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Familie und beruflicher Aufstieg

Mit 25 oder 38 – gibt es einen perfekten Zeitpunkt, um Kinder zu bekommen?

| Lesedauer: 7 Minuten
Wirtschaftsreporterin
In der ?Rushhour des Lebens“, zwischen 30 und 39 Jahren, ballen sich Entscheidungen zu Beruf und Familienplanung In der ?Rushhour des Lebens“, zwischen 30 und 39 Jahren, ballen sich Entscheidungen zu Beruf und Familienplanung
In der ?Rushhour des Lebens“, zwischen 30 und 39 Jahren, ballen sich Entscheidungen zu Beruf und Familienplanung
Quelle: Deutsche Bank
Nachwuchs oder beruflicher Erfolg? Viele Frauen stellen sich die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt fürs Kind und verschieben ihn im Zweifel nach hinten. Bei der Suche nach einem guten Moment hilft laut Karriereberatern ein oft übersehener Aspekt.

Biologisch ist die Sache klar: Frauen sollten im Alter zwischen 20 und 25 Jahren Kinder bekommen. ?Da haben sie k?rperlich die besten Voraussetzungen, ein gesundes Baby auszutragen“, sagt Bj?rn Horstkamp. ?Mit 35 sackt die Kurve stark ab. Ab 40 wird es schwierig.“ Horstkamp wei?, wovon er spricht. Er ist Reproduktionsmediziner.

In seine Praxis am Berliner Kurfürstendamm kommen jedes Jahr Hunderte von Frauen, die sich Kinder wünschen, aber auf natürlichem Weg keine bekommen. Ein Muster hat der Mediziner unter seinen Patientinnen ausgemacht: Sie haben viel gearbeitet, den Kinderwunsch der Karriere zuliebe immer wieder aufgeschoben, Beziehungen gingen in die Brüche – ?und pl?tzlich sind sie Ende 30 und unter starkem Stress“.

Aus medizinischer Sicht mag frühe Mutterschaft ein Ideal sein. In der Praxis aber geben Hunderttausende von Frauen in Deutschland zun?chst Ausbildung und Karriere den Vorzug. Im Durchschnitt sind Mütter in Deutschland heute bei der Geburt ihres ersten Kindes über 30 Jahre alt. Jede sechste Geb?rende ist sogar über 35 Jahre alt. Jede fünfte Frau im Alter zwischen 45 und 49 Jahren ist kinderlos.

?Dann ist wieder Frau zust?ndig“

Die Corona-Pandemie stellt Familien vor gro?e Herausforderungen. Kinderbetreuung, Homeschooling, Haushalt – alles muss organisiert werden. Eine neue Studie zeigt nun: die meiste Arbeit bleibt an Frauen h?ngen.

Quelle: WELT/ Max Seib

Nachwuchs und Karriere, das scheint für viele noch immer ein Gegensatz zu sein. Oder ist alles nur eine Frage der Planung? Gibt es ihn, den idealen Zeitpunkt, Kinder in den eigenen beruflichen Aufstieg einzubauen? Und wenn ja, wann k?nnte er sein?

?Meine Kinder haben meine Karriere tats?chlich beflügelt“

Selbst über die n?chsten Karriereschritte entscheiden, sich nicht dr?ngen lassen – das war Sylvie Nicols Erfolgsrezept. Heute sitzt sie im Vorstand von Henkel. Mehrere Angebote, in dem Dax-Konzern aufzusteigen, lehnte die gebürtige Pariserin jedoch ab. Die Mutter von drei S?hnen h?tte dafür von Paris in die Düsseldorfer Konzernzentrale wechseln müssen.

