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  5. Hochschulen in der Coronakrise: Die Zwangs-Digitalisierung der Universit?t

Bildung Hochschulen und Corona

?Ich schalte jetzt per Zufall eure Mikros an“

| Lesedauer: 6 Minuten
Studierende k?nnen zinsfreie überbrückungshilfe beantragen

Viele Studierende haben durch die Corona-Pandemie ihre Nebenjobs verloren. Deswegen stellt die Bundesregierung ihnen ein zinsloses Darlehen zur Verfügung. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek mit den Einzelheiten.

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Deutschlands Hochschulen waren ein Sinnbild für Tageslichtprojektoren und Kreidetafeln – bis zur Virus-Pandemie. Jetzt muss der Online-Unterricht funktionieren – und vielen Studenten wird jetzt pl?tlzich klar: Vor dem Professor gibt es kein Entkommen mehr.

Klaus’ Hand ist aus dem Bild verschwunden, und sein Kragen flackert geisterhaft. Aber: geschenkt. Die Stimme meines Professors ist glasklar zu h?ren. Klaus – wir nennen unsere Dozenten beim Vornamen, weil die Lehre auf Englisch abgehalten wird – hat sich virtuell vor eine H?rsaalkulisse der Berliner Humboldt-Uni gebeamt. Nur die Kaffeetasse in seiner Hand verr?t ihn.

Die Coronakrise hat Studierende wie Lehrende unvorbereitet aus den Vorlesungsr?umen in die digitale Welt geholt, auch mich und meine Kommilitonen am Agrarwissenschaftlichen Institut. Kurse sollen bis auf Weiteres virtuell abgehalten werden, so wurde es Mitte M?rz beschlossen.

Für uns alle beginnt sp?testens mit dem Semesteranfang im April ein Experiment. Wie sich zeigen wird, steckt es voller Herausforderungen – stressigen wie spannenden.

In einem der ersten Online-Kurse begrü?t uns der Dozent sehr herzlich auf unserer neuen Videoplattform. Nach und nach erscheinen immer mehr Teilnehmer in unserem surrealen ?Meeting“. Klaus Eisenack, Professor für Ressourcen?konomik, erkl?rt die Regeln: ?Bitte alle die Kamera ausschalten.“ So soll die Verbindung geschont werden. Wer gerade nicht spricht, stellt sein Mikrofon aus. über den Button ?Teilnehmer“ k?nnen wir Studenten digital die Hand heben. Daneben stehen Reaktionen zur Auswahl: klatschen oder Daumen hoch. Es kann losgehen.

Viele haben das Semester innerlich aufgegeben

In meiner Wohnung atmet nur mein Hund gleichm??ig, ansonsten k?nnte ich eine Stecknadel fallen h?ren, so still ist es. Schr?g, wenn pl?tzlich das H?rsaal-Gemurmel fehlt. Klaus redet über die Agenda des Kurses, über Selbststudium, aufgezeichnete Sessions und Live-Vorlesungen wie diese. Alles funktioniert. Und zwar fantastisch.

Anfang April h?tte das wirklich noch niemand geahnt: Im Akkord flogen Info-Mails des Uni-Pr?sidiums ein. In einer davon stand, es stünde aufgrund des Coronavirus ein ?Flexi- und Ausprobiersemester“ an. Was das genau bedeuten sollte, blieb offen. Es klang nicht nach guten Nachrichten. Denn der Weg vom Status quo – Tageslichtprojektor und Kreidetafel – zur digitalen Lehre ist weit.

Als dann auch noch die Bundeslandwirtschaftsministerin uns Studenten eindringlich über einen offenen Brief an die Fakult?t bat, als Erntehelfer auszuhelfen, da gaben nicht wenige das Semester innerlich bereits ganz auf. Ich wei? das so genau, weil unter Studenten die Digitalisierung durchaus schon weit fortgeschritten ist: Ohne eine Studiengang-WhatsApp-Gruppe l?uft heute nichts mehr.

In den vergangenen Wochen kam in der Gruppe des Masterstudiengangs Integrated Natural Ressource Management (zu Deutsch etwa: Ressourcen?konomie) keine Ruhe mehr auf. Für die internationalen Studierenden gab es viele Probleme: Prüfungen wurden abgesagt, Studenten konnten nach den Ferien nicht aus- oder einreisen oder hatten pl?tzlich keine Jobs oder Visa mehr.

?Wer von euch hat einen Pitch vorbereitet?“

Das ?Flexi- und Ausprobiersemester“ kam nicht sonderlich gut an. Vieles war unklar: Wo und wie zu Kursen anmelden? Einige Lehrende verlangten pers?nliche E-Mails, andere eine Registrierung über das Vorlesungsverzeichnis. Die Deadline: der erste Vorlesungstag, der 20. April. Die Registrierungsphase war ein einziger Horror.

