1. Home
  2. Wirtschaft
  3. Thomas Mayer: Demografische Umkehr bedroht unseren Wohlstand

Meinung Ersparnisse runter, Inflation rauf

Wie das neue Demografie-Dilemma unseren Wohlstand bedroht

| Lesedauer: 4 Minuten
In den OECD-L?ndern und China, die über 60 Prozent der Wirtschaftsleistung vereinen, hat die Gr??e der Erwerbsbev?lkerung 2018 ihren H?hepunkt erreicht und f?llt seither In den OECD-L?ndern und China, die über 60 Prozent der Wirtschaftsleistung vereinen, hat die Gr??e der Erwerbsbev?lkerung 2018 ihren H?hepunkt erreicht und f?llt seither
In den OECD-L?ndern und China, die über 60 Prozent der Wirtschaftsleistung vereinen, hat die Gr??e der Erwerbsbev?lkerung 2018 ihren H?hepunkt erreicht und f?llt seither
Quelle: picture alliance / dpa/ Arne Dedert; picture alliance/dpa/Marc Comes/Flossbach von Storch
über drei Jahrzehnte hinweg fielen Inflation und Zinsen immer weiter – auch befeuert durch den demografischen Wandel in der Welt. Jetzt steht eine Umkehr kurz bevor – und die drohenden Folgen für unser Wirtschaftssystem sind dramatisch.

Warum sind die Zinsen so niedrig? Im Jahr 2005 versuchte Ben Bernanke, damals Gouverneur bei der US Federal Reserve, dies mit einer aus asiatischen L?ndern kommenden ?Ersparnisschwemme“ zu erkl?ren. Tats?chlich betrug der Leistungsbilanzüberschuss der asiatischen Entwicklungsl?nder – das Spiegelbild ihrer Kapitalexporte – in jenem Jahr gerade mal 3,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Er stieg dann bis 2007 auf 6,6 Prozent des BIP, fiel danach aber auf weniger als ein Prozent bis zum Jahr 2012. V?llig unabh?ngig von der Entwicklung des asiatischen Kapitalexports folgten die Zinsen in den USA ihrem seit Anfang der 1980er-Jahre bestehenden Abw?rtstrend weiter.

Im November 2013 verband Larry Summers, der frühere Finanzminister der USA, die Erz?hlung von der Sparschwemme mit der aus den 1930er-Jahren bekannten Erz?hlung der ?s?kularen Stagnation“, um den Zinsrückgang zu erkl?ren.

Ein sinkendes Wachstum der Produktivit?t und die Alterung der Bev?lkerung würden zu einem überschuss der Ersparnisse über die Investitionen führen und die Zinsen bis in den negativen Bereich drücken. Tats?chlich sank die globale Investitionsquote von 1980 bis 2002, stieg danach aber wieder auf die Werte von Anfang der 1980er-Jahre an. V?llig unabh?ngig davon sank der Zins.

Ungef?hr zur gleichen Zeit begann der ?konom Carl Christian von Weizs?cker die These von der Sparschwemme in Deutschland zu propagieren. ?hnlich wie Summers behauptete auch er, dass die Sparquote ansteigen würde, wenn die Bev?lkerung alterte, sodass ein überangebot an Ersparnissen die Zinsen drücken würde.

Vergleicht man jedoch Ver?nderungen der Haushaltssparquote mit der Ver?nderung des Anteils von Menschen mit einem Alter von 65 Jahren oder mehr an der Gesamtbev?lkerung in einer Reihe von OECD-L?ndern, dann f?llt auf, dass die Verbindung eher in die umgekehrte Richtung geht: Es scheint, dass mit zunehmender Alterung eher weniger als mehr gespart wird.

Von Weizs?cker leitete aus seiner Behauptung ab, dass der Staat seine Verschuldung stark erh?hen sollte, um das vermeintliche überangebot an Ersparnissen zu absorbieren und Zinserh?hungen m?glich zu machen.

Er gab diese Empfehlung, lange bevor der Ausbruch der Corona-Pandemie die Staatsverschuldung in die H?he trieb. Trotz h?herer Staatsverschuldung sind die Zinsen aber weiter gefallen. Wir k?nnen von Glück sagen, dass kein verantwortlicher Politiker den Rat des ?konomen ernst genommen hat.

