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Deutschland 1. Mai in Berlin

Revolution versus Corona

| Lesedauer: 4 Minuten
Hunderte Demonstranten ziehen trotz Corona-Krise durch Kreuzberg

Hunderte Demonstranten sind am Abend des 1. Mai trotz der Corona-Einschr?nkungen durch Berlin-Kreuzberg gezogen. Abstandsgebote wegen der Pandemie wurden nicht eingehalten. Die Polizei war mit einem Gro?aufgebot von 5000 Kr?ften in Berlin unterwegs.

Quelle: WELT

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Kein 1. Mai in Berlin ohne ?revolution?re Mai-Demo“. Diesmal aber war die Toleranz des Staats Corona-bedingt geringer, Berlins Innensenator hatte eine strenge Hand angekündigt. Dennoch kam es stellenweise zu Gewalt: Ein TV-Team der ?heute-show“ wurde angegriffen.

Bevor der revolution?re 1. Mai – der in Berlin stets ein Ereignis bei einbrechender Nacht war – so richtig losgeht, versuchen schon am Nachmittag viele Protestler, zu einer der genehmigten über 20 Mini-Demos überall in der Stadt zu gelangen: maximal 20 Leute und ordentlich Abstand.

Etliche seien unvernünftig, ist seitens der Polizei zu h?ren. Es gibt Ansprachen durch die Einsatzkr?fte, aber hier und da gehen sie auch dazwischen. Nehmen Identit?tsfeststellungen vor. Leiten Verfahren ein. Der Polizeisprecher rechnet ?mit kleineren Aktionen, vor allem in Kreuzberg, Friedrichshain und Neuk?lln. Aber auch stadtweit.“

Tumult gibt es am Rosa-Luxemburg-Platz, wo schon vor Tagen eine ideologisch bunt gemischte Truppe gegen die Corona-Hygienema?nahmen protestiert hatte. Diese Leute sind wieder da, deutlich mehr als die erlaubten 20, die Polizei verhindert eine gr??ere Versammlung und tr?gt etliche weg.

Tumult am Rosa-Luxemburg-Platz: Einer der weit mehr als 20 Demonstranten wird weggetragen
Tumult am Rosa-Luxemburg-Platz: Einer der weit mehr als 20 Demonstranten wird weggetragen
Quelle: Getty Images

Nicht weit entfernt, im Bereich der Rochstra?e im Bezirk Mitte, wird ein Reporterteam des ZDF von etwa 15 Personen angegriffen. Es kommt, wie WELT aus Polizeikreisen erf?hrt, zu Schl?gen und Tritten – und zu Verletzten.

Schon bald best?tigt die Polizei den überfall auf Twitter: Vier verletzte Personen des ZDF-Teams wurden ins Krankenhaus gebracht, zwei sind schwerer verletzt. Fünf tatverd?chtige M?nner und eine Frau wurden festgenommen. Bis zum folgenden Tag wird nicht klar sein, was da Motiv der Angreifer war.

Nach dem Angriff: Die Ausrüstung des Kamerateams liegt auf dem Boden. Vier Personen wurden von der Feuerwehr in ein Krankenhaus gebracht
Nach dem Angriff: Die Ausrüstung des Kamerateams liegt auf dem Boden. Vier Personen wurden von der Feuerwehr in ein Krankenhaus gebracht
Quelle: dpa

Dann werden Personen vom Rosa-Luxemburg-Platz verwiesen – die zarte Andeutung einer Platzr?umung. Es ist immer noch erst das Vorspiel. Gegen Abend dann verlagert sich das Maigeschehen von Mitte nach Kreuzberg. Auf dem Oranienplatz sammeln sich Menschen, weit mehr als 20, und noch mehr im G?rlitzer Park, weit über Berlin hinaus bekannt als Drogenumschlagplatz für Touristen aus aller Welt, die nun seit vielen Wochen ausbleiben. Heute Abend ist hier der Rasen, auf dem revolution?rer 1. Mai gespielt wird.

