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Sch?n und schaurig – das lockt Touristen zur Insel

Erst venezianische Festung, sp?ter Leprakolonie: Das kleine Eiland Spinalonga vor der Küste Kretas hat eine bewegte Geschichte. Wer hier einst ankam, ging in den Lockdown für immer. Das macht die Insel heute zu einer Urlauberattraktion.
| Lesedauer: 10 Minuten
Blick in den Golf von Mirabello im Nordosten Kretas: Dort liegt die heute unbewohnte Insel Spinalonga (Griechenland) Blick in den Golf von Mirabello im Nordosten Kretas: Dort liegt die heute unbewohnte Insel Spinalonga (Griechenland)
Blick in den Golf von Mirabello im Nordosten Kretas: Dort liegt die heute unbewohnte Insel Spinalonga
Quelle: Getty Images/Posnov

Es gibt einen schicksalstr?chtigen, alten Tunnel auf Spinalonga. Die unterirdische R?hre auf dem kleinen griechischen Eiland ist etwa 50 Meter lang, leicht kurvig und wurde im 16. Jahrhundert als Portal einer venezianischen Inselfestung kanonenschusssicher errichtet. Doch mehr als drei Jahrhunderte sp?ter wurde dieser Tunnel zu einem H?llentor.

Denn durch ihn liefen einst Seuchengeplagte ihrer düsteren Zukunft entgegen. Licht am Ende des sprichw?rtlichen Tunnels, auf das die Menschen in Corona-Zeiten hoffen – auf Spinalonga bestand diese Aussicht auf eine Rückkehr nicht. Eher erwartete sie schon damals ein neues Normal.

Wer hier noch vor drei oder vier Generationen per Ruderboot ankam, nahm endgültig Abschied von seiner bisherigen Existenz. Er ging in eine andere Form der Quarant?ne als wir heute wegen Corona. Er ging in den Lockdown für immer. Es wartete die ewige Absonderung über den Tod hinaus.

Die etwa acht Hektar gro?e, nur wenige Hundert Meter vor Kretas Nordostküste im malerischen Golf von Mirabello gelegene Insel war für fünf Jahrzehnte eine Kolonie Infizierter in Zwangsisolation. Hier wurden Griechenlands Leprakranke untergebracht – um sie loszuwerden und um die gesunde Bev?lkerung vor ihnen zu schützen.

Ein Bestseller schwemmte Urlauber nach Spinalonga

Lepra ist l?ngst heilbar, weitgehend unter Kontrolle und in unseren Breiten fast in Vergessenheit geraten. J?hrlich erinnert an die Krankheit, die in L?ndern wie Indien, Brasilien oder Indonesien immer noch ein Problem darstellt, der Weltlepratag jeweils am letzten Sonntag im Januar, dieses Jahr der 31. Januar.

Dass es in Griechenland vor einigen Jahren wieder zum Thema wurde, ist vor allem einem Roman der englischen Autorin Victoria Hislop zu verdanken. Von Beruf Reisejournalistin, kam Hislop um die Jahrtausendwende erstmals in diese Küstengegend. Sie schrieb, inspiriert von der omin?sen Seucheninsel drau?en im Meer, jedoch keinen Zeitungsartikel, sondern ein dickes Buch: ?Die Insel“.

Griechenland: Die Ausstrahlung der Fernsehserie ?To nisi“ (?Die Insel“) trug mit dazu bei, dass pl?tzlich Touristen in Scharen nach Spinalonga kamen
Die Ausstrahlung der Fernsehserie ?To nisi“ (?Die Insel“) trug mit dazu bei, dass pl?tzlich Touristen in Scharen nach Spinalonga kamen
Quelle: Spinalonga Info

Das 500-Seiten-Werk erschien 2005 und wurde ein Weltbestseller in Zigmillionen-Auflage, wobei die Verfilmung unter der Regie von Theo Papadoulakis vor gut zehn Jahren als Katalysator wirkte. Die 26-teilige Serie auf dem griechischen Mega Channel entpuppte sich als bislang erfolgreichste griechische Fernsehproduktion.

?Das Buch war schon ein gro?er Erfolg“, sagt Zoie Sgourou, damals Regieassistentin und Set-Managerin. Aber auch ?die Verfilmung war sehr gut gemacht, das war Kino fürs Fernsehen“. Die Serie ?To nisi“ (?Die Insel“) hatte Auswirkungen auf die Gegend: Touristenbusse kamen. Spinalonga war pl?tzlich wieder auf der Landkarte. ?Im Sommer nach Ausstrahlung der Serie drehte sich alles um die Insel“, sagt Sgourou.

