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  4. Dresscode für Dirigenten: Diese Kleiderordnung ist v?llig überholt

Gesellschaft Néstor Bayona

?Ein Dirigent kann auch cool sein“

| Lesedauer: 10 Minuten
Redaktion ICONIST
Kein Pinguin im Orchestergraben: Dirigent und Pianist Néstor Bayona Kein Pinguin im Orchestergraben: Dirigent und Pianist Néstor Bayona
Kein Pinguin im Orchestergraben: Dirigent und Pianist Néstor Bayona
Quelle: Rados?aw Ka?mierczak Fotografia
Der spanische Jungdirigent Néstor Bayona macht vieles anders als seine ?lteren Kollegen. Er h?lt auch den Dresscode seiner Zunft für überholt. Seine Vision: ein symphonisches Konzert mit Kanye West und Modekooperationen wie bei Schauspielern.

Oft sieht man Néstor Bayona in fast schon gewagt modischen Anzügen und mit iPad statt schweren Partituren unter dem Arm auf sein Dirigentenpodest flitzen. Ja, er macht einiges anders als manch ?lterer Kollege. Aber genau das hat die Klassik-Branche dringend n?tig, findet der Wahlberliner, der momentan mit dem Nationalen Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks in Katowice arbeitet.

Ursprünglich stammt der 34-J?hrige aus Spanien, studierte dann aber in Manchester, Genf sowie Berlin – und dort lie? er sich nach seinem Master auch nieder. Die knapp sechs Jahre, die er nun schon in der Hauptstadt lebt, h?rt man seiner Sprache an. Manchmal wechselt er dennoch ins Englische, auch etwas Spanisch schleicht sich ein, w?hrend er darüber spricht, wie er mit klassischer Musik im nicht ganz herk?mmlichen Sinne Grenzen überwinden will – Social Media, Mode und ein bisschen auch die Corona-Pandemie spielen ihm dabei in die H?nde.

ICONIST: Homeoffice ist für einen Dirigenten schwer vorstellbar.

Néstor Bayona: Tats?chlich wurden w?hrend der ersten Corona-Welle viele Konzerte abgesagt oder verschoben. Aber jetzt streamen die meisten Orchester einfach live. So fühlt es sich eigentlich ganz normal an, nur ohne Publikum. Wir Jungdirigenten profitieren sogar von der Krise, denn viele der ?lteren Dirigenten geh?ren zur Risikogruppe und wollen derzeit nicht reisen – daher springen wir für sie ein. Erst vor Kurzem bekam ich eine Anfrage und sollte einen Tag vor dem Start der Proben das Orchester übernehmen. Das ist zwar stressig, macht aber Spa? und ist vor allem eine gro?e Chance.

ICONIST: Viele Musiker haben w?hrend des Lockdowns einfach Hauskonzerte gegeben und via Social Media übertragen.

Bayona: Ja, ein paar Home-Konzerte über Instagram habe ich auch gegeben. Dafür habe ich mit anderen Musikern zusammengearbeitet, es sind wirklich überraschende Sachen entstanden – weniger Klassik, mehr Pop. Es ist wichtig, dass die Kunst bleibt – komme, was wolle.

Man hat sich vieles einfallen lassen

ICONIST: Warum experimentieren Sie mit modernen Popstücken?

Bayona: Mein Ziel ist es, jungen Menschen die klassische Musik n?herzubringen. Dafür muss man manchmal auch riskieren, die Normen zu brechen.

ICONIST: Welche Normen?

Bayona: In einem für Dirigenten typischen Pinguin-Kostüm aufzutreten etwa oder mit dem iPad zu dirigieren. Man muss manchmal etwas riskieren, um den Draht zu jungen Menschen zu bekommen. An der Opéra de Marseille habe ich ?Thrift Shop“ von Macklemore im Beethoven-Stil dirigiert. Die jungen Menschen waren begeistert. Man spricht sie damit viel direkter an und kann eine Verbindung schaffen. Ein Dirigent ist wie ein übersetzer zwischen Orchester und Publikum – man übertr?gt, was auf dem Manuskript steht, ins Publikum. Damit das gelingt, muss man sich ?ffnen – etwa für experimentelle Kooperationen mit anderen Musikern.

So klingt ?Thrift Shop“ von Macklemore im Beethoven-Stil:

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ICONIST: Mit wem würden Sie denn gern zusammenarbeiten?

Bayona: Mit Kanye West in einem symphonischen Konzert! (lacht) Ich finde seine Musik wirklich interessant. Man sollte auch mehr mit jungen Komponisten zusammenarbeiten – gerade sie machen momentan eine schwierige Zeit durch. Au?erdem stelle ich mir Kooperationen mit Videokünstlern und anderen zeitgen?ssischen Kreativen interessant vor. In den vergangenen Jahren habe ich einige Filmmusikkonzerte gegeben – 2019 hatte ich etwa ein Projekt mit dem Komponisten John Williams, das war ziemlich erfolgreich. Für mich liegt der Schlüssel darin, alte Traditionen mit neuen zu kombinieren.

