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Wirtschaft Zwangsdigitalisierung

Pl?tzlich schafft Deutschland, was bisher unm?glich schien

| Lesedauer: 7 Minuten
Finanz-Redakteur
Jetzt zeigt sich die mangelnde Digitalisierung der Beh?rden

Der Staat hat die Digitalisierung verschlafen. Besonders deutlich zeigt sich das in der Krise bei der Polizei. Neue Haftbefehle würden kaum noch ausgestellt, weil die Justiz kaum noch erreichbar ist.

Quelle: WELT/ Thomas Laeber

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Lange erstickte die digitale Neuordnung hierzulande in scheinbar endloser Planung. In der Krise raffen sich Firmen und Verwaltungen nun zum Handeln auf. Doch am Ende k?nnten sie ausgerechnet an der eigenen Selbstzufriedenheit scheitern.

Hessens Beh?rden akzeptieren jetzt auch elektronische Rechnungen. Das ist im Rest der Welt bereits fast überall Standard. Eine entsprechende EU-Richtlinie, die das fordert, war schon 2014 verabschiedet worden. Doch jetzt endlich geht das auch zwischen Darmstadt und Kassel. Und dass es mitten in der Corona-Krise umgesetzt wird, ist bezeichnend.

Denn wenn diese Krise irgendetwas Positives hat, so ist es die Tatsache, dass pl?tzlich überall, in Unternehmen und in der Verwaltung, Arbeitsprozesse digitalisiert werden.

Vieles, das bisher als schwer umsetzbar galt, wird pl?tzlich über Nacht in Gang gebracht. Und siehe da: Es funktioniert! Diese Erfahrungen in Wirtschaft und Beh?rden k?nnten Deutschland auch langfristig nutzen.

Zun?chst einmal hat die Krise offengelegt, wie rückst?ndig Deutschland in vielen Bereichen ist. Symbolhaft dafür ist, dass die Gesundheits?mter ihre Daten zu Corona-Infektionen nach wie vor gr??tenteils per Fax an das Robert-Koch-Institut übermitteln, wo diese per Hand abgetippt werden. Und das im Jahr 2020.

?In der Corona-Krise hat sich gezeigt, was Deutschland in der Vergangenheit vers?umt hat“, sagt Gerhard Hammerschmid, Professor und Experte für digitale Verwaltung an der Hertie School. Die Digitalisierung des Gesundheitswesens, aber auch des Schulwesens ist da ein zentraler Punkt.

Doch vielerorts wurden nun auch spontan neue L?sungen gesucht und gefunden – gezwungenerma?en, da Ausgangssperren und Kontaktverbote das Arbeiten andernfalls unm?glich machen würden. Das Homeoffice, in dem viele Deutsche nun pl?tzlich arbeiten, ist das beste Beispiel. ?Mitarbeiter werden mit Laptops ausgestattet, es wird mit Tools wie beispielsweise Videokonferenzen gearbeitet, gegen die sich viele Unternehmen lange gewehrt haben“, sagt Barbara Engels, ?konomin und Expertin für Digitalisierung beim Institut der deutschen Wirtschaft K?ln (IW).

Für Diskussionen l?sst die Krise keine Zeit

Der Gesetzgeber erlie? in rasender Geschwindigkeit neue Regelungen. Aktiengesellschaften k?nnen nun ihre Hauptversammlungen virtuell abhalten. Krankenh?user wurden verpflichtet, ihre freien Intensivbetten für eine zentrale Online-Erfassung zu melden. Kurzarbeitergeld und anderes F?rdergeld werden im Internet beantragt.

Auch das Betriebsverfassungsgesetz wurde in dieser Woche ge?ndert, nach vielen Diskussionen mit den Gewerkschaften. ?Sogar Betriebsr?te haben sich nun dazu durchgerungen, online zu tagen“, nennt Nadine Sch?n, stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, eines der Ergebnisse. ?Das war bisher ein rotes Tuch.“

Pl?tzlich geht vieles, und für ?konomin Engels zeigt das, woran die Digitalisierung hierzulande bisher krankte. ?Es wird bei allen Digitalisierungsvorhaben immer sehr lange diskutiert, über Vor- und Nachteile und über alle Eventualit?ten, die eintreten k?nnten, statt dass man einfach mal etwas ausprobiert und schaut, ob es klappt“, sagt sie. ?Durch die Corona-Pandemie wurde jedoch weniger diskutiert, dazu war jetzt keine Zeit. Es wurde einfach gehandelt.“

