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Jetzt erfasst die Corona-Krise auch Akademiker-Jobs

| Lesedauer: 5 Minuten
Korrespondent Handel und Konsumgüter
Auch viele Akademiker müssen um ihre Stellen fürchten

Sollte es zu einer tiefen Rezession in Europa kommen, seien fast 13 Millionen Jobs von Akademikern in Gefahr, davon geht das Beratungsunternehmen McKinsey aus. Vor allem Stellen in der Tourismusbranche seien nicht mehr sicher.

Quelle: WELT

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Die Corona-Krise verschont keinen – auch nicht die vermeintlich sicheren Jobs von Hochschulabsolventen. Experten befürchten, dass fast 13 Millionen Arbeitspl?tze von Akademikern in Europa wackeln. Das Risiko ist aber extrem ungleich verteilt.

Jugendliche kennen das Mantra: ein Studium lohnt, sagen Eltern. Ganz so einfach ist es derzeit nicht. Es ist ein Jahr her, da stellte die Bundesagentur für Arbeit in einer Studie fest, dass die Arbeitslosigkeit unter Akademikern mit einer Quote von 2,2 Prozent den niedrigsten Stand seit 1980 erreicht hatte – praktisch Vollbesch?ftigung.

Auch das Einkommen von Menschen mit Doktortitel, Master oder Staatsexamen ist meist passabel. Das Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung in Tübingen rechnete kürzlich vor, dass Akademiker im Laufe eines standardisierten Erwerbslebens im Alter von 65 Jahren im Schnitt 1,45 Millionen Euro verdient haben, einige Zehntausend bis etliche Hunderttausend Euro mehr als andere Ausbildungsgruppen.

Doch die Corona-Krise verschont keinen – auch nicht die vermeintlich privilegierten Hochschulabsolventen. Das Beratungsunternehmen McKinsey geht davon aus, dass durch die Krankheit Covid-19 aktuell bis zu 59 Millionen Arbeitspl?tze in der EU und Gro?britannien auf der Kippe stehen, was ?erschreckenden 26 Prozent der Gesamtbesch?ftigung entspricht“, wie es in der Analyse hei?t. Mehr als jeder vierte Job ist danach also in Gefahr, wenn Europas Volkswirtschaften in eine tiefe Rezession rutschen sollten. Was die Studie zudem enthüllt: 13 Millionen der gef?hrdeten Jobs entfallen auf Stellen, die einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss verlangen.

Das Risiko ist ungleich verteilt

Die bedrohliche Ziffer ist auch eine Folge der zunehmenden Akademisierung der Arbeitswelt. Laut Bundesagentur für Arbeit verfügt inzwischen jeder fünfte Besch?ftigte in Deutschland über einen Hochschulabschluss, insgesamt deutlich mehr als neun Millionen Menschen. ?Nicht jeder Akademiker arbeitet in einem typischen Akademikerberuf wie Rechtsanwalt oder Universit?tsprofessor“, gibt McKinsey-Partner Sebastian Stern, Mitautor der Studie, zu bedenken: ?Von den 13 Millionen Akademikern, die potenziell von Arbeitslosigkeit betroffen sind, ist eine Million in einem Büroberuf t?tig. Viele weitere haben leitende T?tigkeiten oder arbeiten im mittleren Management in Handel oder Industrie.“

Das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), eine Art Thinktank der Bundesagentur für Arbeit, kommt zu ?hnlichen Ergebnissen. ?Wir sehen derzeit einen gravierenden Nachfrageeinbruch, der auch Akademiker trifft“, sagt Enzo Weber. Weber leitet beim IAB den Forschungsbereich Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen.

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Allerdings ist das Risiko, den Arbeitsplatz zu verlieren, je nach Branche und Pers?nlichkeitsmerkmal unterschiedlich hoch, auch für Akademiker. Kaum Sorgen brauchen sich laut McKinsey Menschen zu machen, deren Job wenig physische Kontakte zu anderen erfordert, etwa Rechnungsprüfer oder Architekten.

Dasselbe gelte für Besch?ftigte, die lebenswichtige Dienstleistungen oder Produkte bereitstellten, vom Gesundheitswesen über Ausbildung bis zu Wasserversorgung. Etwas h?her sei die Wahrscheinlichkeit, die Stelle einzubü?en, bei T?tigkeiten mit pers?nlicher Interaktion, jedoch ohne Publikum, Beispiel Psychologen. Ein hohes Job-Risiko bestehe für alle, deren Arbeit quasi in der ?ffentlichkeit stattfinde, etwa Schauspieler oder Touristik-Manager.