Der Einfluss von Venedig ist auf Kreta noch sichtbar

Heute z?hle die Leprainsel zu den gr??ten Touristenattraktionen der an Attraktionen nicht gerade armen Insel Kreta, sagt Rena Kypriotaki, eine 77-j?hrige Reiseführerin. Vor den Toren der Inselhauptstadt Heraklion gibt es mit Knossos bedeutsame antike Ruinen zu bestaunen, im Inselosten gibt es eine Schlucht, in der die Minoer, die eine der ersten Hochkulturen überhaupt schufen, ihre Toten bestatteten. Die Historie Kretas reicht bekanntlich tief ins Dunkel der Frühzeit zurück.

Im Laufe der Geschichte erlebte die fünftgr??te Insel des Mittelmeers eine Invasion nach der anderen, und jede Eroberung war auf ihre Art mit einem Kulturschock verbunden, einer Neuorientierung, Neuerfindung. Einst geh?rte Kreta zu Konstantinopel, in vielerlei Hinsicht damals die Hauptstadt der (eurozentrischen) Welt. Doch mit dem Niedergang dieses Ostroms geriet ein riesiges Inselreich im ?stlichen Mittelmeer unter den Einfluss Venedigs, auch Kreta.

Tausende Italiener siedelten hier, was den noch heute offensichtlichen venezianischen Einfluss in St?dten wie Chania und Rethymno ebenso erkl?rt wie auf Spinalonga die gigantischen Festungsbauten und einen in Stein gehauenen Serenissima-L?wen. Im 17. Jahrhundert übernahmen die Türken, sp?ter, im Zweiten Weltkrieg, deutsche Nazis. Dann kamen Touristen, in friedlicher Absicht, klar. Aber auch sie der Zahl nach in Heeresst?rke.

Griechenland: Ausflugsboote bringen Besucher zur Festungsinsel Spinalonga
Ausflugsboote bringen Besucher zur Festungsinsel Spinalonga
Quelle: pa/Helga Lade Fo/Gl?ser

Vor Ausbruch der Corona-Pandemie h?tten an manch hei?em Hochsommertag schon mal 2000 Urlauber das Inselchen besucht oder auch: heimgesucht. ?Da war sie voll mit Leuten. Komplett“, sagt Kostas Giapitzakis, der als Concierge im luxuri?sen Ferienhotel ?Blue Palace“ arbeitet, das in Sichtweite Spinalongas an Kretas Küste liegt.

Im Corona-Sommer 2020 dagegen sei es mit ein paar Hundert am Tag erheblich ruhiger zugegangen. Der kretische übertourismus geriet fast in Vergessenheit, w?hrend Hotels und Restaurants um G?ste rangen. Hislop wiederum, die Literatin des Lepraleids und quasi Spinalonga-Patin, avancierte zu einer Art Nationalheldin. Sie erhielt 2020 die griechische Staatsbürgerschaft ehrenhalber. Griechenlands Ministerpr?sident Kyriakos Mitsotakis rief sie an und gratulierte pers?nlich.

Patienten aus ganz Griechenland kamen zur Insel

Die Geschichte, die Spinalonga erz?hlt und Hislop ihr dickes Buch wert war, geht so: Die Festung der Venezianer, die vor Jahrhunderten den maritimen Zugang zum Mirabello-Golf sicherte, war 1715 an die Türken gefallen. Sie verschleppten und versklavten die damalige Inselbev?lkerung und gründeten eine neue, nunmehr türkische Siedlung.

Der venezianische Name allerdings, Spinalonga, blieb – wobei selbst unter Anwohnern umstritten ist, wo er herkommt. Theorie eins: Das italienische ?spina lunga“ hei?t ?langer Dorn“, was grob den geografischen Gegebenheiten entspricht. Theorie zwei: ?Spinalonga“ geht auf ?stin Elounda“ zurück, das auf Griechisch so viel wie ?nach Elounda“ bedeutet. Elounda, so hei?t heute noch das unaufgeregte Küstenst?dtchen am Südufer der Meeresbucht, an deren Ausgang Spinalonga liegt.

