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Unterforderung im Job

?Langeweile ist mit Scham behaftet“ – Diese Strategie hilft gegen den Boreout

| Lesedauer: 5 Minuten
Wer am Arbeitsplatz Papierflieger baut, der hat zu wenige oder zu leichte Aufgaben zu bew?ltigen Wer am Arbeitsplatz Papierflieger baut, der hat zu wenige oder zu leichte Aufgaben zu bew?ltigen
Dauerhafte Langeweile bei der Arbeit kann ernsthafte Konsequenzen für die Gesundheit haben
Quelle: Getty Images
Burnouts und ihre Folgen sind inzwischen gesellschaftlich akzeptiert. Doch auch das Gegenteil macht krank: Wer dauerhaft unterfordert ist, den kann das Boreout-Syndrom ereilen. WELT erkl?rt, woran Betroffene das erkennen – und was sie dagegen tun k?nnen.

Im Posteingang landen keine neuen E-Mails, und das Telefon klingelt auch nicht. Solange sich der Kunde nicht meldet, ist nichts zu tun. Die Kollegen k?nnen keine Aufgaben abgeben, also hei?t es mal wieder, hinterm Monitor verstecken und die Zeit bis zum Feierabend totschlagen.

Stunden sp?ter sind die ersten Weihnachtsgeschenke im Online-Warenkorb, der Facebook-Feed ist durchgescrollt, und die n?chsten Reiseziele sind ausgesucht.

Was für viele nach einem entspannten Arbeitstag klingen mag, wird für manche zum ernsthaften Problem. Ist jemand dauerhaft unterfordert, droht ein Boreout-Syndrom.

Einige Betroffene haben t?glich mehrere Stunden Leerlauf. Andere haben zwar genug zu tun, ihnen erscheint ihre Arbeit aber monoton und anspruchslos.

In Zeiten der Corona-Pandemie kann sich das Problem in manchen F?llen verschlimmern, sagen Experten. Im Homeoffice haben Betroffene mehr M?glichkeiten, sich unbemerkt anderweitig zu besch?ftigen als im Büro. Wer w?hrend der Arbeitszeit W?sche machen und Serien schauen kann, verdr?ngt seine berufliche Unzufriedenheit unter Umst?nden noch l?nger.

Die Pandemie kann das Boreout-Problem verschlimmern

Betroffene sollten diesen Zustand in jedem Fall erst nehmen. Dauerhafte Langeweile bei der Arbeit kann ernsthafte Konsequenzen für ihre Gesundheit haben.

?Die Symptome sind ?hnlich wie beim Burnout“, erkl?rt Thorsten Bracher, Facharzt für Psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie sowie Klinikdirektor der Vitos Klinik für Psychosomatik Eltville. ?Betroffene sind oft energielos, ersch?pft, müde, antriebslos und in einer depressiven Stimmungslage.“

Dazu k?nnen sich Schlafst?rungen und k?rperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Rückenschmerzen oder Magen-Darm-Probleme gesellen.

Besonders gef?hrdet sind Bracher zufolge diejenigen, die klassische Bürot?tigkeiten ausüben, zum Beispiel in der Verwaltung – vor allem dann, wenn sie überwiegend weisungsgebunden arbeiten und ihr Arbeitsalltag von Routinet?tigkeiten gepr?gt ist.

Wer dagegen viel Abwechslung bei der Arbeit hat und Eigenverantwortung übernehmen darf, laufe seltener Gefahr, an einem Boreout zu erkranken, sagt der Experte.

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Anders als beim Burnout ist das Boreout noch wenig bekannt: Wer sich krank fühlt, schiebt das kaum auf Unterforderung. Das k?nnte daran liegen, dass das Boreout-Syndrom erst 2007 erstmals erw?hnt wurde und entsprechend recht unbekannt ist.

Der Begriff stammt von den Unternehmensberatern Philippe Rothlin und Peter Werder, die das Beschwerdebild in ihrem Buch ?Diagnose Boreout“ diskutieren.

Kein Wunder also, dass Betroffene immer wieder klagen, dass Freunde und Kollegen verst?ndnislos auf ihr Problem reagieren. Viele sehen es nach wie vor als Luxus an, bei der Arbeit unterfordert zu sein.

Dabei erleben Betroffene diesen Zustand als regelrechten Albtraum. ?Menschen haben das Bedürfnis, gebraucht zu werden und etwas zu bewirken. Fehlt ihnen das Erleben von Sinn bei der Arbeit, ist das auf Dauer sch?digend“, sagt Bracher.

Betroffene zweifeln beispielsweise an ihrem Wert als Mensch und daran, dass sie in der Lage sind, etwas Sinnvolles für die Gesellschaft zu leisten. ?Irgendwann sorgt die Demotivation dafür, dass man seine Leistungen tats?chlich nicht mehr abrufen kann“, erkl?rt Bracher.