In zwei von Professor Peter Feindts Kursen rutschte ich noch hinein, Glück gehabt. Das erste digitale Treffen findet an einem Dienstag um 10 Uhr statt. Es geht um ?Covert Observation“ (deutsch: Versteckte Beobachtung in der quantitativen Statistik). Schnell stellt sich heraus: Peter hat seine Hausaufgaben gemacht, es l?uft rund. Dieses Mal sollen alle ihre Kameras anstellen und ja, gern einen virtuellen Hintergrund ausw?hlen. Das schaffe, findet Peter, eine tolle Atmosph?re.

Aber es stellt sich heraus, dass es gar nicht zwingend ein virtuelles Hintergrundbild braucht, um eine interessante Atmosph?re zu schaffen: Auch ganz real grü?en Kommilitonen aus Indonesien, Brasilien oder dem Topfpflanzen-Dschungel ihres WG-Zimmers. Kletterpflanzen indoor – hatte ich noch nie gesehen. Peter, der vor einem virtuellen Berliner Stadtpanorama sitzt, ist trotzdem rührend begeistert über den virtuellen Strand hinter einem der Teilnehmer.

W?hrend dieses Seminars ahne ich zum ersten Mal: Das wird das wom?glich aktivste Semester, das ich bisher erlebt habe. Peters n?chste Frage: ?Wer von euch hat einen 90-Sekunden-Pitch über m?gliche Projektarbeiten vorbereitet? Digitale Hand hoch.“ Tja, also ich nicht – und viele andere auch nicht. ?Macht nichts“, sagt Peter und l?chelt. Wir k?nnten auch ein Handy-Video von uns mit der Pr?sentation hochladen.

Die digitale Kaffeetasse gibt das Pausenzeichen

N?chster Tag, anderer Kurs, wieder ist Peter der Dozent: Wir führen eine rege Diskussion über ein Papier, das als Hausaufgabe zu lesen war. Wie sich das Konzept der Resilienz auf die Corona-Krise im landwirtschaftlichen Sektor übertragen l?sst, will Peter wissen. Keine Wortmeldung. ?Ihr wirkt mir ein bisschen scheu. Ich schalte jetzt einfach per Zufall der Reihe nach eure Mikros an“, sagt der Lehrende. Wie bitte? Im virtuellen Raum kennt der Dozent dank der Beschreibungen zu unseren Profilen pl?tzlich alle Namen. Wer digitale Lehre wie ich bisher für anonym hielt, wei? nun: Sie ist es nicht.

Ein gro?artiges Feature der Online-Vorlesung ist die M?glichkeit, Live-Abstimmungen durchzuführen. Bei fachlichen Fragen, aber auch bei: ?Wollt ihr eine Pause?“ Dann bitte jetzt eine Kaffeetasse ausw?hlen. Nach einer guten Woche digitaler Lehre bin ich zwar ordentlich gestresst vom Organisationschaos, aber auch ehrlich beeindruckt.

Das gilt auch für die Dozenten. Peter Feindt, Professor für Agrar- und Ern?hrungspolitik, hatte Schlimmeres erwartet: ?Ich bin wirklich positiv überrascht – die digitale Lehre erm?glicht viel Dialog. Ideen, die sonst nur beiseite gemurmelt wurden, landen jetzt im Chat und bringen die ganze Gruppe weiter.“ Wichtig sei, dass die Begegnung im Online-Seminar ein gutes Erlebnis werde. Das ist sie nach meiner Erfahrung, wenn auch etwas stressiger.

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Gegen Stress soll ja Sport helfen. Ich meditiere jetzt immer in einem Hochschulsport-Kurs – natürlich digital. Meditationslehrerin Anna Schwarz kennt die Tricks der Plattform: Nach einer halbstündigen Aufmerksamkeitsmeditation schickt sie uns zu zweit in virtuelle private Chatr?ume, in denen wir uns gegenseitig von unserem Gemütszustand berichten sollen. Im Hochschulsport-Angebot stand auch ein Taktik-Kurs im Beachvolleyball, wahrscheinlich mit digitalem Sand im Wohnzimmer. Mich überrascht inzwischen nichts mehr.

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Neben all dem spa?igen Neuland, das Lehrende und Studenten jetzt gemeinsam beschreiten, bleibt aber ein handfestes Problem: die Leistungsnachweise. Bisher hat die Humboldt-Universit?t nur limitiert der M?glichkeit von Online-Prüfungen zugestimmt. Ob es Pr?senzprüfungen im Sommer gibt und was aus den nachzuholenden Prüfungen aus dem Wintersemester wird, bleibt unklar.

Sollte aber auch das noch gekl?rt und die Organisation in geordnete Bahnen gelenkt werden, kann ich nur sagen: Danke, Corona. Die Krise hat das Grab des Tageslichtprojektors geschaufelt, und das war l?ngst überf?llig.

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