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Bildung Lehrermangel

Der weite Weg der Quereinsteiger – trotz 15.000 unbesetzter Stellen

| Lesedauer: 6 Minuten
Lehrer werden h?nderingend gesucht. Quer- und Seiteneinsteiger k?nnten das Problem lindern Lehrer werden h?nderingend gesucht. Quer- und Seiteneinsteiger k?nnten das Problem lindern
Der Weg an die Tafel ist für Quereinsteiger, die Lehrer werden wollen, sehr weit
Quelle: picture alliance/dpa
Weil an vielen Schulen Lehrer fehlen, werden zunehmend Quereinsteiger eingestellt. Doch die Hürden sind hoch: Die Bewerbung hat es in sich, oft mangelt es an Weiterbildung, die Belastung durch Studium und Unterricht ist enorm. Das zeigen die Geschichten zweier Quereinsteigerinnen.

Drei Minuten haben die Kandidaten Zeit. Vor ihnen sitzen 30 Berliner Schulleiter. Die angehenden Lehrer-Quereinsteiger stellen sich vor sie und machen ihre Pr?sentation – es ist eine Art Casting. Für Rabia Fiedler (Name ge?ndert), die aus Angst vor Problemen mit ihrem Arbeitgeber anonym bleiben will, ist es im Jahr 2018 so weit.

Wenn ein Schulleiter sich für einen Bewerber interessiert, hebt er ein Schild mit der Nummer seiner Schule hoch. Gehen mehrere Schilder hoch, bekommt die Schule mit dem gr??ten Bedarf den Zuschlag. Im Extremfall wird gelost.

?Es ist wie auf dem Viehmarkt“, sagt Fiedler. Zum Glück hatte sie sich vor ihrem Auftritt an ihrer jetzigen Schule beworben. Abgesprochen war: ein berufsbegleitendes Studium mit anschlie?endem Referendariat. Weil das Casting in Berlin in der Regel aber Vorschrift ist, musste sie trotzdem auf die Bühne.

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61 Prozent aller deutschen Schulen berichten von Beleidigungen, Mobbing oder Bedrohungen gegen Lehrer in den vergangenen fünf Jahren. So steht es in einer neuen Studie des Verbands Bildung und Erziehung.

Quelle: WELT/ David Schafbuch

Sie nannte brav ihre Wunschschule – eine integrative Sekundarschule – und verlie? den Saal. Dann hob der stellvertretende Schulleiter wie verabredet sein Schild hoch.

Lehrer werden h?nderingend gesucht: Nach Sch?tzungen des Deutschen Lehrerverbandes waren zu Beginn des vergangenen Schuljahres rund 15.000 Stellen unbesetzt. Und obwohl Quer- und Seiteneinsteiger das Problem l?sen k?nnten – in Berlin stellten sie im Schuljahr 2019 und 2020 etwa 60 Prozent der neu eingestellten Lehrer –, macht man es ihnen nicht gerade leicht. Das Quereinsteiger-Casting ist nicht die einzige bürokratische Hürde für Berufst?tige, die zum Lehrer umschulen wollen.

Rabia Fiedler ist Diplom-Chemikerin, Nebenf?cher: Physik und Mathematik. Nach ihrem Abschluss fing die heute 34-J?hrige als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universit?t an. Sie betreute Schülerlabore und unterrichtete Chemiestudenten. Dann kam Ende 2016 ihre Tochter zur Welt.

W?hrend der Elternzeit entschloss sich die Alleinerziehende, ihren Job aufzugeben und Lehrerin zu werden. An der Universit?t musste sie alle zwei Jahre um einen neuen Vertrag k?mpfen. Zudem hatte sie doch schon Erfahrung darin, junge Menschen zu unterrichten.

Wer als Lehrer quereinsteigen will, muss in Berlin zwei F?cher studiert haben, die er unterrichten will – eins im Master, eins mit genügend Semesterwochenstunden im Nebenfach. Dann folgt der berufsbegleitende ?Vorbereitungsdienst“, der bei Quereinsteigern das Referendariat ersetzt und je nach Bundesland anderthalb bis zwei Jahre dauert.

Fiedler h?tte als Chemikerin und Mathematikerin sofort in den Vorbereitungsdienst einsteigen k?nnen, wollte aber trotzdem noch mal studieren. Quereinsteiger haben naturgem?? nicht auf Lehramt studiert – ihnen fehlt also theoretisches p?dagogisches Wissen.

Studiengang speziell für Quereinsteiger

Fiedler schrieb sich deshalb noch einmal für ein berufsbegleitendes Studium in Mathematik ein. Der Studiengang ist speziell auf Quereinsteiger zugeschnitten. Auch p?dagogische Inhalte stehen auf dem Lehrplan.

Fiedler hat die vergangenen zwei Jahre vier Tage in der Woche Chemie und Mathematik unterrichtet. Sie hat 18 Unterrichtsstunden pro Woche vorbereitet und jeden Freitag acht Stunden Seminare am Berliner Weiterbildungszentrum für Lehrer besucht.

Das entspricht dem Arbeitsaufwand einer Vollzeitstelle. ?Wenn es im Studium stressig wurde, waren es teilweise aber 60 Stunden in der Woche“, sagt Fiedler.

