristische und psychologische Auswirkungen. Aber die wichtigsten Grundlagen sind im Moment sicher Virologie und Epidemiologie. Uns muss bewusst sein, dass Infektionskrankheiten in der Menschheitsgeschichte immer eine enorme Wucht hatten. Epidemien sind einer der Haupttreiber der Evolution.

WELT: Gibt es unter den Naturwissenschaftlern im Bundestag jetzt so eine Art Bio-Connection?

Hofreiter: Das gibt es in dem Sinne nicht. Aber Kanzleramtschef Helge Braun (CDU), der ja promovierter Mediziner ist, den sch?tze ich gerade sehr. Wenn er sich zur Pandemie ?u?ert, hat das Hand und Fu?.

WELT: Wie informieren Sie sich derzeit? Lesen Sie Studien oder Fachmagazine?

Hofreiter: Ja. Ich sehe mir regelm??ig an, was bei wissenschaftlichen Websites ver?ffentlicht wird. Ich lese viele Studien. Bei allen kontroversen Debatten, die in der Naturwissenschaft unerl?sslich sind, gibt es zur Corona-Pandemie eine erstaunliche übereinkunft in den Schlussfolgerungen. Der Gro?teil der Gesellschaft erlebt zum ersten Mal live eine naturwissenschaftliche Debatte. Das finde ich positiv.

Virologen warnen vor einem erneuten Anstieg der Reproduktionszahl

Die Reproduktionszahl, die anzeigen soll, wieviele Menschen eine erkrankte Person im Schnitt infiziert, stieg vom bisherigen Tiefstand 0,7 wieder auf die kritische Marke von Eins. Virologen warnen vor einem weiteren Anstieg.

Quelle: WELT / Peter Haentjes

WELT: Und die Politik interpretiert das auch alles richtig?

Hofreiter: Einige schie?en da über das Ziel hinaus. Es w?re sicherlich ratsam gewesen, wenn sich etwa Armin Laschet, Ministerpr?sident von Nordrhein-Westfalen, st?rker eingelesen h?tte. Seine Vorschl?ge zur schnellen ?ffnung fand ich teilweise unverantwortlich. Bei ihm gingen manche Zahlen und Begriffe durcheinander: R-Wert, Verdopplungszeit und Zahl der Infizierten. Damit sollte man sich gründlich befassen, wenn man seiner Rolle als verantwortungsbewusster Politiker gerecht werden will und entsprechende Entscheidungen treffen soll.

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WELT: Manche ?konomen kritisieren, dass die Politik nur noch auf Virologen h?ren würde und sprechen von Wissenschaftsgl?ubigkeit.

Hofreiter: Was soll denn Wissenschaftsgl?ubigkeit bedeuten? Woran soll man sich denn in einer Pandemie orientieren, wenn nicht an seri?ser Wissenschaft? Wir mussten zun?chst die Verdopplungszeit der Infektionen reduzieren, dann den sogenannten R-Wert, also die Zahl der Ansteckungen pro Person unter eins bekommen. Nun muss die Zahl der Neuinfizierten so weiter runter, dass die Gesundheits?mter wieder jede einzelne Ansteckungskette nachverfolgen und das Geschehen kontrollieren k?nnen.

WELT: Hat die Bundesregierung in der Krise gut kommuniziert?

Hofreiter: Nein, die Bundesregierung h?tte klarer kommunizieren müssen, teilweise hat sie sich auch widersprochen. Noch mal: Erst musste die Verdopplungsrate reduziert werden, dann der R-Wert. Das war nicht immer ganz klar.

WELT: Wie gut kennen wir das Virus mittlerweile?

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Hofreiter: Das Virus kennt man schon relativ gut. Wir kennen seine Erbsequenz, wir kennen seine Oberfl?chenstruktur. Und wir wissen, dass es – im Gegensatz zum HI-Virus - eine relativ geringe Mutationsrate hat. Das erleichtert die Entwicklung eines Impfstoffes ungemein.

WELT: Sie gehen davon aus, dass ein Impfstoff kommen wird?

Hofreiter: Ja. Die Frage wird aber dann sein, wer als Erstes geimpft wird. Es k?nnen ja nicht sofort Abermillionen von Dosen hergestellt werden. Darüber wird es Debatten geben. Auch über die Frage, ob es vielleicht schneller einen weniger wirksamen Impfstoff geben wird als einen, der besser wirkt.

WELT: Und was wissen wir nicht?

Hofreiter: Wir wissen sehr wenig über die Covid-19-Krankheit. Wir lernen noch. Am Anfang ging man davon aus: Das geht auf die Lunge. Inzwischen gibt es die Erkenntnis, es geht auch auf die Blutgef??e, es kann das Nervensystem angreifen und die Nieren. Es ist auch noch nicht klar, wie infekti?s man in welchem Stadium ist. Und eine ganz wichtige Frage ist: Wie ansteckend sind Kinder?

WELT: Dazu gibt es gerade viele Ver?ffentlichungen, die sich zu widersprechen scheinen.

Hofreiter: Es gibt Zahlen des Virologen Drosten zur Virenlast im Rachen von Kindern. Die ist offenbar ?hnlich hoch wie bei Erwachsenen. Das hei?t aber noch nicht automatisch, dass Kinder genauso ansteckend sind. Die Probandenzahl war niedrig. Eine Studie aus den USA wiederum, die von geringer Infektiosit?t von Kindern ausgeht, hatte einen anderen Ansatz.