Ruinen zeugen von der Vergangenheit: Fünf Jahrzehnte lang lebten Leprakranke in einer Kolonie auf der Insel Spinalonga (Kreta, Griechenland)
Ruinen zeugen von der Vergangenheit: Fünf Jahrzehnte lang lebten Leprakranke in einer Kolonie auf der Insel
Quelle: Getty Images/Sandra Clegg

Von 1903 an, Kreta war vorübergehend semisouver?n, diente das vorgelagerte Eiland als Exilstation und Inselgef?ngnis für Leprakranke, anfangs nur für Infizierte aus Kreta selbst, ab 1913 dann für Patienten aus ganz Griechenland. Bis in die 1950er-Jahre wurde das so praktiziert.

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Spinalonga war fortan zwangsl?ufig ein verwunschener Ort, an den man reiste, um zu sterben, verbannt von den anderen, Gesunden, fern von Gatten, Eltern, Kindern, Freunden, Geliebten. ?Insgesamt lebten hier rund 2000 Leprakranke“, sagt Reiseführerin Kypriotaki. Die Verstorbenen wurden auf dem Friedhof beigesetzt, die Grabsteine blieben namenlos. Es gab schlicht zu wenig Platz, sodass Gebeine immer mal wieder ausgehoben und in Katakomben verbracht wurden. Es entstand eine Unterwelt dieser Parallelwelt.

Lepra war eine Krankheit der Schande

Zwischen einer Lepradiagnose und dem Exitus vergingen indes oft Jahre, gar Jahrzehnte. Die Infektion erfolgte – anders als etwa bei Corona – in der Regel lediglich nach langem, intensivem Kontakt mit einem Infizierten. Und es konnte dauern, bis sie sich überhaupt bemerkbar machte, typischerweise mit Hautver?nderungen und einem Taubheitsgefühl an einzelnen K?rperstellen.

Der Verlauf der Krankheit, deren Name auf das griechische Wort ?leprós“ (?schuppig“) zurückgeht, war schleichend. Infolge der Schmerzunempfindlichkeit, zum Beispiel in Fingern oder Fü?en, kam es früher oder sp?ter zu Verletzungen und Wunden, die sich entzündeten, Gewebe zerst?rten, absterben lie?en.

W?hrend einige Patienten ein hohes Alter erreichten, war das Stigma jedoch schon vom ersten Tag an fatal, selbst wenn es den Betroffenen k?rperlich bestens ging. Sie ereilte der sofortige gesellschaftliche Tod – ausgesto?en! Lepra war eine Krankheit der Schande, der Scham, des stillen Leidens in Verbannung und Einsamkeit.

Seit 1962, als der Priester den Koffer packte, ist die Insel unbewohnt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass viele Geb?ude von den Familien der Ex-Internierten demoliert wurden, wie Kypriotaki erz?hlt. ?Die Leprakranken gingen, und die Angeh?rigen kamen hierher und wollten alles zerst?ren“, die Erinnerung an einen Ort des Schreckens ausradieren.

Griechenland: Insgesamt lebten 2000 Leprakranke auf Spinalonga, heute ist die Insel unbewohnt
Insgesamt lebten 2000 Leprakranke auf Spinalonga, heute ist die Insel unbewohnt
Quelle: Getty Images

Was blieb, war der Grusel, den der moderne Tourismus aufl?st. Nicht zuletzt dank Hislops Familienepos erfahren Besucher nun viel Wissenswertes über Plagen, fürchterliche Krankheitserreger und die Abgründe menschlicher Gesellschaft.

Sie lernen, dass alles Leid relativ ist, dass Spinalongas Patienten sich mit ihrem neuen Leben durchaus arrangierten, so etwas wie Hoffnung und Lebensglück kannten. Die Leprainsel war ein Ort der Ausgesto?enen, für manche gar die mutma?liche H?lle auf Erden.

Aber zugleich war sie ein Rückzugsort, an dem nicht diskriminiert wurde, wo es gute medizinische Betreuung gab. Hier wurde geflirtet, geliebt, geheiratet, gezeugt. Es gab eine Normalit?t, einen Alltag mit Schule und Kirche, mit Friseursalon, Freilichtkino und Tavernen. Es wurde geraucht, getrunken und Backgammon gespielt. Es gab, Lepra hin oder her, Arm und Reich. Entstellte und ?u?erlich Kerngesunde.

Selbstisolation vom Feinsten im Luxushotel

Gleich vor der einstigen Insel des Siechtums wird heute, launig armewinkend, lebensfroh johlend, Wasserski gefahren. Spinalonga direkt gegenüber auf Kreta, weniger als einen Kilometer entfernt, liegt das unaufgeregte D?rfchen Plaka, dessen Bewohner einst von Fischfang und Landwirtschaft lebten.

