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Regionen-Vergleich

Hier ist Deutschland jung, stark und erfolgreich

| Lesedauer: 8 Minuten
Finanzredakteur
HANDOUT - 08.06.2019, ---: Schauspielerin Jessica Schwarz als Professorin Tanja Lorenz in einer Szene aus "Biohackers". Die neue deutsche Netflix-Serie startet am 20.08.2020. (zu dpa "Wissenschaft und Moral: Netflix-Serie ?Biohackers? spielt im Labor") Foto: Marco Nagel/Netflix/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit einer Berichterstattung über die Serie und nur mit vollst?ndiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++ | HANDOUT - 08.06.2019, ---: Schauspielerin Jessica Schwarz als Professorin Tanja Lorenz in einer Szene aus "Biohackers". Die neue deutsche Netflix-Serie startet am 20.08.2020. (zu dpa "Wissenschaft und Moral: Netflix-Serie ?Biohackers? spielt im Labor") Foto: Marco Nagel/Netflix/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit einer Berichterstattung über die Serie und nur mit vollst?ndiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++ |
In der neuen Netflix-Serie ?Biohackers“ spielt Jessica Schwarz die ehrgeizige Professorin Tanja Lorenz. Sie zieht es an den Ort, wo das Land auch in Realit?t besonders dynamisch is...t
Quelle: picture alliance/dpa
Wer für den neuen Job umzieht, f?llt eine Entscheidung fürs Leben. Neben den Metropolen zeigt vor allem ein Bundesland die perfekte Kombination einer starken Wirtschaft und einer jungen Bev?lkerung, die noch w?chst. Eine Stadt sticht hier besonders hervor.

Da haben die Netflix-Macher feines Gespür bewiesen. Ihre neueste Serie ?Biohackers“ spielt in einer der jüngsten deutschen Gro?st?dte, Freiburg im Breisgau, und f?ngt den jugendlichen Spirit der Universit?tsstadt gut ein. In der Serie geht es um die Gefahren, aber auch die Chancen von Gentechnik und moderner Medizin.

Die Gegend um Freiburg eignet sich perfekt als Schauplatz für die Serie. Und das nicht nur, weil hier überdurchschnittlich viele junge Menschen leben, die die Hauptzielgruppe der Serie bilden – sondern weil in der gesamten Region einschlie?lich Basel mit seinen internationalen Pharmakonzernen tats?chlich sehr viel geforscht wird.

In mancher Hinsicht erinnert der Landstrich im deutschen Südwesten an ein kleines europ?isches Silicon Valley. Zugleich ist die Region eingebettet in das wirtschaftlich erfolgreichste Bundesland der vergangenen Jahrzehnte: Baden-Württemberg. Die Chancen, dass dieses Land weiter floriert, stehen – trotz einiger Anfechtungen der jüngsten Zeit – gut.

Jung sind zwar auch die Menschen in den Stadtstaaten Bremen, Hamburg und Berlin. Doch die Metropolen haben eine eher einseitige Wirtschaftsstruktur, die abgesehen von Verwaltung vor allem auf Dienstleistung aller Art, auf Tourismus und Kultur beruht, den internationalen Handel nicht zu vergessen. Ihre Gesch?ftsmodelle erleben in der Corona-Rezession einen Rückschlag, als Wirtschaftsmagnete sind sie vorübergehend abgemeldet. Das Industrieland Baden-Württemberg ist nicht so abh?ngig vom terti?ren Sektor.

Betrachtet man nur die Fl?chenl?nder, lebt im Südwesten die statistisch jüngste Bev?lkerung Deutschlands. Mit einem Altersschnitt von 43,6 Jahren sind die Menschen im ?L?ndle“ fast ein Jahr jünger als die Bundesbürger insgesamt.

Quelle: Infografik WELT

Baden-Württemberg hat also gute Chancen, von der demografischen Dividende zu profitieren, die eine ausgewogene Altersstruktur mit sich bringt. Andere Teile Deutschlands gehen in den kommenden Jahren und Jahrzehnten dagegen schweren Problemen entgegen.

Gerade im Osten müssen Landstriche abseits der Metropolen befürchten, dass es zu einer Art demografischem Teufelskreis kommt: Alternde Bev?lkerung schw?cht die Wirtschaftskraft, schwache Wirtschaftskraft führt dazu, dass junge Familien und Menschen auf Stellensuche wegziehen. Der historische Abstieg ist programmiert.

Das Wechselspiel von Demografie und ?konomie ist nicht nur etwas, dass die politischen Entscheider angeht. Auch Menschen, die für sich selbst mit der Jobwahl eine Lebensentscheidung treffen, sollten über die Realit?t von demografischem Bonus oder demografischem Malus Bescheid wissen. Junge Bev?lkerung geht h?ufig mit hoher Innovationskraft einher – wobei nicht immer klar ist, welcher Faktor zuerst da ist, was also was hervorbringt.

