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Kultur Wolf Lepenies zum 80.

Anwalt einer humanen ?ffentlichkeit

| Lesedauer: 6 Minuten
Der Soziologe Wolf Lepenies blickt am 18.10.2015 am Rande der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche in Frankfurt am Main (Hessen) in die Kamera. Lepenies wurde 2006 mit dem Friedenspreis ausgezeichnet. Foto: Arne Dedert/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Der Soziologe Wolf Lepenies blickt am 18.10.2015 am Rande der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche in Frankfurt am Main (Hessen) in die Kamera. Lepenies wurde 2006 mit dem Friedenspreis ausgezeichnet. Foto: Arne Dedert/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Wer schreibt, verzweifelt nicht: Wolf Lepenies
Quelle: picture alliance / dpa
Niemand hat das Zusammenspiel von Machtlosigkeit und Melancholie so gut verstanden wie Wolf Lepenies. Ohne ihn und seine Beitr?ge w?re die Soziologie lebensferner und die Gesellschaft verzagter. Ein Glückwunsch zum Geburtstag.

Mit seinem Mentor Jacob Taubes (und mit seinem Kollegen Jürgen Habermas) teilte Wolf Lepenies den seltenen, vermutlich nicht eben einfachen Status eines akademischen Wunderkindes. Lepenies durfte mit weit unter 30 und mit Mallarmé sagen: ?J’ai lu tous les livres“ – ich habe alle Bücher gelesen. Was aber soll man dann tun?

Die Biografie dieses exemplarischen Intellektuellen der Bundesrepublik, der heute seinen achtzigsten Geburtstag begeht, legt Zeugnis davon ab, dass frühe Vollendung als Verpflichtung begriffen und gelebt werden kann: als Verpflichtung zu einem gro?en Lebenswerk.

Mit nur 24 Jahren legte Taubes seine Dissertation ?Abendl?ndische Eschatologie“ vor, die ein Standardwerk geblieben ist bis auf den heutigen Tag. Nur vier Jahre ?lter war Lepenies, als 1969 bei Suhrkamp seine ebenso brillante wie elegante Doktorarbeit über ?Melancholie und Gesellschaft“ erschien, die von schwindelerregender Belesenheit zeugt und eines der besten Bücher zum Thema überhaupt geblieben ist. Die Bibliotheksexemplare von ?Melancholie und Gesellschaft“ sind bedauernswert zerlesen; von Bleistiftanstreichungen, von den aufgeregten Ausrufungszeichen j?her Erkenntnis übers?t, tragen sie den bitteren Geruch selbst gedrehter Zigaretten vieler Studentengenerationen.

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Sturm auf Institutionen

Von Aristoteles über Ficino bis Proust und Susan Sontag: alle Bücher gelesen – ?j’ai lu tous les livres.“

Bereits in der frühen Schrift zeigte sich die Begabung Lepenies’ nicht nur zur souver?n integrierenden Darstellung unterschiedlicher Epochen und Gedankenmassen, sondern auch zum Aphorismus, zur Sentenz: ?Innerlichkeit und Naturflucht bieten sich als Auswege an, wenn eine Gesellschaft verlassen werden soll, die einem nichts mehr sagt, weil man in ihr nichts mehr zu sagen hat.“ Oder: ?Ebenso k?nnte der Dandy als Hofnarr ohne Publikum definiert werden.“ Oder auch, mit Blick auf La Rochefoucauld: ?Die Revanche des Gescheiterten vollzieht sich in der Literatur.“ Oder schlie?lich: ?Der Begriff ?Hirnw?sche‘ ist deutlich genug: Er wirkt, weil das Hirn Objekt eines profanen Vorgangs ist. Aber er meint auch die totale Sauberkeit, die immer schon einen Gegenbegriff zur Melancholie gebildet hat.“

Das Buch ist wichtig nicht nur als Klassiker der Melancholieforschung, sondern weil hier bereits viel von dem versammelt ist, was die Passion von Wolf Lepenies als Autor zahlreicher Bücher, als Publizist, als Professor für Soziologie an der Freien Universit?t und zumal als prominenter Wissenschaftspolitiker seither geblieben ist: Die Arbeit der Intellektuellen zwischen vielen L?ndern (namentlich zwischen Deutschland und Frankreich, den ?zwei Schwingen des Westens“), zahlreichen Disziplinen und allen politischen und ideologischen Stühlen soziologisch und kulturkritisch zu durchdenken und dann auch institutionell zu erm?glichen.

Das Foto aus dem Jahre 1998 zeigt Wolf Lepenies, seit 1986 Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin in seinem Arbeitszimmer. Der in Ostpreu?en geborene Wissenschaftler wird am 11. Januar 60 Jahre alt. In seinen eigenen Forschungsarbeiten befasste sich Lepenies neben der Soziologie mit Kultur-, Geistes- und Wissenschaftsgeschichte. Als sein Hauptwerk gilt "Die drei Kulturen. Soziologie zwischen Literatur und Wissenschaft" von 1985. In seinem Buch "Folgen einer unerh?rten Begebenheit" zog er eine Bilanz der deutschen Wiedervereinigung. dpa/lbn (zu lbn 005 vom 09.01.2001) +++ dpa-Bildfunk +++
Wolf Lepenies als Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin in seinem Arbeitszimmer
Quelle: picture-alliance / dpa

Immer wieder ging und geht es ihm bis heute darum, Melancholie als Warnsignal der Entfremdung von einer Gesellschaft zu erkennen und also darum, gestrandete Melancholiker von den Sandb?nken der Endlichkeit zu hieven, sie wieder flott- und produktiv zu machen, sie in aller Ruhe Vortr?ge halten und ihre Bücher schreiben zu lassen.