Corona-Schock wirkt deutlich breiter als Finanzkrise

Schaut man auf die unterschiedlichen Branchen, so gelten Stellen in Hotellerie und Gastronomie als besonders gef?hrdet – insgesamt 8,4 Millionen k?nnten hier europaweit wegfallen, fürchten die Berater. Auch in der Unterhaltungsbranche, im Gro?- und Einzelhandel sowie in der Bauwirtschaft seien Millionen von Stellen bedroht. An einigen Branchen geht die Krise nach Einsch?tzung der Experten dagegen fast spurlos vorbei, darunter Landwirtschaft, Bergbau oder Wasserversorgung.

Deutschland stehe zwar alles in allem vergleichsweise stabil da, glaubt Arbeitsmarktforscher Weber. Dennoch warnt er vor Illusionen: ?Der Arbeitsmarkt ist an sich robust, aber der Schock ist gigantisch. Die Corona-Krise führt zu einer gravierenden Verschlechterung.“ Die aktuelle Entwicklung sei mit der Finanzkrise von 2008/2009 nicht vergleichbar, unterstreicht auch Stern: ?Die Corona-Krise wirkt wesentlich breiter. Sie erfasst nahezu alle Sektoren, nicht nur ein halbes Dutzend wie vor gut zehn Jahren.“

Der Nachfrageschock werde noch eine ganze Weile anhalten, wie die Entwicklung in Asien zeige. Dort komme zwar der Markt für Güter des Alltagskonsums zügig in Gang, aber gr??ere Anschaffungen würden weiter hinausgeschoben. Beim Auslaufen des Krise komme es darauf an, ob sich eine Verfestigung der Arbeitslosigkeit verhindern lasse, erkl?rt Weber und gibt sich vorsichtig optimistisch: ?Wir müssen m?glichst schnell wieder raus aus dem Tal. Das kann im zweiten Halbjahr gelingen. Wichtig ist, dass wir Neueinstellungen f?rdern und in die Qualifizierung investieren“, so der IAB-Experte. Gerade Deutschland setzt zudem darauf, dass ein Einbruch des Arbeitsvolumens gro?enteils durch mildere Ma?nahmen als Stellenkürzungen aufgefangen werden kann, etwa durch Kurzarbeit.

Experten warnen vor sozialer Ungleichheit

Sollte es zu der erhofften Erholung kommen, dürften die Hochqualifizierten – trotz des zu erwartenden Einschnitts – am ehesten profitieren. ?Akademiker sind nicht immun gegen die Krise, aber sie haben es wahrscheinlich noch am leichtesten“, meint Weber. In den am st?rksten betroffenen Bereichen wie bei pers?nlichen Dienstleistungen seien sie selten zu finden, und viele von ihnen k?nnten eine Unterbrechung ihrer Erwerbsbiografie durch Arbeit im Homeoffice vermeiden.

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Quelle: WELT / Matthias Heinrich

Zudem arbeiten relativ viele Akademiker als Selbstst?ndige. Das gilt beispielsweise laut Arbeitsstatistik für 43 Prozent der Psychologen, 40 Prozent der Juristen und 38 Prozent der Mediziner. Derweil sind 90 Prozent der Ingenieure, Naturwissenschaftler und Informatiker abh?ngig besch?ftigt.

Auch McKinsey erwartet, dass die Jobsicherheit bei Europas Akademikern in den bevorstehenden Arbeitsmarkt-Turbulenzen trotz aller Risiken vergleichsweise hoch ist. ?Wir gehen davon aus, dass hier 15 bis 17 Prozent der Arbeitspl?tze gef?hrdet sind, gegenüber 30 Prozent der Jobs, die niedrigere Bildungsabschlüsse erfordern“, so Stolz. Dieser Umstand birgt wom?glich gesellschaftlichen Sprengstoff, warnen die Berater in ihrer Studie: Der klare Zusammenhang von Arbeitsplatzrisiko und Ausbildungsniveau k?nne ?die soziale Ungleichheit versch?rfen“.

Dieser Text ist aus der WELT AM SONNTAG. Wir liefern sie Ihnen gerne regelm??ig nach Hause.

Packshot halbe Seite WELT AM SONNTAG, ET 26.04.2020
Quelle: WELT AM SONNTAG

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