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Kultur Brexit

Der Ruin der britischen Musik

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Last Night of the Proms: Andrew Davis und das BBC Symphony Orchestra werden h?ufiger in Gro?britannien bleiben müssen Last Night of the Proms: Andrew Davis und das BBC Symphony Orchestra werden h?ufiger in Gro?britannien bleiben müssen
Last Night of the Proms: Andrew Davis und das BBC Symphony Orchestra werden h?ufiger in Gro?britannien bleiben müssen
Quelle: picture-alliance / dpa
Simon Rattle hat alles richtig gemacht. Er unterschrieb als Chefdirigent beim Bayerischen Rundfunk. Alle anderen britischen Musiker werden es nach dem Brexit schwer haben, in Europa Geld zu verdienen. Weil der Premierminister fahrl?ssig ein Angebot aus Brüssel ablehnte.

In München sind sie im Glück. Simon Rattle hat bereits am 3. Januar seinen heftig erwarteten Vertrag mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (BRSO) unterschrieben. Nachdem WELT sein Kommen bereits am Samstag angekündigt hatte, hat der scheidende Intendant Ulrich Wilhelm die erfreuliche Tatsache nun einen Tag früher als vorgesehen auch offiziell best?tigt.

Und Simon Rattle hat so clever wie weise gehandelt. Um das London Symphony Orchestra (LSO) nicht zu düpieren, bei dem er ja erst seit 2017 als Chef amtiert, wird sein bis 2022 laufender Vertrag um eine Spielzeit verl?ngert, an der Isar f?ngt Rattle erst im Sommer 2023 an.

Au?erdem darf das LSO ihn dann Ehrendirigent auf Lebenszeit nennen, was eine vier- bis sechsw?chige Anwesenheit an der Themse mit einschlie?t. So wird der 66-J?hrige sich die Zeit zwischen München, London und seinen weiteren Verpflichtungen in Berlin (wo er auch wohnen bleibt) bestens einteilen k?nnen.

W?hrend in der Münchner Presseerkl?rung ausdrücklich auch vom Einsatz des Chefs für den zu bauenden Saal im dortigen Werksviertel hinter dem Ostbahnhof die Rede war, wurde vom LSO ein neuer Saal in London schon gar nicht mehr erw?hnt. War Sir Simon dort ausdrücklich angetreten, um als berühmtester englischer Klassikkünstler einen neuen Saal voranzutreiben, hat man dieses Thema, obwohl es auch l?ngst Pl?ne gibt, im gegenw?rtigen gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Klima als Kulturding der Unm?glichkeit begraben.

Der geplatzte Konzertsaal-Plan ist allerdings nicht das Schlimmste, mit dem sich britische Musiker gegenw?rtig konfrontiert sehen. Der Brexit zeigt bereits seine kalte Schulter. Wie der ?Independent“ gemeldet hat, lehnt das Vereinigte K?nigreich ein Angebot visumfreier Reisen von Musikern in EU-L?nder ab.

?In unseren Vereinbarungen mit Drittl?ndern ist es normalerweise nicht erforderlich, dass (Arbeits-)Visa für Musiker ausgestellt werden müssen. Wir haben versucht, das auch in die neuen Post-Brexit-Regeln aufzunehmen, aber Gro?britannien hat ,Nein‘ gesagt“, zitiert die Zeitung eine EU-Quelle.

Lange war Sir Simon Rattle nicht Chef im Geb?ude London Symphony Orchestra in St. Luke's
Lange war Sir Simon Rattle nicht Chef im Geb?ude London Symphony Orchestra in St. Luke's
Quelle: Chris J Ratcliffe/Getty Images

Die von der EU angebotene Standard-Regel h?tte vorgesehen, dass britische Musiker, die zum Arbeiten einreisen, das für bis zu 90 Tage ohne Visum tun k?nnen, da ein kurzfristiger Austausch in dieser Gruppe überlebensnotwendig ist.

So müssten sich freie Musiker nicht für jedes Engagement jeweils zeit- wie kostenaufwendig bei den jeweiligen Botschaften um ein bis zu 80 Euro teures Visum bemühen (das von Staaten wie Spanien zum Beispiel auch erst nach wochenlanger Prüfung erteilt wird). Und das etwa auf Orchestertourneen gleich für drei bis vier L?nder einzeln erteilt werden müsste.

So wurde bisher immerhin den tats?chlichen Besch?ftigungsbedingungen Rechnung getragen. Denn in Britannien k?nnen die wenigsten Musiker von einem Job leben. Selbst die Mitglieder der gro?en Londoner Orchester spielen alle noch nebenbei in anderen Ensembles.

Für viele war das in den vergangenen Jahrzehnten auch – bei nicht unbetr?chtlichem finanziellem Risiko – eine willkommene Gelegenheit, der dr?gen Kollektivroutine mit ihren vom Management bestimmten Entscheidungen zu entkommen. Auch deshalb hatten nicht nur in England die freien Kammerorchester heftig Konjunktur, in der Barockmusik gibt es gar keine andere Existenzform.

Und natürlich haben aus diesem bestens vernetzten Musikerpool auch viele Spieler regelm??ig bei anderen Ensembles in Europa gastiert. Ob bei den in Paris beheimateten Les Arts Florissants oder dem in Berlin residierenden Mahler Chamber Orchestra, überall sitzen auch Briten regelm??ig oder für bestimmte Projekte an den Pulten.

Und wenn es Ausf?lle gab, dann konnte man aus London auch spontan und schnell als bekannte und bew?hrte Aushilfe einspringen. Nur für ein paar Konzerttage, für ein l?ngerfristiges Opernprojekt oder eine internationale Tournee.

BERLIN, GERMANY - FEBRUARY 20: Singer Tim Burgess of The Charlatans perform live on stage during a concert at the Columbia Theater on February 20, 2018 in Berlin, Germany. (Photo by Jana Legler/Redferns)
Wird nicht mehr so leicht wieder passieren: Tim Burgess und The Charlatans in Berlin
Quelle: Redferns

Bewahrheitet sich die ?Independent“-Geschichte, h?tten die Musiker einmal mehr die Verliererkarte gezogen. Sie werden sowieso schon durch die absurden, sich dauernd ?ndernden Regeln der Fluggesellschaften hinsichtlich der Mitnahme ihrer Instrumente in der Kabine geg?ngelt und vor allem bei wertvollen, alten Celli oder Geigen auch von Z?llnern und Naturschützern (Elfenbein! Ebenholz!) in Schach gehalten.

Und das, wo die meisten in den vergangenen zehn Monaten sowieso fast überhaupt nichts verdienen konnten. Angeblich denken deshalb bereits über die H?lfte der britischen Musiker ernsthaft darüber nach, ihren Beruf aufzugeben.

Viele Lobbyorganisationen haben schon reagiert. Die Leiterin der Incorporated Society of Musicians sagte, sie sei ?entsetzt“. Englische Popstars wie die Folks?ngerin Laura Marling und Tim Burgess, der Frontmann der Charlatans, die gleichfalls betroffen sind, haben bereits eine parlamentarische Petition unterschrieben, in der visumfreie Touren gefordert werden, die von fast 230.000 Menschen unterstützt wird.

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