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Berufsorientierung trotz Corona

So helfen Sie Ihrem Kind bei der Berufswahl am besten

| Lesedauer: 6 Minuten
?Für viele Jugendliche ist der übergang in das Berufsleben angstbesetzt“, sagen Experten ?Für viele Jugendliche ist der übergang in das Berufsleben angstbesetzt“, sagen Experten
?Für viele Jugendliche ist der übergang in das Berufsleben angstbesetzt“, sagen Experten
Quelle: Getty Images
Schon vor der Corona-Krise fiel die Berufswahl vielen Jugendlichen schwer. Nun sind auch noch Praktika, Hochschulschnuppertage und Jobmessen gestrichen. Doch auch in der Pandemie gibt es zahlreiche M?glichkeiten. Eltern kommt eine besondere Rolle zu – ebenso wie Lehrern.

Im M?rz wurde Emmanuel Wei?mann klar, dass er sich umstellen muss. Wei?mann ist Berufsberater der Agentur für Arbeit in Ludwigshafen. Normalerweise besucht er jede Woche eine Schule, spricht mit den Jugendlichen über ihre Ideen für die Zukunft und informiert sie darüber, wie sie einen Ausbildungs- oder Studienplatz bekommen. Jetzt waren die Schulen geschlossen, die Schüler zu Hause, Messen und Informationstage fielen aus, Praktika wurden abgesagt.

Schon vor Corona war Berufsorientierung eine gro?e Aufgabe. Die Datenbank Hochschulkompass listet derzeit mehr als 9000 verschiedene Bachelorstudieng?nge auf. Auf Messen werben inzwischen nicht nur Hochschulen aus ganz Deutschland, sondern auch aus Nachbarl?ndern wie den Niederlanden und D?nemark um den Nachwuchs, berichtet Hilmar Kleen, Lehrer einer Hamburger Schule. ?Der Dschungel wird immer gr??er“, sagt er.

Rund jeder Vierte bricht sein Bachelorstudium ab. Etwa jeder Dritte l?st den Ausbildungsvertrag wieder auf. Das kann zwar viele Gründe haben, zeigt aber auch, dass es nicht leicht ist, auf Anhieb den richtigen Platz zu finden. Und dies gibt Anlass zur Sorge.

?Wenn überg?nge nicht gelingen, laufen Personen Gefahr, langfristig in ihrer beruflichen Laufbahn benachteiligt zu sein“, sagt Katja Driesel-Lange. Sie ist Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Berufsorientierung an der Universit?t Münster und Sprecherin des Wissenschaftlichen Netzwerks Berufsorientierung WiN·BO.

Nach einem Jahr Krise hat sie aber auch die positiven Entwicklungen im Blick. ?Corona ist ein Katalysator“, sagt sie. Vieles, das vorher schon einmal angedacht war, sei nun umgesetzt worden.

Natürlich gebe es auch solche, die nicht mitgekommen seien, aber bei den meisten Akteuren – Schulen, Hochschulen, Arbeitgebern und Arbeitsagenturen – sieht sie ?viel Enthusiasmus, gro?e Anstrengungen und gute Konzepte, die auch nach Corona Bestand haben“.

Vieles findet nun online statt: Videos oder Podcasts stellen Berufe vor, Arbeitgeber und Azubis sind im Chat erreichbar. Driesel-Lange findet das grunds?tzlich gut. ?Man kann orts-, zeit- und raumunabh?ngig lernen. Man kann mehr individuelle Angebote schaffen und viel st?rker auf den Einzelnen eingehen“, sagt sie. ?Da ergeben sich wirklich gro?e Chancen.“ Auch Computerspiele mit Bildungsanspruch wie ?Serena Supergreen“ erm?glichten es Jugendlichen, am PC Berufe kennenzulernen, an die sie vielleicht noch nie gedacht h?tten.

Wei?mann, der Berufsberater aus Ludwigshafen, stellte seine Beratung zuerst auf Telefon und E-Mail um, dann auf Videotelefonie. Das wurde gut angenommen, berichtet er. Dann bot er – wie auch Kollegen von anderen Arbeitsagenturen – ?Walk and Talk“ an: statt eines Gespr?chs in seinem Büro einen Spaziergang mit Beratung im Freien. Es folgte eine digitale B?rse, bei der sich Schüler direkt mit Arbeitgebern zusammenschalten konnten.

Allerdings geht nicht alles digital so gut wie analog. ?Beratungen lassen sich gut ins Digitale verlagern“, sagt Wei?mann. ?Berufsorientierung ist vor Ort zielführender.“ Wenn er in die Schule geht, dann sieht er, wer noch Hilfe braucht und kann ihn oder sie direkt ansprechen.

Medienkompetenz wird wichtiger

Jetzt ist er st?rker darauf angewiesen, dass sich die Schüler bei ihm melden. Doch oft sehen gerade die Schüler, für die eine Beratung wichtig w?re, ihren Bedarf nicht.

Au?erdem wird Medienkompetenz immer wichtiger. Zwar sind die heutigen Schüler mit dem Smartphone aufgewachsen, aber deshalb noch lange keine Profis: ?Bei der digitalen Kompetenz in puncto Berufswahl ist Luft nach oben“, sagt Driesel-Lange. ?Dass jemand wei?, wie WhatsApp funktioniert, hei?t noch nicht, dass er auch wei?, wie er online an berufsbezogene Informationen kommt.“

Und die besten Internet-Angebote bringen nichts, wenn sie nicht genutzt werden. ?Egal ob virtuelles oder analoges Format, das muss begleitet werden“, sagt der Lehrer Hilmar Kleen.

