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Eigenwillige Bewerbungen

?Vor solchen Leuten fürchtet man sich in Organisationen geradezu“

| Lesedauer: 7 Minuten
Wer sich bewirbt, will auffallen. Allzu Kreative sollten aber bedenken, dass sie ernst genommen werden wollen Wer sich bewirbt, will auffallen. Allzu Kreative sollten aber bedenken, dass sie ernst genommen werden wollen
Wer sich bewirbt, will auffallen. Allzu Kreative sollten aber bedenken, dass sie ernst genommen werden wollen
Quelle: Getty Images/Westend61
Jüngere Arbeitnehmer auf Jobsuche gestalten ihre Bewerbungen zunehmend kreativer. Das verschafft ihnen mehr Aufmerksamkeit bei Unternehmen – kann aber schnell nach hinten losgehen. Einige Stilmittel machen die Entscheider besonders misstrauisch.

Der Lebenslauf kann ein Filmposter sein. Oder eine Karte zum Valentinstag. Oder gefaltet werden als Origami-Schwan. All das ist bei Gary Burnison, Gesch?ftsführer der weltweit t?tigen Unternehmensberatung Korn Ferry, bereits gelandet.

?Ich habe schon viele Bewerbungsunterlagen gesehen: lange, kurze, interessante, langweilige“, sagt der Amerikaner, der in Los Angeles lebt, aber in seiner Position weltweit unterwegs ist: ?Ich habe Pop-up-Art und Videos bekommen. Einer hat seine Bewerbung sogar vorgesungen.“

Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Wer den Begriff ?kreative Bewerbung“ bei Google eingibt, sieht knallbunte Lebensl?ufe mit Balken- und Kreisdiagrammen, die den Grad der Sprachkenntnisse veranschaulichen, witzige Mind-Maps mit dem Namen des Bewerbers in der Mitte und seinen Qualifikationen rundherum, und Fotos in Comic-Optik, sogenannte Bitmojis.

Doch wie ausgefallen muss und darf eine Bewerbung tats?chlich sein? F?llt man mit einfarbiger Schrift und einem normalen Portr?tfoto überhaupt noch auf? Für Burnison ist die Antwort klar: ?Kreative Bewerbungen passen zu Jobs, bei denen eine hohe Kreativkompetenz notwendig ist.“

Bewerber sollten aber immer bedenken, dass sie ernst genommen werden wollen. ?Ich empfehle, stets im eigenen Netzwerk zu erfragen, wie dort die Menschen ihre Lebensl?ufe und Bewerbungsunterlagen gestalten“, sagt Burnison.

Bei jüngeren Kandidaten sieht der Gesch?ftsführer einen Trend hin zu kreativen Bewerbungen. Sie sollten sich jedoch immer fragen: ?Ist eine kreative Bewerbung wirklich sinnvoll, oder versuche ich, einem Trend hinterherzulaufen?“ Nur wenn es die Chancen nach eigener Einsch?tzung signifikant erh?he, sollten Bewerber den kreativen Weg gehen.

Kreative Bewerbung: Storytelling richtig einsetzen

Wer eine Stelle im Bereich Werbung und Marketing sucht, kann mit dem Beweis seiner Kreativit?t wertvolle Pluspunkte sammeln. Für die Düsseldorfer Kommunikationsagentur Textschwester zum Beispiel ist es auch deshalb normal, ausgefallene Bewerbungen zu bekommen. Kandidaten bewerben sich etwa in Form eines Videos oder mit einem Anschreiben, das wie eine Zeitung aufbereitet ist. Die Agentur hat sich auf Lifestyle- und Immobilienkommunikation spezialisiert.

?Bei einer Bank oder für soziale Berufe würden sich die meisten Bewerber sicher anders vorstellen“, sagt Mitinhaberin Miriam Beul. ?Oft sind die Fotos, die uns erreichen, sehr professionell, und auch das Setting sieht nicht nach ?Passbild‘ aus, sondern nach Instagram-Bildsprache.“ Schlie?lich gehe es auch in Unternehmen um Selbstinszenierung und -vermarktung.