Denn was l?st Lebensekel aus, taedium vitae, die L?hmung, das entnervte Abwinken?

Da ist auf der einen Seite Machtlosigkeit, der Intellektuelle als ausgetrickster, l?stiger Spinner, der ?in der Gesellschaft nichts zu sagen hat“ und sich, der Unordnung überdrüssig, trübsinnig verkriechen muss. Und da ist auf der anderen Seite die total integrierte Gesellschaft, deren Terror darin besteht, dass alle einverstanden sind, grinsend mitmachen oder zum Mitmachen zwingen, notfalls mit der Pistole in der Hand: Extremes Schreckbild der Integration ist im Melancholiebuch Joseph Goebbels, der sich ?die Organisation des Optimismus“ zum absto?enden Ziel setzte.

Melancholie ist als Weltgram, Trübsinn, Rückzug in die Innerlichkeit eine Reaktion auf beide Extreme: ?Melancholie stellt sich als verhinderter Zugang zur Welt und ihrer Bew?ltigung dar und bedeutet das Zurückwerfen des Menschen auf eine Situation, in welcher ihm Welt entzogen wird.“ S?tze, die aktueller wohl kaum sein k?nnten.

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Gegen den Weltentzug setzte der junge Lepenies die Idee einer humanen ?ffentlichkeit, die ein produktives, frei atmendes Schwingen zwischen Teilhabe und Rückzug gleicherma?en als Optionen bereith?lt: ?Human ist einmal ?ffentlichkeit, aus der ins Private ausgewichen werden kann, zum anderen Privatheit, die nicht zur Innerlichkeit wird.“ Das intensive, internationale Wirken Lepenies’ seither steht im Zeichen dieser Idee einer humanen ?ffentlichkeit, zu der er als von den Jahren in Princeton gepr?gter und in Frankreich zeitlebens verliebter public intellectual einen unverlierbaren Beitrag und ein Beispiel gegeben hat. Die ?ffentlichkeit hat ihm sein Engagement gedankt. Zahlreich sind die Preise, mit denen Wolf Lepenies bedacht wurde, Offizier der franz?sischen Ehrenlegion ebenso wie Tr?ger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, um nur zwei von vielen zu nennen.

Programmatisch (eigentlich: verblüffend prophetisch) für den sp?teren, langj?hrigen und eminent erfolgreichen Direktor des Wissenschaftskollegs zu Berlin lesen sich die Zeilen aus der Einleitung des Melancholiebuches: ?Weder Melancholie noch utopisches Denken oder Langeweile lassen sich einer einzelnen Disziplin zuschlagen und in ihr verarbeiten.“ Darum wird es gehen in den vielen Jahren am Wissenschaftskolleg von 1986 bis 2001: ?Als relevant auch Abseitiges zu sehen, einen abgeschlossenen Kanon verpflichtender Interessengebiete nicht anzuerkennen und in der N?he zu anderen Wissenschaften weniger eine Gefahr für die eigene Autonomie als die willkommene Gelegenheit zu interdisziplin?ren Fragen zu spüren.“

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Programmatisch auch die Thesen in seinem frühen Buch zur ?Phantasie als anti-resignativer Kraft“, aus der sich bei Lepenies ergab, nicht nur selbst ausnehmend sch?ne Prosa zu schreiben, sondern auch der Kunst und insbesondere der Literatur einen bevorzugten Ort im Blickfeld soziologischer Erkenntnis zuzumessen, sie nicht als Symptom oder blo?es Dokument abzuwerten. Die imposante Biografie über Sainte-Beuve ist das wohl sch?nste Resultat dieser Arbeit eines Soziologen des literarischen Feldes an der Schwelle zur Moderne.

Wom?glich war es auch die Literatur, die, wenn die Schreiber etwas taugen, keine nationalen Grenzen kennt, sondern nur gute und schlechte Texte, die Wolf Lepenies wesentliche Impulse gab für seine komparatistische wissensgeschichtliche Forschung, die insbesondere im einflussreichen Standardwerk über ?Die drei Kulturen“ die Genesis der Soziologie in England, Frankreich und Deutschland vergleichend in den Blick nahm und nicht zuletzt aufzeigte, wie abwegig Grenzen im Kopf sind.

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Diese Bücher, dieses Engagement für die freie, ungeg?ngelte Entfaltung intellektueller Arbeit und die kulturdiplomatische T?tigkeit im Interesse internationaler Verst?ndigung – all das ist vorbildlich geworden als fortgesetzte Ermutigung, sich nicht l?hmen zu lassen von einer Welt, die immer wieder Anlass zur melancholischen Erstarrung bietet: ?Der Hang zur Einsamkeit aber hat wie seine poetische Verbr?mung die gleiche Quelle: Isolierung von der Macht und Verzweiflung an der Ordnung, die nicht zu durchbrechen ist.“

Der nur scheinbar unüberwindlichen Macht der Verh?ltnisse mit der Gegenmacht des Denkens, des Schreibens, des institutionellen Wirkens entgegenzutreten, das hat uns Wolf Lepenies vorgelebt, sodass die herzlichen Glückwünsche zum Geburtstag an dieser Stelle und in dieser Zeit mit einem Ausdruck ernster Dankbarkeit zu verbinden sind.

Eckart Goebel, Jahrgang 1966, ist Professor für Komparatistik an der Universit?t Tübingen.

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