Abh?ngigkeitsrate erheblich gesunken

Es ist erstaunlich, dass die irrigen Erz?hlungen von der Sparschwemme und s?kularen Stagnation in der ?ffentlichkeit weiterhin Geh?r finden. Es ist h?chste Zeit, sie durch eine Erz?hlung mit besserer Erkl?rungskraft zu ersetzen. Charles Goodhart, der gro?e alte ?konom, hat in seinem (nach eigener Aussage) wohl letzten Buch (?The Great Demographic Reversal“) zusammen mit seinem Koautor Manoj Pradhan eine solche Erz?hlung vorgelegt.

Aufgrund der zunehmenden globalen Handelsintegration ist das globale Angebot an Arbeitskr?ften (in der Form der Erwerbsbev?lkerung) im Verlauf der letzten drei Jahrzehnte um mehr als die H?lfte gestiegen.

Gleichzeitig erh?hte sich die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen von 65 Jahren im Jahr 1990 auf 73 Jahre im Jahr 2020. Da die Erwerbsbev?lkerung schneller wuchs als die Gesamtbev?lkerung, sank das Verh?ltnis der nicht erwerbst?tigen zur erwerbst?tigen Bev?lkerung (Abh?ngigkeitsrate) von 65 Prozent im Jahr 1990 auf 55 Prozent im Jahr 2020.

Goodhart and Pradhan halten diese demografischen Ver?nderungen dafür verantwortlich, dass die Produktion seit 1990 stark stieg, die Menschen mehr sparen konnten und bei der Anlage ihrer Ersparnisse einen l?ngeren Zeithorizont ins Auge fassten. Dadurch sanken sowohl die Güterpreisinflation als auch die realen Zinsen. In China entstand ein gewaltiger Kapitalstock.

Lesen Sie auch

In den OECD-L?ndern und China, die zusammen über 60 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung vereinen, hat jedoch die Gr??e der Erwerbsbev?lkerung 2018 ihren H?hepunkt erreicht und f?llt seither. Aus diesem Grund prognostiziert die Weltbank bis 2050 einen erneuten Anstieg der Abh?ngigkeitsraten in den OECD-L?ndern von 50 auf 71 Prozent und in China von 36 auf 67 Prozent.

Was hinter der ?Sparschwemme“ steckt

Damit kehrt sich die demografische Entlastung im gr??ten Wirtschaftsgebiet der Welt in eine demografische Belastung um, die noch dadurch verst?rkt wird, dass die steigende Zahl sehr alter Menschen h?here Aufwendungen für Pflege und medizinische Behandlung notwendig macht.

Die Verringerung der Arbeitskr?fte führt zu einem Rückgang der Ersparnis und h?heren L?hnen, w?hrend gleichzeitig die Nachfrage nach Kapitalgütern zur Steigerung der Arbeitsproduktivit?t steigt. Die langfristige Folge davon sind steigende Inflation und steigende Realzinsen, also die Umkehr der Entwicklung der letzten drei Jahrzehnte.

Die Zentralbanken führten den Rückgang der Inflation zun?chst auf ihre gute Politik zurück. Als die Inflation dann aber dauerhaft unter ihre Zielmarke fiel, waren sie hilflos. Dennoch peitschten sie die Realzinsen (und teilweise auch die Nominalzinsen) in den negativen Bereich. Da sie mit ihrer Politik einen Geld- und Schuldenüberhang erzeugt haben, der st?rkere Zinserh?hungen künftig unm?glich macht, halten sie an den irrigen Erz?hlungen von Sparschwemme und s?kularer Stagnation fest.

Daher werden sie, wie die meisten anderen Finanzakteure, von steigender Inflation überrascht werden. Vermutlich werden sie an ihrem falschen Weltbild so lange festhalten, bis das Vertrauen in das von ihnen in Zusammenarbeit mit den Gesch?ftsbanken erzeugte Kreditgeld zerst?rt ist.

Die Wirtschaft im EurThomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universit?t Witten/Herdecke o-Raum muss mit einem erneuten Rückschlag rechnen, schreibt Thomas Mayer
Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und Professor an der Universit?t Witten/Herdecke
Quelle: picture alliance/dpa

Themen

KOMMENTARE WERDEN GELADEN
汤姆叔叔-官网