Inzwischen bringen das meiste Geld die Touristen, die zugleich schaudern und sich sch?n erholen wollen – was die hohe Kneipendichte erkl?rt, eine davon hei?t sogar ?Taverna Spinalonga“.

Zwei Gehminuten weiter zieht sich das ?Blue Palace“ den Küstenhang hoch. In seinen opulenten Dimensionen – mehrere Hundert Zimmer, ein halbes Dutzend Restaurants und eine etwa 200 Meter lange ?Bergbahn“ von der auf dem Hügel thronenden Lobby runter zum Privatstrand – ist es heute gr??er als Plaka selbst. Ein Gro?teil der Zimmer und Suiten hat einen Privatpool, erm?glicht also den Komplettrückzug ins Private, in eine Selbstisolation de luxe. Von s?mtlichen G?stezimmern aber geht der Blick hinüber auf jenen anderen Ort, auf die Insel der Ausgesetzten.

Es ist diese Kombination von tragisch und traumhaft sch?n, die den Reiz der Bucht ausmacht, auch und erst recht mit der Corona-Plage des Jahres 2020 im Hinterkopf. ?In the midst of death we are in life“, schrieb der englische Schriftsteller Simon Raven in den 1960er-Jahren süffisant: Selbst ?mitten im Tod stehen wir im Leben.“ Wie wahr. Wie zeitgem??. Insofern ist Spinalonga ein Ort, der Hoffnung macht, der signalisiert, dass es immer noch viel schlimmer geht, als man denkt. Und, dass am Ende jedes Tunnels Licht ist.

Die Insel Spinalonga vor Kreta, Griechenland
Quelle: Infografik WELT

Tipps und Informationen

Anreise: Per Flugzeug geht es üblicherweise direkt nach Heraklion, etwa mit Aegean Airlines oder Lufthansa. W?hrend der Corona-Pandemie sind Verbindungen eingeschr?nkt oder werden mit Stopover in Athen angeboten.

Alternativ geht es mit der F?hre von Athen-Pir?us nach Heraklion. Die Fahrzeit im Auto von Heraklion in die Küstenorte Agios Nikolaos, Elounda und Plaka betr?gt etwa eine Dreiviertelstunde, Mietwagen k?nnen am Flughafen übernommen werden. Spinalonga ist von Anfang April bis Ende Oktober t?glich bis 19 Uhr für Besucher ge?ffnet, in den Wintermonaten in der Regel nur samstags und sonntags bis 16 Uhr. Eintritt acht Euro. Von April bis Oktober verkehren ab Plaka und Elounda regelm??ig Boote, für zehn beziehungsweise zw?lf Euro pro Person, Kinder unter fünf fahren umsonst.

Reisezeit: Ideal sind April und Mai sowie September und Oktober, also Auftakt und Schlusswochen der kretischen Reisesaison. Die Lufttemperaturen liegen im Frühjahr und im Sp?tsommer tagsüber meist bei 20 bis 28 Grad. Ab Mai ist das Mittelmeer etwa 19 Grad warm; bis in den November l?sst es sich gut schwimmen.

Unterkunft: Das Doppelzimmer inklusive Frühstück im ?Blue Palace Resort & Spa“ im Küstendorf Plaka kostet ab rund 250 Euro pro übernachtung. Das Resort liegt an einem Hügel mit Blick auf die 800 Meter entfernte Insel Spinalonga (bluepalace.gr). Ebenfalls an einem Hang mit Aussicht aufs Meer liegt das ?Cayo Exclusive Resort & Spa“, Saisonstart Ende April, Doppelzimmer ab 230 Euro (cayoresort.com). Es gibt viele weitere Hotels, Pensionen und G?stezimmer in Plaka, Elounda und Agios Nikolaos.

Corona-Info: Vor dem Abflug nach Griechenland füllen Flugreisende aus Deutschland ein ?Passagier-Lokalisierungs-Formular“ mit Kontaktdaten aus (travel.gov.gr). Das Ausw?rtige Amt aktualisiert seine Reise- und Sicherheitshinweise regelm??ig (auswaertiges-amt.de).

Buchtipp: Victoria Hislops Bestseller ?Die Insel“ (430 Seiten, 15 Euro) ist kein literarisches Juwel, aber ein kurzweiliger Urlaubsschm?ker. Die Fortsetzung mit dem englischen Romantitel ?One August Night“ erschien im Oktober 2020 (deutsche übersetzung noch nicht erschienen).

Auskunft: visitgreece.gr

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Hotel ?Blue Palace“. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabh?ngigkeit finden Sie unter axelspringer.de/unabhaengigkeit.

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