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Das gilt auch für Unternehmen. In vielen traditionellen Familienunternehmen seien Ver?nderungen oft schwierig. ?Da braucht es einen starken Willen, und Corona hat diesen Willen vielen nun aufgezwungen“, sagt Engels. Dabei haben sie gemerkt, dass es klappt. ?Viele Führungskr?fte haben jetzt gelernt, dass Mitarbeiter auch produktiv sein k?nnen, wenn sie zu Hause arbeiten.“ Die ?konomin hat daher Hoffnung, dass diese Erfahrung für die Zukunft Früchte tr?gt. ?Diesen Schwung müssten die Firmen jetzt mitnehmen.“

Wissenschaftler Hammerschmid erhofft sich das auch für die Verwaltung, hat aber gewisse Zweifel. ?Hier mangelt es oft schon an der Grundausstattung“, sagt er. Das zeigt das Beispiel Berlin, wo die Beamten zu Hause arbeiten sollten, aber nur ein kleiner Prozentsatz über die technische Ausstattung verfügt.

Ein anderes zentrales Manko sei, dass es immer noch keine klaren Authentifizierungsm?glichkeiten gibt – das wurde bei Betrugsversuchen um F?rdergeld in Nordrhein-Westfalen deutlich.

Vor allem fürchtet Hammerschmid, dass man in der Verwaltung am Ende zu dem Schluss kommt, man habe die Krise doch ganz gut bew?ltigt. ?Es besteht dann die Gefahr einer gewissen Selbstzufriedenheit, nach dem Motto: ?Wozu brauchen wir da einen grundlegenden Wandel?‘“ Zudem sieht er die Gefahr einer Einsparwelle angesichts der enormen Kosten der Krise. ?Die Verwaltung braucht für Fortschritte in der Digitalisierung, aber auch Investitionen und externe Beratung, und das kostet“, sagt er.

Ein Hoffnungsschimmer ist für ihn die soeben erfolgte Ernennung Markus Richters zum Beauftragten der Bundesregierung für Informationstechnik, kurz Bundes-CIO. Richter hatte w?hrend der Flüchtlingskrise die IT des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in kurzer Zeit radikal modernisiert und digitalisiert, mit Vorbildcharakter für andere Beh?rden. Er genie?t bei Innovatoren einen ausgezeichneten Ruf, ist bestens vernetzt und trifft auf eine Gesellschaft im digitalen Schwung. Den muss er nur noch nutzen.

Und in diesen Branchen gelingt die Digitalisierung bereits:

Freie Fahrt für die Telemedizin?

Abgeschafft wird das Wartezimmer in der Zukunft zwar wohl nicht, spürbar leerer dürfte es aber auch nach der Corona-Pandemie bleiben. Die Telemedizin, also die kontaktlose, ?rztliche Beratung über die Kameralinse, ist ein echter Krisenprofiteur. Anbieter werben nun massiv mit den Vorteilen: Nicht nur entfalle durch den digitalen Gesundheits-Check das Ansteckungsrisiko in der Praxis, zudem sparten Patienten auch viel Zeit.

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In L?ndern wie Schweden, Israel und Estland ist Telemedizin bereits fest im Gesundheitswesen verankert. Deutsche Patienten und Datenschützer waren bislang skeptisch, und der Gesetzgeber bremste. Unl?ngst wurden jedoch das Erstbehandlungsverbot per Videoanruf und die Obergrenze für digitale Sprechstunden aufgehoben. Freie Fahrt also für die Telemedizin – w?re da nicht die Kostenfrage: Für Kassen?rzte ist das Modell noch unattraktiv, denn erstattungsf?hig sind die Termine oft nur für Privatpatienten. Um das zu ?ndern, brauchen Anbieter ein Zertifikat der Kassen?rztlichen Bundesvereinigung. Das aber fehlt einigen noch. Dennoch verzeichnen entsprechende Apps und Portale einen rasanten Anstieg der Vermittlungen und digitalen Sprechstunden. Die Anbieter hoffen, dass dies auch nach der Pandemie anh?lt.

Videokonferenzen mit dem Professor

Vor der Krise dachte Peter Henning, Professor an der Karlsruher Fachhochschule für Angewandte Wissenschaften, es würde noch Jahre dauern, bis der Hochschulbetrieb digitalisiert wird. Jetzt ist es pl?tzlich passiert: Wegen der Pandemie wurde der gr??te Teil der Vorlesungen innerhalb weniger Tage auf Online-Lehre umgestellt, selbst Kolloquien finden im Netz statt.

