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Deutschland Deutschlands Nationalparks

Hier treffen Sie auf Robbe, Luchs und Steinbock

In Deutschlands Nationalparks kann man nicht nur mit viel Abstand durch die Natur spazieren, sondern auch besondere Tiere beobachten. Wir stellen fünf Regionen vor, in denen eine Begegnung mit heimischen Wildtieren m?glich ist.
| Lesedauer: 9 Minuten
verantwortliche Redakteurin Reise/Stil/Motor
Die neue Lust aufs Wandern – ?Hier drau?en ist man doch einfach frei“

Nicht erst seit Corona lieben die Deutschen das Wandern. Mal raus aus der Stadt zu sein, in der Natur und weit weg von Trubel und Stress - das ist für viele die Motivation.

Quelle: WELT, Stefan Wittmann

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Zum Alpen-Steinbock nach Berchtesgaden

Er ist ein Gewinner des Klimawandels: der Steinbock in den bayerischen Alpen. Nur oberhalb der Baumgrenze über 1800 Meter fühlt er sich wohl, auch in der kalten Jahreszeit. Dank milderer Winter mit weniger Schnee selbst in den Hochlagen findet er dann problemlos genug Nahrung, die er auch nicht mehr lange freischarren muss: Alpenrosenknospen, Flechten und Silberwurz etwa.

Deshalb steigt ihre Zahl in den bayerischen Alpen immer st?rker an auf nunmehr gesch?tzte 800 bis 900 Tiere. Allein etwa 220 Stück leben im alpinen Nationalpark Berchtesgaden im Südosten des Landes, vor allem im Hagengebirge und am Watzmann.

Diese Kletterkünstler sieht man schon aus der Ferne, stehen sie doch gern auf Felsvorsprüngen und Gratkanten oder ?sen auf Grasmatten, im Sommer an schattigen Nordh?ngen, im Winter an sonnigen Südh?ngen. Zumindest der Bock ist unverwechselbar mit seinem imposant gebogenen, bis zu einem Meter langen Geh?rn. Das nutzt er zur Brunft, um Rivalen zu imponieren, und sonst eigentlich nur, um sich damit den Rücken zu kratzen.

Bayern: Der Alpen-Steinbock lebt im Nationalpark Berchtesgaden
Trittsicher: Der Alpen-Steinbock lebt im Nationalpark Berchtesgaden
Quelle: Getty Images/imageBROKER RF

Das streng geschützte Steinwild ist im Gegensatz zu G?msen gar nicht scheu, weil es keinen Jagddruck kennt. Besonders die m?nnlichen Tiere sind auf einer Wanderung im Nationalpark gut zu beobachten, haben nur eine geringe Fluchtdistanz von wenigen Metern. Mit Glück sieht man auch Gei?en mit Kitzen, die auf mehr Sicherheitsabstand achten.

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Bester Pirschplatz: Zwischen der Gotzenalm am Rand des Hagengebirges, der Priesbergalm gegenüber der Watzmann-Ostwand sowie der Wasseralm am Steinernen Meer, einer zerklüfteten Hochfl?che. Es gibt auch Touren mit Rangern und Biologen des Nationalparkzentrums. Nur Hunde sollten lieber nicht mitgenommen werden: Die werden von den Bergziegen verjagt.

Zur Kegelrobbe nach Helgoland

Sie lümmeln in Kolonien auf flachen Sandb?nken, reiten durch die Wellen der Nordsee und umrunden gern neugierig Boote. Den Kegelrobben an der deutschen Nordseeküste geht es sichtlich gut, sie vermehren sich pr?chtig.

Eine junge Kegelrobbe in den Dünen von Helgoland: Im Winter kommt der Nachwuchs zur Welt
Ein Kegelrobbenbaby in den Dünen von Helgoland: Im Winter kommt der Nachwuchs zur Welt
Quelle: picture alliance/imageBROKER

Ihre Population ist 2020 nach Angaben des Wattenmeer-Sekretariats in Wilhelmshaven um bis zu 40 Prozent gestiegen. Das ergaben Z?hlflüge in den drei deutschen Nationalparks des Wattenmeeres. Gesichtet wurden an der nieders?chsischen Küste 587 Tiere, vor allem bei Juist; in Schleswig-Holstein bei Amrum 218 und auf der Hochseeinsel Helgoland sogar 890 Tiere.

