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Wirtschaft Angst vor Pleitewelle

Adler als gro?e Ausnahme – der Staat will die Schwachen unbedingt am Leben halten

| Lesedauer: 5 Minuten
Wirtschaftskorrespondent
Dem Einzelhandel droht eine verheerende Pleitewelle

Der station?re Einzelhandel hat im aktuellen Lockdown mit gro?en finanziellen Einbu?en zu k?mpfen. Wer keinen Online-Shop hat, l?uft Gefahr, die Pandemie nicht zu überstehen. Immer mehr Gesch?fte melden Insolvenz an.

Quelle: WELT/Matthias Heinrich

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Schon im November und Dezember stieg die Zahl der Insolvenzen deutlich an. Jetzt hat es mit der Modekette Adler ein erstes prominentes Unternehmen getroffen. Steht die lang erwartete Pleitewelle bevor? Nein. Denn die Regierung ist bereits im Wahlkampfmodus.

Bis zu 50.000 Einzelhandelsgesch?fte stehen vor dem Aus. Dieses Schreckensszenario verbreitet der Handelsverband Deutschland (HDE) in der Corona-Krise fast schon gebetsmühlenartig. Erst recht, seit der zweite Lockdown für erneut geschlossene L?den sorgt, zugleich aber die vom Staat im Gegenzug versprochenen Finanzhilfen bei den Unternehmen nicht ankommen.

?Eindringlich bitten wir Sie, darauf hinzuwirken, dass Vizekanzler Scholz für die Bundesregierung das Wort einl?st und die Finanzhilfen unkompliziert, schnell und auch tats?chlich im Handel ankommen“, hei?t es in einem aktuellen Brandbrief von 13 Handelsverb?nden an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).

Befeuert wird die HDE-Prognose nun durch einen prominenten Pleite-Fall: Die Billigkette Adler Modem?rkte hat beim Amtsgericht Aschaffenburg Insolvenz angemeldet. ?Die erneute Corona-bedingte Schlie?ung fast aller Standorte hat uns leider keine andere Wahl gelassen“, sagt Vorstandschef Thomas Freude. Der Lockdown habe zu einem neuerlichen Umsatzeinbruch und damit zu einer Liquidit?tslücke geführt.

Quelle: Infografik WELT

Und es sei nicht m?glich gewesen, die entstandene Lücke über eine Kapitalzufuhr durch staatliche Unterstützungsfonds oder durch Investoren zu schlie?en. Denn auf seinen Mehrheitsaktion?r kann Adler nicht bauen: Die S&E Kapital, hinter der die seit gut vier Jahren insolvente Steilmann SE und der Finanzinvestor Equinox stecken, versucht ohnehin schon seit Monaten, sein fast 53-prozentiges Aktienpaket zu verkaufen.

Die Adler Modem?rkte, die nach eigenen Angaben 171 Filialen betreiben, davon 142 in Deutschland, planen nun eine Insolvenz in Eigenverwaltung. Bei dieser Verfahrensart bleibt der Vorstand weiter im Amt, wird aber von einem sogenannten Sachwalter unterstützt und beaufsichtigt.

Ausgesucht hat sich das Unternehmen mit zuletzt 3350 Mitarbeitern Christian Gerloff, der bereits viel Erfahrung mit Insolvenzen in der Mode- und Textilbranche hat: War er in der Vergangenheit doch schon Insolvenzverwalter bei Escada und Laurèl und Sachwalter bei der Modehandelskette W?hrl.

Quelle: Infografik WELT

Den ersten Lockdown hatte Adler noch mit Kurzarbeit und einem per Staatsbürgschaft gesicherten Kredit überstanden. In der Neun-Monats-Bilanz stand aber schon ein Nettoverlust von 63 Millionen Euro bei einem um über 30 Prozent geschrumpften Umsatz von 239 Millionen Euro.

Und auch 2019 ist alles andere als zufriedenstellend verlaufen für die Kette, die sich vornehmlich an die Zielgruppe 55+ wendet. Vorstandschef Freude ist dennoch zuversichtlich: ?Wir werden alles dafür tun, den Gesch?ftsbetrieb aufrechtzuerhalten, Adler schnellstm?glich zu sanieren und wieder in eine positive Zukunft zu führen.“

Dass der Fall Adler Signalwirkung hat und nun reihenweise weitere Insolvenzen folgen werden, auch in anderen Branchen, glauben Experten nicht. Und das, obwohl die Entwicklung bislang ohnehin schon reichlich paradox verl?uft. Trotz massiver Krise ist die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in den vergangenen Monaten sogar gesunken. Wobei Probleme nicht immer in einer Insolvenz münden müssen.

