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Wir werden Reisefreiheit wieder ganz neu zu sch?tzen wissen

Binnen weniger Tage brachte die Coronakrise den Tourismus weltweit zum Erliegen. Erst jetzt merken viele, was für ein wertvolles Gut die Reisefreiheit ist. Doch: Fernweh ist unsterblich. Und wir werden wieder reisen.
| Lesedauer: 6 Minuten
Ressortleitung Reise
Bundesregierung warnt vor Reisen bis Ende April

Die Reisewarnung der Bundesregierung wegen der Corona-Krise gilt zun?chst bis Ende April und betrifft damit auch die Osterferien. Millionen Buchungen sind betroffen.

Quelle: WELT / Nicole Fuchs-Wiecha

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Die EU-Au?engrenze: dicht für Touristen. Der deutsche Reisepass, der normalerweise weltweit Tür und Tor ?ffnet, erlaubt noch nicht einmal das Passieren der Grenze zu Polen oder ?sterreich. Eine Bundeskanzlerin, die ohne mit der Wimper zu zucken das Urlauben verbietet. Schleswig-Holstein, das über Nacht alle Inseln sperrt und eine komplette Einreisesperre für Touristen verh?ngt.

Das Ausw?rtige Amt, das generell vor nicht notwendigen touristischen Reisen ins Ausland warnt, als sei die ganze Welt ein Kriegsgebiet wie Afghanistan oder Syrien. Nicht zu vergessen die vielen Flugzeuge, die komplett am Boden bleiben, und die Kreuzfahrtschiffe, die weltweit eingemottet werden, sofern sie noch irgendwo einen Hafen zum Anlegen finden.

Was sich in den vergangenen Tagen rund um den Globus abgespielt hat, ein quasi weltweites Reise- und Einreiseverbot von Marokko über die Mongolei bis zu den Marshallinseln, ist beispiellos in der Geschichte der Menschheit.

Die erfolgsverw?hnte Gute-Laune-Reisebranche hat es besonders schwer getroffen: Waren 2019 noch 1,5 Milliarden Urlauber weltweit unterwegs, wird diese Zahl 2020 ins Bodenlose fallen.

Tourismus auf der ganzen Welt schlagartig eingebrochen

Um den Schockmoment zu begreifen, muss man sich drei Wochen zurückversetzen. Da wurde au?erhalb Asiens noch munter geflogen und gebucht. Anfang M?rz wurde sogar noch tagelang darüber debattiert, ob man die weltgr??te Tourismusmesse, die ITB in Berlin, wirklich absagen müsse, was würde denn das für einen Eindruck machen?

Keine drei Wochen sp?ter fahren Hotels, Fluggesellschaften, Veranstalter, Reisebüros, Kreuzfahrtreedereien ihre Aktivit?ten radikal herunter und sind in ihrer Existenz bedroht. überall auf der Welt.

Eine Erfolgsbranche und die Urlaubslust, die bisher für über 300 Millionen Jobs und ein Zehntel der globalen Wirtschaftsleistung standen, wurden von einem unsichtbaren Virus binnen weniger Tage fast komplett dahingerafft. Venedig, Mallorca, Mount Everest: Was gestern noch ein begehrtes, oft überlaufenes Ziel war, ist über Nacht zum Ladenhüter geworden.

Wegen Corona – Klares Wasser in den Kan?len von Venedig

Venedig ist menschenleer. Das Coronavirus hat die italienische Stadt zum Erliegen gebracht. Für die berühmten Kan?le Venedigs hat das positive Folgen. Manche wollen sogar Delfine gesehen haben.

Quelle: WELT

Und wird es erst einmal bleiben, denn kaum jemand macht sich in diesen Tagen Gedanken darüber, wohin die n?chste Reise gehen soll. Die Leute sind eher mit hamstern besch?ftigt oder damit, es sich in den eigenen vier W?nden gemütlich zu machen. Im Reisebüro (das inzwischen auch nicht mehr betreten werden darf – Ansteckungsgefahr!) meldet man sich nur noch, um umzubuchen oder den Urlaub gleich ganz zu stornieren.

Coronavirus kann das Fernweh nicht bremsen

Das ist verst?ndlich und menschlich. Aber die Lage wird nicht so bleiben. Weil das Virus, so wie es in Taiwan bereits gelungen ist, auch bei uns in einigen Wochen, vielleicht auch erst in ein paar Monaten, an Virulenz einbü?en und sich nicht mehr so rasant verbreiten wird.

Allerdings gilt es, nicht trübsinnig zu werden in dieser Wartezeit, bis die Grenzen wieder ?ffnen, die Schiffe wieder ablegen und die Flieger wieder abheben. Es gibt ein ziemlich einfaches Mittel, um dieses Ziel zu erreichen: das Fernweh. Das ist im Menschen, zumal im reiselustigen Bundesbürger, quasi im Erbgut verankert und l?sst sich gewiss nicht durch ein dahergeniestes Virus ausmerzen.

