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  3. Elektroautos, W?rmepumpen, Windkraftausbau – so soll die Energiewende gelingen

Wirtschaft Klimaneutral bis 2050

Der Plan vom ?grünen Wirtschaftswunder“ hat einen entscheidenden Makel

| Lesedauer: 6 Minuten
Wirtschaftsredakteur
Klimaneutrale Industrienation – Das ist Altmaiers gro?er Plan

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) plant noch vor der Bundestagswahl eine deutsche Klimacharta. Darin soll ein Fahrplan enthalten sein, wie Deutschland bis 2050 klimaneutral werden kann. Doch die Umweltministerin ist skeptisch.

Quelle: WELT/David Schafbuch

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Damit Deutschland klimaneutral wird, ist ein revolution?rer Strukturwandel n?tig. Die Denkfabrik Agora Energiewende nennt jetzt alle Herausforderungen. Die Experten glauben zwar an die Machbarkeit, doch bei der entscheidenden Frage müssen sie passen.

Der kürzlich noch als ?gesellschaftlicher Konsens“ verkaufte Beschluss zum Kohleausstieg ist erst anderthalb Jahre alt und schon wieder reif fürs Altpapier. Statt 2038 muss das letzte Kraftwerk jetzt schon 2030 vom Netz.

Das zeigen Berechnungen der Berliner Denkfabriken Agora Energiewende und Agora Verkehrswende zum neuen Politikziel der Klimaneutralit?t bis 2050.

Hatte es sich die Bundesregierung noch vor Kurzem zur Aufgabe gemacht, die klimasch?dlichen CO2-Emissionen des Landes bis 2050 um 80 bis 95 Prozent zu senken, lautet das Ziel inzwischen, netto sogar eine Null bei den Treibhausgasen zu erreichen.

Weil die Schwierigkeiten mit dieser Zielversch?rfung jedoch exponentiell ansteigen, hielten die Energiewende-Protagonisten eine Neuberechnung der Zwischenziele für n?tig.

Gemeinsam mit ?ko-Institut, Prognos und Wuppertal-Institut berechneten die Energiewendeplaner der Agora, was in den einzelnen Wirtschaftsbereichen n?tig w?re, um Deutschland innerhalb von 30 Jahren in eine klimaneutrale Nation umzubauen.

Quelle: Infografik WELT

Die Gr??e des Investitionsprogramms vergleicht Patrick Graichen, Chef der Agora Energiewende, mit dem Wirtschaftswunder der 1950er und -60er Jahre. Es handele sich auch diesmal nicht um ein Verzichtsprogramm, betont Graichen, sondern eher um ein Modernisierungsprogramm, das ein Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent pro Jahr beinhaltet.

Dass sich die Bundesregierung auf neue Klimaschutzziele bereits festlegte, bevor die Agora-Studie über die Gr??e der damit verbundenen Herausforderung vorlag, ist sicherlich misslich.

Denn der Strukturwandel, den der Verzicht auf alle Verbrennungsprozesse mit sich bringt, ist nach den neuen Berechnungen revolution?r.

Quelle: Infografik WELT

Hatte es sich die Bundesregierung zum Ziel gesetzt, bis 2030 zwischen sieben und zehn Millionen Elektroautos auf die Stra?e zu bringen, müssen es jetzt mindestens 14 Millionen werden.

Wurden in den vergangenen Jahren jeweils knapp 90.000 strombetriebene W?rmepumpen auf dem Heizungsmarkt verkauft, muss der j?hrliche Absatz nun schlagartig verfünffacht werden, um bis 2030 auf die in der Studie genannte Zielgr??e von sechs Millionen Stück zu kommen.

Natürlich und erwartbar muss das Tempo des ?kostrom-Ausbaus ebenso vervielfacht werden, um das 2030er Zwischenziel zu erreichen. Bei der Fotovoltaik ist der Studie zufolge eine Verdreifachung der aktuell installierten Leistung auf 150 Gigawatt bis 2030 n?tig.

Bei Windkraft an Land müsse sie von aktuell 54 auf 80 Gigawatt steigen. Die Windkraft auf See müsse von derzeit knapp acht auf 25 Gigawatt im Jahr 2030 wachsen. Wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint, sollen zunehmend Gaskraftwerke die Grundlast bedienen, die jedoch zunehmend mit klimaneutralem Wasserstoff befeuert werden.

Die Bundesregierung hatte zwar gerade erst sieben Milliarden Euro dafür reserviert, für das Jahr 2030 eine Produktionskapazit?t von 14 Terawattstunden Wasserstoff aufzubauen – doch n?tig w?ren eigentlich 63 Terawattstunden, stellen die Agora-Rechner jetzt fest.

Verkehr wird auf Bus und Bahn verlagert

Und damit ist es nicht getan. Im Güterverkehr halten die Studienautoren etwa den Einsatz von klimaneutralen Synthetik-Kraftstoffen oder von Bio-Sprit grunds?tzlich für ungeeignet.

?Bis 2030 wird rund ein Drittel der Lkw-Fahrleistung mit Stromantrieb erbracht, vor allem mithilfe von Oberleitungen und Batterien“, hei?t es stattdessen in der Studie. Gleichzeitig müsse die Leistung des Schienengüterverkehrs um 44 Prozent gesteigert werden.

Zudem zeigt die Studie, dass Verkehr für die Klimaneutralit?t zunehmend auf Bus, Bahn, Fu? und Fahrrad verlagert wird: Die von Bus und Bahn erbrachte Personenverkehrsleistung verdoppelt sich nahezu bis 2035, w?hrend die des Pkw bis 2030 um elf Prozent und bis 2050 um 30 Prozent sinkt.