ICONIST: Weil die Klassiker einfach schon zu oft gespielt wurden?

Bayona: Die Masters wie Beethoven und Mozart werden immer bleiben – das ist etwas, das wir als Musiker einfach brauchen. Aber man muss auch neue Stimmen h?ren und ihnen die Chance geben, sich zu verewigen. Entzieht man sich neuen Stilen oder musikalischen Fusionen, g?be es immer das gleiche Repertoire zu h?ren – damit erreicht man jedoch die jüngere Generation nicht mehr.

ICONIST: Haben junge Leute wirklich solch ein Klassik-Defizit?

Bayona: Ja, ich bin der Meinung, dass man ihnen das n?herbringen muss. Die meisten k?nnen mit diesem Genre nichts anfangen. Deshalb habe ich dieses Projekt kreiert, ich will sie direkt ansprechen. über Social Media ist es überraschend einfach, sie zu erreichen.

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ICONIST: Und der Verzicht auf ein klassisches Pinguin-Kostüm bringt Sie dem jungen Publikum noch n?her?

Bayona: Genau, sie sehen dann, dass ein Dirigent auch cool sein kann – und nicht zwangsl?ufig zur alten, oft etwas eingestaubten Schule geh?ren muss. Zurzeit kooperiere ich zum Beispiel mit dem Modelabel Tiger of Sweden. Sie statten mich für mein n?chstes Konzert mit dem Nationalen Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks am 6. Dezember mit einem Anzug aus.

Néstor Bayona und das Nationale Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks
Néstor Bayona und das Nationale Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks
Quelle: Rados?aw Ka?mierczak Fotografia

ICONIST: Dirigenten werden für ihre Konzerte von Designern eingekleidet wie Schauspieler für den roten Teppich?

Bayona: Genau, das ist v?llig normal – für mich zumindest. (lacht) Man verbindet mit Orchester immer etwas Erhabenes. Aber nein, so ist es nicht mehr.

ICONIST: Sie meinen also, auf die Mode komme es bei einem Dirigenten auch an.

Bayona: Mode ist wie Musik eine Kunst, und beide sind eng verbunden. Genauso wie man dasselbe Stück von Beethoven auf verschiedene Weisen h?rt, kann man Kleidung jeweils anders tragen. Und ganz langsam wird die Welt der klassischen Musik modebewusster – Vivienne Westwood stattete ja vor ein paar Jahren die Wiener Philharmoniker aus. Solche Zusammenarbeiten sollte es h?ufiger geben.

ICONIST: Was ist gegen den klassischen Frack als Dirigentenkostüm einzuwenden?

Bayona: Ich habe nichts gegen den Frack. Er passt einfach nicht zu meinem Stil. Au?erdem sollte man sich in Kleidung wohlfühlen, damit man seine beste Performance geben kann. Tats?chlich besitze ich nicht mal einen Frack – und habe noch nie einen getragen. (lacht) In manchen Opernh?usern ist er allerdings Pflicht, und sollte ich eines Tages einen Frack tragen müssen, werde ich ihn mir einfach ausleihen.

ICONIST: Oft wird bem?ngelt, dass klassische Orchesterkleidung zu warm und zu eng geschnitten sei.

Bayona: Man muss sich in meinem Beruf auf der Bühne frei bewegen k?nnen. Und ja, es stimmt, dass klassische Orchesterkleidung oft zu hei? und zu eng ist. Nachdem ich ein Konzert dirigiert habe, fühle ich mich oft, als sei ich einen Marathon gelaufen. (lacht) Besonders schlimm ist es bei Stücken von Schostakowitsch, da muss man sich unglaublich viel bewegen – nach dem Konzert bin ich v?llig au?er Atem und verschwitzt.

Kulturschaffender Dirigent in Tiger of Sweden - statt Pinguin-Kostüm
Kulturschaffender Dirigent in Tiger of Sweden - statt Pinguin-Kostüm
Quelle: Rados?aw Ka?mierczak Fotografia

ICONIST: Es br?uchte also einen Frack aus Funktionsmaterial.

Bayona: Bei Konzerten trage ich tats?chlich immer ein atmungsaktives Laufshirt aus schwei?ableitendem Material unter meinem Hemd. Aber ja, ich glaube, Konzertkleidung k?nnte mehr Funktionsmaterial gebrauchen. Vor allem, damit der K?rper gut atmen kann und sich Musiker besser bewegen k?nnen. Als Musiker hat man leider nicht so viele Kleidungsoptionen.

ICONIST: Ja, es gibt wohl sogar einen Kleiderparagrafen im Tarifvertrag, der für viele deutsche Orchester gilt. Dieser schreibt bei klassischen Auftritten zum dunklen Anzug schwarze Strümpfe und Schuhe, ein wei?es Hemd und Krawatte vor.

Bayona: Oh, ich wusste nicht, dass es diesen Paragrafen gibt! (lacht) Als ich in der Berliner Philharmonie aufgetreten bin, hat niemand etwas gesagt. Ich passe aber auch auf, dass ich dunkle Farben trage, damit ich mich dem Orchester anpasse.