Hier kommen die Eltern ins Spiel. ?Oft wird schlicht erwartet, dass sie sich mit dem Thema Berufsorientierung auskennen. Nur: So einfach ist das nicht“, sagt Christoph Schleer, Autor einer Studie über die Rolle der Eltern in diesem Prozess.

Die Pandemie, vielleicht eigene Zukunftssorgen, Homeschooling – und jetzt auch noch Berufsberater? Diesen Druck sollten sich Eltern nicht machen. ?Die Aufgaben der Eltern bei der Berufsorientierung haben sich in der Pandemie nicht grundlegend gewandelt“, sagt Schleer. Sie beziehen sich auf drei Bereiche: ?Eltern sind Ansto?geber, Ratgeber, und sie bieten emotionalen Rückhalt“, sagt Schleer.

Sie k?nnen ihre Kinder motivieren, sich frühzeitig damit zu besch?ftigen, was sie machen wollen, und ihnen spiegeln, wo sie deren St?rken und Interessen sehen. Allerdings ohne sie in eine konkrete Richtung zu lenken. Besser ist es zu erkl?ren, was sie bei ihren Kindern beobachten, etwa au?erhalb der Schule, erkl?rt Driesel-Lange.

Wie verh?lt sich das Kind zu Hause? Mit seinen Geschwistern? Bei seinem Hobby? Schlichtet es Streit oder übernimmt gern die Führung? Bei welchen Besch?ftigungen vergisst es die Zeit? Das ist besser, als Ratschl?ge zu geben, denn seit die Eltern sich für einen Beruf entschieden haben, ist meist schon viel Zeit vergangen, und die Arbeitswelt wandelt sich.

?Dafür sind Eltern Vorbilder, wie man das eigene Leben gestalten kann“, sagt Driesel-Lange. Dies betreffe auch, wie sie Beruf und Familie vereinbaren, ihre Arbeits- und Freizeit gestalten oder den Haushalt aufteilen.

Der emotionale Rückhalt ist besonders wichtig. ?Für viele Jugendliche ist der übergang in das Berufsleben angstbesetzt“, sagt Schleer. ?Deshalb schieben nicht wenige die Entscheidung auf.“ Er r?t Eltern dazu, das Thema, wie es nach der Schule weitergehen soll, ?m?glichst frühzeitig anzusprechen und auch bei lockeren Küchengespr?chen immer wieder aufzugreifen“.

Eltern sollten ihre Netzwerke nutzen

Au?erdem k?nnen sie das Kind bei der Suche nach Informationen unterstützen. ?Auch in der aktuellen Situation ist sehr viel m?glich“, sagt Schleer. Alle gro?en Arbeitgeber schreiben auf ihren Internetseiten, ob sie aktuell suchen und wie der Bewerbungsprozess abl?uft. Auf der Seite planet-beruf.de der Agentur für Arbeit k?nnen sich Jugendliche an einem Fahrplan orientieren, wie sie Schritt für Schritt zum Beruf finden. Für Eltern gibt es eine eigene Ratgeberspalte mit Tipps.

Auch sollten Eltern ihre eigenen Netzwerke nutzen. Vielleicht hat man Freunde oder Verwandte mit einem interessanten Beruf, die dem Kind davon erz?hlen k?nnen? Um dem Kind dabei zu helfen, seine eigenen St?rken zu sehen, schl?gt Schleer vor, die Lehrer anzurufen und um ein Gespr?ch zu bitten. Sie k?nnen sagen, was das Kind aus ihrer Sicht gut kann.

Denn Lehrer m?chten helfen. Hilmar Kleen und seine Kollegin Katja Schulz sind an der Hamburger Irena-Sendler-Schule, einer Schule, die das Berufswahlsiegel Hamburg tr?gt, zust?ndig für die Berufsorientierung. Kleen und Schulz haben weitergemacht, auch als die Schule schlie?en und das dreiw?chige Sommerpraktikum der Neuntkl?ssler ausfallen musste.

Das MINT-Projekt für M?dchen fand eben digital statt, aktuell arbeiten sie an einem Padlet, eine Art digitaler Pinnwand, an der Schüler und Eltern schnell neue Informationen bekommen k?nnen. Sie informieren darüber, wo man jetzt noch Praktika machen kann, zum Beispiel im Handwerk, oder luden sie zu einer virtuellen Messe ein. ?Ich bin fest davon überzeugt, dass die digitalen Formate bleiben werden“, sagt Schulz.

In der Krise haben auch die Jugendlichen etwas gelernt. Gerade wenn es um weiterführende Schulen oder um ein Studium geht. ?Sie haben erfahren, was es hei?t, eigenst?ndig lernen zu müssen, und wissen jetzt, ob sie der Typ dafür sind“, sagt Wei?mann.

Kleen wirbt dafür, Berufsorientierung als einen lebenslangen Prozess zu sehen. Das war er auch schon vor Corona. ?Es gab nie ein Patentrezept zum Traumberuf“, sagt er. Es nehme den Jugendlichen den Druck, wenn sie nicht l?nger d?chten, sie müssten den einen Beruf finden, auf den sie dann ein Leben lang festgelegt seien – und das auch noch unter Corona-Bedingungen. So ?hnlich formuliert es auch Schleer. ?Man sollte die Berufswahl entdramatisieren. Der erste Beruf ist keine Entscheidung fürs Leben.“

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