Mehrere Hundert Personen versuchen gegen 18 Uhr, sich auf dem Oranienplatz zu sammeln und zu formieren. Die Polizei – über 5000 Beamte sind heute in Berlin im Einsatz – h?lt dagegen. Ein Marsch zum G?rlitzer Bahnhof wird verhindert. Kleinere Gruppen bewegen sich auf und ab, von der Polizei begleitet. Eine gute Nachricht aus Polizeikreisen: Bisher sei es nicht zu einem Anhusten von Einsatzkr?ften durch militante Demonstranten gekommen.

Nicht, dass der Corona-D?mon die Revolution?re unbeeindruckt gelassen h?tte. In ihrem Aufruf auf Twitter zum 1. Mai in Berlin-Kreuzberg schrieben sie: ?Wir nehmen die Schutzma?nahmen ernst. Wir werden verantwortungsvoll handeln.“ Und man erwarte, ?dass die Polizei am 1. Mai auch Abstand h?lt“. Denn man brauche an diesem Tag ?keine Polizeigewalt“.

?Am 1. Mai nehmen wir uns die O-Stra?e“

Umsichtig klang das, fast staatstragend. Doch keine Sorge, ein friedvoller 1. Mai in Berlin, ihn hatte man nicht im Sinn, dieses Jahr so wenig wie in vielen Jahren zuvor. Und so kam der Aufruf zur Sache: ?Am 1. Mai nehmen wir uns die O-Stra?e.“ Gemeint ist Kreuzbergs kampfgewohnte Oranienstra?e.

Wobei der illegale Siedepunkt dieses Jahr schon erreicht ist, wenn sich die kritische Masse von mehr als 20 Menschen sammelt. Nach dem Infektionsschutzgesetz sei das eine Straftat, warnte Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD). Und: ?Wir sind vorbereitet.“ Er machte klar, in diesem Jahr sei kein 1.-Mai-Rabatt drin: ?Die Politik der ausgestreckten Hand“ k?nne es diesmal nicht geben, kündigte Geisel gleich in mehreren Medien an. 20 Personen pro Demo maximal und Schluss. Gut 20 Demos waren da schon angemeldet.

Die Gegenseite gab sich unbeeindruckt. Ihr Demo-Aufruf auf Twitter war im militanten Stil der früheren Jahre gehalten: ?Pünktlich um 18 Uhr“ werde man sich um die Oranienstra?e versammeln.

1 Mai Demo Aufruf in Twitter
Der Mai ist gekommen, es ist wieder Revolution: Der Aufruf zur Berliner 1.-Mai-Demonstration auf Twitter
Quelle: Twitter

Die Revolution?re werden regelrecht poetisch: ?W?hrend wir dann den Stra?enzug entlang blicken, werden wir uns alle sehen: eine vierstellige Zahl von Menschen.“ Man werde sich ?zerstreuen“ und ?hier und da auftauchen“. Viele Demos im 20-Minuten-Takt. ?Das wird vielleicht der gro?artigste Moment des Tages.“

Der Aufruf gibt auch die n?tigen taktischen Instruktionen: ?Wir spazieren die Stra?en auf und ab, sind also st?ndig unterwegs und vermeiden statische Situationen (au?er vielleicht in der Menschenschlange am Sp?ti ;-)). Wenn ein Ort abgesperrt ist, werden wir darum herum tingeln.“

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Der Sp?ti – im Berliner Idiom all die Sp?tkauf-L?den, die auch in Corona-Zeiten bis weit in den Abend ge?ffnet haben, wo es immer noch ein Bier gibt und noch eins – scheint eine echte Perspektive zu sein an diesem 1. Mai unter der Fuchtel von Corona. Gegen 20 Uhr herrscht so etwas wie Ruhe am Oranienplatz in Kreuzberg. Grüppchen ziehen umher, aber die Polizei ist derma?en pr?sent, dass sich keine gr??eren Gruppen formieren.

Nach Einbruch der Dunkelheit kam es in Kreuzberg zu Rangeleien zwischen Demonstranten und Polizisten – vereinzelt flogen Flaschen, Einsatzkr?fte mit Helmen zogen Einzelne aus der Menge.

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