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Europa Comacchio in Italien

Ein bisschen wie Venedig – nur viel vertr?umter

Kaum jemand kennt Comacchio. Ein Fehler! Das St?dtchen hat etwas von Venedig, die Landschaft des Po-Deltas sieht aus wie gemalt – und seit ein paar Jahren sorgen zugereiste Flamingos für zus?tzliche Farbeffekte.
| Lesedauer: 7 Minuten
Italien: Der 22.000-Einwohner-Ort Comacchio liegt südlich des Po-Deltas in der Region Emilia-Romagna Italien: Der 22.000-Einwohner-Ort Comacchio liegt südlich des Po-Deltas in der Region Emilia-Romagna
Der 22.000-Einwohner-Ort Comacchio liegt südlich des Po-Deltas in der Region Emilia-Romagna
Quelle: Getty Images/nespyxel

Im Wasser der Kan?le spiegeln sich Fassaden, Türme und allerlei Brücken, die hier Kreuzungen erm?glichen. Vor Restaurants und Bars sitzt man bei Meeresfrüchten und gegrilltem Aal. Teenager treffen sich auf der Trepponti.

Diese eindrucksvolle Brückenkonstruktion des auf 13 Inseln erbauten St?dtchens Comacchio überspannt mit fünf Treppen gleich drei Kan?le. Wüsste man es nicht besser, man w?hnte sich glatt in Venedig – mit dem Unterschied, dass Massentourismus hier nie ein Problem war.

Es liegt nicht allein am Coronavirus, dass in dem südlich des Po-Deltas gelegenen 22.000-Einwohner-Ort nur wenige Urlauber unterwegs sind. Obwohl sich im Radius von einer Autostunde neun Unesco-Welterbest?tten befinden, die Str?nde vor der Stadt zudem zu den breitesten an der Adria geh?ren, leistet sich Comacchio im Vergleich zu Venedig oder dem nahen Ravenna mit seinen frühchristlichen Kirchen und Mosaiken ein zurückgezogenes Leben.

Comacchio lockt im Herbst mit mildem Klima

Genau wegen dieser beschaulichen Atmosph?re machte ein namhafter Nudelproduzent Comacchio unl?ngst zur Kulisse eines Werbespots, der Italiens Kernkompetenzen in Sachen Geschichte und Genuss mit einem guten Schuss Nostalgie verbindet. Zu dick aufgetragen war das nicht.

In der Hitze des Nachmittags springen Kinder hier fr?hlich quiekend in Kan?le, am frühen Abend flaniert der halbe Ort, sp?tabends herrscht himmlischer Friede, zwischendurch tafelt man in Trattoria oder Ristorante. Ein Idyll, das nicht für Kurzfilme erfunden werden muss, sondern tats?chlich existiert.

Und das in den Herbstmonaten besonders reizvoll ist. Was nicht nur dem milden Klima zu verdanken ist, sondern auch den Aalen, die sich jetzt verst?rkt in den Gew?ssern rund um Comacchio einfinden – und folglich auch in Fangnetzen und auf den Tellern.

Italien: Comacchio mit seinen Kan?len erinnert an Venedig
Venedigs kleine Schwester: Comacchio mit seinen Kan?len
Quelle: Universal Images Group via Getty Images

Tats?chlich stand die Zeit in Comacchio lange ziemlich still. ?Als ich 1980 in die Schule kam, sah ich auf meinem Schulweg Ratten und M?use an den Kan?len“, erinnert sich Riccardo Rescazzi, der 20 Jahre sp?ter mit seinem ?Al Ponticello“ die ersten Hotelzimmer mit Bad in der Stadt er?ffnen sollte.

1954 hatte Comacchio überhaupt erst eine eigene Wasserversorgung erhalten; bis dahin wurde Wasser per Boot herangeschafft und Regenwasser gesammelt. 1982 schloss man die Altstadt an die Kanalisation an. ?Zuvor landeten die Abw?sser in den Kan?len“, sagt Rescazzi. ?Von einem Moment zum n?chsten wurden wir vom Mittelalter in die Moderne katapultiert.“

Lagunen geh?ren zum Biosph?renreservat im Po-Delta

Zu einem Zeitpunkt allerdings, als anderswo an der Adria der Badebetrieb l?ngst auf Hochtouren lief. Heute bedeutet die vertr?umte Atmosph?re auch Kapital – nicht nur als Drehort. ?Wenn es an den Str?nden lebhaft wird, ist es hier trotzdem ruhig“, sagt Rescazzi. Sieben Str?nde erstrecken sich vor der Stadt. Am n?rdlichsten, dem sp?t erschlossenen Lido di Volano, kann man sogar wilde Pferde und Damwild sehen.