Beul sch?tzt Kreativit?t bei Bewerbungen. ?Es ist doch toll, wenn man sieht, dass sich jemand Gedanken gemacht hat“, sagt sie. ?So lernt man die Jobinteressenten gleich ein wenig kennen und versteht, wie sie ticken.“

Manche Bewerber sch?ssen bei der Gestaltung jedoch über das Ziel hinaus oder tr?fen einfach nicht den Geschmack der Agentur. Politische Weltanschauungen etwa h?tten in der Bewerbung nichts verloren.

Vorteilhaft sei hingegen, ?wenn jemand witzig schreiben kann, mit Sinn für Storytelling und Sprache – und obendrein fehlerfrei“. Hinter dem Begriff Storytelling, der auch im Marketing und im Journalismus gel?ufig ist, steht die Idee, sich als Bewerber über eine spannende Geschichte vorzustellen. Packend erz?hlt, führt sie durch das eigene Leben und beschreibt dabei anschaulich die Qualifikationen und Erfahrungen.

Auch Korn-Ferry-Gesch?ftsführer Burnison glaubt an die Macht des Storytellings: ?Jobinteressenten, die eine interessante, fokussierte und gut erkl?rte Geschichte erz?hlen – die sind es, die herausstechen.“ Und das unabh?ngig davon, wie bunt und ausgefallen eine Bewerbung aussieht.

Viele Personaler fürchten eigensinnige Mitarbeiter

Den Fokus auf das Wesentliche zu legen, empfiehlt auch Bewerbungstrainer Gerhard Winkler: ?Bewerben meint schlie?lich, das Vertrauen eines Arbeitgebers einzuwerben. Nur Zahlen, Daten und Fakten begründen ein gerechtfertigtes Vertrauen.“

Dennoch beobachtet auch Winkler, dass sich Bewerber heutzutage um mehr Kreativit?t bemühen. ?Verst?rkt wird der Drang zur Kreativbewerbung vonseiten der Medien, der Arbeitgeber, der Interessensverb?nde und Bildungseinrichtungen.“

Von Berufst?tigen werde zunehmend erwartet, voller Ideen zu sein und selbstst?ndig zu arbeiten. Das setze Bewerber unter Druck. Dabei reichen aus Winklers Sicht Arbeitsproben und eine übersicht der Abschlüsse vollkommen aus, um zu beweisen, dass ein Bewerber auf den ausgeschriebenen Job passt.


Zu viel Kreativit?t kann den ersten Eindruck bei Personalern sogar kaputt machen, sagt Winkler: ?Sperrige Bewerbungen verweisen auf eigensinnige Mitarbeiter, die gern tüfteln und spielen. Vor solchen Leuten fürchtet man sich in Organisationen geradezu.“

Au?erdem: Eine flippige Bewerbung macht es schwer, die wichtigsten Informationen zu finden. ?Wenn sich ein Personaler den Inhalt erst zusammensuchen muss, arbeitet ein Bewerber dem Arbeitgeber nicht zu, sondern macht ihm zus?tzliche Mühe“, sagt der Bewerbungstrainer.

Schriftart in der Bewerbung soll zum Beruf passen

Winkler r?t Bewerbern, ihren Lebenslauf und das Anschreiben kurz und übersichtlich zu halten. Der Lebenslauf sollte nicht l?nger als drei Seiten sein, das Anschreiben maximal rund 2000 Anschl?ge enthalten. Argumente sollten gewichtet werden, das Wesentliche und Aktuelle bekomme so mehr Platz.

Die Schrift sollte entweder die Hausschrift des Jobanbieters sein oder aber zum eigenen Berufsstand passen. Ingenieure zum Beispiel greifen zu einer klaren und schn?rkellosen Schriftart.

