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Sie macht Plastikmüll zu Rohstoff

| Lesedauer: 6 Minuten
Plastikmüll ist überall – die Natur hat praktisch kein Mittel gegen Kunststoff. Dazu braucht es Technologie. Miranda Wang entwickelt Verfahren, die aus Plastikmüll nützliche Rohstoffe machen. Dafür bekam sie den Rolex Preis für Unternehmungsgeist.
Miranda Wang entwickelt Verfahren für das Recycling von Kunststoffmüll – speziell für Plastik, das bislang nicht wiederverwertbar ist
Miranda Wang entwickelt Verfahren für das Recycling von Kunststoffmüll – speziell für Plastik, das bislang nicht wiederverwertbar ist
Quelle: Rolex/Bart Michiels

Die h?chsten H?hen der Erde liegen im Himalaja bei 8848 Metern. In die tiefsten Tiefen der Erde würde der h?chste Gipfel, der Mount Everest, allerdings mehr als hineinpassen: Im Marianengraben liegen zwischen Wasseroberfl?che und Meeresgrund rund 11.000 Meter. 2012 tauchte Regisseur und Rolex Markenbotschafter James Cameron (?Titanic“) mit seiner ?Deepsea Challenger“ auf den Grund.

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Als er immer weiter herabsank, berichtete Cameron sp?ter, habe er bei sich gedacht: ?Hier bin ich nun, in der Tiefe des Ozeans, am tiefsten Punkt der Erde. Was bedeutet das?“ Der Marianengraben, das war ?der absolut am weitesten entfernte und isolierteste Ort auf der Erde. Ich fühle mich, als w?re ich für einen Tag auf einem anderen Planeten gewesen.“ Inzwischen hat sich gezeigt, dass nicht einmal der ultimative Ort, die maximale Tiefe sicher ist vor Plastikmüll. Einige Jahre nach Camerons Expedition wurde Plastikmüll auf dem Grund des Marianengrabens entdeckt. Eine Kunststofftüte.

Plastik ist praktisch, Plastikmüll ist ein Problem

Kunststoffabf?lle sind ein weltweites Problem – ein sehr gro?es. Plastikmüll verschmutzt L?nder und Meere, Plastikmüll t?tet Tiere. Plastik ist praktisch, Plastikmüll ist problematisch. Unser Plastik wird viel zu schnell zu Müll. Eine Plastiktüte wie die vom Grund des Marianengrabens wird im Durchschnitt nur 25 Minuten genutzt, bevor sie in den Müll wandert. Auf dem Meeresboden überdauert sie noch mindestens 20 Jahre. Ein Strohhalm, der an einem Abend für einen Drink verwendet wird, existiert danach rund 200 Jahre als Müll. 450 Jahre dauert es laut Sch?tzungen, bis eine Plastikflasche weitgehend zersetzt ist.

Kaum kaputtbar: Es dauert Hunderte Jahre, bis eine Plastikflasche weitgehend zersetzt ist
Kaum kaputtbar: Es dauert hunderte Jahre, bis eine Plastikflasche weitgehend zersetzt ist
Quelle: Rolex/Bart Michiels

Und selbst dann ist der Müll nur sichtbar verschwunden: Der Kunststoff wird in winzige Teile zerrieben sein, die von Tieren mit der Nahrung aufgenommen werden. Durch die Nahrungskette wandert Mikroplastik auch in menschliche Lebensmittel. Gesund ist das nicht.

Wang will aus Abfall wertvolle Rohstoffe gewinnen

Recycling? Schwierig: Ein Gro?teil des Plastikmülls kann bislang nicht wiederverwertet werden. Miranda Wang will das ?ndern. Die Molekularbiologin aus Kanada hat Verfahren entwickelt, mit denen sich aus bisher unbrauchbarem Plastikmüll wertvolle Stoffe gewinnen lassen. Dafür wurde sie mit dem Rolex Preis für Unternehmungsgeist ausgezeichnet.

Das Thema Plastikmüll besch?ftigt Miranda Wang schon seit der Schulzeit
Das Thema Plastikmüll besch?ftigt Miranda Wang schon seit der Schulzeit
Quelle: Rolex/Bart Michiels

Die Schweizer Luxusuhrenmanufaktur Rolex würdigt mit den Preisen für Unternehmungsgeist Personen und deren Projekte, die mit innovativen Ans?tzen dazu beitragen, die Welt, in der wir leben, zu erhalten. Die Preistr?gerinnen und Preistr?ger erhalten Unterstützung für die Weiterführung ihrer Projekte sowie Zugang zum Rolex Netzwerk. Die Rolex Preise für Unternehmungsgeist sind Bestandteil der gro?angelegten Rolex Kampagne ?Perpetual Planet“.