?Viele werden auch einfach schlie?en und still vom Markt verschwinden“, sagt Christoph Niering, Vorsitzender des Verbands Insolvenzverwalter Deutschlands (VID). Vom Statistischen Bundesamt erfasst wurden im Zeitraum Januar bis Oktober 2020 knapp 13.600 F?lle, das sind über 26 Prozent weniger als noch ein Jahr zuvor. Grund dafür ist Experten zufolge die Aussetzung der sogenannten Insolvenzantragspflicht bis Ende September. Zahlungsunf?hige Firmen mussten also nicht wie sonst gesetzlich vorgeschrieben ihren Status bei Gericht melden.

Meldepflicht erneut ausgesetzt

Zwar steigen die Zahlen im November und Dezember offenbar an, wie eine aktuelle Prognose der Statistikbeh?rde zeigt. Die Rede ist von fünf Prozent im November und sogar 18 Prozent im Dezember. ?Dies stellt eine Abkehr vom bisherigen Verlauf stetig sinkender Verfahrenszahlen seit Beginn der Corona-Pandemie dar“, ordnet das Amt ein. Diese vorhergesagten Zahlen beziehen sich aber lediglich auf den Vormonat. Bezogen auf den Dezember 2019, liegen die Insolvenzanmeldungen dagegen immer noch neun Prozent niedriger.

Und schlimmer dürfte es auch danach kaum werden, glaubt Patrik-Ludwig Hantzsch. ?Die gro?e Trendwende steht nicht bevor“, sagt der Leiter Wirtschaftsforschung der Auskunftei Creditreform. Schlie?lich greife der Staat l?ngst wieder ins Insolvenzrecht ein. Damit handele es sich um nicht viel mehr als einen Statistik-Effekt aufgrund von Bearbeitungszeiten.

Tats?chlich wurde die im vierten Quartal wieder gültige Meldepflicht für den Januar erneut ausgesetzt – weil es bei der Auszahlung der November- und Dezemberhilfen hakt. Und l?ngst denkt Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) ?ffentlich darüber nach, diesen Schutz auch für Februar aufrechtzuerhalten. ?2021 ist ein Superwahljahr“, kommentiert Hantzsch. Er rechnet daher auch mit noch weiteren Hilfsangeboten in den Folgemonaten.

Und damit ist er nicht alleine. Auch der VID erwartet politisches Wohlwollen für angeschlagene Unternehmen. ?Das Insolvenzgeschehen bleibt staatlich gelenkt“, sagt der Verbandschef Niering. Zwar steige das Insolvenzrisiko mit jedem weiteren Tag im Lockdown. ?Der Gesetzgeber ist aber weiterhin bemüht, eine Pleitewelle zu vermeiden.“

Die gro?e Frage sei nun, wie lange er das durchh?lt. Und dabei spiele der Wahlkampf in den kommenden Monaten sicherlich eine entscheidende Rolle. VID wie auch Creditreform halten das für gef?hrlich. ?Durch die Staatshilfen bleiben sehr viele Unternehmen am Markt, die unabh?ngig von der Corona-Krise eigentlich nicht mehr überlebensf?hig waren“, sagt etwa Wirtschaftsforscher Hantzsch.

Das Wort ?Zombieunternehmen“ macht daher schon l?nger die Runde. Gemeint sind Firmen, die eigentlich l?ngst h?tten pleite sein müssen, die aber durch Hilfsgelder oder billige Kredite künstlich am Leben gehalten werden. ?Insolvenzen sind ein wichtiger Mechanismus zum Schutz der Volkswirtschaft“, erkl?rt Hantzsch.

?Unternehmen ohne tragbares Gesch?ftsmodell müssen vom Markt genommen oder von Grund auf saniert werden, damit die deutsche Wirtschaft als Ganzes auch nach Corona wettbewerbsf?hig bleibt.“ Besser als die aktuellen Methoden nach dem Gie?kannenprinzip seien daher Corona-Bürgschaften oder eine St?rkung des Prinzips von Verlustvor- oder rücktrag.

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