Teile des Ostens sind abgeh?ngt

?Viele internationale Studien haben gezeigt, dass Arbeitspl?tze und damit Wertsch?pfung den Menschen folgen“, sagt Christian Oberst, ?konom am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in K?ln. Zumindest für Deutschland lasse sich allerdings zeigen, dass beides gilt: Jobs folgen Menschen, aber auch Menschen folgen Jobs. ?Wie auch immer, der Zusammenhang zwischen beiden ist in jedem Fall positiv“, erkl?rt der Experte.

Wie bei vielen anderen Kriterien sind die regionalen Unterschiede in Deutschland erheblich: Baden-Württemberg beherbergt neben Freiburg auch die demografisch gesehen jüngste Stadt Deutschlands. Mit einem Altersschnitt von nur 40,4 Jahren sind die Einwohner Heidelbergs sogar noch ein wenig jünger als die Einwohner Freiburgs mit 40,5 Jahren. Das ebenfalls sehr junge Tübingen ist ein weiteres Wissenschaftszentrum.

Am anderen Ende der Skala finden sich St?dte und Landkreise in Mitteldeutschland. Die Daten der statistischen ?mter weisen Suhl in Thüringen und Dessau-Ro?lau in Sachsen-Anhalt als demografisch gesehen ?lteste deutsche St?dte aus. Der durchschnittliche Einwohner hat hier mehr als 50 Jahre auf dem Buckel, Gleiches gilt für das Altenburger Land im Thüringischen.

Im Schnitt sind die Menschen, die in Sachsen-Anhalt leben, mit 47,9 Jahren mehr als drei Jahre ?lter als die Menschen im Südwesten. Das bedeutet auch, dass der Rentner-Anteil in dem ostdeutschen Bundesland deutlich h?her ausf?llt. Anders Baden-Württemberg.

Im ?L?ndle“ ist der Anteil von Menschen über 65 Jahren mit 20,4 Prozent vergleichsweise niedrig. Fast ein Fünftel (19,4 Prozent) der im Südwesten lebenden Bev?lkerung z?hlt hingegen nicht einmal 20 Jahre, so hoch ist der Anteil der Unter-20-J?hrigen in keinem anderen Bundesland. Gleichzeitig haben Baden-Württemberger statistisch gesehen beste Aussichten auf ein langes Leben. Sowohl für neugeborene M?dchen (84,1 Jahre) als auch für neugeborene Jungen (79,7 Jahre) liegt die Lebenserwartung so hoch wie nirgendwo sonst in Deutschland, wie aus dem Demografieportal des Bundes hervorgeht.

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In Kombination mit der regionalen Wirtschaftsstruktur erkl?rt das auch, warum das eine Bundesland bei der Wohlstandsentwicklung so viel besser abschneidet als das andere: Trotz ihres betr?chtlichen theoretischen Aufholpotenzials hat es die Wirtschaft Sachsen-Anhalts in den zurückliegenden Jahren nicht einmal geschafft, um ein Drittel zu wachsen: Das Plus betrug nur 32 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt in Baden-Württemberg legte zwischen 2009 und 2019 um 49 Prozent zu, und das, obwohl 2019 wegen der Industriekrise alles andere als ein Glanzjahr für den Südwesten war.

Interessanter als die Vergangenheit sind jedoch die Prognosen für die Zukunft, die sich daraus ableiten lassen. Die Forscher des Bundesinstituts für Bev?lkerungsforschung (BiB) erwarten, dass die Bev?lkerung im ?L?ndle“ bis Mitte des Jahrhunderts weiterwachsen wird.

Der prognostizierte Zuwachs von zwei Prozent bis 2050 nimmt sich auf den ersten Blick zwar bescheiden aus. Damit wird Baden-Württemberg jedoch das einzige Fl?chenland überhaupt sein, dem die Wissenschaftler in der alternden Bundesrepublik ein Einwohnerplus zutrauen.

Quelle: Infografik WELT

Zum Vergleich: Der bev?lkerungsreichste Gliedstaat Nordrhein-Westfalen (NRW) soll den Prognosen zufolge in den n?chsten 30 Jahren fünf Prozent seiner Einwohner verlieren, das entspricht rund 900.000 Personen.

Innerhalb Deutschlands bedeutet das nicht nur eine Verschiebung der Bev?lkerungsschwerpunkte, sondern auch eine wirtschaftliche Machtverlagerung. Neben Baden-Württemberg dürften sich den Forschern zufolge auch die Stadtstaaten sowie Bayern gut halten.

Alle anderen Fl?chenl?nder müssen bis zum Jahr 2050 mit Verlusten rechnen. Im Osten k?nnen die zuweilen drastisch ausfallen. Sachsen-Anhalt dürfte bis Mitte des Jahrhunderts noch einmal gut ein Viertel seiner Einwohner verlieren und dann nur mehr 1,7 Millionen Menschen z?hlen.