Quereinsteiger müssen sich beweisen

Gerade in den ersten Monaten müssen Quereinsteiger sich oft beweisen – vor allem vor den Kollegen. Fiedler bekam das zu spüren, nachdem sich ein paar Schüler beschwert hatten, dass der Unterricht bei der Diplomchemikerin zu schwer sei. Ihre neuen Kollegen erkl?rten Fiedlers Schützlingen, dass sie ja eine Quereinsteigerin sei und noch viel lernen müsse. ?Dabei habe ich mich einfach an den Lehrplan gehalten“, sagt Fiedler.

Sie lie? sich nicht beirren. Und als das erste Mal eine ihrer Klassen Abitur machte, bekam sie eine Tasse geschenkt. Aufschrift: ?Wie eine normale Lehrerin, nur viel cooler.“ ?So was freut mich dann natürlich unheimlich“, sagt die Quereinsteigerin.

Marc B?hmann hat ein Buch über den Quereinstieg von Lehrern geschrieben und ist auch selbst Deutschlehrer in Baden-Württemberg. ?Das Beste ist es, wenn ein oder mehrere Kollegen einen begleiten“, sagt er. Zum Beispiel, indem sie zusammen mit dem Quereinsteiger eine Klassenarbeit erarbeiten und sie nachher auch gemeinsam mit ihm korrigieren. Oder indem sie Fragen beantworten: Welche Strafen darf ein Lehrer verh?ngen? Wann verletzt er die Aufsichtspflicht? Wie soll ein Lehrer ein Elterngespr?ch führen? Wie benotet er richtig – vor allem bei kreativen Aufgaben?

?Solche Dinge k?nnen Quereinsteiger kaum wissen“, sagt B?hmann. Er r?t Quereinsteigern auch, sich in den Unterricht erfahrener Kollegen zu setzen. ?Das bringt unheimlich viel.“

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Leider fehlt den Neulingen genau dafür h?ufig die Zeit. Rabia Fiedler h?tte sich gewünscht, erst mal zwei Wochen lang hospitieren zu dürfen, bevor sie das erste Mal unterrichten musste.

Weil Schulen verzweifelt Lehrer suchen, stellen viele derweil auch Quereinsteiger ein, die überhaupt keine Weiterbildungen gemacht haben, meist für Vertretungsstellen. Sandra Keller bl?ttert durch einen roten Aktenordner mit ihren Vertr?gen als Vertretungslehrerin an einer Düsseldorfer Grundschule. ?Eins“, sagt sie und bl?ttert um. ?Zwei.“ Sie z?hlt bis sechzehn.

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So viele befristete Vertr?ge hatte die 53-J?hrige seit dem Jahr 2015. Mal drei Monate lang, mal ein halbes Jahr. Mal 24 Wochenstunden, für das n?chste Halbjahr dann nur noch zw?lf. ?Ich kann das nur machen, weil ich nicht auf das Geld angewiesen bin“, sagt Keller. Ihr Mann verdiene genügend Geld für die Familie.

Trotzdem arbeitet sie ganz normal als Lehrerin, übernahm im Jahr 2018 sogar die Leitung einer dritten Klasse. Sie unterrichtete die Kinder in Mathe, Deutsch und Sachkunde. ?Das war sehr aufwendig, weil ich da autodidaktisch rangehen musste.“ Mit einer Kollegin traf sie sich in den Ferien, um zusammen Klassenarbeiten zu korrigieren.

Nach einem Jahr musste Keller ihre Klasse wieder abgeben, weil ihre Kollegin aus der Elternzeit zurückkam. ?Dieses Hin und Her ist nicht nur für mich doof, sondern auch für die Kinder.“ Trotzdem macht ihr der Beruf Spa?: ?Zu sehen, wie einige Schüler sich entwickeln, freut mich wahnsinnig.“

Sandra Keller hat Germanistik und Philosophie studiert, ihr Studium aber nicht abgeschlossen. ?Kurz vor meinem Abschluss kamen meine Kinder“, erz?hlt Keller. ?Das ging damals dann einfach nicht mehr.“ Als Quereinsteigerin betreute sie an einem Kindergarten die Sprachf?rderung. Als 2015 viele Geflüchtete nach Düsseldorf kamen, fragte eine befreundete Lehrerin, ob sie nicht Deutsch als Zweitsprache an einer Grundschule unterrichten wolle. Keller sagte Ja.

Weiterbildungen hat sie nie bekommen, nicht einmal einen Crashkurs. Denn dafür müssen Quereinsteiger in Nordrhein-Westfalen ein abgeschlossenes Studium vorweisen. Also brachte sie sich das meiste selbst bei. Das Problem: ?Momentan stehe ich mit nichts da, wenn mein Vertrag nicht verl?ngert wird.“

Staatsexamen für Quereinsteiger?

Ilka Hoffmann, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), findet das unm?glich. ?Es müsste jedem Quereinsteiger angeboten werden, berufsbegleitend das Studium nachzuholen und den Vorbereitungsdienst zu machen“, sagt sie. Dann k?nnten die Quereinsteiger ihr Staatsexamen ablegen und w?ren vollwertig ausgebildete Lehrer.

Rabia Fiedler hat ihr zweij?hriges berufsbegleitendes Studium inzwischen abgeschlossen. Jetzt muss sie noch ein normales Referendariat absolvieren. Dann ist sie als vollst?ndig ausgebildete Lehrerin anerkannt. ?Ich bereue die Entscheidung auf keinen Fall“, sagt Fiedler. ?Aber ich bin froh, wenn ich das alles endlich geschafft habe.“

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