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Ein Kirchturm macht den Reschensee zur Attraktion

In den 50er-Jahren versank das Dorf Graun in einem Stausee, seitdem ragt nur noch sein Kirchturm heraus. ?lteren Südtirolern ist er bis heute ein Mahnmal, jüngere vermarkten ihn touristisch. Vor allem im Winter lockt die Kulisse Urlauber.
| Lesedauer: 9 Minuten
Vinschgau in Südtirol: Der zugefrorene Reschensee, aus dem der Kirchturm des gefluteten Dorfes Alt-Graun ragt Vinschgau in Südtirol: Der zugefrorene Reschensee, aus dem der Kirchturm des gefluteten Dorfes Alt-Graun ragt
Ikonisch: Der Kirchturm des gefluteten Dorfes Alt-Graun ragt aus dem zugefrorenen Reschensee
Quelle: Getty Images/Westend61

F?hrt man hinter Graun im Vinschgau durch einen Tunnel hinauf Richtung Reschenpass, reibt man sich verwundert die Augen: Ist das dort vorne wirklich ein Kirchturm? Mitten in einem See, jetzt im Winter umpanzert von einer schneebedeckten Eisfl?che?

Kein Zweifel: Aus dem Reschensee ragt ein Turm mit Spitzdach empor, ganz oben ein Kreuz, dazu die verblassten Reste einer Zeigeruhr. Die romanischen Doppelfenster im verwitterten Steinbau weisen ins ferne Mittelalter, die Pfarrkirche St. Katharina wurde 1357 geweiht.

Gerade tapst auf dem Eis, sich gegenseitig am Arm stützend, eine Hochzeitsgesellschaft herum. Das Brautpaar – sie frierend in bodenlangem cremefarbenen Kleid mit Schleppe, er in dunklem Anzug mit wei?er Rose im Knopfloch – nimmt vor dem Turm für den Fotografen Aufstellung.

?Wir stammen aus Sizilien, leben und arbeiten aber seit einigen Jahren in Südtirol“, erkl?rt ein untersetzter ?lterer Herr, w?hrend er an einer Zigarette saugt, ein Onkel des Br?utigams sei er. Immer wieder n?hern sich auch andere Spazierg?nger, um dieses sonderbare Wahrzeichen Südtirols abzulichten.

Ikonisch: Der zugefrorene Reschensee, aus dem der Kirchturm des gefluteten Dorfes Alt-Graun ragt
Der Kirchturm ist vor allem im Winter, wenn man ihm ganz nah kommt, eine beliebte Fotokulisse
Quelle: Suedtirol Marketing, Italy

Trotz Corona sind touristische Einreisen nach Südtirol unter bestimmten Bedingungen erlaubt; Hotels, Restaurants und Gesch?fte dürfen ebenfalls unter Auflagen ?ffnen (siehe unten). Die ?ffnung der Südtiroler Skigebiete, ursprünglich geplant zum 18. Januar, wurde allerdings gerade in den Februar verschoben, ohne konkretes Datum. Der Wintertourismus wird sich also, trotz guter Schneeverh?ltnisse, im Vergleich zu früheren Jahren in Grenzen halten.

Heute lockt man in Graun mit dem Stausee Urlauber

Auch am Reschensee geht es momentan ziemlich ruhig zu. Eine Ausnahme bildet besagter Kirchturm – er ist, weil man so nah an ihn herankommt, vor allem im Winter eine beliebte Kulisse. Nicht nur für Fotos, auch in der Literatur spielt er eine Rolle: 2018 erschien von Marco Balzano, einem der wichtigsten und erfolgreichsten italienischen Schriftsteller, der Roman ?Resto qui“, die deutsche übersetzung ?Ich bleibe hier“ folgte 2020.

Er spielt am Reschensee und handelt von einer hiesigen Familie, in deren Schicksal sich die Geschichte Südtirols widerspiegelt – von der Unterdrückung der deutschen Kultur und Sprache durch die Faschisten Mussolinis über die sogenannten Optanten, die nach 1939 ihre Südtiroler Heimat verlie?en, um Hitlers Ruf ?Heim ins Reich“ zu folgen, bis zur Flutung der D?rfer Alt-Graun und Reschen 1950. Wo einst die D?rfer standen, ist nun ein Stausee, nur der alte Kirchturm ragt noch aus dem Wasser heraus.