Dabei waren diese gr??ten Raubtiere des Wattenmeeres lange verschwunden. Erst seit den 1980er-Jahren sind Kegelrobben dank Jagdverboten wieder an den Str?nden der Nordsee heimisch geworden – und seit 2004 übrigens auch in der Ostsee, und zwar im Greifswalder Bodden.

Sie werden etwa doppelt so gro? wie Seehunde, wiegen bis zu 300 Kilo und haben einen kegelf?rmigen Kopf, daher ihr Name. Sie sind Opportunisten, was Nahrung angeht, und fressen quasi alles, was im Wasser lebt: Dorsch, Hering und Plattfische, aber auch Krebse, Garnelen und Schnecken.

Forscher wartet fast 20 Jahre für diese Aufnahmen von Kegelrobben

Der britische Forscher Ben Burville hat fast zwanzig Jahre versucht, diese Kegelrobben mit der Kamera einzufangen. Nun ist es ihm endlich gelungen, das durchaus überraschende Brutverhalten der Tiere festzuhalten.

Quelle: WELT

Der wissenschaftliche Name Halichoerus grypus bedeutet deshalb auch, wenig schmeichelhaft, so viel wie hakennasiges Schwein des Meeres. Dabei sind gerade die drolligen Kegelrobbenbabys mit ihrem wei?en Fell und schwarzen Kulleraugen die Lieblinge der Besucher. Im Dezember und Januar kommen sie in den Dünen zur Welt, bleiben etwa vier Wochen heulend am Strand, bevor sie selbst schwimmen k?nnen.

Bester Pirschplatz: Auf Helgoland. Besucher dürfen sich den Robben am Strand der Badedüne bis auf 30 Meter n?hern. Der Naturschutzverein Jordsand hat dort eine Hütte. Er bietet t?gliche Touren an, au?er montags, und das sogar kostenlos.

Zum Luchs in den Bayerischen Wald

An 68 B?umen h?ngen 108 Nachtsicht-Kameras. Die Wildbiologen im Nationalpark Bayerischer Wald kennen jeden Luchs. Seit 2009 beobachten sie – l?nderübergreifend mit den Kollegen im angrenzenden tschechischen Nationalpark ?umava – die Luchse, und sie kennen die genauen Lebensl?ufe von 43 Tieren.

Extrem selten: Etwa 85 Luchse leben in geschützten deutschen W?ldern, vor allem in Bayern
Extrem selten: Etwa 85 Luchse leben in geschützten deutschen W?ldern, vor allem in Bayern
Quelle: Getty Images/imageBROKER RF

Jede der Raubkatzen hat einen Namen. Da ist etwa ?Kika“, die ?lteste Katze, die inzwischen zw?lf Jahre alt ist. Auch die elfj?hrige ?Matylda“ tappt seither jedes Jahr in die Fotofalle. ?Tessa“ wurde 2012 von Unbekannten vergiftet, ?Patrik“ und ?Olina“ streiften zu weit herum und wurden auf Bundesstra?en überfahren.

Im 100-t?gigen aktuellen Monitoring 2019/2020 konnten 28 erwachsene Luchse gesichtet werden. Sechs Weibchen haben Nachwuchs, zwei davon sogar Drillinge, zwei jeweils Zwillinge und eines ein Jungtier. Ein gro?er Erfolg für die Luchsforscher im Nationalpark: Seit Beginn des grenzüberschreitenden Luchsmonitorings gibt es bis 2019/2020 einen deutlichen Anstieg der Dichte erwachsener Luchse von 1,3 auf nunmehr 1,8 Tiere je 100 Quadratkilometer.

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Nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz streifen derzeit wieder 85 erwachsene Luchse hierzulande durch die W?lder, auch im Harz. Sie sind Nachkommen von Wiederansiedlungen. Die letzten freilebenden Luchse sind vor 160 Jahren ausgerottet worden.

Bester Pirschplatz: Der Luchs zeigt sich so gut wie nie. Wie das Sprichwort ?Ohren wie ein Luchs“ sagt, sind die Tiere mit den Pinselohren ?u?erst hellh?rig und meiden Menschen. Dazu kommt, dass sie den Tag über tief im Wald verschlafen und erst nachts auf die Pirsch gehen. Im gro?en Tierfreigel?nde im Nationalparkzentrum Falkenstein bei Ludwigsthal im Bayerischen Wald lebt eine Luchsfamilie. Es ist ganzj?hrig ge?ffnet.