ICONIST: Brechen Sie mit dem Kleidergesetz, indem Sie etwa in einem modernen Anzug von Tiger of Sweden dirigieren, oder dürfen Dirigenten im Vergleich zum Orchester modemutiger sein?

Bayona: Ja und nein. Einerseits ist der Anzug kein traditioneller Frack, andererseits trage ich einen Anzug in einer dunklen Farbe und passe mich damit den ?Regeln“ an. Ich mag an dem Anzug, dass er gut sitzt, ich mich gut bewegen kann und mich wohlfühle. Mode und Musik verbinden sich auf verschiedene Art, aber man sollte nie zu weit gehen. Ich achte immer darauf, was ich beim Dirigieren trage, damit ich das Orchester nicht st?re. Wenn ich etwas zu Auff?lliges trage oder etwas Komisches an meinem Arm habe, st?re ich die Spieler bei ihrer Arbeit. Man ist in voller Konzentration – und meine Aufgabe ist es, zu 100 Prozent für das Orchester da zu sein.

ICONIST: Klassische Konzerte in Jeans und Hoodie sollten aber weiterhin tabu bleiben?

Bayona: Ich würde nicht tabu sagen, eher nicht passend. Denn in ein Konzert zu gehen, ist immer etwas Formelles – und da erwartet das Publikum schon eine gewisse Formalit?t – auch wenn der Dirigent keinen Frack tr?gt. Andererseits ist ein Konzert für die Musiker und mich Magie. Man braucht diesen Unterschied zwischen daily life clothing und Konzertkleidung, um die Magie richtig erleben zu k?nnen.

Der makellos gekleidete Mann

ICONIST: Hat man als junger, moderner Dirigent viel Konkurrenz?

Bayona: Ja, es gibt super viel Konkurrenz – auch unter jüngeren Dirigenten. Dennoch sollte jeder seinen einen Weg finden, auf sich vertrauen und den eigenen Stil langsam in die Karriere einflie?en lassen – wie ein Schauspieler, der kann auch nicht jede Rolle spielen.

ICONIST: Be?ugen andere Kollegen Sie auch kritisch, weil sie sich einer modernen Form des Partiturlesens widmen?

Bayona: Vielleicht. Aber es macht die Sache, vor allem das Reisen, so viel einfacher, man hat alle Stücke in seiner Online-Bibliothek – und die wiegt nichts. Für eine Symphonie ist man gern mal mit 150 Blatt Papier unterwegs. Es gibt seit Kurzem eine interessante App, die die Musik lesen kann und die Partituren dann selbstst?ndig umbl?ttert.

ICONIST: Die Digitalisierung der Klassik.

Bayona: Genau, aber das ist wichtig, um den Kontakt zur Musik nicht zu verlieren. Dazu geh?rt auch, dass Orchester-Konzerte seit Corona h?ufiger live gestreamt werden und somit einem v?llig neuen Publikum zug?nglich gemacht werden.

ICONIST: Jeder Dirigent pflegt einen eigenen Stil. Aber h?rt sich auch jedes Konzert anders an – je nachdem, wer es dirigiert?

Bayona: Auf jeden Fall! Dirigenten sind wie Fu?ball-Manager, augenscheinlich machen sie gar nicht so viel – sie spielen weder ein Instrument noch singen sie. Aber sie leiten die Musiker, geben den Weg an – wie ein Fu?ball-Manager. Und dabei hat jeder Dirigent seinen eigenen Stil, sodass sich ein Stück flatterhaft wie eine Fledermaus ver?ndern kann. Je nach Dirigent h?rt es sich anders an – ein Konzert von Sir Simon Rattle würde nie klingen wie eines von Néstor Bayona. (lacht)

Ein erkl?rter Mittelklassemensch

ICONIST: Ihr Vorbild?

Bayona: Ja, nur seinetwegen bin ich Dirigent geworden. Ich mag die Art, wie er dirigiert. Aber auch Gustavo Dudamel und Daniel Barenboim sch?tze ich sehr. Und natürlich meine Mentoren Steven Sloane und Lawrence Foster – ohne sie w?re ich nicht geworden, wer ich heute bin.

ICONIST: Zurück zu den Fu?ball-Managern, die sind in der Regel ?lter als ihre Spieler – bei Ihnen ist das genau umgekehrt. Wirkt sich das aus?

Bayona: Das stimmt. Professionelle Fu?ballspieler sind oft nicht ?lter als 30 Jahre, eine Musikerkarriere hingegen geht bis ins hohe Alter. Als junger Dirigent steht man natürlich mehr im Fokus. Ist man auf dem Podium, muss man kritisieren. Aber das geschieht durch die Musik, nicht pers?nlich – es geht etwa um die Geige und nicht die Person, die sie spielt. Insofern verschafft man sich auch als jüngerer Dirigent den Respekt der Musiker. Aber Kritik ist n?tig, denn nur durch ein Maximum an Proben kommt ein Orchester wirklich auf ein hohes Niveau.

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