Auch deshalb erkl?rte 2015 die Unesco 140.000 Hektar des Po-Deltas zum Biosph?renreservat, darunter die Lagunen von Comacchio. Der Po mit seinen Nebenarmen, das Meer und die Menschen haben hier eine Landschaft aus D?mmen, Inseln, Wasser und glei?endem Licht geformt.

Im Po-Delta (Italien): Am besten l?sst sich die geschützte Naturlandschaft per Boot erkunden. Wer will, kann aber auch radeln
Die geschützte Naturlandschaft des Po-Deltas l?sst sich am besten per Boot erkunden. Wer will, kann aber auch radeln
Quelle: Aldo Pavan/HUBER IMAGES

Das Museo Delta Antico in Comacchio erkl?rt multimedial, wie sich das Mündungsdelta seit dem Altertum immer wieder ver?nderte, wie sich die Mündung des Flusses im 12. Jahrhundert nach Norden verschob und schiffbare Kan?le und Adria-H?fen (auch den von Ravenna) versanden lie?en. Zurück blieb die Lagunenlandschaft, doch die gro?en Zeiten waren mit der Abwanderung des wichtigen Wasserwegs vorbei.

Das Museum erz?hlt von der langen Blüte Comacchios, das im Altertum Spina hie? und im Mittelalter Bischofssitz und Handelsstadt war – bis der launische Fluss sein Hauptbett verschob. Fortan begrub man allen merkantilen Ehrgeiz und setzte auf Landwirtschaft und Fischfang, insbesondere auf den Aal.

Im 19. und 20. Jahrhundert wurde fast die H?lfte der Lagunen trockengelegt. Dabei trat manche überraschung zutage. Neben 4000 Etruskergr?bern fand man ein im vorletzten Jahrzehnt vor Christus gekentertes r?misches Handelsschiff mit erstaunlich gut erhaltener Fracht.

Auch das ist heute im Museo Delta Antico zu sehen: Kleidung, Sandalen, Taschen der Passagiere und Besatzungsmitglieder, mit Kalkst?pseln verschlossene Amphoren für Wein und Oliven?l sowie das Schwert eines r?mischen Soldaten erz?hlen von der Antike.

Flamingos machen dem Aal ernste Konkurrenz

Heute sind noch 12.000 Hektar Lagunen erhalten, in denen es noch ruhiger zugeht als in Comacchio. Sie beginnen fast unmittelbar hinter den Grenzen der Altstadt; am leichtesten n?hert man sich ihnen per Fahrrad, das hier dank schmaler D?mme und F?hren das ideale Fortbewegungsmittel ist. Einen Steinwurf jenseits der Trepponti führt die Brücke San Pietro zu einem von Fischfangstationen mit Netzen flankierten Kanal.

Emilia-Romagna (Italien): Trepponti ist eine Brückenkonstruktion des auf 13 Inseln erbauten St?dtchens Comacchio, die mit fünf Treppen gleich drei Kan?le überspannt
Trepponti ist eine Brückenkonstruktion des auf 13 Inseln erbauten St?dtchens Comacchio, die mit fünf Treppen gleich drei Kan?le überspannt
Quelle: Getty Images/MassanPH

Bald breiten sich die Wasserfl?chen der Lagunen aus. Nahe dem Restaurant ?Bettolino di Foce“, in dem Aal mariniert oder als Eintopf serviert wird, starten Bootstouren durch die Lagunen. Hier lassen sich mehr M?wen, Kormorane, Silber- und Graureiher als Menschen sehen – und Flamingos! 20.000 sollen es mittlerweile sein.

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Erst vor 30 Jahren kamen sie aus der Camargue und aus Sardinien hierher und sind seither zu einer Attraktion geworden, die dem Aal ernste Konkurrenz macht. Die Armada der kleinen Ausflugsboote n?hert sich den pinkfarbenen Gro?v?geln, die meist dekorativ auf einem Bein im Wasser stehen oder umherstaksen, bis auf 20, 30 Meter.

Po-Delta, Italien: Die Flamingos kamen aus der Camargue und aus Sardinien, inzwischen sollen es 20.000 Tiere sein
Die Flamingos kamen aus der Camargue und aus Sardinien, inzwischen sollen es 20.000 Tiere sein
Quelle: Getty Images/Apostoli Rossella

Guide Emanuele Luciani begleitet seit vier Jahren Touren in die Lagune. Er wei?, dass die Flamingos die Lieblinge des Publikums sind. Doch er sorgt dafür, dass seine G?ste den Naturraum in seiner ganzen Komplexit?t erfassen.