Zur Europ?ischen Wildkatze in den Hainich

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Gro?e, unbewirtschaftete Wald-Nationalparks sind quasi wie für die Wildkatze geschaffen – wie der Harz, der Hainich, der Hunsrück-Hochwald oder auch der Kellerwald-Edersee. Mit knorrigen hohlen Buchen und Eichen zum Verstecken, umgefallenen Baumriesen, stillen Waldlichtungen. Und vor allem fehlen dort weit und breit Forstmaschinen, die schnurgerade Schneisen im 50-Meter-Abstand in die Dickungen fr?sen und selbst das Totholz schreddern.

Die stark bedrohte Europ?ische Wildkatze gilt als Ureinwohnerin der W?lder. Denn sie braucht die Wildnis zum überleben – und als Einzelg?nger auch viel Platz, gut 3000 Hektar zum Herumschleichen. Jeden Herbst geht ihr Nachwuchs auf Wanderschaft und sucht neue Refugien.

Bedrohte Art: Die Wildkatze ist getigert und hat einen buschigen Schwanz
Bedrohte Art: Die Wildkatze ist getigert und hat einen buschigen Schwanz
Quelle: picture alliance / SchwabenPress

Kaum ist solch ein Nationalpark eingerichtet, dauert es nicht allzu lange, und schon hat sie ihn als willkommenes Revier angenommen. Wie im Nationalpark Schwarzwald: Bereits fünf Jahre nach seiner Er?ffnung konnten 2019 erstmals wieder Wildkatzen nachgewiesen werden. Sie galten dort fast 100 Jahre als verschollen.

Bundesweit wird ihre Zahl auf 3000 bis 5000 Tiere gesch?tzt. Allein der Nationalpark Hunsrück-Hochwald hat 100 Wildkatzen (Infos unterwegs auf der neuen kostenlosen App, nlphh.de/app); im hessischen Kellerwald-Edersee leben 34 Tiere und im Thüringer Nationalpark Hainich mehr als 40 Wildkatzen. Für Z?hlungen stellen Wildbiologen mit Baldrian getr?nkte Holzpfl?cke und Kameras auf. Auch wenn die Europ?ische Wildkatze nicht mit der aus Afrika stammenden Hauskatze nah verwandt ist, haben die beiden doch eines gemein – beide sind ganz wild auf Baldrian.

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Bester Pirschplatz: Im Schaugehege Hütscheroda am Nationalpark Hainich k?nnen Besucher die scheue Wildkatze beobachten. Es gibt Fütterungen. Wer Glück hat, sieht sie im Wald – etwa im Sommer, wenn die Katzen mit ihren Jungen auf den Wanderwegen herumtollen.

Zum Seeadler in den Müritz-Nationalpark

Er ist der gr??te Adler Europas mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,50 Metern. Klassisches Erkennungszeichen ist der wei?e Schwanz. Der Seeadler ist auch hierzulande als einziger seiner Art das ganze Jahr über zu beobachten. Der k?lteresistente Greifvogel bleibt auch im Winter hier, w?hrend Fisch- und Schreiadler im Herbst gen Süden ziehen und erst im April aus Afrika zurückkehren.

Nur noch 64 Seeadlerpaare brüteten Anfang der 1970er-Jahre in Deutschland. Seither hat sich ihre Zahl mehr als verzehnfacht, nachdem das Insektizid DDT und bleihaltige Munition verboten wurden, deren Gifte sich in Beutetieren angereichert hatten. Denn der Seeadler benimmt sich wie ein Aasgeier: Er frisst neben Fisch gern Kadaver, vom Hasen bis zum verendeten Reh. Deshalb sieht man ihn auch oft an Autobahnen und Bahnstrecken – dort kreist er auf der Suche nach verunfalltem Wild.

Mecklenburg-Vorpommern: Der Seeadler benimmt sich wie ein Aasgeier
Seinem scharfen Auge entgeht nichts: Der Seeadler benimmt sich wie ein Aasgeier
Quelle: picture alliance / blickwinkel/H. Duty

Heute leben wieder etwa 800 Seeadlerpaare in Deutschland, die meisten Exemplare sieht man im Nordosten im seenreichen Müritz-Nationalpark mit gesch?tzten 380 bis 400 Brutpaaren.

Die P?rchen leben in Dauerehe zusammen, und das bis zu 40 Jahre lang. Seeadler bauen gewaltige Horste aus ?sten, die sie jedes Jahr immer wieder nutzen und ausbauen. Jahrzehntealte Nester, meist errichtet auf hohen Buchen oder Kiefern, k?nnen einen Durchmesser von zwei Metern haben und sich fünf Meter auftürmen.

