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Wirtschaft Kurzarbeit

Jetzt kopieren die Briten das deutsche Erfolgsmodell

| Lesedauer: 6 Minuten
Die Corona-Pandemie trifft nahezu alle Wirtschaftszweige

Durch die Corona-Pandemie sind die Zahlen der Arbeitslosen und Kurzarbeiter in Deutschland extrem gestiegen. Au?er dem Drogerie- und Lebensmittelhandel sind nahezu alle Branchen betroffen.

Quelle: WELT/ Jana Wochnik

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Gro?britannien versucht mit einem Job-Rettungsschirm seinen Arbeitsmarkt vor dem Chaos zu retten. Vorbild ist das deutsche Kurzarbeitergeld, von dem bereits vier Millionen Briten profitieren. Nun müssen die Briten den deutschen Weg konsequent weitergehen.

Rishi Sunak musste sich mit einem Trick behelfen. Als der britische Finanzminister Ende M?rz ein Modell ankündigte, mit dem Unternehmen w?hrend der Corona-Krise Angestellte in Vertr?gen halten k?nnen, w?hrend der Staat einen Gro?teil der Geh?lter zahlt, sprach er von ?furlough“. Für britische Ohren ist das ein ausgesprochen altertümlicher Begriff.

?Furlough“ beschrieb vor vier Jahrhunderten die Beurlaubung von Soldaten, in den folgenden 200 Jahren allgemeiner eine berufliche Freistellung. In Nordamerika ist das Wort gebr?uchlicher, steht aber für eine Beurlaubung ohne Lohnfortzahlung.

Nun verhilft Sunak dem Wort zu neuem Glanz: In Anlehnung an das deutsche Kurzarbeitergeld hat er ein Programm aufgelegt, das inzwischen als ?Job Retention Scheme“ (JRS) im Land bekannt ist. Es gilt Beobachtern als eine der erfolgreichsten Ma?nahmen im Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der erzwungenen Wirtschaftspause.

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Unternehmen, in denen wegen der Corona-Restriktionen die Arbeit teilweise oder komplett unm?glich geworden ist, k?nnen einen Antrag stellen. Der Staat übernimmt 80 Prozent der Gehaltszahlungen – monatlich maximal 2500 Pfund (2866 Euro).

Erste Zahlen deuten darauf hin, dass es sehr gut ankommt: Zwei Drittel aller britischen Unternehmen haben einen entsprechenden Antrag gestellt, meldete die Statistikbeh?rde am Donnerstag. Mindestens 75 Prozent ihrer Belegschaft haben diese Firmen jeweils ?beurlaubt“, zeigt eine Umfrage der britischen Handelskammer.

110 Jahre Kurzarbeit

?Das Modell hilft dem Arbeitsmarkt derzeit in ganz erheblichem Ma?e“, sagte Garry Young, stellvertretender Direktor des renommierten Wirtschaftsforschungsinstituts National Institute of Economic and Social Research (NIESR). ?Bisher haben wir nur sehr wenige Entlassungen gesehen.“

Das Forschungsinstitut rechnet zwar bis zum Jahresende mit einem deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit auf rund zehn Prozent, nach rund vier Prozent vor Beginn der Krise. Ohne JRS w?re der Wert aber eher auf 15 bis 20 Prozent geschnellt, so Youngs Einsch?tzung.

Das Konzept der Kurzarbeit sei ihm bis dahin nicht untergekommen, gibt der Volkswirt zu, obwohl er auf eine lange Karriere in der makro?konomischen Forschung zurückblickt, unter anderem 17 Jahre bei der Bank of England.

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In Deutschland ist das Modell dagegen seit über einem Jahrhundert etabliert. Ein erster Vorl?ufer der heutigen L?sung findet sich bereits 1910. Damals zahlte das Deutsche Reich im Rahmen des Kapazit?tsabbaus in der Kali-Industrie eine ?Kurzarbeiterfürsorge“. 14 Jahre sp?ter wurde die überbrückung von Gehaltszahlungen gesetzlich verankert.

Die Schweiz zog noch im selben Jahr mit einer eigenen Kurzarbeit-Variante nach. über die Jahrzehnte haben eine Handvoll weiterer Staaten ?hnliche überbrückungsgelder eingeführt – etwa ?sterreich, Italien und Japan.

Ohne Kurzarbeit: US-Arbeitsmarkt im Chaos

Kurzarbeit wurde meist weniger in gesamtwirtschaftlichen Krisen bemüht. Vielmehr ging es darum, Problemphasen zu überstehen, etwa nach einem Flutschaden oder bei ungünstiger Witterung für die Bauwirtschaft.

International an Aufmerksamkeit gewonnen hat das Konzept dann erst im Nachgang der Finanzkrise 2008. Eine Studie der OECD hob damals lobend hervor, dass die deutsche Arbeitslosenquote zwischen Rezessions-Beginn und Mai 2010 sogar um 0,9 Prozentpunkte auf sieben Prozent geschrumpft ist.

Im Schnitt der OECD-Staaten war die Quote im gleichen Zeitraum dagegen um drei Prozentpunkte auf 8,6 Prozent angestiegen. ?Letztlich hat sich die Kurzarbeit als erfolgreich erwiesen, Arbeitgebern den Zugang zu gut ausgebildeten Arbeitskr?ften zu erhalten und die Arbeitslosigkeit niedrig zu halten“, schlussfolgerte das Papier. über 200.000 Jobs seien damals gerettet worden.