?Ich wollte in der N?he meiner Eltern wohnen, als die Kinder klein waren. Sie haben uns viel geholfen“, berichtet die Managerin. Ihre Vorgesetzten h?tten die Entscheidungen respektiert. ?Irgendwann habe ich gesagt: Jetzt bin ich so weit. Jetzt kann ich nach Deutschland ziehen. Wir haben als Familie gemeinsam entschieden, wann der richtige Zeitpunkt für den n?chsten Schritt ist.“

Inzwischen ist Sylvie Nicol die einzige Frau im Henkel-Vorstand und verantwortlich für 52.000 Mitarbeiter weltweit. Ihre S?hne sind 20, 17 und 14 Jahre alt, und Nicol ist überzeugt: ?Meine Kinder haben meine Karriere tats?chlich beflügelt. Je gr??er sie wurden, desto mehr haben sie mich motiviert.“ Sie will bei Henkel dafür sorgen, ?dass Kinder kein Karrierehindernis sind – weder für Mütter noch für V?ter – und ganz gleich, in welcher Phase der beruflichen Entwicklung man sich gerade befindet“.

Einen Rat, wann sie denn mit der Familiengründung starten sollten, will sie jungen Frauen nicht geben. Das müsse letztlich jedes Paar für sich entscheiden. ?Ich glaube nicht, dass es in der Karriere den idealen Zeitpunkt gibt, Kinder zu bekommen“, sagt Nicol.

Den idealen vielleicht nicht, wohl aber den falschen Zeitpunkt. Das jedenfalls scheinen viele Menschen im Land so zu empfinden. 69 Prozent der Deutschen haben Verst?ndnis dafür, wenn Frauen wegen der Karriere ihren Kinderwunsch verschieben. Das ist das Ergebnis einer repr?sentativen Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag von WELT AM SONNTAG.

?Haben Sie dafür Verst?ndnis, wenn Frauen wegen ihrer Karriere keine Kinder oder sp?ter Kinder bekommen wollen?“, wurden mehr als 5000 Erwachsene Anfang Dezember gefragt. Nur 19 Prozent der Frauen und knapp 26 Prozent der M?nner antworteten mit ?Nein“.

Das gr??te Verst?ndnis für die verschobene Familienplanung von Frauen hatte mit 83 Prozent die Gruppe der 30- bis 39-J?hrigen. Diejenigen also, die sich in der viel beschriebenen ?Rushhour des Lebens“ befinden, in der sich viele Entscheidungen zu Beruf und Familienplanung ballen und die Arbeitsbelastung sehr gro? ist.

Richtiger Zeitpunkt ist der falsche Fokus

Etwas skeptischer sehen dagegen Senioren auf das Aufschieben des Kinderwunsches. Bei den über 65-J?hrigen ?u?erten in der Umfrage nur knapp 62 Prozent Verst?ndnis. 27 Prozent gaben an, sie h?tten kein Verst?ndnis. ?hnlich viele ohne Verst?ndnis (26 Prozent) waren es interessanterweise unter den ganz jungen Befragten zwischen 18 und 29 Jahren.

Verschieben oder nicht – Frauen, die sich vor allem nach dem richtigen Zeitpunkt fürs Kind fragen, haben in den Augen von Katharina Wrohlich den falschen Fokus. Sie leitet die Forschungsgruppe Gender Economics am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und ist überzeugt: Auf die V?ter kommt es an.

?Wichtig für die weitere Karriere von Frauen ist nicht, in welchem Alter sie ihr erstes Kind bekommen“, sagt Wrohlich. ?Viel entscheidender ist, wie sie die unbezahlte Sorgearbeit nach der Geburt mit ihrem Partner aufteilen.“ In keinem anderen Land der OECD sei der sogenannte Gender-Care-Gap so gro? wie in Deutschland: Nach der Geburt des ersten Kindes steigt hierzulande die Zeit, die Frauen mit Hausarbeit verbringen, sprunghaft an.

M?nner und V?ter dagegen bringen sich deutlich weniger bei der Extra-Arbeit ein. Das Ergebnis: Ein Gro?teil der Mütter verharrt in Teilzeit – allzu oft für den Rest des Erwerbslebens. Bef?rderungen und Lohnerh?hungen werden damit unwahrscheinlicher.

Daten des DIW zufolge erreicht der durchschnittliche Bruttostundenlohn von Frauen in Deutschland seinen H?hepunkt bereits im 30. Lebensjahr. Bei M?nnern steigt er bis zum 47. Geburtstag weiter an. Bis dahin w?chst die Lohnlücke zwischen Frauen und M?nnern immer weiter.

