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An die Flensburger F?rde statt in die Schweizer Alpen

Mit neuen Wanderschuhen ausgestattet, war unser Autor bereit, die Gipfel des Schweizer Kantons Graubünden zu erobern. Daraus wurde wegen Corona nichts. Und so richtete sich sein Fokus auf das, was vor der Haustür liegt.
| Lesedauer: 7 Minuten
Schleswig-Holstein: Ein Schwan dreht zwischen Eisschollen auf der Flensburger F?rde seine Runden Schleswig-Holstein: Ein Schwan dreht zwischen Eisschollen auf der Flensburger F?rde seine Runden
Ein Schwan dreht zwischen Eisschollen auf der Flensburger F?rde seine Runden
Quelle: pa/dpa/Carsten Rehder

Es gibt ein paar Dinge, die passen einfach nicht zusammen: Socken und Sandalen etwa, Norddeutschland und Karneval, Til Schweiger und anspruchsvolles Kino. Und Planung und Corona.

Eigentlich wollte ich vergangenes Frühjahr durch den Balkan reisen. Eigentlich wollte ich auch vergangenes Jahr auf den Hochzeiten einiger meiner besten Freunde bis zum Morgengrauen tanzen. Eigentlich wollte ich mein Buch ?Auf ein Bier bleibe ich noch: Bargeschichten von Teheran bis Havanna“ promoten und damit durch Deutschland touren. Wie gesagt: Eigentlich.

Ich will gar nicht jammern, meine gescheiterten 2020-Pl?ne sind Pipifax angesichts anderer Probleme anderer Menschen. Abgesagte Reisen, Hochzeiten und Lesungen sind bl?d, aber kein Vergleich zu den existenziellen N?ten, in denen sich beispielsweise freischaffende Künstler seit vielen Monaten durch das Zwangskoma des kulturellen Lebens befinden.

Trotzdem war es anfangs ziemlich bitter. Bis ich damit begann, meine Blickrichtung zu ?ndern. Statt in die Ferne zu schweifen, richtete ich meinen Fokus auf das, was vor meinen Fü?en geschah. Zwangsl?ufig.

Wegen Corona keine Reise in die Schweizer Alpen

Vergangenen Herbst hatte ich Geburtstag und meine Freundin schenkte mir ein neues Paar Wanderschuhe. Meine alten waren nicht wirklich Alpen-tauglich. Was ich an meinen blutigen Fü?en auf 2800 Metern mitten im Schweizer Kanton Graubünden einmal schmerzlich zu spüren bekam.

Es war das Jahr 1 B. C. (Before Corona) und ich hatte mich in die sch?nste Alpenrose der Schweiz verliebt. Diese hatte es sich anscheinend direkt zum Ziel gemacht, meine alpinen F?higkeiten auf Herz und Nieren zu testen und mit mir jeden Berg in der Umgebung zu erklimmen. Dem ich auch nachkam, so gut es ging. Beflügelt von der Liebe, gebremst von meinen schmerzenden Fü?en.

Das sollte sich nun ?ndern. Neue Schuhe, neues Glück. Ich war bereit für den Gipfel. Bereit, auf Reinhold Messners Spuren nach dem Yeti Ausschau zu halten. Oder zumindest nach einer guten Alm für die n?chste Brotzeit.

Der vergangene Sp?therbst im Bergland sollte mich aus dem verfrühten, norddeutschen Winterblues holen. Anschlie?end sollten Schneeschuhe unter meine Wanderschuhe geschnallt werden, um das winterliche Alpenpanorama in romantischen Berghütten bei Fondue und Schümli-Pflümli, einem alkoholischen Kaffeegetr?nk, zu bewundern. Dann allerdings kam die zweite Corona-Welle und spülte alle Alpen-Pl?ne hinfort. Die Schweiz war abermals Sperrgebiet für mich.

Allein in Schleswig-Holstein gibt es fünf Schweizen

Womit wir im Jetzt sind. Ich blicke aus dem Fenster meiner Flensburger Wohnung in den zugezogenen Winterhimmel. Dann, vorbei am brennenden Kerzenleuchter, auf meine neuen Wanderschuhe. Dann auf meine Freundin. Sie ist mir zuliebe hier und verbringt die kalte Jahreszeit nicht im Schweizer Winterwunderland, sondern im grauen Norden. Irgendetwas muss ich ihr bieten, um ihre Alpen-Askese zumindest einigerma?en zu kompensieren.