Wenn Sie also demn?chst durch Ausgangssperre oder Corona-Quarant?ne gezwungen sind, wochenlang zu Hause zu bleiben, wenn Ihnen dort die Decke auf den Kopf f?llt, verfallen Sie der Reiselust. Tr?umen Sie vom n?chsten Urlaub, egal ob im ?Tropical Island“ in Brandenburg oder auf einer echten Tropeninsel.

Stellen Sie sich Ihre n?chste Radtour an der Elbe vor (mit Mei?en-Abstecher), Ihre l?ngst geplante Südsee-Kreuzfahrt (endlich Bora Bora sehen), das Erklimmen eines Bergs (egal ob Brocken oder Montblanc) oder einfach eine Wanderung (durch den Spessart oder auf dem Jakobsweg).

Reisen Sie mit dem Kopf in andere Gegenden und andere L?nder, bleiben Sie neugierig, genie?en Sie die Vorfreude auf den ersten Champagner in der Champagne, auf die n?chste Olivenernte auf Sizilien, auf Sex on the Beach auf einer einsamen Insel, wobei wir hier natürlich, wie es sich geh?rt, vom Cocktail reden.

Die Freiheit zu reisen ist eine gro?artige Errungenschaft

Wir werden unseren Teil dazu beitragen, dass das gelingt. Und in der WELT weiterhin Reisereportagen und L?nderportr?ts ver?ffentlichen, die eine Pause vom Corona-Grübeln versprechen und die zum Schwelgen und Nachdenken anregen, vielleicht auch zum Nachreisen – in der Realit?t oder in der Fantasie.

Es werden nicht nur Friede-Freude-Eierkuchen-Stücke sein, denn auch vor der Pandemie war die Welt kein Paradies, so wie der Reisechannel der WELT nie ein kritikloser, klischeebesoffener Reisekatalog war.

In der kommenden Zeit des Stillstands, des erzwungenen Nichtreisens, lohnt es sich, besonders über ein Gut nachzudenken, das viel zu viele seit Jahrzehnten für selbstverst?ndlich genommen haben, obwohl es alles andere als sicher und unantastbar ist: die Reisefreiheit. Jetzt, da sie uns vorübergehend abhandenkommt, wissen wir ihren Wert hoffentlich h?her einzusch?tzen.

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Wer pl?tzlich vor einer unüberwindbaren europ?ischen Grenze steht, wird merken, was für eine gro?artige Errungenschaft der Schengen-Raum für uns Europ?er in normalen Zeiten eigentlich ist. Und dass wir alles dafür tun sollten, um uns diesen ?Freiraum“ vom Nordkap bis nach Kreta, vom Atlantik bis zum Baltikum zu erhalten.

Der eine oder andere wird sich jetzt vielleicht auch daran erinnern, wofür und wogegen 1989 Millionen DDR-Bürger und Osteurop?er auf die Stra?e gegangen sind: für freie Wahlen und Reisefreiheit, gegen Bevormundung und Eingesperrtsein.

Urlaub nach der Corona-Krise

Und da wir gerade beim Nachdenken sind: über Klimaschutz redet gerade kein Mensch mehr. Der wird aber nach dem Reise-Revival weiterhin eine wichtige Rolle spielen.

Also vielleicht jetzt schon mal überlegen, ob man die n?chste Urlaubsreise nicht auch mit dem Fahrrad oder Zug machen kann, und gerne schon mal gucken, auf welchem Portal man Ausgleichszahlungen für Umweltschutzprojekte leisten kann, um die Abgase des n?chsten Fernflugs, der n?chsten Kreuzfahrt zu kompensieren.

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Und irgendwann wird er da sein, der Tag, an dem das Virus offiziell eingehegt ist und uns die Reisefreiheit – hoffentlich in vollem Umfang – zurückgegeben wird. Was dann?

Es w?re vielen geholfen, wenn wir dann nicht alle (so wie derzeit die peinlichen Toilettenpapierj?ger im Supermarkt) hemmungslos die Billigportale stürmen und die allergünstigsten Last-Minute-Schn?ppchen buchen würden. Stattdessen k?nnte man ins Reisebüro oder zum kleinen Spezialveranstalter gehen und sich dort von echten Menschen, die sich besser auskennen als Algorithmen, beraten lassen und damit deren Arbeitspl?tze sichern helfen.

Wenn das ein paar Euro mehr kostet als die Onlinebuchung, sollte das zu verkraften sein, schlie?lich haben wir in der Corona-Krise ja monatelang keine M?glichkeit, Geld für Reisen auszugeben.

Alle aktuellen und weltweiten Entwicklungen zum Coronavirus k?nnen Sie in unserem Live-Ticker verfolgen.

Haben Sie Fragen zum Coronavirus? Hier finden Sie die wichtigsten Fakten und Informationen.

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Dieser Text ist aus der WELT AM SONNTAG. Wir liefern sie Ihnen gerne regelm??ig nach Hause.

WELT AM SONNTAG vom 22. M?rz 2020
Quelle: Welt am Sonntag

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