Bester Pirschplatz: Im Winter lassen sich Seeadler am leichtesten im Müritz-Nationalpark beobachten. Dann ist Balzzeit: mit Synchronflügen und gemeinsamem Kreisen. Falls die Seeufer zugefroren sind, kann man sie auch an Luderpl?tzen – also ausgelegten Tierkadavern – auf dem Eis beim Fressen beobachten. Der Müritz-Nationalpark bietet in Federow geführte dreistündige Adler-Safaris an, im Sommer t?glich, im Winter montags, mittwochs und samstags.

Nationalparks in Deutschland
Quelle: Infografik WELT

-> Nationalparks in Deutschland:

Hier darf es wuchern, wachsen und sprie?en, wie es will, und hier wird auch kein einziger Baum zur reinen Holzgewinnung gef?llt. Derzeit gibt es in Deutschland 16 Nationalparks mit einer Gesamtfl?che von 1,04 Millionen Hektar. Sie repr?sentieren vom Gesetz her ein Naturerbe als landschaftliche Unikate, in der sich die Natur ungest?rt entwickeln soll. Bezogen auf die Landfl?che, also ohne die Wattgebiete der Nord- und Ostsee, betr?gt deren Gesamtfl?che immerhin 205.655 Hektar, dies entspricht etwa 0,6 Prozent des Bundesgebietes.

Der ?lteste Nationalpark ist der Bayerische Wald, vor genau 50 Jahren unter Schutz gestellt, der jüngste ist der Hunsrück-Hochwald, gegründet 2015. Es gibt überlegungen, weitere Gebiete unter Schutz zu stellen: etwa den Steigerwald in Bayern mit alten Buchen und Talauen oder auch die Senne in Westfalen, eine zusammenh?ngende einzigartige Heidelandschaft am Teutoburger Wald, die teilweise jedoch noch als Nato-Truppenübungsplatz genutzt wird. Zum Vergleich: In Nachbarl?ndern wie Frankreich und den Niederlanden sind bereits weit über zwei Prozent der Fl?che Nationalpark.

Die Sehnsucht nach Wildnis wird auch hierzulande gr??er. 40 Prozent wünschen sich mehr geschützte Natur. Je wilder, desto besser, finden 75 Prozent der Deutschen, das ergab die aktuelle Naturbewusstseinsstudie des Bundesumweltministeriums und des Bundesamtes für Naturschutz, die alle zwei Jahre durchgeführt wird. Noch 2015 wollten es nur 54 Prozent so wild haben.


Bereits fast ein Viertel der Deutschen (24 Prozent) besucht einmal oder h?ufiger pro Jahr einen der heimischen Nationalparks. 82,2 Prozent reisen gern immer wieder in dasselbe Schutzgebiet. Besonders gefragt bei treuen Nationalparkfreunden: Schwarzwald, Eifel, Kellerwald-Edersee und Harz werden mehr als zehnmal besucht.


Etwa 53 Millionen Besuchertage pro Jahr z?hlen alle Nationalparks. Am beliebtesten: das Wattenmeer, die S?chsische Schweiz, der Harz und der Nationalpark Berchtesgaden. Die drei meistfrequentierten Aussichtspunkte: Auf Platz eins steht die Bastei im Elbsandsteingebirge in der S?chsischen Schweiz mit 919.000 Besuchern pro Jahr, es folgen der K?nigssee im Nationalpark Berchtesgaden mit 874.000 und das Torfhaus im Harz mit 631.000 Besuchern. Woanders wird es besonders eng: Der kleinste Nationalpark Jasmund mit dem Kreidefelsen am K?nigsstuhl auf Rügen hat die h?chste Besucherdichte mit 283 G?sten pro Hektar.

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Das durchschnittliche Alter eines Nationalpark-Besuchers liegt bei 44,6 Jahren. Er geht vor allem auf markierten Wegen wandern oder auch spazieren, wünscht sich mehr geführte Ranger-Touren zu seltenen Tieren und Pflanzen. In der S?chsischen Schweiz und im Nationalpark Berchtesgaden wird auch gern geklettert, und im Bayerischen Wald darf in Wildnis-Camps übernachtet werden – und das sogar in einer Erdh?hle.

Dieser Text ist aus der WELT AM SONNTAG. Wir liefern sie Ihnen gerne regelm??ig nach Hause.

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Quelle: Welt am Sonntag

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