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Kultur Wechsel nach München

Rattle returns

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Leuchtender Lockenkopf: Sir Simon Rattle Leuchtender Lockenkopf: Sir Simon Rattle
Leuchtender Lockenkopf: Sir Simon Rattle
Quelle: picture alliance / dpa
Seit drei Jahren ist Sir Simon Rattle Chefdirigent in London. Wegen Corona und Brexit kommt der bedeutendste britische Dirigent der Gegenwart nicht weiter. Jetzt wird er wohl nach München gehen. Wo er in gleich mehrfacher Hinsicht die Rettung w?re.

Die Anzeichen verdichten sich. Simon Rattle ist wohl der auserkorene Nachfolger für den nicht nur in München viel geliebten, am 1. Dezember 2019 pl?tzlich verstorbenen Mariss Jansons als Chefdirigent des weltweit geachteten Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks (BRSO).

In Deutschland steht der Klangk?rper in Reihe mit den Berliner Philharmonikern, dem Leipziger Gewandhausorchester und der Dresdner Staatskapelle, auch wenn durchaus noch mehr Potenzial in ihm steckt. Der scheidende und durchaus sch?ngeistige BR-Intendant Ulrich Wilhelm wird diese Personalie wom?glich schon am 12. Januar verkünden.

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Vorher aber m?chte wohl Rattle, der am 19. Januar seinen 66. Geburtstag feiert, seinem sicherlich entt?uschten London Symphony Orchestra mitteilen, dass er dort seinen Posten niederlegen wird, den er 2017 von Waleri Gergijew übernommen hatte. Sein Vertrag l?uft noch bis 2022.

Das ist bitter für die Briten, die mit dem berühmtesten lebenden englischen Dirigenten an der Spitze die Hoffnung verbanden, endlich einen eigenen Konzertsaal in London zu bekommen. Denn sowohl das Barbican Centre als auch die Royal Festival Hall im South Bank Centre sind akustisch nur ungenügend.

Aber auch wenn Rattle im Londoner Konzertleben mit vielen, schon in Berlin erprobten Programmen und Komponistenkombinationen sehr bequem und trotzdem gut gepunktet hat – die Halle wird nicht kommen. Die irrwitzigen Immobilien- und Baupreise, die mangelnde Spendenbereitschaft in einem nicht sehr kunstfreundlichen gesellschaftlichen Klima, der Brexit und schlie?lich die Corona-Finanzkrise haben das auf nicht absehbare Zeit verhindert.

Er w?re der erst sechste Chef

Warum also soll sich der Lockenkopf weiter darauf einlassen? Zumal auch das Orchestertourneewesen selbst nach Corona wahrscheinlich vor einschneidenden ?nderungen steht.

In München wurde Simon Rattle schon w?hrend seiner Zeit als Chef der Berliner Philharmoniker (2002 bis 2018) sehr gesch?tzt und regelm??ig eingeladen. Das hat sich seit seinem Abschied aus Berlin noch verst?rkt.

Auch seine gern im Doppelpack mitreisende Gattin, die tschechische Mezzosopranistin Magdalena Kozená, ist an der Isar gut gelitten. Ulrich Wilhelm k?nnte mit dieser Entscheidung seine ?ra würdig abschlie?en.

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Der berühmte Name würde sich bruchlos in die Galerie der seiner BRSO-Vorg?nger Eugen Jochum, Rafael Kubelik, Colin Davis, Lorin Maazel und Mariss Jansons einreihen. Rattle w?re der erst sechste Chefdirigent in der Geschichte dieses Eliteklangk?rpers.

Strategisch w?re das aus zwei Gründen wichtig: Auch auf den BR kommen im Zuge der laufenden Rundfunkgebührendiskussionen stramme Sparma?nahmen zu; mit einem so bedeutenden Chef w?re das Orchester einigerma?en sicher.

Und Sir Simon, der mit Frau und seinen jüngeren drei von fünf Kindern in Berlin wohnen geblieben ist, k?nnte sofort in die anstehende Kampagne um den neuen, beschlossenen und bereits im Architekturwettbewerb abgeschlossenen Konzertsaal im Münchner Werkviertel einsteigen. Den zahlt zwar die Staatsregierung, Hauptnutzer w?re aber das BRSO.

München würde noch mehr strahlen: Der britische Dirigent Sir Simon Rattle wohnt in Berlin
München würde noch mehr strahlen: Der britische Dirigent Sir Simon Rattle wohnt in Berlin
Quelle: dpa

Markus S?der hat das Projekt bereits zu einer Ministerpr?sidentenangelegenheit erkl?rt, aber angesichts der steigenden Kosten und der finanziellen Post-Pandemie-Probleme w?re ein glanzvoller, zudem kampagnenerfahrener Name unbedingt vonn?ten, um das Wolkenkuckucksheim auch klingende Wirklichkeit werden zu lassen.

Womit in München andere m?gliche Dirigenten aus dem Rennen sind. Etwa der vom BRSO umschw?rmte Kanadier Yannick Nézet-Séguin, 45. Der müsste für München mindestens eine seiner drei (!) Chefstellen in Montreal, beim Philadelphia Orchestra oder an der New Yorker Metropolitan Opera (wo er im Lockdown des seit M?rz unbezahlten Orchesters keine gute Schutzfigur gemacht hat) aufgeben.

Weil aber Rattle wohl zur Saison 2022/23 offiziell antreten und vermutlich eher als eine Art Elderstatesman-übergangskandidat fungieren würde, h?tte Nézet-Séguin vielleicht dann ab 2028 Chancen?

Jetzt freilich sind die Musiker des BRSO für diesen Coup zu beglückwünschen. Sie, das überalterte Münchner Konzertpublikum und die allzu konservative Programmplanung h?tten Rattle unbedingt n?tig.

Und er kommt dort blendend an, bei den Musikern, den H?rern, sogar den Kritikern: das wirkungsbewusste München leuchtet halt gern im Licht der herbstlichen Starglanzsonne. Und das alles nicht einmal eine Flugstunde von Simon Rattles Domizil an der Berliner Rehwiese entfernt…

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Wie schwer heute bisweilen die Suche nach den passenden Orchesterchefs ist, beweisen auch zwei andere aktuelle Personalien. Beim ebenfalls weltweit bekannten Orchestre Symphonique de Montréal sucht man seit drei Jahren einen Nachfolger für den seit 2006 amtierenden Kent Nagano, 69, der im Sommer 2020 seine ?ra beendet hat. Und hat ihn nun in dem kaum bekannten, guten, aber nicht wirklich profilierten 40-j?hrigen Venezolaner Rafael Payare gefunden.

Geht Dudamel nach Paris?

Auch das holl?ndische Concertgebouw Orchest sucht einen Chef, nachdem es im Sommer 2018 Daniele Gatti, 58, wegen ?MeToo“-Vorf?llen fristlos gekündigt hatte. Bis 2025 k?nne das dauern, hei?t es von offizieller Seite.

Ebenso brauchen die Pariser Oper und ihr neuer deutscher Intendant Alexander Neef einen Nachfolger für den nach elf Spielzeiten an die Wiener Staatsoper gewechselten Philippe Jordan, 46.

Dort wird ausgerechnet Gustavo Dudamel, 39, als hei?er Kandidat gehandelt. Der Ex-El-Sistema-Klangk?nig, um den es ruhiger wurde und der in Paris bisher nur ?La Bohème“ dirigierte, hat eine Musiktheaterliste von gerade einmal elf Werken.

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