350 Vogelarten, unter ihnen auch Brachv?gel, Schleiereulen und Austernfischer, kommen in der Lagune vor, au?erdem Füchse und jede Menge Fisch. Der wichtigste ist der Aal, der die Menschen in Comacchio seit je ern?hrt.

Im Herbst wird das Museum zur Aalr?ucherei

Luciani kennt alle Geheimnisse der schlangenartigen Wesen. Er beginnt mit Grunds?tzlichem: ?Der Aal schlüpft in der fernen Sargassosee und legt Tausende Kilometer bis Europa zurück, praktischerweise bis ins Po-Delta.“ Im Sp?therbst zieht es die Fische zum Laichen zurück in den Atlantik. Auf diesem Weg fingen die Fischer von Comacchio sie einst tonnenweise ab – heute sind es wesentlich weniger, da der Aal bedroht ist.

?Im Frühjahr ?ffneten die Fischer regelm??ig die Schleusen, damit junge Tiere in die Lagune gelangen konnten, dann schlossen sie die Pforten“, sagt Luciani. ?Die Aale wuchsen, die Fischer brauchten nur in ihren Hütten in der Lagune zu warten.“ Im Herbst schlug dem Fisch dann die Stunde.

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In kalten, stürmischen N?chten, wie es sie an der herbstlichen Adria vier-, fünfmal pro Jahr gibt, streben erwachsene Aale zum Meer. Aufgehalten wurden sie dort früher massenhaft von den ?lavorieri“, komplizierten Fallen aus mobilen Barrieren und Reusen am Zugang zur Adria.

Von dort ging der Fang lebendig direkt in die R?ucherei von Comacchio. Sie ist heute ein Museum, kehrt aber allj?hrlich im Herbst zu ihrer eigentlichen Bestimmung zurück, wenn hier – nur noch in kleinem Ma?stab – Aale gegrillt und in Konserven gefüllt werden.

Wie es hier noch vor ein paar Jahrzehnten zuging, zeigen im Obergeschoss Szenen aus dem Film ?Die Frau vom Fluss“ (?La donna del fiume“) aus dem Jahr 1954 mit Sophia Loren. Mit schwei?gl?nzenden Armen, ansonsten matt gepudert, r?uchert sie in der Halle mit den zw?lf riesigen Kamin?fen Aale am Spie?, zeigt ihre Beine und radelt nach Feierabend davon, um auf einer F?hre mitsamt Rad auf ein Inselchen überzusetzen. Ein Vergnügen, dem sich Radfahrer auf ihren Touren durch die Lagunenlandschaft noch heute hingeben k?nnen.

Comacchio (Emilia-Romagna, Italien)
Quelle: Infografik WELT

Tipps und Informationen

Anreise: Mit dem Auto über München, Brenner, Verona und Ferrara nach Comacchio. Der n?chstgelegene gr??ere Bahnhof findet sich in Ravenna, der n?chstgelegene internationale Flughafen ist Bologna.

Unterkunft: In der Altstadt mit Blick auf den Glockenturm liegt das kleine, freundliche Bed and Breakfast ?Al Ponticello“, Doppelzimmer ab 79 Euro (alponticello.it). An den Str?nden gibt es fünf Campingpl?tze und zahlreiche Hotels.

Essen: Aal und andere Fischgerichte sowie Pasta mit Meeresfrüchten gibt es mit Blick auf die Brücke Trepponti im ?Al Cantinon“, dem ?ltesten Restaurant der Altstadt Comacchios (Via Muratori, alcantinon.com). Sehr gute Küche bietet auch die ?Trattoria Vasco e Giulia“ in derselben Stra?e (vascoegiulia.it).

Radfahren: Es gibt gute Karten in Unterkünften sowie zahlreiche Routen ab und bis Comacchio; im n?chsten Jahr soll ein Weg fertig werden, der die Lagunen komplett umspannt.

Weitere Infos: podeltatourism.it; emiliaromagnaturismo.it

Immer weniger Urlaubsziele bereisbar

Immer mehr L?nder gelten als Risikogebiet und das kurz vor den Herbstferien. Politiker raten zu Urlaub im eigenen Land, wenn überhaupt. Die Reisebranche steckt in einer überlebenskrise.

Quelle: WELT/Perdita Heise

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Po Delta Tourism. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabh?ngigkeit finden Sie unter axelspringer.de/unabhaengigkeit.

Dieser Text ist aus der WELT AM SONNTAG. Wir liefern sie Ihnen gerne regelm??ig nach Hause.

Welt am Sonntag vom 27. September 2020
Quelle: Welt am Sonntag

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