Boreout: Betroffene verschleiern das Problem

Nach wie vor f?llt es vielen schwer, Unterforderung mit ihrem Selbstbild zu vereinbaren. ?Langeweile im Beruf ist in einer leistungsorientierten Gesellschaft oft mit Scham behaftet“, sagt Bracher. Daher eignen sich viele Boreout-Betroffene Strategien an, um ihr Problem zu verschleiern.

Einige ziehen T?tigkeiten in die L?nge und teilen sich die Arbeit für ein Projekt in kleine Portionen ein, sodass sie über Wochen immer ein bisschen was zu tun haben.

Andere versuchen, immer besch?ftigt auszusehen und erz?hlen, wie gestresst sie seien, obwohl sie hinter dem Monitor in Wahrheit den halben Tag chatten oder ihren Hausrat versteigern.

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Einige machen sogar überstunden, um ?hnlich überlastet zu wirken wie manche Kollegen. Durch dieses Versteckspiel sorgen Betroffene zum Teil dafür, dass sie noch weniger Arbeit zugeteilt bekommen und noch tiefer in die Boreout-Abw?rtsspirale rutschen.

H?lt das Boreout-Syndrom über ein Vierteljahr oder l?nger an, sollten sich Betroffene am besten psychologischen Rat holen, r?t Bracher. Vor allem dann, wenn sie an den beschriebenen Symptomen leiden, wenn die Situation den Betroffenen die Lebensfreude nimmt und auch das Privatleben belastet.

Da Boreout offiziell nicht als Krankheit anerkannt ist, diagnostiziert der Arzt h?ufig eine Depression, die Symptome ?hneln sich oft.

Wer an Boreout leidet, sollte selbst aktiv werden

Gleichzeitig kommen Menschen mit Boreout-Syndrom nicht umhin, ihre Jobsituation selbst in die Hand zu nehmen. ?Wichtig ist, dass Betroffene schnellstm?glich handeln, Eigeninitiative ergreifen und neue Wege gehen“, empfiehlt Lebens- und Karrierecoach Angela Frauholz aus Düsseldorf.

?Es ist wichtig, wieder aus dem inneren D?mmerzustand der chronischen Unterforderung herauszutreten.“ In einem ersten Schritt sollten Besch?ftigte ihre eigene Situation reflektieren und sich etwa überlegen, wie sie ihre Situation verbessern k?nnten.

Auch die eigenen Kompetenzen und St?rken sollten sich Betroffene wieder bewusst machen. Dabei k?nnen zum Beispiel Achtsamkeitstraining, Yoga und Ausdauersport helfen.

Dann ist es Zeit, mit dem Vorgesetzten oder einem Personalverantwortlichen zu sprechen. Zur Vorbereitung empfiehlt Frauholz, den eigenen Tagesablauf genau zu dokumentieren.

?Diese Selbstreflexion hilft bei einer Bestandsaufnahme, um die Situation und den Stress durch Unterforderung richtig einsch?tzen und beim Gespr?ch mit Vorgesetzten belegen zu k?nnen“, erkl?rt die Expertin.

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Betroffene k?nnen dabei zum Beispiel erkl?ren, dass sie Kapazit?t für mehr Aufgaben haben oder sich über anspruchsvollere T?tigkeiten freuen würden. Besonders gut kommt es an, direkt konkrete Projekte vorzuschlagen, bei denen sie sich beteiligen k?nnten.

Auch ein interner Wechsel auf eine andere Position ist denkbar – der ein oder andere fühlt sich in einer anderen Abteilung besser aufgehoben und kann dort sein Potenzial besser entfalten.

Boreout kann zu einer Depression führen

Zusatzqualifikationen k?nnen ebenso helfen. Wer neben dem Job ein Studium anf?ngt oder sich anderweitig fortbildet, hat nicht nur eine sinnvolle Aufgabe, sondern auch bessere Chancen auf berufliches Vorankommen – ob nun durch neue Aufgaben oder einen kompletten Jobwechsel.

Wer trotz aller Bemühungen mit seiner Jobsituation unzufrieden bleibt, sollte sich ohnehin beruflich neu orientieren, sagt Frauholz: ?Ist keine Ver?nderung in Sicht, ist die nachhaltigste L?sung, den Job zu wechseln, da Boreout langfristig zu einer Depression führen kann.“

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Vorgesetzte spielen in Sachen Boreout auch eine entscheidende Rolle. ?Führungskr?fte sollten im Rahmen des Talentmanagements Angestellte mit ihrer Pers?nlichkeit sowie ihren fachlichen und sozialen Kompetenzen richtig einsch?tzen und einsetzen k?nnen“, erkl?rt Frauholz.

Regelm??ige Mitarbeitergespr?che k?nnen dabei helfen, Besch?ftigte besser miteinzubeziehen. Dabei k?nnen Vorgesetzte etwa erfragen, ob der Angestellte ausgelastet und zufrieden ist oder sich neue Aufgaben wünscht. So tragen sie dazu bei, dass das Problem gar nicht erst entsteht.

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