?Schatz, es gibt 105 Schweizen in Deutschland und allein fünf davon in Schleswig-Holstein. In der Holsteinischen Schweiz w?ren wir in unter einer Stunde, bis in die Dithmarschen-Schweiz ist es etwas weiter“, erkl?re ich. Sie guckt mich unterdessen mit einem Blick an, der sich irgendwo zwischen Mitleid und Abneigung bewegt. Wir scheinen doch ein leicht unterschiedliches H?henverst?ndnis zu haben.

Ein befreundeter Exil-Ostfriese, der ebenfalls seit einigen Jahren in Flensburg lebt, bekam die ersten Male beim Aufstieg auf den friesischen Berg Druck auf den Ohren. Auf dessen Gipfel in knapp 60 Meter H?he ich übrigens seit einigen Jahren wohne.

Eine Tatsache, die ich gut nachvollziehen kann. Bei meiner ersten Klassenfahrt in die rund 30 Kilometer entfernten ostfriesischen Eierberge bei Aurich stiegen wir auf fast 14 Meter H?he – fast doppelt so hoch wie unser Deich vor der Haustür. Dass ich mich anschlie?end übergab und meinem Klassenkameraden auf die Schuhe spuckte, kann entweder an der Busfahrt oder an dem H?henrausch gelegen haben.

So richtig konnte ich mich auch in den darauffolgenden Jahren nicht mit Bergen anfreunden. In den Fr?ruper Bergen südlich von Flensburg habe ich mich einmal derart verlaufen, dass mich ein Arbeitskollege, der direkt nebenan wohnt, herausholen musste.

Zur Halbinsel Holnis im Norden der Flensburger F?rde

Trotzdem, ich muss meiner Freundin irgendwie beweisen, dass Norddeutschland nicht so flach ist wie unser Humor. Ich schlage ihr eine Tour zum Bungsberg vor, mit 167,4 Metern über Null die h?chste Erhebung in Schleswig-Holstein. Dort gibt es sogar einen Skilift, den n?rdlichsten Deutschlands, samt 200 Metern Piste. ?Wie w?r’s?“, frage ich und blicke sie auffordernd an. ?Wenn ich am Meer bin, m?chte ich Meer sehen und keine Pseudo-Berge“, grummelt sie.

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All right, also ab ans Wasser. Ich entscheide mich für die Halbinsel Holnis, ein Naturschutzgebiet im Norden der Flensburger F?rde. Nach einer halben Stunde Fahrt sind wir mitten in der Natur. Der Wind peitscht durch die kargen ?ste der B?ume, die Gr?ser und Schilfhalme, die den Weg s?umen, rascheln im Wind.

Der Weg schl?ngelt sich für ein oder zwei Kilometer sanft bergauf zur Steilküste des Holnis-Kliff, von der sich Meer und Wind bei jeder Sturmflut ein weiteres Stück holen. Wir passieren das alte Grab eines Seemanns, der 1839 an Bord seines Schiffs an der Cholera starb und hier im Dünensand begraben wurde.

Schleswig-Holstein: Am Ufer der Flensburger F?rde trotzen alte B?ume der Salzluft
Knorrig: Am Ufer der Flensburger F?rde trotzen alte B?ume der Salzluft
Quelle: picture alliance/gscheffbuch/Shotshop
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Der meteorologische Winteranfang ist bereits eine Weile her, was man in Norddeutschland für gew?hnlich weniger an schneebedeckten Baumkronen merkt als daran, dass die Temperatur des Regens auf sibirisches Niveau f?llt. Der Name der Halbinsel übrigens wird dem Teufel pers?nlich zugeschrieben, der mit seinem Schiff hier vor der Küste zu kentern drohte. ?Hol Nis“, soll er seinem Diener Nis zugerufen haben, einem Kobold, damit dieser die Segel einhole, um das Schlimmste zu verhindern.