Aber das ist ein sch?nes Beispiel dafür, wie Forschung sich noch entwickelt und wie pr?zise man sein muss. Die Frage, wie ansteckend Kinder sind, ist ja politisch hochrelevant für die ?ffnungsstrategie bei Schulen und Kinderg?rten. Alle Eltern, Lehrer und Erzieher wollen das genau wissen. Aber es ist noch nicht genau erforscht, wir wissen noch zu wenig.

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WELT: In Fachkreisen wurde seit Jahren vor einer Pandemie gewarnt. Trotzdem wirkte die Bundesregierung sehr unvorbereitet. Warum?

Hofreiter: Es f?llt oft schwer, mit abstrakten Gefahren pr?ventiv umzugehen. Es hei?t ja auch ?There is no glory in prevention“ – für Pr?vention gibt es in unserer gesellschaftlichen Logik keinen Ruhm. Wie falsch diese Haltung ist, erleben wir gerade. Und daraus sollten lernen, zum Beispiel bei der Klimakrise. Da liefert die Wissenschaft sehr konsolidierte Daten. Trotzdem wird zu langsam auf die Bedrohung reagiert.

WELT: Kann man Pandemien verhindern?

Hofreiter: Man kann die Wahrscheinlichkeit eines Ausbruchs verringern, indem man den Kontakt zu Wildtieren eind?mmt, Wildtierm?rkte unterbindet oder die Zerst?rung von ?kosystemen stoppt. Risiken liegen auch in der Massentierhaltung.

WELT: Taiwan und Südkorea waren besser vorbereitet als Europa und die USA. Warum?

Hofreiter: In Europa liegt die letzte Epidemie 100 Jahre zurück …

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WELT: Sie meinen die Spanische Grippe. Aber wir hatten hier vor Kurzem auch die Schweinegrippe.

Hofreiter: Das stimmt. Aber die verlief glimpflich und geriet schnell in Vergessenheit. In Taiwan und Südkorea grassierte die letzte Sars-Epidemie vor wenigen Jahren. Die Menschen erinnerten sich daran. Sollte in zehn Jahren wieder eine Epidemie ausbrechen, w?ren wir sicherlich auch in Europa besser gewappnet.

WELT: Die Spanische Grippe hat im 20. Jahrhundert mehr Tote gefordert als beide Weltkriege zusammen. Trotzdem ist die Erinnerung an diese Katastrophe merkwürdig blass. Haben wir Menschen vergessen, dass wir verwundbare, biologische Wesen sind?

Hofreiter: Wir haben durch den technologischen Fortschritt Gigantisches erreicht. Denken Sie an bakterielle Bedrohungen wie die Pest – da gibt es ein Antibiotikum. Lungenentzündung? Antibiotikum. Cholera? Antibiotikum. Die Generation unserer Eltern musste sich noch vor Kinderl?hmung fürchten. Dagegen wurde ein Impfstoff entwickelt. Viele Gefahren wurden minimiert. Aber eben nicht alle. Die Wahrscheinlichkeit von Pandemien hat leider deutlich zugenommen, wie die ?ko-Systeme immer st?rker unter Stress gesetzt werden.

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Deutschland probt die Rückkehr in die Normalit?t. Gesch?fte dürfen wieder ?ffnen, Schüler schreiben Prüfungen, Lockerung ist angesagt und viele hoffen schon auf mehr. Doch die Virologen warnen eindrücklich vor einer zweiten Welle.

Quelle: WELT/Peter Haentjes

WELT: Was meinen Sie konkret?

Hofreiter: Die meisten Krankheiten sind artspezifisch. Je h?her die Artenvielfalt, desto unwahrscheinlicher ist die Ausbreitung von Krankheiten innerhalb eines ?kosystems. Wenn bestimmte Artenpopulationen kleiner werden oder verschwinden, desto h?her ist die Gefahr, dass sich Krankheiten ausbreiten. Pandemien sind nie auszuschlie?en, doch durch Raubbau werden sie wahrscheinlicher gemacht. Es gibt noch Millionen unbekannte Viren. Nicht alle sind gef?hrlich, aber der ein oder andere mit Sicherheit.

WELT: Welche Strategie empfehlen Sie dagegen?

Hofreiter: Pr?vention, Naturschutz und intensive Forschung. Optimal w?re ein antivirales Breitbandmittel. Das wird aber komplizierter als beim Antibiotikum, weil ein Virus auf unseren eigenen Stoffwechsel zurückgreift. Die Bek?mpfung von Viren ist deshalb schwierig.

WELT: Manche ?kologen sehen in der Bek?mpfung des Coronavirus ein Muster für den Kampf gegen den Klimawandel – also Runterfahren der Industrie, Einschr?nkungen bei Reisen und Urlaub. Was halten Sie davon?

Hofreiter: Den Ansatz halte ich für falsch. Die ?konomischen und sozialen Kosten, das sehen wir doch gerade, sind viel zu gro?. Und es muss auch nicht sein: In der Pandemie muss sehr schnell reagiert werden. Die Bek?mpfung der Klimakrise ist eine Aufgabe für Jahre und Jahrzehnte. Das k?nnen wir durch technologische und gesellschaftliche Ver?nderungen schaffen. Kohlekraft kann zum Beispiel durch Fotovoltaik oder Windenergie ersetzt werden oder Kurzstreckenflüge durch schnelle Bahnverbindungen. Das geschieht ja bereits.

WELT: Also sollte man Pandemie-Krise und Klimakrise gar nicht vergleichen?

Hofreiter: Da gibt es massive Unterschiede. Aber es lohnt sich bei beiden Herausforderungen, pr?ventiv zu agieren und auf die Wissenschaft zu h?ren.

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