Bis zum 26. April haben Unternehmen in Deutschland für 10,1 Millionen Arbeitnehmer Kurzarbeit angemeldet. Auch wenn die Genehmigung nicht in allen F?llen erfolgt, werden die 1,4 Millionen Kurzarbeiter auf der H?he der Finanzkrise deutlich übertroffen werden.

Der Blick in die Vereinigten Staaten, wo w?chentlich aktualisierte Daten vorgelegt werden, liefert einen Anhaltspunkt, wie sich der Arbeitsmarkt ohne Absicherung entwickelt: In den sechs Wochen der Ausgangssperre haben mehr als 30 Millionen Amerikaner Arbeitslosenhilfe beantragt. Allein in der vorletzten Aprilwoche kamen 3,8 Millionen hinzu. Damit sind 12,4 Prozent der Erwerbsbev?lkerung arbeitslos.

Noch flexibler und langfristiger

In Gro?britannien fallen dagegen schon jetzt rund vier Millionen Jobs unter den Rettungsschirm des JRS. Genauere Rückschlüsse zu den Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt sind nicht m?glich, da noch keine statistischen Daten für die Zeit seit der Einführung der Ausgangsbeschr?nkungen vorliegen.

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Zwar wurden in den ersten Apriltagen reihenweise Antr?ge auf Universal Credit, eine Art Sozialhilfe, verzeichnet. NIESR-Experte Young geht aber davon aus, dass die Arbeitslosigkeit etwa auf Vorkrisenniveau gehalten werden konnte – unter fünf Prozent.

Zum Problem k?nnte werden, dass das britische Kurzarbeit-Modell weniger flexibel und kurzlebiger ist als das deutsche Vorbild: So kann ein Antrag nur gestellt werden, wenn ein Job komplett wegf?llt. Eine zeitlich reduzierte Besch?ftigung, ein Kern des deutschen Modells, ist bisher nicht vorgesehen.

W?hrend in Deutschland der Bezug von Kurzarbeitergeld bis zu einem Jahr m?glich ist, in Ausnahmef?llen sogar bis zu 21 Monaten, ist es in Gro?britannien bis Ende Juni befristet. Eine Verl?ngerung gilt aber als ausgemacht.

?Es w?re regelrecht verrückt, dann den kompletten Absturz zuzulassen“, sagt Young. Finanzminister Sunak hat bisher lediglich eine schrittweise Aufl?sung des Programms angekündigt, das nach Sch?tzungen des Rechnungshofes in der jetzigen Laufzeit 42 Milliarden Pfund (48 Millionen Euro) kosten wird.

?Unternehmen wollen das deutsche System“

Unternehmen dr?ngen darauf, m?glichst rasch über eine m?gliche Verl?ngerung informiert zu werden, um sich darauf einstellen zu k?nnen. Eine der deutlichsten Forderungen, mehr Flexibilit?t des Modells, soll nach Informationen der ?Financial Times“ im Finanzministerium bereits in Vorbereitung sein. Derzeit führen Sunak und seine Kollegen dazu Gespr?che, unter anderem mit dem Industrieverband CBI.

?Unternehmen wollen das gleiche System wie in Deutschland, das es erm?glicht, statt 30 Prozent der Besch?ftigten gar nicht arbeiten zu lassen, bei allen die Arbeitszeit um 30 Prozent zu reduzieren“, sagt Richard Warren vom Branchenverband UK Steel.

?Wir k?nnten fast zwei unterschiedliche Modelle brauchen“, meint Carolyn Fairbairn, Gesch?ftsführerin des CBI. Sie fordert eins für Unternehmen, die auf unabsehbare Zeit geschlossen bleiben müssen, etwa Restaurants oder Hotels.

Ein zweites müsse für jene Unternehmen erdacht werden, die in den kommenden Wochen schrittweise die Arbeit wieder aufnehmen. Vorbild k?nnte abermals Deutschland sein: Eine staatliche Erg?nzung der Lohndifferenz ist ein Kernpunkt hiesiger Kurzarbeit.

Angst vor Zombie-Firmen

Andernfalls k?nnte das teure Experiment die Entlassungen nur aufgeschoben haben, warnte diese Woche auch Peter Cheese, Gesch?ftsführer des Chartered Institute of Personnel and Development.

Trotz aller aktuellen Zustimmung: Zu einer langfristigen L?sung wird die Kurzarbeit in Gro?britannien wohl nicht werden. NIESR-Volkswirt Young sagt, dass sich bald die Frage stellen werde, wer entscheiden k?nne, welche Firmen tats?chlich Unterstützung verdienten.

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Die unter angels?chsischen Volkswirten verbreitete Sorge: Eine zu gro?zügige Auslegung k?nnte sogenannte Zombie-Firmen f?rdern – Unternehmen, die nur dank staatlicher Unterstützung überleben.

Vorerst steht aber im Vordergrund, den Arbeitsmarkt vor einem Absturz zu bewahren. Ob das gelingt, wird erst nach der Krise sichtbar. Der Begriff ?furlough“ dürfte dann l?ngst in der Umgangssprache angekommen sein.

Kurzarbeiter k?nnten als Paket-Zusteller aushelfen

In der Corona-Krise verlegen sich immer mehr Verbraucher auf Online-Shopping. Die Konsequenzen haben die Paketzusteller zu tragen. Sie sind am Ende ihrer Kr?fte. Schon jetzt bleiben unz?hlige Sendungen liegen.

Quelle: WELT/Nadine Jantz.

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