Den Teufel sehen wir heute nicht. Dafür einen winzigen Vogel mit schwarz-gelbem Irokesenschnitt und grünlich-grauem Gefieder, der uns neugierig durch die Zweige eines Busches am Wegesrand anblickt. ?Ein Goldh?hnchen“, sage ich. ?Hei?t so nicht die Grillbude vor eurem Supermarkt?“ ?Ja, auch“, lache ich und verschrecke das kleine V?gelchen, als ich schmatzend meinen linken Schuh aus dem morastigen Boden befreie. Gut, dass ich meine Wanderschuhe anhabe.

Wintergoldh?hnchen z?hlen zu den kleinsten Vogelarten Europas; auff?llig ist ihr Scheitelstreif
Wintergoldh?hnchen z?hlen zu den kleinsten Vogelarten Europas; auff?llig ist ihr Scheitelstreif
Quelle: pa/WILDLIFE/M.Varesvuo

Dann sind wir am Kliff. H?her kann man in dieser Gegend nicht hinaus. Vor unseren Fü?en geht es steil bergab bis zum Wasser. Wir befinden uns jetzt sogar über den Wipfeln der knorrigen B?ume, die, Salzluft und Brandung trotzend, am Strand wachsen. Wer wissen will, wie viele Nuancen von Grau es gibt und wie viele Facetten diese vermeintlich eint?nige Farbe tats?chlich hat, muss mindestens einmal im Winter in Norddeutschland gewesen sein.

Wir stehen eine Zeit lang an der Klippe und blicken schweigend in die Ferne. Die Flensburger F?rde liegt wie ausgestorben vor uns. S?mtliche Segelboote, die sonst für buntes Treiben auf dem Wasser sorgen, liegen mittlerweile winterfest im Hafen oder an Land.

Die Sonne f?rbt die Ostsee rot und orange

Ich liebe den nordischen Winter. In der Regel hat man die wundersch?ne Küstenlandschaft, die man sich sonst mit badefreudigen Touristen und Einheimischen gleicherma?en teilen muss, in dieser Jahreszeit komplett für sich allein.

Es ist, als würde der steife Wind den Kopf frei pusten von allem Stress, der sich über das Jahr hinweg aufgebaut hat. In dieser Zeit geh?rt die Natur nicht mehr den Menschen, sondern ganz sich selbst. Sie ist unb?ndig wie ein wildes Tier.

Wie zur Bekr?ftigung meines Gedankens beginnen die M?wen im Sturm zu kreischen, lassen sich von den B?en in die H?he tragen, bevor sie im Sturzflug zur Wasseroberfl?che schie?en, sobald sie einen Fisch entdeckt haben. Es ist so diesig, dass an einigen Stellen des Horizonts nur schwer zu erkennen ist, wo der Himmel anf?ngt und wo die Ostsee aufh?rt. Trotzdem ist in der Ferne die Küste D?nemarks zu erahnen.

Langsam neigt sich die Sonne gen Horizont. Und dann kommen sie pl?tzlich doch, die Farben. Als h?tte die Sonne das scheinbar ewige Grau entzündet, entflammt der Horizont in roten und orangen Farben, der Himmel darüber wird in ein immer dunkler werdendes Blau gehüllt und die Spitzen des Schilfs werden mit der letzten Kraft des untergehenden Himmelsk?rpers angestrahlt, sodass es fast so aussieht, als w?ren sie schneebedeckt.

Abendstimmung im Naturschutzgebiet Holnis: Die untergehende Sonne f?rbt die Ostsee orange
Abendstimmung im Naturschutzgebiet Holnis: Die untergehende Sonne f?rbt die Ostsee orange
Quelle: pa/imageBROKER/Volker Lautenbach

Wir blicken uns das Schauspiel von Wind, Wellen, Farben und Getier an, bis die K?lte sogar in meine neuen Wanderschuhe dringt. ?Was meinst du, fahren wir nach Hause? Ich setze einen sch?nen, hei?en Punsch an. Der w?rmt uns wieder auf“, schlage ich vor. Meine Freundin l?chelt mich an. ?Das war sch?n“, sagt sie, w?hrend wir uns durch den Wind zurück zum Auto machen. War es. Es geht bergauf.

Der Autor lebt in Flensburg, stammt aus Ostfriesland, reist viel und bloggt auf derrufderaale.com.

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