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Der Direktor der Stiftung Klimaneutralit?t, Rainer Baake, erkl?rt den Umbau der Volkswirtschaft für praktisch alternativlos. Die Frage nach den Mehrkosten des Umbaus sei verfehlt, da es einen Vergleich mit einem ?business as usual“-Szenario nicht mehr geben k?nne.

Das neue CO2-Minderungsziel der Europ?ischen Union von mindestens 55 Prozent Einsparung bis 2030 bedeute für Deutschland eine Senkung der Emissionen um mindestens 65 Prozent. Die Klimaneutralit?t sei in anderen Weltregionen, etwa in China, ohnedies bereits offizielles Ziel und werde es auch in den USA eines Pr?sidenten Joe Biden.

Der internationale Wettlauf um die besten Klimaschutz-Technologien habe begonnen, sagt Baake, der früher als Staatssekret?r im Bundeswirtschaftsministerium der Chefplaner der deutschen Energiewende war. Sein Fazit: ?Wer sich gegen Erneuerbare Energien stellt, riskiert den Standort.“

Die Kosten des Umbaus zu berechnen, sei nicht Teil der Studie gewesen, betont Agora-Chef Graichen. Er verweist allerdings auf die Studie ?Klimapfade“, die vor wenigen Jahren im Auftrag des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) entstanden ist.

Darin war von zus?tzlichen Investitionen von ab sofort rund 70 Milliarden Euro pro Jahr die Rede, um bis 2050 eine 95-prozentige Emissionsminderung zu erreichen. Allerdings basierte diese Sch?tzung auf der Annahme einer vollkommen effizienten Verteilung der Investitionssummen.

Eine volle Klimaneutralit?t werde entsprechend mehr kosten, sagt Graichen jetzt, aber das sei nicht entscheidend: Ausgaben von 70 Milliarden Euro pro Jahr entspr?chen ungef?hr zehn Prozent der Bruttoinvestitionssumme Deutschlands.

Dies zu stemmen sei kein Problem: ?Im Gegenteil, alle ?konomen sagen ja, dass Deutschland mehr investieren muss.“

Kritik von Klimaschutz-Experten

Entscheidend dürften eher die offenen Fragen sein, auf die auch die Agora-Chefs keine Antwort haben: Mit welchen Ma?nahmen genau soll die kurzfristige Vervielfachung der ?ko-Investitionen ausgel?st werden?

Schlie?lich sind die Gründe für den drastischen Rückgang der Windkraft-Projekte bislang noch nicht aus der Welt geschafft, und es ist auch zweifelhaft, ob dies noch im n?tigen Umfang gelingt. über die Instrumente, gibt auch Stiftungsdirektor Baake zu, müsse noch entschieden werden.

Damit trifft die Kritik, die Klimaschutz-Experten jüngst an einer ?hnlichen Studie der Fridays-for-Future-Bewegung ge?u?ert hatten, im Prinzip auch auf die neue Agora-Studie zu: Einfach nur die Vervielfachung aller ?ko-Technologien zu fordern, ist für sich genommen noch kein Plan. Erneut werden lediglich Ziele gesetzt, ohne konkrete Umsetzungsschritte zu nennen.

Das Wuppertal Institut hatte in der Woche zuvor für Fridays-for-Future berechnet, was das noch ambitioniertere Ziel einer Klimaneutralit?t schon bis 2035 bedeuten würde.

Die Generalsekret?rin des Mercator Research Instituts on Climate Change (MCC), Brigitte Knopf, hatte die Aussagekraft dieser Berechnungen auf Twitter in Zweifel gezogen: ?Es fehlt praktisch komplett eine Analyse der ?konomischen Machbarkeit.“

Es würden zwar Kosten genannt und die Verteilungsfrage angesprochen. ?Aber auf dieser dürren Basis zu sagen, dass es aus ?konomischer Sicht ?extrem anspruchsvoll, aber machbar“ ist, halte ich für gewagt“, so Knopf.

?Nur zu sagen, dass man die Sanierungsrate oder den j?hrlichen Ausbau erneuerbarer Energien von sechs Gigawatt auf 25 bis 30 Gigawatt erh?hen muss, hat noch nichts mit Machbarkeit zu tun.“

?hnlich skeptisch hatte sich Andreas Kuhlmann, Chef der Deutschen Energieagentur (Dena) zur Fridays-for-Future-Studie ge?u?ert, die den Agora-Berechnungen vorausgegangen war ?Bedauerlicherweise fehlt es den darin beschriebenen Eckpunkten an nachvollziehbaren Machbarkeitspfaden“, so Kuhlmann.

Es werde ?nun h?chste Zeit, dass die damit verbundenen Diskussionen geerdet und mit konkreten Pfaden unterlegt werden“.

Das Wuppertal-Institut geh?re zwar zu den besten des Landes, führte Kuhlmann in einem Interview mit dem Magazin ?bizz-energy“ aus. Doch wenn es im Fazit hei?e, die Vorschl?ge seien ?im Grunde umsetzbar“ k?nne er sich vorstellen, ?dass jede und jeder im Wuppertal-Institut wei?, dass das so nicht stimmt“, so Kuhlmann: ?Das ist leider die traurige Wahrheit.“

Niederlande planen neue Atomkraftwerke

W?hrend Deutschland aussteigt, wollen die Niederlande wieder so richtig einsteigen. Die Regierung in Den Haag plant den Bau von bis zu zehn neuen Kernreaktoren. Der Grund: Klimaschutz.

Quelle: WELT

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