Rolex verpflichtet sich langfristig zur Unterstützung

?Perpetual Planet“ widmet sich Projekten, die unsere Welt vor Sch?den bewahren sollen, die wir Menschen durch unseren Umgang mit der Natur erst heraufbeschworen haben. Rolex verpflichtet sich mit der Kampagne langfristig zur Unterstützung von Forschern bei ihren Bemühungen, die Umwelt zu schützen. Konkret bedeutet das: Neben den Preisen für Unternehmungsgeist geh?rt unter anderem auch die Initiative ?Mission Blue“ der US-amerikanischen Meeresforscherin und Rolex Markenbotschafterin Sylvia Earle zu ?Perpetual Planet“, au?erdem eine Reihe von Expeditionen, die Rolex als Partner der National Geographic Society f?rdert.

Earle setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, Meeresschutzgebiete einzurichten, sogenannte ?Hope Spots“ – Ozean-Reservate mit einer bedeutenden Fauna und Flora, die aber gef?hrdet sind. Die National Geographic Society erforscht mit Unterstützung von Rolex, wie sich menschliches Handeln auf die Umwelt auswirkt. Eine erste Forschungsgruppe hat die Folgen des Klimawandels für die Gletscher des Himalajas untersucht.

Eine Lkw-Ladung Abfall geht pro Minute ins Meer

Miranda Wang forscht im US-Bundesstaat Kalifornien. Sie ist 25 Jahre alt und entwickelt in ihrem eigenen Start-up BioCellection ein spezielles Verfahren mit dem Ziel, dass Plastikmüll künftig keine Endstation mehr in der Produktionskette darstellt, sondern Teil einer geschlossenen Kreislaufwirtschaft wird. Bislang wird der Prozess erprobt, bald soll er auf kommunaler Ebene eingesetzt werden.

Miranda Wang – Rolex Preis für Unternehmungsgeist 2019

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Bedarf gibt es reichlich. 300 Millionen Tonnen Plastikmüll erzeugt die Menschheit pro Jahr – seit den 1950er-Jahren insgesamt rund 8,3 Milliarden Tonnen. Zehn Millionen Tonnen landen j?hrlich in den Weltmeeren – etwa eine Lkw-Ladung pro Minute. Nicht einmal ein Zehntel des weltweit angefallenen Abfalls ist bis heute recycelt worden. Der Grund: Kunststoffe sind praktisch unkaputtbar. Ihre chemische Struktur ist oft so komplex, dass sie sich selbst mit technischen Hilfsmitteln kaum aufl?sen lassen. Geschweige denn auf natürlichem Wege.

Dieser Kunststoff ist stabil und robust – leider

Miranda Wang hat sich Plastikmüll aus Polyethylen (PE) vorgenommen. Diese Kunststoffe machen mit rund 30 Prozent den gr??ten Anteil der globalen Plastikproduktion aus. Viele Alltagsgegenst?nde enthalten PE: Frischhaltefolien, Milchkartons, Mülls?cke und Plastiktüten; im Supermarkt sind sie daran erkennbar, dass die Recyclingcodes 02 oder 04 auf den Packungen stehen.

PE-Plastik ist besonders stabil und robust – so wie der Plastikmüll, der daraus entsteht. Und weil PE eben oft mit Lebensmitteln in Kontakt kommt, ist PE-Müll verschmutzt und darum nicht recycelbar. Da muss etwas passieren, meint Wang, denn ?es gibt noch keine ?konomisch sinnvollen Techniken, aus diesen Kunststoffen hochwertige Produkte herzustellen“.

Kunstoff hat – auch in Müll-Form – komplexe chemische Strukturen. Miranda Wangs Verfahren zerlegt die Struktur und gewinnt so chemische Rohstoffe zurück
Kunstoff hat – auch in Müll-Form – komplexe chemische Strukturen. Miranda Wangs Verfahren zerlegt die Struktur und gewinnt so chemische Rohstoffe zurück
Quelle: Rolex/Bart Michiels

Den ersten Impuls für ihre Forschungen bekam die Kanadierin als Teenagerin. Sie war 15 Jahre alt, als sie bei einem Schulausflug eine Müllverwertungsanlage besuchte. Plastikmüll wurde sozusagen ihr Thema; gemeinsam mit ihrer Schulfreundin Jeanny Yao befasste sie sich zunehmend ernsthaft mit der Problematik. Daraus entstand schlie?lich ein Start-up. Wang und Yao sind heute Gesch?ftspartnerinnen bei BioCellection und leiten ein zehnk?pfiges Team, das das eigene Recyclingverfahren verfeinert.