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Bunte Elemente seien in Ma?en vertretbar. ?Das kann zum Beispiel eine Akzentuierung des Lebenslaufs in der Corporate-Farbe des Arbeitgebers sein“, sagt Winkler.

Setzt ein Bewerber besondere ?Eyecatcher“ wie einen fett gedruckten Slogan ein, komme bei Personalern der Verdacht auf, dass er von fehlenden Qualifikationen ablenken will. ?Einfachheit, Konkretheit und Direktheit schlagen beim Bewerben immer Kreativit?t“, sagt Winklar.

Bewerben im Konzern: SAP braucht kein Anschreiben

Der Softwarekonzern SAP im baden-württembergischen Walldorf hat in den Jahren 2018 und 2019 so viele Bewerbungen bekommen wie noch nie. Vor allem für Stellen im Bereich User Experience oder im Marketing sind immer wieder kreative Anschreiben und Lebensl?ufe dabei, beobachtet Cawa Younosi, HR-Chef von SAP in Deutschland.

?Die Bewerbungen sind hier teilweise bunter“, sagt Younosi. Zudem arbeiteten viele Bewerber inzwischen mit Links, die zu Arbeitsproben oder einer Videobewerbung weiterleiten.

Immer h?ufiger verlinkten Jobinteressenten in ihrer Bewerbung auch direkt ihr LinkedIn-Profil. ?Wenn jemand statt eines Lebenslaufs einen Link zu seinem LinkedIn-Profil schickt, spart uns das viel Arbeit – wenn das Profil gut gepflegt ist“, sagt Younosi. Andernfalls fehlen ihm wichtige Hintergrundinformationen.

Ein Anschreiben ist für eine Bewerbung bei SAP schon l?nger keine Pflicht mehr. Wer dennoch eines schickt, formuliert es eher locker – nach dem Motto ?Ihr sucht jemanden für Job XY – damit k?nnt Ihr aufh?ren, denn jetzt bin ich da!“.

?Diese Entwicklung ergibt sich auch daraus, dass sich bei uns sehr viele Quereinsteiger bewerben, die teilweise einen ungew?hnlichen Lebenslauf haben – zum Beispiel ein Theologe, der sich auf eine Stelle im KI-Bereich bewirbt“, sagt der HR-Chef.

Eine lockere Schreibe oder mehrere Farben sieht Younosi grunds?tzlich gern. Allerdings dürfe eine knallbunte Bewerbung nicht darüber hinwegt?uschen, dass die Qualifikationen des Bewerbers nicht zur ausgeschriebenen Stelle passen.


?Es ist eine Gratwanderung, aus der Masse herauszustechen, aber gleichzeitig nicht zu übertreiben“, sagt Younosi. ?Wichtig ist, dass die Bewerbung individualisiert ist, also deutlich macht, warum ein Bewerber zu einer bestimmten Stelle bei uns passt.“ Zudem sollte alles übersichtlich sein – der Lebenslauf etwa sollte auf Anhieb die wesentlichen Stationen des Bewerbers zeigen.

Wer in klassischen Branchen positiv auffallen will, verschickt also weder langweilige Textwüsten noch greift er zum Farbeimer. ?Eine gute Balance aus überschriften, Positionen und Firmennamen sowie Bullet Points kann helfen – wenn man es nicht übertreibt“, sagt Korn-Ferry-Chef Burnison. ?Man muss kein Designer sein, um mit den üblichen Textverarbeitungsprogrammen einen ansprechenden Lebenslauf zu entwerfen.“

Letztendlich sollte aber jedem Bewerber bewusst sein: Ob er sich nun konventionell oder kreativ bewirbt, die Arbeit ist damit noch nicht getan. ?Ein Lebenslauf dient fast ausschlie?lich dazu, Interesse zu wecken und einen Jobanbieter dazu zu bringen, ein Gespr?ch zu vereinbaren“, sagt Burnison. ?Was dann folgt, darum geht es wirklich.“

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Dieser Artikel wurde erstmal im September 2019 ver?ffentlicht.

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