Thüringen droht ein Bev?lkerungsminus von knapp einem Fünftel auf ebenfalls 1,7 Millionen. Ein derartiger demografischer Aderlass geht mit Stagnation und schlie?lich Rückgang der Produktion einher. Die einzige Chance entgegenzuwirken w?re, radikal auf Innovation und unternehmerischen Aufbruch zu setzen.

Das ist der Ansatz des Wirtschaftswissenschaftlers Karl-Heinz Paqué, der selber von 2002 bis 2006 Finanzminister des Landes Sachsen-Anhalt war. Aus Sicht von Paqué bietet die hohe Dichte von Universit?ten im Osten die Chance zu einem gro?en vernetzten Wissenscluster.

Er nennt Dresden, Leipzig, Halle, Magdeburg, Cottbus, Potsdam und Frankfurt (Oder) als Beispiele. ?Zu den drei Berliner Universit?ten kommen noch einmal elf Unis im Umkreis von rund 150 Kilometern. Wer hat das schon?“, fragt der liberale ?konom.

Aus heutiger Sicht haben dazu aber Baden-Württemberg und Bayern die besseren Karten, das Wachstum auf sich zu ziehen. Im Süden der Republik haben sich aus Wissensclustern und Innovationszentren heraus bereits Weltkonzerne entwickelt.

Quelle: Infografik WELT

Das gr??te B?rsenunternehmen der Bundesrepublik, der Softwareriese SAP, sitzt im baden-württembergischen Walldorf: 1972 gegründet, besch?ftigt SAP heute mehr als 100.000 Mitarbeiter und hat einen Marktwert von 170 Milliarden Euro. Die auf rNA-Impfstoffe spezialisierte Biotech-Firma Curevac hat ihren Sitz in Tübingen.

Eine Unsicherheit schwebt über langfristigen Wirtschaftsprognosen und auch über allen Bev?lkerungsprognosen. W?hrend Firmen wie SAP im Zeitalter der Digitalisierung boomen und die Notwendigkeit der Biotechnologie nie so klar war wie heute, da das Coronavirus die Menschheit in Geiselhaft genommen hat, vermag niemand zu sagen, ob die deutsche Autoindustrie in Zukunft der gleiche Wohlstands- und Jobgenerator sein wird wie in der Vergangenheit.

Der Erfolg der Autoindustrie war ma?geblich am Aufstieg Baden-Württembergs beteiligt, wie übrigens auch ihr Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt in Niedersachsen, in Bayern, in Rheinland-Pfalz, im Saarland und in Thüringen nicht untersch?tzt werden darf.

Migration spielt für die Zukunft eine Rolle

?W?hrend auf Sterbe- und Geburtsraten basierende Prognosen robust sind, ist die Vorhersage von Wanderungsbewegungen schwieriger“, sagt Oberst. Im Falle des Südwestens werde die Aufschwungphase der 2010er-Jahre allzu leicht in die Zukunft fortgeschrieben. ?Baden-Württemberg verzeichnete in diesem Zeitraum überproportional viele Zuzüge“, stellt er fest.

In den vergangenen Jahren hat die internationale Migration für die Demografie Deutschlands eine immer gr??ere Rolle gespielt. ?Das ver?ndert die r?umliche Struktur der Bev?lkerung insgesamt, da es Zuwanderer aus dem Ausland vor allem in die Gro?st?dte zieht, wo sie für Wertsch?pfung sorgen“, erkl?rt der IW-?konom.

Ein Gro?teil dieses Zuzugs werde sich auch in Zukunft auf die Metropolen konzentrieren und dort die Bev?lkerung weiter anschwellen lassen. Nicht immer jedoch folgen Migranten der Wirtschaftskraft, zuweilen sind es schlicht Netzwerkeffekte, das hei?t: Sie gehen dorthin, wo sich bereits Landsleute aus ihrer Heimat angesiedelt haben.

Der überraschende Rückgang der Einwohnerzahl Berlins im ersten Halbjahr 2020 sei vermutlich nur eine Corona-bedingte Unterbrechung des Trends zur Urbanisierung.

In Baden-Württemberg hat inzwischen jeder Dritte Migrationshintergrund. Insgesamt gilt die Integration im ?L?ndle“ als gelungen. Ob sich die Erfolgsgeschichte in diesem Ma?e fortsetzt, h?ngt von der Innovationsf?higkeit und -bereitschaft der Menschen in der Region ab. Wirtschafts- und Bev?lkerungswachstum bedingen einander.

Und da kann selbst eine Serie, die Freiburg und den Südwesten als das deutsche Biotech-Silicon-Valley feiert, einen Einfluss haben.

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