Aus Weggeworfenem entstehen neue Chemikalien

Der aktuelle Stand: ?Wir haben ein nachhaltiges und kostengünstiges Verfahren entwickelt, aus Plastikabf?llen hochwertige Industriechemikalien herzustellen“, sagt Wang. ?Und wir haben gezeigt, dass diese die gleiche Qualit?t aufweisen wie die aus Erd?l hergestellten Chemikalien.“ BioCellection arbeitet darüber hinaus mit kommunalen Abfallverantwortlichen zusammen, mit Recyclingunternehmen und Herstellern, die wiederverwertete Kunststoffe in ihre Produktion aufnehmen wollen.

K?nnte Wangs Verfahren in gro?em Ma?stab eingesetzt werden, würde mehr Plastikmüll wiederverwertet. ?Beschleunigte thermisch-oxidative Depolymerisation“ hei?t das Verfahren; dabei werden Kunststoffabf?lle über eine Reihe von chemischen Reaktionen in einfachere Substanzen zersetzt. Gewonnen werden so Chemikalien, die sich zur Herstellung anderer Kunststoffe nutzen lasse. Bonus-Effekt: Weniger Nutzung fossiler Brennstoffe. Für solche ?Vorl?uferchemikalien“ zur Kunststoffherstellung braucht man bisher unter anderem ?l.

Mit Wangs Verfahren k?nnte aus altem Kunststoff wieder neuer Kunststoff werden – was unter anderem ?l einsparen würde
Mit Wangs Verfahren k?nnte aus altem Kunststoff wieder neuer Kunststoff werden – was unter anderem ?l einsparen würde
Quelle: Rolex/Bart Michiels

Damit Plastikabfall recycelt werden kann, muss er zuvor sortiert werden. Das ist oft unm?glich, weil verschiedene Kunststoffarten in vielen Produkten miteinander verbunden sind. Und darum wird mehr als die H?lfte allen Plastikmülls in Deutschland zur Energiegewinnung verbrannt, wobei Filteranlagen den Abgasen giftige Gase und Schadstoffe entziehen müssen. 2017 wurden gerade einmal 0,8 Prozent der deutschen Plastikabf?lle zu Rohstoffen wiederverwertet – was sich eben auch mit dem Verfahren von Miranda Wang machen lie?e. Gleichzeitig wurden knapp 46 Prozent werkstofflich verarbeitet, n?mlich zu neuem, billigerem Plastik verwertet.

Wir müssen etwas tun. Sonst k?nnte es 2050 mehr Plastik als Fische in den Ozeanen geben
Miranda Wang, Gewinnerin Rolex Preis für Unternehmungsgeist
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Von all dem Plastikmüll, der seit 1950 weltweit angefallen ist, wurden bis heute nur neun Prozent recycelt. Das k?nne so nicht weitergehen, sagt Wang, ?sonst k?nnte es 2050 mehr Plastik als Fische in den Ozeanen geben“. Jedes Jahr sterben 135.000 Meeress?uger und über eine Million Seev?gel, weil sie Plastik mit Nahrung verwechseln. Durch Meeresstr?mungen werden Plastikpartikel zu riesigen Müllteppichen zusammengetrieben, die gro?e Gebiete unbewohnbar machen. Der gr??te von ihnen, der Great Pacific Garbage Patch, liegt zwischen Kalifornien und Hawaii. Er ist 4,5-mal so gro? wie Deutschland.

Miranda Wang am Meer: Die junge Frau aus Kanada forscht im kalifornischen Menlo Park
Miranda Wang am Meer: Die junge Frau aus Kanada forscht im kalifornischen Menlo Park
Quelle: Rolex/Bart Michiels

Schon bald will Wang eine gewerbliche Aufbereitungsanlage für PE-Kunststoffe aufbauen. Bis 2023 sollen damit 45.500 Tonnen Plastikmüll aufbereitet werden. Gelingt es, das Verfahren weiter zu verfeinern, w?ren noch ganz andere M?glichkeiten offen, so die Vision des Unternehmens: Dann k?nnte Plastikmüll eines Tages fossile Brennstoffe bei der Herstellung von Kunststoffen komplett ersetzen. Abfall statt ?l – eine gute Sache.

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