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Für viele Südtiroler war der Turm lange Zeit ein Mahnmal. Erst in neuerer Zeit traut man sich, ihn auch als touristisches Lockmittel einzusetzen. Balzanos Roman war für den Premio Strega nominiert, Italiens wichtigsten Literaturpreis. Dass ein Italiener die Geschichte von Graun und des versunkenen Kirchturms thematisiert, wurde von vielen Südtirolern positiv aufgenommen, als Zeichen der Vers?hnung.

Die Netflixserie brachte trotz Corona viele Besucher

Im Sommer 2020 lief dann auch noch die Netflixserie ?Curon“ an – so lautet der italienische Name für Graun. In dem Siebenteiler spielt der Kirchturm ebenfalls eine tragende Rolle, gedreht wurde am Original-Schauplatz.

?Das hat zahlreiche Besucher angelockt. Trotz Corona gab es hier an manchen Tagen einen regelrechten Besucherstau“, sagt David Stecher. Der drahtige Anfangsvierziger mit Bergsteigerbr?une im Gesicht bewirtschaftet einen Bauernhof, nebenbei ist er Eismeister auf dem Reschensee. Dessen Geschichte kennt Stecher genau.

Die Alten im neu erbauten Dorf Graun h?tten den Stausee, der bereits w?hrend der Herrschaft Mussolinis für die Stromerzeugung geplant worden war, begreiflicherweise nie gewollt. Selbst der Bittbesuch einiger Abgesandter beim Papst in Rom habe damals das Unglück nicht mehr aufhalten k?nnen.

Viele wanderten ab. Die meisten, weil ihnen die Lebensgrundlage entzogen war, schlie?lich standen auch ihre Felder und ?cker unter Wasser, und die Entsch?digung, die der Staat zahlte, war l?cherlich gering. Andere weigerten sich aus Prinzip, in das am See neu hochgezogene Ersatzdorf, das Graun/Curon genannt wurde, umzusiedeln.

Eislaufen, Snowkiten und Skilanglauf auf dem Reschensee

?Erst meine Generation hat den Reschensee als Spielwiese für sich entdeckt, irgendwann haben wir das touristische Potenzial erkannt, heute wirkt er als Besuchermagnet“, sagt Stecher. Ob die heutigen Touristen von der Entstehungsgeschichte des kuriosen Wahrzeichens wüssten? Stecher zuckt mit den Schultern. Seine Aufgabe als Eismeister sei es, die Winterg?ste zufriedenzustellen.

Da der Reschensee von hohen Bergen eingefasst wird, liegt er in einem natürlichen Windkanal. Im Sommer ist er deshalb ein Dorado der Kitesurfer und im Winter eine Arena für Eisl?ufer, Snowkiter und Skilangl?ufer – schlie?lich liegt der See 1500 Meter hoch und friert verl?sslich zu.

Windig: Snowkiter auf dem Haidersee südlich vom Reschensee
Windig: Snowkiter auf dem Haidersee südlich vom Reschensee
Quelle: Getty Images

Am frühen Morgen hat Stecher mit einem umgebauten M?htraktor bereits die Eislaufbahn poliert. Mittlerweile pr?pariert er mit einem Walzger?t, das hinten an einem Raupenquad h?ngt, die 15 Kilometer lange Spur für Winterwanderer au?en um den See herum.

Gerade ist Stecher allerdings vom Bock geklettert. Er will auf ein Ph?nomen aufmerksam machen. Zwischen Spazierg?ngern und Schlittschuhl?ufern, die mit gebeugtem Oberk?rper rhythmisch dahingleiten, stapft der Eismeister auf hell schimmernde Striche auf dem schw?rzlichen Eis zu. Vor den Strichen bleibt Stecher stehen.

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Pl?tzlich ein Knall, ein lang gezogenes, dumpfes Pfeifen. Man spürt ein Vibrieren unter den Fü?en. ?Die hellen Striche sind eigentlich zentimeterlange Risse“, sagt Stecher. Gerade eben, mit dem Knall, sei wieder einer hinzugekommen. So ein Sprung entstehe, weil sich das Wasser unter dem Eis bewege. ?Aber keine Sorge: Es ist mindestens 20 Zentimeter dick. Stark genug für den zwei Tonnen schweren M?htraktor. Und für Menschen allemal.“

Sonne tanken vor der Berghütte auf der Alm

Bevorzugt man festen Boden unter den Fü?en, bleibt man am besten auf dem wei?en Band, das sich rund um den See herumzieht. Der Schnee knirscht unter den Sohlen. Auf dick bepuderten Wiesen neben ein paar H?usern hockt mit eingezogenen K?pfen ein Kr?henpulk.

