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Meinung Jom Kippur in Halle

Ich fühlte mich als Beterin instrumentalisiert

| Lesedauer: 3 Minuten
Anschlag von Halle Anschlag von Halle
Diese Tür verhinderte ein Blutbad in der Synagoge
Quelle: dpa-infocom GmbH
Christina Feist überlebte am 9. Oktober 2019 in der Synagoge von Halle den Terrorangriff eines Rechtsextremen. Nun feierte sie dort wieder den h?chsten jüdischen Feiertag. Doch die Auftritte der Vertreter von Politik und Kirchen haben sie tief entt?uscht.

Die Entscheidung, Jom Kippur auch dieses Jahr wieder in Halle zu verbringen, hatte ich wohl überlegt. Am 9. Oktober des vergangenen Jahres war ich wie die anderen Teilnehmer des Feiertagsgottesdienstes dem Versuch eines Massenmords nur entkommen, weil die Tür der Synagoge dem Angriff eines neonazistisches M?rders Stand gehalten hatte.

Dass Ministerpr?sident Reiner Haseloff und Edgar Frank, der Terroropfer-Beauftragte der Regierung, sowie Oberbürgermeister Bernd Wiegand und Vertreter von christlichen Gemeinden an Jom Kippur ein Jahr sp?ter die jüdische Gemeinde und auch den Gottesdienst besuchten, h?tte ein sch?nes Zeichen der Solidarit?t sein k?nnen. H?tte k?nnen. Echte Solidarit?t w?re gewesen, ohne Deutsche Presseagentur (dpa) zum Gebet zu kommen, einfach da zu sein und zuzuh?ren, anstatt eine Ansprache zu halten.

Christina Feist
Christina Feist
Quelle: Ina Breust

In seiner Rede bezog sich Haseloff auf das Attentat vom letzten Jahr sowie den Vers?hnungstag Jom Kippur und sagte: ?Was letztes Jahr geschah, w?re nicht passiert, wenn es mehr Vers?hnung g?be.“ Für mich legte er damit Juden und Jüdinnen implizit nahe, sie müssten sich mit den Deutschen vers?hnen.

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Als Landesbischof Friedrich Kramer als Vertreter einer der christlichen Gemeinden im Anschluss an Haseloffs Rede Abschnitte der Thoralesung kommentierte, verlie? ich fassungslos und irritiert den Gebetsraum. Für mich instrumentalisierte dieser Auftritt der Delegation um Haseloff mich als Beterin, das erlebte Trauma des Anschlags und den Prozess gegen den T?ter für PR-Zwecke.

Zus?tzlich hielten sich auch eine Person der Delegation sowie die dpa-Journalistin nicht an die Bitte, die Bedürfnisse der Betenden zu respektieren. An Jom Kippur verwenden wir keine Elektrizit?t und schreiben auch nicht. Das Delegationsmitglied betrat den Gebetsraum dennoch mit Handy in der Hand, w?hrend die Journalistin zwar auf ihres verzichtete, aber handschriftliche Notizen machte.

Von dieser Unterbrechung des Gebets durch Repr?sentanten der christlichen Mehrheitsgesellschaft am h?chsten jüdischen Feiertag fühlte ich mich in meiner Religionsausübung gest?rt und instrumentalisiert. Meinem ?rger machte ich auf Twitter Luft.

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Das l?ste in der vergangenen Woche einen Shitstorm gegen Haseloff aus. über die Staatskanzlei erkl?rte er, ich h?tte seine Ansprache zur Vers?hnung falsch verstanden. Der Prozess gegen den T?ter von Halle habe mittlerweile gezeigt, dass dieser ein Einzelg?nger war. Haseloff meint wohl, dass es gar nicht erst zum Attentat gekommen w?re, h?tte es im Umfeld des T?ters mehr Vers?hnung gegeben.

Allerdings machen Einzelg?ngertum und Unvers?hnlichkeit aus einem Menschen noch lange keinen zum Terrorismus bereiten Neonazi. Der T?ter ist, das zeigt der Prozess gegen ihn, an dem ich als Nebenkl?gerin auch regelm??ig teilnehme, Teil eines globalen Netzwerks rechter Ideologien und Verschw?rungstheorien, das sich auf Onlineplattformen verbreitet und dessen Ausma? und Bedrohung gerade in Deutschland immer noch massiv untersch?tzt werden. Somit verharmlost Haseloffs Erkl?rung im Nachhinein die Gefahr des Attentats für die Demokratie und die offene Gesellschaft.

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Dass Haseloff es eigentlich gut meint, bezweifle ich erst einmal nicht, wundere mich aber über den wiederkehrenden Unwillen hinsichtlich des 9. Oktober auf die Bedürfnisse der Betroffenen einzugehen. Das Programm der Gedenkfeier, die von der Staatskanzlei und der Stadt Halle zus?tzlich ausgerichtet wird, wirft die Frage auf, ob das Gedenken für die Betroffenen oder doch für die Politik ausgerichtet wird. Die Einladung dazu ging übrigens erst am Donnerstag ein.

Meine Kritik am Besuch der Delegation um Haseloff st??t nicht überall auf Zustimmung. Dass ich Teile der jüdischen Gemeinde in Halle damit verletzt habe, tut mir leid. Dass die Staatskanzlei nun versucht, meine Kritik zum Missverst?ndnis zu erkl?ren, und damit suggeriert, meine Reaktion sei ungerechtfertigt, ist entt?uschend. Vielmehr sollte sie Kritikf?higkeit zeigen und ein kl?rendes Gespr?ch suchen. Die dpa hat das übrigens geschafft und sich per Twitter entschuldigt.

Dieser Text ist aus WELT AM SONNTAG. Wir liefern sie Ihnen gerne regelm??ig nach Hause.

Quelle: Welt am Sonntag

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