V?ter mit einbinden

Besonders gro? ist sie in den wirtschaftsstarken Regionen Westdeutschlands mit hohen M?nner-L?hnen. Einer Erhebung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-B?ckler-Stiftung zufolge arbeitet im Westen fast jede zweite Frau in Teilzeit. Im Ostteil des Landes ist es nur etwa jede dritte. Allerdings ist auch hier die Tendenz steigend.

Für DIW-Forscherin Wrohlich ist die Konsequenz aus diesen Daten klar: ?Wenn wir mehr Gleichberechtigung und mehr Kinder wollen, muss die Politik zus?tzliche Anreize für M?nner setzen, einen gr??eren Teil der Sorgearbeit zu übernehmen.“ Zum Beispiel k?nne die Zahl der ?Partnermonate“ beim Elterngeld von derzeit zwei sukzessive ausgebaut werden. Im Anschluss k?nne der Staat für einige Jahre Lohnersatzleistungen zahlen, unter der Bedingung, dass beide Elternteile ihre Arbeitszeit ein wenig reduzieren. ?Alles, was V?ter st?rker einbindet, hilft“, sagt Wrohlich.

Quelle: Infografik WELT

Karin Uphoff r?t Frauen zu Geduld und Ausdauer. ?Frauen müssen nicht alles im Zeitfenster bis 35 Jahren unterbringen“, sagt die Mutter von sechs Kindern, die bereits sechs Enkel hat. Die promovierte ?kotrophologin war Leistungssportlerin im Turnen und im Volleyball und ihr Leben lang berufst?tig. Zun?chst in der PR, heute als selbstst?ndiger Coach für Führungsfrauen bis hin zum Dax-Konzern.

Sie ermuntert Frauen, ?nicht irgendwessen Lebensentwurf zu leben, sondern den eigenen“. Jede Frau habe das Recht, Kinder zu bekommen und eine Karriere zu haben, wenn sie das denn wolle. Vor allem müsse sie die typische Angst verlieren, nicht perfekt zu sein – in der Mutterrolle und im Beruf. Da k?nne es mit der Karriere auch gerne ein bisschen l?nger dauern.

?Wir haben viele aktive Jahre zur Verfügung, müssen nicht Anfang 40 schon mit dem kompletten Leben fertig sein“, sagt die 59-J?hrige. Wer mit seinen Kr?ften haushalte, sich die Kinderarbeit mit dem Partner teile und Hilfe von au?en organisiere, k?nne im Beruf auch noch durchstarten, wenn die Kinder selbstst?ndiger würden. ?Das Leben ist ein Mosaik mit vielen bunten Bausteinen für Familie und Beruf, die in immer neuen Mustern gelegt werden,“ ist Uphoff überzeugt.

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Vier ihrer Kinder h?tten inzwischen selbst Kinder und lebten sehr partnerschaftliche Familienmodelle. Ein Leben ohne Kinder, das kann sich Uphoff nicht vorstellen. Der Verzicht tue gleich zweimal weh, sagt sie: zum ersten Mal, wenn alle im Umfeld Mütter würden. ?Und dann noch einmal, wenn die Enkel kommen.“

Einige von Bj?rn Horstkamps Patientinnen müssen sich allerdings mit dem Gedanken anfreunden, keine eigenen Kinder zu haben. Zwar berichteten Medien immer wieder über prominente Mütter, die sogar ?lter als 45 Jahre seien. ?Doch das Bild trügt“, so der Gyn?kologe. 80 Prozent dieser ?alten Mütter“ h?tten Eizellenspenden bekommen, eine Behandlung, die in Deutschland verboten ist.

Der Arzt r?t Frauen dringend, mit dem Kinderwunsch nicht so lange zu warten, bis die Biologie einen Strich durch die Rechnung macht. ?Keine Frau sollte die Familienplanung für die Karriere aufschieben“, sagt Horstkamp. ?Sobald sie sich in ihrer derzeitigen Situation ein Kind vorstellen kann, sollte sie auch eines bekommen.“

Dieser Text ist aus der WELT AM SONNTAG. Wir liefern sie Ihnen gerne regelm??ig nach Hause.

Welt am Sonntag E-Tag 03.Januar 2021 Packshot halbe Seite
Quelle: Welt am Sonntag
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