Am n?rdlichen Seeende markiert ein stillstehender Schlepplift den Aufstieg zur Reschner Alm. Vorbei an mit Fresken verzierten Bauernh?usern, einem Wegkreuz mit Schneemütze, dann entlang an einem Bach, an dessen Ufer zahlreiche Spuren den Trinkplatz von Hirschen verraten, geht es über leicht ansteigende Wiesen bergauf.

Südtirol, Italien: Verschneite Hütten und Heustadel im Vinschgau
Idyllisch: Hütten und Heustadel im Vinschgau sind eingeschneit
Quelle: Suedtirol Marketing, Italy

Verwitterte Heustadel aus Baumst?mmen bilden braune Tupfer in der wei?en Berglandschaft. Fichten, die ?ste von der Schneelast niedergedrückt, flankieren die Zickzackpassage durchs makellose Wei?. Nach gut einer Stunde ist die Alm erreicht, die auf einer Gel?ndekanzel liegt.

Wendet man sich zurück, blitzt rechts unten der Reschensee wie ein riesiger Spiegel. Links windet sich die von Schneewehen eingefasste Durchgangsstra?e Richtung Reschenpass, der Verbindung nach ?sterreich. Vor einer Hütte sitzen Tourengeher mit halb geleerten Bierkrügen und halten ihre verschwitzten Gesichter in die Sonne. Die Kaspresskn?del, auf die andere G?ste gerade mit der Gabel einstechen, sehen einladend aus. Ein bisschen was los ist hier oben also doch, in diesem Corona-Winter.

Der Herrensitz Plawenn ist typisch für Südtirol

Zurück im Tal, st??t man am Südende des Reschensees auf die Staumauer. Kurz dahinter schlie?t sich ein weiterer, natürlicher See an, der Haidersee. Auch hier führen gewalzte Wege wie Spinnennetze hinauf zu Weilern und Almen. Beispielsweise nach Plawenn.

Nach einer guten Stunde ist der 40-Einwohner-Ort erreicht, ein Dutzend ineinander verschachtelter H?user. Kein Autol?rm, zun?chst ist nur der Flügelschlag der Kr?hen zu h?ren, die als Schatten über die wei?en Fl?chen und D?cher huschen. Anfangs l?sst sich nur eine Frau mit Kopftuch blicken, die mit Brennholzscheiten im Arm um eine Hausecke biegt. Am Dorfrand stecken einige Schlitten aufgebockt im Schnee – von dem Ort, der 1730 Meter über dem Meer liegt, führt eine sch?ne Naturrodelbahn hinunter zum See.

Die Kirche Mari? Heimsuchung, daneben der Friedhof mit schmiedeeisernen Grabkreuzen, steht nicht im Mittelpunkt des Weilers. Den bildet der Herrensitz Plawenn mit Eckturm und Zinnen, der auf das zw?lfte Jahrhundert zurückgeht. Auf einem Hügel davor sausen kleinere Kinder mit Rutschtellern auf eine selbstgebaute Sprungschanze zu – gro?es Gejohle. Ein paar Jugendliche werfen nebenan mit Schaufeln Schnee zu einem Haufen zusammen, daraus wollen sie sich einen Iglu bauen.

Ein typisches Beispiel für die Ansitze in Südtirol ist der Herrensitz Plawenn
Ein sch?nes Beispiel für die Ansitze in Südtirol ist der Herrensitz Plawenn
Quelle: De Agostini via Getty Images/DEA/ALBERT CEOLAN

?Besser drei Monate als zwei Tage, da lernen wir uns richtig kennen“, antwortet der Herr, der die Eingangstür zum Ansitz Plawenn ?ffnet, auf die Frage, ob man hier Zimmer mieten k?nne. Ansitze sind typisch für Südtirol, so nennt man die früheren Wohnsitze des niederen Adels, die repr?sentativer als ein normales Wohnhaus, aber von einem Schloss weit entfernt sind.