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T?glich nutzen Dozenten und Studenten Videokonferenzen und Livestreams mit mehr als 100 Teilnehmern, digitale Lernplattformen oder YouTube, und sogar der Tafelanschrieb wird aufgezeichnet. Vor allem die Studenten freuten sich, und sie werden auch dafür sorgen, dass die Ver?nderung nach der Krise erhalten bleibt, glaubt Henning. Ihn erstaune, r?umt er ein, das gro?e Engagement von den Lehrenden und Mitarbeitern, die dem Online-Betrieb zuvor eher kritisch gegenüberstanden.

Diese Erfahrung macht auch Peter Salden von der Ruhr-Universit?t Bochum. Die Lehrenden br?chten viel Motivation und Eigeninitiative ein. So habe man in kurzer Zeit 90 Prozent des Lehrbetriebs auf online umstellen k?nnen. Beachtlich sei dies insbesondere, weil Entscheidungswege einer Uni ihm zufolge sonst eher langwierig seien.

Neue Wohnung per Online-Besichtigung

Der Innovationsdruck in der Immobilienbranche war in den vergangenen Jahren überschaubar, denn Nachfrage und Preise stiegen ganz automatisch. Technisch aufwendige Exposés waren nicht n?tig, um eine Immobilie zu vermitteln. Das hat sich mit den Kontaktsperren ver?ndert. Massenbesichtigungen von Mietwohnungen sind passé, und für private Kleinvermieter sind digitale Tools, die per Algorithmus passende Mieter finden sollen, interessant wie nie. Matching-Anbieter wie vermietet.de oder everreal.co verzeichnen wachsende Zugriffszahlen.

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Auch bei Kaufobjekten hat ein Umdenken eingesetzt. Beim Anzeigen-Marktführer Immobilienscout24 haben innerhalb kürzester Zeit mehr als 1000 Vermittler auf Online-Besichtigungen umgestellt, bei denen die Interessenten per Videostream durch eine Wohnung geführt werden. ?Anbieter erhalten doppelt so viele Anfragen, wenn sie Online-Besichtigungen anbieten“, stellt Immoscout fest.

Selbst bei Notaren tut sich etwas. Manche Notarkammern, wie etwa jene in Berlin, haben vorübergehend die Anwesenheitspflicht der Vertragsparteien au?er Kraft gesetzt. Jetzt fordern Immobilienverb?nde gar den ?digitalen Notarvertrag“. Eine Revolution in Deutschland – in den Niederlanden schon seit Jahren Standard.

Aktion?rstreffen im Internet

Seit Jahren fordern Anlegervertreter, dass es m?glich sein muss, an einer Hauptversammlung auch aus der Ferne teilzunehmen, mithilfe moderner Kommunikationsmittel. Geschehen ist nichts. Von der Pr?senzpflicht wollten die meisten Unternehmen nicht lassen. Die Teilnahme Tausender Aktion?re vom heimischen Computer aus sei viel zu aufwendig und nicht zu kontrollieren. Jetzt werden die n?chsten Wochen zeigen, wie schwer die Organisation einer virtuellen Hauptversammlung tats?chlich ist. Denn ein neues Gesetz besagt, dass bis auf Weiteres Vorst?nde, Aufsichtsr?te und Aktion?re nicht mehr pers?nlich zusammenkommen müssen.

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Ausgesetzte Strafbefehle

Das Chemieunternehmen Bayer ist der erste Dax-Konzern, der sein Aktion?rstreffen am 28. April in ein Online-Treffen umwandelt. Anlegervertreter werden darauf achten, wie mit dem Rederecht der Aktion?re umgegangen wird. Schon ist absehbar, dass die eigentliche St?rke einer modernen Kommunikation – n?mlich die Schnelligkeit – bei der neuen virtuellen Hauptversammlung zun?chst kaum zum Tragen kommen wird: Laut Gesetz kann der Vorstand entscheiden, dass Fragen von Aktion?ren mindestens zwei Tage im Voraus eingereicht werden müssen.

Dieser Text ist aus der WELT AM SONNTAG. Wir liefern sie Ihnen gerne regelm??ig nach Hause.

Quelle: WELT AM SONNTAG

Mitarbeit: Michael Fabricius, Jan Klauth, Karsten Seibel und Sandra Will

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