Konrad Me?ner, ein Anfangssechziger mit Wuschelm?hne, betreibt im Ansitz seit 20 Jahren eine Gastst?tte und bezeichnet sich als ?Kulturwirt“. Er organisiert zum Beispiel Veranstaltungen über ?Angepasstheit und geistige Gesundheit“. Der Wirt selbst wirkt jedenfalls ziemlich unangepasst, was seinen Service betrifft. Sein Bescheid auf die Frage, ob man einen Kaffee bekommen k?nne, lautet: ?Wenn ich Lust habe, ja. Wenn nicht, nein!“

Einsam ragt der Kirchturm von Alt-Graun in den Himmel

So sitzt man also in seiner gew?lbten ru?geschw?rzten Küche und wartet. Zum Glück hat der Hausherr Lust – den Kaffee brüht Me?ner in einer Mokkakanne über prasselndem Herdfeuer auf. Aus eisernen T?pfen dampft es derweil. Me?ner macht gerade Pizzoccheri, Nudeln aus Buchweizen- und Weizenmehl, mit Wirsing, Kartoffeln und Almk?se, ursprünglich ein Armeleutegericht aus dem benachbarten Veltlin.

Schnell ist man bei dem Thema, welches der Wirt für zukunftsweisend h?lt: ?kologisches Wirtschaften, pestizidfreie Landwirtschaft. ?Was ich brauche, w?chst im Garten heran, anderes wie Brot, Speck oder K?se hole ich beim Nachbarbauern.“

Das Wirtshaus an sich, sagt Me?ner, sei eine Kulturform. ?Dazu braucht es Zeit, man sinniert über die immer gleichen Fragen, und irgendwann hat sich die Lage verbessert.“ In Plawenn, so scheint es, sind auf die vielen Gedanken auch Taten gefolgt. Hier sei die d?rfliche Welt in Ordnung, versichert der Wirt.

Beim Verlassen des Ortes ist es dunkel geworden. über dem Ortlergipfel, einem buckligen eisgepanzerten Fastviertausender, ist der Mond aufgegangen. Unten am Reschensee, wo die weite Schnee- und Eisfl?che das fahle Mondlicht reflektiert, ragt einsam der Turm von Alt-Graun in den Nachthimmel empor. Morgen werden dort wieder, wie Pinguine, neugierige Besucher auf dem Eis herumrutschen und ihre Kameras auf das seltsame Bauwerk richten.

Graun, Vinschgau, Südtirol: Wenn das Tageslicht schwindet, wird es still am Turm im Reschensee
Wenn das Tageslicht schwindet, wird es still am Turm im Reschensee
Quelle: pa/imageBROKER/G. Lenz

Tipps und Informationen

Anreise: Der Reschensee ist über den Reschenpass oder die Brennerautobahn und Meran gut per Auto erreichbar. Mit der Fernbahn f?hrt man bis Meran, steigt dort um in die Vinschger Lokalbahn bis zur Endstation Mals, weiter per Taxi oder Bus.

Unterkunft: ?Gasthof Lamm“ in Mals, Ortsteil Laatsch, übernachtung mit Frühstück ab 50 Euro pro Person, Vollpension ab 75 Euro, hotel-lamm.net (ge?ffnet ab 18.1.).

?Kulturgasthaus“ in Plawenn, Unterkunft nur für Mitglieder des ?Club of Mult“, dem jeder ab einem Euro Gebühr beitreten kann, Doppelzimmer ab 60 Euro, der Wirt ist erreichbar unter Tel. +39/335/220789 und per E-Mail: [email protected]

Coronaregeln: Seit 7. Januar ist die Einreise für Touristen ohne Isolationspflicht m?glich, bei der Durchreise durch ?sterreich darf kein Zwischenstopp eingelegt werden. Voraussetzungen: negativer Coronatest (innerhalb 48 Stunden vor Einreise durchgeführt) und Online-Anmeldung bei den Sanit?tsbeh?rden. Unterkünfte dürfen ?ffnen, ebenso Gesch?fte und Restaurants (letztere bis 22 Uhr mit Reservierung). Es gilt eine weitreichende Maskenpflicht sowie zwischen 22 und 5 Uhr eine n?chtliche Ausgangssperre. Reiserückkehrer müssen sich in Deutschland digital registrieren und zehn Tage in Quarant?ne begeben, die nach fünf Tagen durch einen negativen Coronatest abgekürzt werden kann. Zus?tzlich besteht seit 14.1. eine Testpflicht, sp?testens 48 Stunden nach Einreise ist das Ergebnis auf Beh?rdenanforderung vorzulegen.

Weitere Infos: suedtirol.info

Quelle: Infografik WELT

Dieser Text ist aus der WELT AM SONNTAG. Wir liefern sie Ihnen gerne regelm??ig nach Hause.

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Quelle: WELT AM SONNTAG

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